Informationsdienst KUNST

Lindinger + Schmid

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder. Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

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Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann „Die Welt"

Informationsdienst KUNST, EDITORIALS

  • AKTUELL: Informationsdienst KUNST 605 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, in diesen Berlin-Biennale- und Manifesta-Zürich-Tagen ist es so augenscheinlich wie selten zuvor: Der Kunstbetrieb hat sich mittlerweile gespalten, die Branche besteht aus zwei Szenen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Was wir nämlich in Berlin und in Zürich beobachten können, ist nicht nur die Abkehr vom allmächtigen Kurator als Trendmacher und die damit einhergehende Hinwendung zum erweiterten Aufgabenfeld der Künstler, die nun selbst inszenieren und Ausstellungen im Kontext auch weniger bildnerischer Disziplinen verorten. Es geht in dieser nachrückenden Bewegung offensichtlich auch darum, an der Auflösung des klassischen Kunstbegriffs zu arbeiten.

    Lauren Boyle vom in Berlin tätigen Künstler-Kollektiv DIS räumt ein, dass diese neunte Biennale beispielsweise Situationen bietet, wo der Besucher nicht weiß, ob er Kunst sieht oder die VIP-Lounge eines Immobilien-Hedgefonds. Von der Verunsicherung zur Abschaffung ist es nicht weit, zumal der Nachwuchs längst auf den Spuren von Jochen Gerz unterwegs ist, der bereits vor Jahrzehnten, damals noch einsam, in Interviews signalisierte, wohin der Weg führt: Schnurstracks weg vom Kunstwerk, das sich durch seinen Warenwert auszeichnet.

    Gerz war es auch, der immer davor warnte, dass die früher gerne Aura genannte Werk-Qualität ins Abseits steuert. »Man will vor einem großen Bild stehen und sich klein fühlen«, so der Konzept-Artist, der Altmeister einer politischen Kunst im öffentlichen Raum: »In der Kunst findet ein verlässliches Maß an Repression statt«. Überträgt man den Ansatz auf die Art Basel, wo nun, in der kommenden Woche, wieder hemmungslos im großen Stil eingekauft wird, dann wird deutlich, dass dieser Messe-Markt nichts, aber auch gar nichts mit jener Entwicklung zu tun hat, die wir, forciert durch jüngere Künstler, unterstützt vor allem in den kommerziell weitgehend unverdorbenen Kunstvereinen, allerorten wahrnehmen können.

    Keine Frage: Diese Welten verbindet nichts mehr. Hier die laute Warenwelt, der hochpreisige Auktionsmarkt, die Kunstmessen der Superlative, wo nur noch Umsätze zählen; dort die stille Atmosphäre auf Forschungsstätten-Niveau, wo Erkenntnis vor Erfolg steht, wo radikal infrage zu stellen ist, was andernorts dank immer neuer Preisrekorde bestätigt und weiter gesteigert wird. Ein Bruch, wie er tiefer nicht durch die Kunst-Familie gehen kann.

    Dass man gleichwohl nicht bemüht sein muss, die Kluft zu überbrücken, die beiden Lager gar zu versöhnen, erklärt sich leicht: Die Branche ist in der Vergangenheit, etwa seit der Jahrtausendwende, derart gewachsen, so groß geworden, dass es zunächst und zu Gunsten eines besseren Überblicks sogar hilfreich ist, wenn jeweils eigene Wege eingeschlagen werden. Sollte es einer der beiden Gruppen (oder auch beiden) irgendwann zu langweilig werden, Jahr um Jahr im eigenen Saft zu schmoren, dann empfiehlt sich freilich die Kontakt-Aufnahme mit dem anderen Lager.

    Es könnte dabei zu Überraschungen kommen. Während die gut gesättigte Markt-Fraktion, so die Prognose, merken könnte, dass ein Leben auf merkantiler Diät-Basis keinesfalls sinnlos ist, müssten die Künstler und Vermittler der Non-Profit-Abteilung spüren, dass die Vermarktung von Ideen nicht automatisch ihren Verrat bedeutet. Ergo: Nach dem Auseinandergehen folgt die Annäherung, Resultat eines Prozesses, der Zeit erfordert, viel Zeit. Denn noch tobt ein Teil der Verwandtschaft lustvoll über die Messen und durch die Auktionssäle, während der andere diese Orte bewusst meidet, um nach und nach auf unleugbare Schwächen des Systems mit alternativen Konzepten zu reagieren. Das stimmt hoffnungsvoll.

    In dieser Ausgabe:Weiterer Erfolg für David Zwirner, New York, im Duell mit Larry Gagosian, weil William Egglestone die Galerie wechselt (Seite 7). Stuttgart: Neue Staatssekretärin in Baden-Württemberg ist Petra von Olschowski (Seite 8). Großartiger Dependance-Start in Berlin: Julia Stoschek (Seite 8). Barcelona: Videomesse LOOP nur noch mit einem Aussteller aus Deutschland (Seite 10). Nachfrage in Zürich, bei Victor Gisler: Wie entwickeln sich die Preise von John Baldessari (Seite 12)? Dauerleihgaben von Erich Marx für die Fondation Beyeler (Seite 12). Paris: Michel Houellebecq als bildender Künstler (Seite 13). Urban Contemporary Art: Ein neues Museum in Berlin (Seite 15). Müssen Galerien an der Digitalisierung teilnehmen (Seite 18)? Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 604 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, habe ich schon jemals einen Rücktritt gefordert? Wie auch immer: Jetzt ist es soweit. Sie werden mich gewiss sofort verstehen, wenn Sie wissen, was mich empört. Fakt ist: Ausgerechnet der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, zudem Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe, meint der Öffentlichkeit mitteilen zu müssen, wie grauenvoll das Museum der Zukunft aussehen sollte. Ja, was Köhne, Jahrgang 1966, unbekümmert unter dem Deckmantel »gesellschaftlicher Akzeptanz« (in der »FAZ«, 19. Mai, Seite 11) proklamiert, ist nichts anderes als übelster Populismus, der ins Abseits gleitet.

    Ich mochte es kaum glauben, aber der Museumsbund-Chef, der doch letztlich die Interessen der Kunst, der Kollegen und der in den Museen tätigen Wissenschaftler vertreten sollte, betreibt offenbar einen Ausverkauf des Museums, wie er schlimmer nicht kommen könnte. »Warum soll es nicht möglich sein, vielleicht zum siebzigsten Geburtstag mit den Gästen zusammen eine kleine Ausstellung zu kuratieren«, fragt der verspannt nach der Quote schielende Archäologe, »zum Beispiel könnte jedes Lebensjahr durch ein Objekt repräsentiert werden.« Hinz und Kunz also als Museumskuratoren, die ohnehin vom notwendigen Eventgeschäft geplagten Orte der Forschung und der Kunstpflege letztlich als Ringelpiez-Veranstaltungsplätze für die ganze Familie, für jedermann, der sich als Kurator einkaufen möchte, um hinterher zu behaupten, er habe im Museum Soundso die Ausstellung »Ludwig 70« konzipiert und realisiert?

    Mit Verlaub: Das ist Verrat an der Kunst, an der Institution Museum, das ist skandalös und gehört geahndet. Meines Erachtens sollten die im Deutschen Museumsbund organisierten Museumsdirektoren schleunigst dafür sorgen, dass Köhne, bislang im Wesentlichen ein Schweiger, fortan keine Chance mehr bekommt, in offizieller Mission einen solchen ungeheuer naiv wirkenden Blödsinn zu verbreiten. Es kann doch nicht angehen, dass die ganze Gilde bemüht ist, den zunehmenden wirtschaftlichen Druck abzuwehren, die öffentliche Hand immer wieder an die ureigenen Aufgaben des Museums zu erinnern, während dieser Offizielle solchen Gedankenmüll von sich gibt – und auf »FAZ«-Nachfrage (von Julia Voss) die prekäre Lage noch nicht mal erkennt, in die er sich gerade ohne Not katapultiert hatte. Es ginge nur darum, eindeutig klarzumachen, welche Ausstellungen im Haus von den Profis und welche von den Bürgern oder Schulklassen inszeniert seien, legte Köhne nach.

    Um Gottes willen: Schickt diesen Traumtänzer nach Hause! So schnell wie möglich. Allein wie er wiederholt davon faselt, dass Museumsbesucher als »Nutzer« zu sehen seien und ihnen Objekte »in die Hände« gegeben werden sollten – selten hat sich ein Branchen-Insider auf fünf Zeitungsspalten derart entlarvt. Echte Visionen hat Köhne leider keine, obgleich er das Amt bereits seit zwei Jahren wahrnimmt, aber im Gegenzug so viele atemberaubend dämliche Vorschläge für die museale Praxis, dass selbst bei Laien im Kunstbetrieb sofort der Alarm schrillt, wenn sie dieses Interview lesen. Einzig der allererste Satz überzeugt: »Museen müssen sich ernsthaft damit beschäftigen, wie sie sich neu erfinden«. Wohl wahr, aber eben gewiss nicht auf Köhnes Schmalspur. Die führt schnurstracks zum Tod der Institution.

    In dieser Ausgabe:Das Museum als Kloster? Carolyn Christov-Bakargiev denkt nach (Seite 4). Kulturgutschutzgesetz: Antworten auf Harald Falckenbergs Berechnungen (Seite 5). Aus für die Biennale Prag (Seite 8). Elmgreen & Dragset träumen vom Umzug der Istanbul-Biennale nach Berlin-Neukölln (Seite 9). Anhaltende Unruhe: Personeller Umbruch an der Kunstakademie Düsseldorf (Seite 11). Goldenes Klo von Maurizio Cattelan fürs New Yorker Guggenheim Museum (Seite 12). Warum Christo sein jüngstes Projekt in Italien realisiert (Seite 15). Georg Kargl und seine Familiengeschichte (Seite 15). Generalprobe der Venedig-Biennale-Kuratorin Christine Macel in München (Seite 18). Auf dem Vormarsch: Die Google Art Camera (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 603 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, natürlich geht es nicht um 25 000 Quadratmeter Farbanstrich, um 4000 Quadratmeter Depotschiebewände oder um 160 Bauschutt-Container, die abgefahren wurden, wenn sich die Hamburger Kunsthalle nach knapp zweijähriger Sanierungszeit selbst feiert. Die radikale Verjüngungskur, zweifelsfrei überfällig, will vor allem unter einem Aspekt betrachtet werden, der meines Erachtens in der überwiegend begeisterten Tagespresse viel zu kurz kam. Es geht im Zuge dieser gelungenen Modernisierung (deutlichstes Zeichen: der nach 100 Jahren wieder geöffnete Haupteingang am Gründungsbau) vor allem um die Frage der Finanzierung und damit um die Haltung des Staates zu seinen Museen.

    Keinesfalls soll das Engagement der Familie Otto geschmälert werden, ihr gehört höchste Anerkennung, gab sie doch immerhin über die von Dorit und Alexander Otto eingerichtete Stiftung sage und schreibe 15 Millionen Euro als Sachspende für Planung und Bau-Leistung aus, und ihr Unternehmen ECE ermöglicht bis Ende des Monats für alle Besucher den kostenfreien Zugang zur Kunsthalle, die auch in Bezug auf ihre Sammlungspräsentation tüchtig auf Vordermann gebracht wurde. Doch es bleibt ein Unbehagen, wenn man sich verdeutlicht, dass die öffentliche Hand nur noch ein Drittel der Gesamtkosten trägt, zwei Drittel also aus privater Quelle kommen. Amerikanische Verhältnisse quasi.

    Als ich während der offiziellen Eröffnung die drei Redner hörte, nämlich den künstlerischen Direktor der Kunsthalle, den Ersten Bürgermeister und eben Alexander Otto, den Unternehmer, kam es mir vorübergehend so vor, als habe der Mäzen oder Sponsor längst die Regie übernommen. Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn ein Veranstaltungssaal in der umgebauten Kunsthalle nun nach dem 2011 gestorbenen Familien-Oberhaupt Werner Otto benannt wird; natürlich kann es keinen Einwand geben, wenn Alexander Otto, dynamisch, ans Rednerpult tritt und sich den durchaus verdienten Beifall der hanseatischen VIPs und zahlreich vertretener Museumsdirektoren aus ganz Deutschland abholt. Doch, wie immer, die Atmosphäre macht’s, die Zwischentöne sind es, die nachdenklich stimmen.

    Lassen wir uns nicht von geräuchertem Eichen-Parkett und von freigelegten historischen Terrazzo-Böden sowie von frisch gestrichenen Wänden und einem lichtdurchfluteten Foyer blenden: Die neue »Lichtwark-Galerie«, so heißt nun die Zusammenlegung von Alt- und Erweiterungsbau offiziell, das Gegenüber der Galerie der Galerie, ist zugleich ein Problemfall, weil das geschätzte Bürger-Engagement ein Ausmaß angenommen hat, das gefährlich ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Hamburg, norddeutsch trocken, bereits von der »Otto-Galerie« gesprochen wird. Caspar David Friedrich und Philipp Otto (sic!) Runge in der Otto-Galerie – das klingt nicht nur befremdlich, unromantisch, das ist es letztlich auch. Können wir bitte, aus Sicherheitsgründen, die Verhältnisse wieder umdrehen? Zwei Drittel Einsatz des Staates, maximal ein Drittel aus privater Hand, wenn es um die Zukunft unserer Museen geht.

    In dieser Ausgabe:Abschied mit Beuys – Eugen Blume wechselt in den Ruhestand (Seite 6). »Say no to TTIP« – Protest der Kulturszene (Seite 8). Bundestagsabgeordneter Rüdiger Kruse, Hamburg, Kulturförderer, muss zu Hause ums Mandat kämpfen (Seite 8). Paul Klee: Kein Meister der Farbe (Seite 9)? François Pinault plant ein Museum in Paris (Seite 10). Frankfurt: Ina Hartwig als neue Kulturdezernentin (Seite 11). Der Kunstbetrieb und die »Panama Papers« (Seite 13). Schau der Superlative: Raymond Pettibon in Hamburg (Seite 15). Millionenschaden: Brand im Haus von Rosemarie Trockel, Köln (Seite 17). Noch unterbewertet: Johannes Grützke (Seite 19). Gutachten in Sachen Museum Morsbroich im Zwielicht (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 602 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, zugegeben: Ich hatte vor Tagen um ein kurzes Statement gebeten. Dass dieses Feedback aus der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt allerdings so knapp ausfallen könnte, damit war nicht zu rechnen. Womöglich musste Frank Hartmann, der Pressemann, einmal darüber schlafen oder sich mit dem Vorstand abstimmen, aber nach 24 Stunden hieß es kurz und bündig: »Die Deutsche Bank finanziert Kunstkäufe nicht über Kredite«. Erstaunlich also, dass der TEFAF-»Art Market Report« (siehe ID 600) von 500 000 Erwerbungen berichtet, die kreditfinanziert stattfinden sollen. Ein offenbar zunehmendes Phänomen, wie sich auch in zahlreichen Hintergrund-Gesprächen herausstellt, das freilich erste Alarmzeichen gibt. Denn die Pump-Käufe verweisen – wie an jeder Börse – auf eine wachsende Spekulationsblase.

    Sie passt durchaus zur Beobachtung, dass im zweiten Halbjahr 2015 in Amerikas Auktionshäusern bereits gedämpfte Stimmung herrschte. Sie wurde nicht zuletzt durch die Chinesen ausgelöst, deren Wirtschaftszahlen bekanntlich mit Vorsicht zu rezipieren sind. Sie haben im vergangenen Jahr den Rückgang der Umsatzzahlen im weltweiten Kunsthandel um fast zehn Prozent verursacht, weil es im Reich der Mitte längst nicht mehr so gut läuft, wie man dort, quasi auf Befehl von oben, gerne vorgibt. Der 70-Milliarden-Dollar-Markt Kunst wird schließlich nicht von wahren Kunstfreunden möglich gemacht, sondern vorrangig von Investoren, die andere Anlage-Bereiche längst erobert und teils schon wieder abgeschrieben haben.

    Diese Investoren oder, sagen wir es ruhig unfein, diese Spekulanten sichern der Branche zwar ein gutes Einkommen, allemal das Überleben, doch letztlich, volkswirtschaftlich gesehen, entziehen sie dem Markt die solide Geschäftsbasis, die Zukunft. »Mit Krediten finanziert man Investitionen. Kauft man Kunst mit einem Darlehen, dann kauft man sie, um sie zu verkaufen«, sagt Christian Boros auf Anfrage dazu, »das ist für mich als Sammler sehr abwegig, denn ich will ja behalten.« Und zu den Banken meint Boros: »Als die Kunstszene bis vor zehn Jahren noch von Sammlern bestimmt war, die nicht verkauft haben, sondern ansammelten, waren die Banken nicht interessiert. Heute sind im Kunstmarkt viele Investoren und Spekulanten vertreten. Da sind dann auch sofort die Banken in der Nähe, die was verstehen vom An- und Verkauf.«

    In der Tat: Mag auch das offizielle Statement der seit langem angeschlagenen Deutschen Bank verkünden, dass man Kunstkäufe nicht über Kredite finanziere, die Praxis der Filialen sieht völlig anders aus. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und meinen persönlichen Sachbearbeiter des Unternehmens gefragt, ob er mir, für einen angeblich angedachten Kunstkauf auf der Art Cologne im Wert von 500 000 bis 800 000 Euro, einen Kredit mit kurzfristiger Laufzeit (»halbes Jahr, maximal ein Jahr«) einräumen könne. Seine Antwort: »Wir stehen Ihnen natürlich sehr gerne für eine Finanzierung zur Verfügung, allerdings können wir leider Kunst nicht als Sicherheit hereinnehmen.«

    In diesem Sinne antwortete ebenfalls mein Commerzbank-Berater: »Natürlich finanzieren wir auch Ankäufe von Kunst«, aber trotz meiner Kompetenz in der Sache, so seine Antwort, »wird das Kunstwerk allein als Sicherheit nicht akzeptiert«. Meine Geschäftskunden-Betreuerin bei der HypoVereinsbank zögerte nicht lange und fügte in der E-Mail-Anlage gleich zwei Antragsformulare bei: Kreditvergabe ja, aber Sicherungsübereignung des Kunstgegenstandes nein. Ergo: Zwar Rückgriff auf Ersatzsicherheiten in allen drei angesprochenen Geldhäusern, doch Kreditvergabe für Kunst (wider das offizielle Presse-Statement der Deutschen Bank) durchaus gerne. Fazit: Die Banken machen Kunst-Kreditgeschäfte, aber der Währung Kunst vertrauen sie nach wie vor nicht, kein bisschen. Das muss man wissen, wenn sie sich als Sponsoren feiern lassen.

    P.S.: Weil ich in den vergangenen Tagen so oft nach meiner Meinung in Bezug auf die Affäre Böhmermann gefragt wurde, möchte ich dazu gerne zwei Sätzchen öffentlich machen. Natürlich sollte man als aufrechter Demokrat für die Kunstfreiheit kämpfen und folglich mit dem TV-Satiriker solidarisch sein. Aber es ärgert mich, dass dieser unumgängliche Einsatz auf dem unsäglich niedrigen »Ziegenficker«-Niveau stattfinden muss, als hätte die Welt keine anderen Probleme zu bewältigen.

    In dieser Ausgabe:Das geplante Ausstellungsprojekt Cornelius Gurlitt wurde in Bern und in Bonn auf Eis gelegt (Seite 2). Michel Houllebecq als bildender Künstler auf der Manifesta vertreten (Seite 5). Handtuch geworfen: Art Brussels fortan ohne Katerina Gregos (Seite 8). Weiteres Trauerspiel in NRW, diesmal in Neuss: Schenkung abgelehnt (Seite 10). Linde Rohr-Bongards »Kunstkompass« wieder heimatlos (Seite 12). Frankfurt: Hollein-Nachfolger dringend gesucht (Seite 14). Begräbnis zweiter Klasse: Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin (Seite 17). Viennafair: Betreiber Wolfgang Pelz gibt auf (Seite 18). Mannheim entsorgt ein Werk von Otto Herbert Hajek (Seite 21). Miserabel inszeniert: Genzken-Schau in Berlin (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 601 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, es mögen die überraschend in den Umlauf gekommenen Panama Papers gewesen sein, die mich in der vergangenen Woche erneut für ein Thema sensibilisierten, das ich seit Monaten beobachte, weil es zunehmend in vertraulichen Gesprächen aufkommt – und mittlerweile längst auch die Öffentlichkeit und vor allem die Politik erreicht hat. Es ist noch nicht lange her, als mich eine bekannte Persönlichkeit in kleiner Runde in den Zeugenstand nahm: Ich möge doch als Branchen-Intimkenner bitte mal sagen, wie sehr der Kunstmarkt aus Schwarzgeld-Quellen gespeist wird.

    Natürlich ist es auf Bundes- und Länderebenen kein Geheimnis, dass Millionen-Umsätze mit Bildern gemacht werden, die die Ateliers verlassen, in keiner Buchhaltung auftauchen und unzähligen Sammlern oder Spekulanten die Chance geben, unversteuertes Geld unterzubringen. Dass das dem Staat, allen voran den Finanzministerien, aber eben auch den Kultur- und Justiz-Ressorts, reichlich Kopfzerbrechen bereiten muss, leuchtet ein, weil es im Panama-Sog von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Riesen-Löchern im Fiskalsystem zeugt. Eher rührend die aktuellen Versuche der Europäischen Zentralbank, die Einziehung von 600 Millionen 500-Euro-Scheinen zu planen, um den Geldwäschern das Handwerk zu legen.

    Dass das Grauzonen-Thema derzeit keimt und sich dazu eine größere Debatte anbahnt, wie mir scheint, dürfte nicht zuletzt mit einer Buch-Veröffentlichung der Schweizer Anwältin Monika Roth zu tun haben, die längst auch zur Lektüre durch deutsche Ministerien und Amtsstuben wandert: In »Wir betreten den Kunstmarkt« (Dike Verlag, Zürich) geht’s um Korruptionsgeld und Steuerflucht, und Monika Roth wird demnächst in England eine weitere Publikation veröffentlichen, in der sie sage und schreibe knapp 50 Faktoren nennen möchte, warum sich besonders der Kunstmarkt für die Geldwäscherei eignet. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht nur auf die auch durch die zehn Zollfreilager begünstigte Situation in der Schweiz, sondern sieht den internationalen Kontext.

    Hinweise dieser Art, früher eher hinter vorgehaltener Hand gegeben, werden mittlerweile in der Szene offen ausgesprochen und in den Medien mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit kommuniziert. »Das Wirtschaftsgeld, das in die Kunst gesteckt wird«, schrieb Swantje Karich am 6. April in der »Welt«, »ist in den seltensten Fällen sauber.« Überall adäquate Anmerkungen, seit Jahren schon, jetzt aber neu in Erinnerung gerufen: Im Herbst 1990, als der Kunstmarkt wieder einmal einen vorübergehenden Einbruch erlebte, sei aufgedeckt worden, wie dieser überhitzte Markt »als Bank für schwarze Konten, als Schattenwährung bei Cash-Transaktionen, als Medium der Geldwäsche, als transportables Zweitvermögen missbraucht werden kann«, so Christian Herchenröder.

    Wer bei Wikipedia den Begriff Kunstmarkt eingibt, erfährt unter anderem: »Steuerflucht und Geldwäsche sind häufig«, und auch die Autoritäten unserer Branche, Max Hollein etwa, der dazu einst in seiner Magister-Arbeit »Zeitgenössische Kunst und Kunstmarktboom« Stellung nahm, lassen keinen Zweifel aufkommen: Schwarzgeld unterschiedlicher Herkunft, so heißt es auf Seite 30, wird durch den Ankauf von Kunstgegenständen reingewaschen. »Eine Soziologie des Kunsthandels«, meinte schon vor knapp 25 Jahren der kurz danach gestorbene Wolfgang Max Faust, »kann nur jemand schreiben, der sich im Steuer- und im Strafrecht auskennt.«

    Alles in allem: Wenn das früher diskret behandelte Schwarzgeld-Geschäft im Kunstmarkt mittlerweile allerorten aufgegriffen wird, wenn es eine derart rasante Geschwindigkeit in der öffentlichen Diskussion einnimmt, dann darf sich meines Erachtens niemand wundern, dass die Politik darüber brütet, wie sie das dem Staat bislang entweichende Geld kassieren kann. Von der Abschaffung des 500-Euro-Scheins bis zur bereits geforderten Obergrenze für Bargeldzahlungen gibt es erste Anzeichen einer aufkommenden Korrektur, noch eher unsicher, hilflos wirkend, doch das wird sich gewiss bald ändern – zumal in Berlin längst kolportiert wird, dass der Bundesfinanzminister, der geniale Rechenmeister der Nation, jetzt den Kunstbetrieb im Visier hat.

    Nach den oft zitierten Hürden für den Handel, etwa Folgerecht, Künstlersozialkasse, Mehrwertsteuer und Kulturgutschutzgesetz, nun also noch eine enger gefasste Lex Geldwäsche. Nachvollziehbar, dass so mancher Galerist über Abwanderung und/oder Firmenaufgabe nachdenkt. Seiner ins Familien-Unternehmen einsteigenden Tochter habe er empfohlen, sich beruflich doch besser anders zu orientieren, sagte mir kürzlich ein prominenter Händler. Es bleibe keine Luft mehr zum Atmen.

    In dieser Ausgabe:Kein Ende der Prozesslawine in Sachen Helge Achenbach (Seite 4). Kulturgutschutzgesetz: Negativtest in der Diskussion (Seite 5). Lust am Ausverkauf: Der WDR lässt seine Kunst im Ausland verhökern (Seite 8). Österreich tritt in Venedig, Biennale 2017, mit bewährten Kräften an (Seite 9). Freundschaftsdienste auf YouTube zur Eröffnung des erweiterten Kunstmuseums Basel (Seite 10). Mehr Stiftungen, mehr Kontrollen durch die Aufsichtsbehörden (Seite 12). Das Aus fürs Essl Museum (Seite 13). Skepsis in Athen: documenta 14 (Seite 15). Düsseldorf: Rückzug von E.ON aus dem Museum Kunstpalast (Seite 17). Köln: Art Cologne mit Nudisten-Führungen (Seite 20). Den Haag: Diesmal kein Vincent Award (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 600 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, eine Hängepartie, nach wie vor. Vor über einem Jahr wurde von Alan Philipp und Gerald G. Stiebel, beide Verwandte von Kunsthändlern, in Washington D.C. eine Zivilklage gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und die Bundesrepublik Deutschland eingereicht, weil sich die Anspruchsteller als Erben einiger Firmen sehen, die einst zu jenem Konsortium gehörten, das 1935 den Welfenschatz verkaufte. Über vier Millionen Reichsmark wurden damals gezahlt, und der mittelalterliche Kirchen-Schatz, bestehend aus knapp 50 Werken (ursprünglich waren es 82), befindet sich heute im Besitz der SPK, die ihn im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin verwahrt. Unberechtigt, wie Philipp und Stiebel meinen. Von Raubkunst ist in ihrer Klage die Rede, obgleich die Beratende Kommission unter Leitung der ehemaligen Verfassungsrichterin Jutta Limbach 2014 unmissverständlich feststellte, dass es sich in diesem Fall um keinen Zwangsverkauf handelt, wie behauptet wird.

    Deutschland hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, wie verantwortungsvoll in Fragen der Restitution reagiert wird, wie ernst man hierzulande die Washingtoner Erklärung nimmt. Nachgewiesener verfolgungsbedingter Entzug von Eigentum durch die Nazis wurde stets mit der Rückgabe der Kunstwerke beantwortet, mitunter war sogar vorauseilender Gehorsam im Restitutionsprocedere auszumachen. So stehen die amerikanischen Kläger und Anwälte auf dünnem Eis, wenn sie – wie auch im Kontext der aktuellen Juan Gris-Auseinandersetzung (siehe ID 599, Seite 1) – den Eindruck erwecken wollen, die Bundesrepublik versuche über ihre Limbach-Kommission (und die dort bislang fehlende jüdische Persönlichkeit) Unrecht zu decken.

    Die anhaltende und nun dank Philipp und Stiebel erneut aufflammende Welfenschatz-Debatte will freilich zudem vor politischem und juristischem Hintergrund gesehen werden. Erstens: Die Amerikaner haben im Zuge ihrer Außenpolitik immer wieder darauf hingewiesen, dass interne Restitutionsprozesse zu befürworten seien. Das bedeutet: Die Staaten mögen Konflikte wegen Eigentumsverlusten in der NS-Zeit innerhalb ihrer Ländergrenzen lösen. Zweitens: Amerikanisches Recht sieht vor, dass Klagen abgewiesen werden, wenn sie andernorts sachgerechter und preisgünstiger geführt werden können, wenn obendrein das öffentliche Interesse dort stärker wirkt. All das trifft zu – zumal sämtliche Unterlagen und Beweismittel zum Verfahren in deutscher Sprache vorliegen und sich in der Bundesrepublik befinden.

    Vorausgesetzt, die von der SPK beantragte Klageabweisung greift in Washington, was dann? Wie wird ein deutsches Gericht mit der Rückgabe-Forderung umgehen, wie die Argumente beider Parteien bewerten? Es könnte durchaus sein, dass die Bundesrepublik Deutschland und ihre Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwar in Amerika einen Procedere-Erfolg verbuchen, doch im eigentlichen Verfahren die schlechteren Karten haben und am Ende in die Situation gebracht werden, den Welfenschatz quasi ein zweites Mal zu erwerben. Denn es ist keinesfalls gesagt, dass die Limbach-Einschätzung vom ordentlichen Gericht geteilt wird.

    Ein wesentlicher Aspekt ist dabei voraussichtlich die Tatsache, dass jene 1935 gezahlten vier Millionen weit von den 23 Millionen Reichsmark entfernt sind, die sich anhand der historischen Dokumente als Schätzpreis ausmachen lassen. Und noch etwas könnte sich nachteilig für die SPK auswirken: Der Welfenschatz wurde erst am 6. Februar 2015, mithin im Monat der Klage-Einreichung durch Philipp und Stiebel, als national wertvolles Kulturgut eingetragen. Zufall oder nicht? Auf jeden Fall ist somit jegliche Ausfuhr aus Deutschland, auch eine vorübergehende zu Ausstellungszwecken, nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung durch die Kulturstaatsministerin möglich. Ergo: Das Welfen-Geschäftliche findet gegebenenfalls hierzulande statt, zu deutschen Preisen.

    In dieser Ausgabe:Wie aus dem Führungstrio ein Intendanten-Quartett am Berliner Humboldt-Forum wurde (Seite 4). Mit Vorsicht zu genießen: Der »Art Market Report« aus Maastricht, im Auftrag der TEFAF (Seite 6). Großeinsatz für Anselm Kiefer: Die Sammler Christine und Andrew Hall (Seite 7). Rehabilitiert: Frankfurts Weltkulturen-Museumsdirektorin Clémentine Deliss (Seite 10). Das Land Hessen übernimmt die Städelschule vollständig (Seite 11). Mehr Transparenz: Der neue Verband Kunstmarkt Schweiz (Seite 14). International tut sich der Wiener Aktionismus schwer (Seite 15). Kulturgutschutzgesetz: Wie rechnen, wo sind die Zahlen (Seite 19)? Deutschlands Museen öffnen ihr WLAN (Seite 20). Markt-Preise für Jimmie Durham (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 599 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, endlich. Vor wenigen Tagen wurde in Berlin die überfällige Sammler-Vereinigung gegründet; am 29. April, wenn in Berlin das Gallery Weekend startet und abends in Hamburg die Kunsthalle wiedereröffnet wird, soll mittags die konstituierende Mitgliederversammlung stattfinden. Dass alles zügig vonstattengehen wird, ist gewiss, denn mit Regularien wollen sich jene Individualisten, die aus innerer Überzeugung bislang auf jegliche Vereinsmeierei verzichtet haben, wirklich nicht aufhalten. Während alle anderen Branchengruppen längst ihre Interessensvereinigungen gegründet haben, mochten die Privatsammler bislang keine offizielle Lobby bilden. Doch im Zuge der Debatten über das geplante Kulturgutschutzgesetz (KGSG, siehe auch Seite 8) rückten sie zusammen (wie berichtet) und erkannten, dass ein gemeinsamer Auftritt unumgänglich ist, soll politisch Einfluss genommen werden.

    Dass der Verein, der von Fragen des Beirats bis zum Jahresbeitrag noch etliche Abstimmungen im Detail vornehmen muss, personell stark aufgestellt ist, zeigt sich anhand der Vorstandswahlen vom 23. Februar. Wie zu erwarten, wurde der Mann, der seit Monaten das aktuelle Gesetzgebungsverfahren ungeheuer engagiert und kritisch begleitet, nämlich Harald Falckenberg, Hamburg, zum Vorsitzenden gewählt. Als sein Stellvertreter wird Tilman Kriesel aktiv, Vorstand der Stiftung Sprengel aus Hannover.

    Auf dieser Position war in Insiderkreisen zunächst mit Hartmut Fromm, Berlin, gerechnet worden. Doch der weithin bekannte Anwalt, der Prominente wie Erich Marx oder Thomas Middelhoff vertritt, geriet in jüngster Vergangenheit wiederholt in die Medien (»Der Spiegel«, 6.2.; »Süddeutsche Zeitung«, 27.2.), weil er als »Gehirn hinter dem verschachtelten Firmenkonstrukt um Thomas Middelhoff« (»SZ«) auszumachen ist: »Fromm, immer wieder Fromm«.

    Es sei nicht trennscharf erkennbar, in wessen Auftrag und Interessen er gerade handelt, schreiben die »SZ«-Wirtschaftsjournalisten Leo Klimm und Uwe Ritzer: »Als Middelhoffs Freund, als sein Anwalt oder aber für sich selbst«. Obgleich juristisch alles wasserdicht zu sein scheint, gegen Hartmut Fromm kein wirklich relevanter Vorwurf erhoben werden kann, ist durch die Darstellung des Anwalts als gewiefter Geschäftsmann ein gewisser Hautgout aufgekommen. Und bevor auch nur ein Hauch atmosphärischer Verstimmung etwa die KGSG-Verhandlungen belasten könnte, so dürfte überlegt worden sein, soll Fromm, noch kürzlich im Aktionsbündnis-KGSG-Zusammenhang erwähnt (siehe ID 598, Seite 11), von der zweiten Vorstandsreihe aus den neuen Verein »Kunstsammler e.V.« unterstützen. Er wird den Schatzmeister geben, und das ist gewiss gut so, denn von Finanzen versteht er schließlich viel.

    Vorgesehen ist obendrein, die promovierte Kommunikationsmanagerin Astrid Lilja am Vereinssitz Berlin (Kunstsammler e.V., Koenigsallee 37 A, D-14193 Berlin, kontakt@kunstsammlerverein.de) als Geschäftsführerin einzusetzen. Auch im Vorstand sind die Frauen bestens vertreten: Elizabeth Herzogin in Bayern, München, Christina Berking, Hamburg, und Carolin Scharpff-Striebich, Stuttgart, gehören dazu. Unter den Gründungsmitgliedern zudem bekannte Sammler wie Ingvild Goetz, Egidio Marzona und Thomas Olbricht. Eingebunden außerdem Peter Raue, dessen Anwaltskanzlei vor vier Wochen für das Aktionsbündnis Kulturgutschutz (kulturgut@t-online.de) einen dreiseitigen, sinnvollen Forderungskatalog erstellt und verbreitet hat (Aussendung an Bundestagsabgeordnete und Mitglieder des Bundesrat-Kulturausschusses). Von der zeitlichen Komponente im Kontext des national wertvollen Kulturgutes (Forderung: Objekte müssen vor der Eintragung länger als 50 Jahre in Deutschland gewesen sein) bis zur Aufbewahrungsverpflichtung begleitender Dokumente (Forderung: Paragraph 45 des Regierungsentwurfs ändern, um den Handel nicht zur 30-jährigen Aufbewahrungspflicht zu zwingen, sondern die Zehn-Jahres-Frist beizubehalten) – insgesamt acht Punkte, die berücksichtigt werden sollten, um das neue Gesetz erträglich und praxistauglich zu machen.

    Allein diese Auseinandersetzungen, die nun den Anstoß zur Vereinsgründung gegeben haben, zeigen aufs Deutlichste, wie wichtig es ist, dass sich die Kunstsammler organisieren. Dank dieser Vereinsgründung wird im Gegenzug fortan auch auf den verschiedenen politischen und behördlichen Ebenen eine sichere Basis gegeben sein, Gespräche zu führen. Denn zuletzt stellte sich automatisch die Frage, ob denn beispielsweise Harald Falckenberg, von Haus aus Jurist, überhaupt legitimiert sei, für die deutschen Sammler zu sprechen, wenn er, uneigennützig, in Berlin oder in Hamburg mit juristisch versierten Mitarbeitern von Kulturstaatsministerin Monika Grütters verhandelte. Dass der Verein kein harmloser Stammtisch sein kann, sondern innerhalb kürzester Zeit reichlich Gewicht in der Kulturszene haben wird, dokumentiert seine Satzung, Paragraf zwei. Der Zweck des Sammler-Vereins liegt unmissverständlich in der Interessensvertretung der Mitglieder, der Ansprechpartner-Funktion und in der internen Beratung und Unterstützung der Mitglieder. Versierte Juristen, so scheint es, gibt es in dieser neuen Lobby genug, um notfalls auch die Politik aus den Angeln zu heben. In dieser Ausgabe:Im Weltkulturerbe Völklinger Hütte setzt Meinrad Maria Grewenig nun auf »Buddha« (Seite 4). Pressestimmen zur TEFAF, Maastricht (Seite 6). Wie es nach dem frühen Tod der Franz-West-Witwe im Nachlass-Streit weitergeht (Seite 8). Wie sich der Zeitplan in Sachen Kulturgutschutzgesetz darstellt (Seite 8). Architekturbiennale Venedig: Der Deutsche Pavillon mutiert zur Flüchtlingsunterkunft (Seite 10). Die 9. Berlin Biennale rückt näher (Seite 11). Dresden, tatsächlich eine Kulturhauptstadt Europas (Seite 13)? Bundeskulturstiftung: Über 16 Millionen Euro für das Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 (Seite 15). Franz Wilhelm Kaiser, der Neue im Bucerius Kunst Forum, Hamburg (Seite 18). Deutschlandjahr in Mexiko (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 598 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, dass der Schweizer Sammler und Verleger Michael Ringier, der vor zehn Jahren (über den Juno Kunstverlag in Berlin) die Zeitschrift »Monopol« übernahm, schon seit längerem keinen Spaß mehr am wirtschaftlich bedrohlich dümpelnden Blatt hatte, war bekannt – spätestens seit seinen allerdings gescheiterten Verhandlungen mit dem Verlag Axel Springer. Immerhin soll Ringier, so wird kolportiert, rund zehn Millionen Euro versenkt haben, weil sich »Cicero« und insbesondere »Monopol« nicht profitabel betreiben ließen. Allein das in der Kunstszene durchaus beliebte und zuletzt vom nun (zusammen mit Anzeigenleiterin Anne Sasse) geschassten Holger Liebs dirigierte »Monopol«-Heft soll es lediglich auf 35 000 verkaufte Exemplare pro Ausgabe gebracht haben, wobei ohnehin 10 000 Magazine in schwer steuerbare Lufthansa-Distributionskanäle geleitet wurden. Unter dem Strich nicht genug, um rentabel zu sein – zumal das Anzeigengeschäft bekanntlich unter allerlei fragwürdigen Dumping-Deals litt, die zu wenig Geld in die Kasse brachten. Nachvollziehbar also, dass Ringier jetzt endlich die Notbremse zog und sich von den beiden defizitären Titeln, »Cicero« und eben »Monopol«, trennen musste.

    »Monopol«, das es nicht schaffte, von der Insiderschrift zum Publikumsblatt aufzusteigen, wird vom 1. Mai an in neuen Eigentümer-Händen sein, nämlich unter der Regie der beiden bisherigen »Cicero«-Chefs Christoph Schwennicke und Alexander Marquier weitergeführt. Michael Ringier, großzügig, hat dem Duo besondere Konditionen eingeräumt, auch Unterstützung für den Übergang gewährt, so dass sie in ihrem eigenen neuen Res Publica Verlag in Berlin einen allerletzten Versuch wagen können, doch noch die richtige Kurve zu nehmen, um eines Tages in die Gewinnzone zu kommen.

    Indessen: Skepsis ist angesagt, große Skepsis. Denn wenn es einem Haudegen vom Kaliber Michael Ringier nicht gelingt, Zeitschriften erfolgreich darzustellen (»Cicero« und »Monopol« machten zuletzt etwa anderthalb Millionen Verlust pro Jahr), obgleich ein gutes Jahrzehnt Investitionszeit zur Verfügung stand, wie sollen dann zwei Greenhorn-Verleger brillieren?

    Obendrein weiß man in der Branche, dass weder Schwennicke noch der erzkonservative Marguier irgendetwas von Kunst verstehen. Zwei wirklich hochqualifizierte Politik-Journalisten mit »FAZ«-, »Süddeutsche«- und »Spiegel«-Vergangenheit, aber keine Fachleute in Sachen Kunst. Dass Liebs (den man gerade in dieser Phase bräuchte) ausgerechnet jetzt gehen muss, dass Ringier in Absprache mit den neuen Verlegern quasi den Kehraus macht und per Kündigung beziehungsweise Auflösungsvertrag den bösen Buben gibt, spricht Bände: Kein Zweifel – »Monopol« wird vom Mai an nicht mehr »Monopol« sein, sondern neu ausgerichtet.

    Aber wohin? Was soll daraus werden? Und wer soll den Chefredakteur geben? Fragen über Fragen, zur Stunde noch unbeantwortet. Im Zuge der Überlegungen von Schwennicke und seinem Partner wird zu bedenken sein, dass das direkte Markt-Umfeld eng gestrickt ist. Da gibt es nach wie vor Tim Sommers »Art«, weiterhin mit höherer Auflage als »Monopol« im Wettbewerb, außerdem dank Gruner + Jahr bestens gebettet. Dann darf man die »Weltkunst« unter der Chefredaktion von Lisa Zeitz und unter den Fittichen der »Zeit« keinesfalls unterschätzen.

    Schließlich: Springers Antwort auf das nicht zustande gekommene Zusammenspiel mit Ringier, »Blau«, das »Welt«-Beilagen-Magazin von Cornelius Tittel, will allein schon vor dem finanzstarken Verlagshintergrund im Kreis der wichtigsten Monatsmagazine ernst genommen werden. Schwer vorstellbar, dass in dieser solventen Liga auf Dauer noch ein Platz für den kleinen Res Publica Verlag bleibt, der »Cicero« und »Monopol« fortan nur mit der Hälfte des bisherigen Personals produzieren will.

    »Ein echter Balanceakt auf dem Hochseil«, schrieb Schwennicke kürzlich mal in einem »Cicero«-Editorial. Was auf die als »Blonde Hoffnung« promotete CDU-Frau Julia Klöckner bezogen war, gilt nun für ihn selbst. Die Prophezeiung liegt nahe, dass die neuen »Monopol«-Eigentümer abstürzen werden – trotz der Starthilfe von Michael Ringier. Die Weissagung kommt nicht von ungefähr: Denn die Einstellung des Magazins, so heißt es, wäre die kostengünstigste Lösung gewesen, und es gibt wenig Grund zur Annahme, dass die versauten Sitten im »Monopol«-Anzeigengeschäft zu beseitigen sind oder jemand kommt, der die Zeitschrift redaktionell besser macht, so dass sie mehr Leser findet. In diesem Sinne: Ade, »Monopol«, schon vor dem letzten Aufbäumen.

    In dieser Ausgabe:In Wien scheinen die Mitarbeiter aus dem Museum Belvedere zu flüchten (Seite 2). Durchweg Lob für die von Verkaufserfolgen gekrönte art KARLSRUHE (Seite 4). Zwei Kunstmessen in Los Angeles annulliert, Paris Photo und FIAC (Seite 6). Neue Sachlichkeit: Das Aktionsbündnis in Sachen Kulturgutschutzgesetz (Seite 9). Warum Max Hollein die Sammlung Fara Dibas nicht in Frankfurt zeigt (Seite 9). Bundesweite Empörung: Museum Morsbroich angezählt (Seite 13). Berlin: Generaldirektor Michael Eissenhauer als Museumschef der Gemäldegalerie (Seite 15). Madrid: Starke ARCO (Seite 19). Vertrag bei Marlborough: Auftrieb für Werner Büttner (Seite 22). Planungspleite an der Bauhaus-Universität in Weimar (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 597 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, ganz nach Wohnort, Lebensmittelpunkt, Perspektive oder Profession: Für manche Zeitgenossen ist Berlin, die Metropole im deutschen Sprachraum schlechthin, zugleich die Hauptstadt der Kultur; andere halten die Flughafen- und Staatsoper-Katastrophen-City schlichtweg für überschätzt. Manche Rheinländer, nach kurzen Etablierungsversuchen in Berlin reumütig nach Köln oder Düsseldorf zurückgekehrt, rümpfen die Nase, wenn es um das mächtige Berlin geht. Einige Hanseaten fahren morgens nach Berlin – und abends oder nachts, wenn das Notwendige erledigt ist, schnell zurück an die geliebte Elbchaussee. Ein bisschen Lokalpatriotismus schwingt eben immer mit, wenn man mit Hessen, Bayern, Niedersachsen oder Kulturfreunden aus anderen Bundesländern über Berlin spricht.

    Dabei wird freilich schnell klar, dass die Stadt als Bundeshauptstadt unter besonderer Beobachtung steht – und dabei nicht immer gut abschneidet. Denn die hohen Ansprüche des sendungsbewussten Bundes werden auf Landesebene Berlin nicht ausreichend umgesetzt. Da liegt vieles im Argen, und genau an diesem Punkt setzt die Arbeit eines wenig bekannten, gleichwohl hinter den kulturpolitischen Kulissen überaus aktiven »Forum Zukunft Kultur« ein, einer Arbeitsgruppe der vom Vorstandsvorsitzenden Volker Hassemer dirigierten Stiftung Zukunft Berlin. Insgesamt sollen es rund 300 Berliner sein, die im Hintergrund und in unzähligen Initiativgruppen ehrenamtlich tätig sind, allesamt Fachleute, die das Mitarbeiter-Team der gemeinnützigen, operativ vitalen Stiftung unterstützen. Ein bescheidener, gleichwohl mächtiger Geheimbund.

    Die Kultur-Arbeitsgruppe (Projektmanagement: Anett Szabó), der Experten wie Wibke Behrens, Manfred Eichel, Andreas Richter, Jochen Sandig, Alice Ströver und Anemone Vostell angehören, hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren ein detailliertes Positionspapier erarbeitet, das zum Monatsende im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt werden soll – und letztlich wie eine Handlungsempfehlung zu lesen ist. Die sorgsam formulierte Schrift, als Analyse der acht Sparten des Berliner Kulturlebens zu werten, Stärken und Schwächen inklusive, Chancen und Risiken nicht weniger genau beleuchtet, bietet rund 30 Din-A-4-Seiten Umfang und zeugt von einem kulturpolitischen Weitblick, wie man ihn gerne einmal aus dem Büro des Berliner Kulturstaatssekretärs sehen möchte. Aber vielleicht sind unabhängige Bürger ohnehin grundsätzlich die schärfer wahrnehmenden Beobachter und Kritiker der staatlich verantworteten Lage.

    Auf jeden Fall: Diese Publikation, die am 25. Februar (11 Uhr, Hotel »Das Stue«, Drakestraße, Berlin) als Drucksache vorliegen soll, enthält so viele Anregungen, dass niemand an ihr vorbeikommen wird, der sich für die Kultur in Berlin interessiert und manche Entwicklungen besorgt zur Kenntnis nimmt. Die Verfasser haben vom Musikleben über das Geschehen auf der Bühne oder in der Literatur bis zur Freien Szene sämtliche Bereiche untersucht und präzisiert, wo es in der Berliner Kultur tüchtig kneift, wo Handlungsbedarf vonnöten ist.

    Das Spektrum der anstehenden Aufgaben reicht von Steuerungsprozessen auf der Kommunikationsebene Bund/Land über Maßnahmen zur Förderung der Kultur-Teilnahme von Bürgern mit Migrationshintergrund bis zur Weiterentwicklung in Sachen Raum-Management für Kulturschaffende. Fast alles gut nachvollziehbar (sieht man von dem obsoleten Ruf nach Ausstellungshonoraren ab) und sehr hilfreich. Kulturstaatssekretär Tim Renner wird sich damit auseinandersetzen müssen. Denn letztlich hat das »Forum Zukunft Kultur« für ihn die Hausaufgaben gemacht, übrigens auch sachverständig im Bereich Kunst, wo unter anderem empfohlen wird, den geschwächten Marktplatz Berlin durch die erneute Einrichtung einer international wirkenden Messe zu stärken. In der Vergangenheit war in Szene-Gesprächen oft genug daran erinnert worden, dass das einst dichtgemachte Art Forum eine zweite Chance bekommen müsste, wenn Berlin als Umsatz-Ort nicht untergehen will.

    In dieser Ausgabe:Noch fehlt der Mut zum Neuen im Wettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts (M 20) in Berlin (Seite 4). New York: Umbau-Pläne im MoMA geraten ins Stocken (Seite 8). Aufatmen im Atelier von Markus Lüpertz: Gestohlene Bilder zurück, mit einer Ausnahme (Seite 8). »Vorreiterrolle«: Die Hamburger Kunsthalle stellt 15 000 Werke des Kupferstichkabinetts ins Internet (Seite 10). London: Zum Auftakt der Auktionssaison wird über deutsche Kulturpolitik geredet (Seite 11). Sammlerin Christiane zu Salm jetzt auch als Verlegerin tätig (Seite 14). Zur Jubiläumsmesse in Köln geht der Art-Cologne-Preis an den Münchner Galeristen Raimund Thomas, Mitgründer des Kölner Kunstmarkts (Seite 14). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 596 – Editorial
    Liebe Leser, natürlich hat der Hausherr einer Institution dieser Größenordnung anderes zu tun, als sich selbst um die Gestaltung seiner Räume zu kümmern. Doch letztlich verströmen Amtssitze aller Art ein besonderes Fluidum, so dass eine Wirkung entsteht, die viel über Macht-Menschen aussagt. Wüsste man nicht, dass Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ein durchaus umgänglicher und weltoffener Chef seiner Generaldirektoren und Abteilungsverantwortlichen ist, könnte man prompt meinen, der Mann sei unnahbar, letztlich 19. Jahrhundert wie die von ihm und seinem engsten Mitarbeiter-Stab genutzte Villa von der Heydt im Tiergartenviertel in Berlin. Ein repräsentatives Gebäude, seit 1980 von der Stiftung und ihrer Hauptverwaltung bespielt.

    »Bespielt« – das klingt leicht, dynamisch, das suggeriert sogar, dass Bewegung möglich ist. Doch beim Betreten der großen Eingangshalle, die als Wartezone für angemeldete Besucher dient (ich hatte vor Tagen ein Hintergrund-Gespräch mit Parzinger und seinem Kommunikationsdirektor Ingolf Kern vereinbart), kam es mir so vor, als sei die Zeit stehen geblieben. Mit Ausnahme der Gauck-Porträtfotografie und eines altbackenen dreidimensionalen Tourismus-Innovationspreises aus dem Jahr 2009, kurz nach Parzingers Amtsantritt, alles hier seit Jahrzehnten unverändert? Ein paar gemalte Preußen-Könige an der Wand, zwei Marmortische, unglücklich im Raum platziert, ein schwerer Schrank aus dem Möbel-Lager der Stiftung, ein geschichtsträchtiger Teppich im XXL-Format – ebenso eindrucksvoll wie einschüchternd, dieses Ambiente.

    Wer hier zum Bewerbungsgespräch antreten muss (die Personalabteilung ist über die Ehrfurcht gebietende Treppe erreichbar), der wird vermutlich, vom nervösen Darm geplagt, unverzüglich nach den Toiletten fragen. Und wer als Mitarbeiter ins Allerheiligste gerufen wird, ins Zimmer des Präsidenten, der dürfte sich kleiner fühlen, als er es sollte, wenn er eine gute Arbeit machen will. Was aber ist eine gute Arbeit, wenn in einer verkrusteten, vielfach verankerten, langfristig unbeweglich gemachten Personalstruktur selbst ein Autoritätskaliber wie Parzinger eher kleinlaut einräumt, dass manche durchaus sinnvollen Korrekturen und Verschlankungen nicht möglich sind, allenfalls langfristig? Wo die eine oder die andere Stelle des knapp 1800 Mitarbeiter zählenden Personals umgewidmet oder aufgehoben wird, lässt sich nicht wirklich sparen (obwohl das vonnöten wäre, siehe ID 594, Editorial), weil andernorts gestiegene Personalkosten das Eingesparte sofort aufzehren (der Generaldirektor der Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, übernimmt nach der Sommerpause zusätzlich und ohne Extra-Salär die Leitung der Gemäldegalerie und des Bode-Museums, so dass eine Direktorenstelle entfällt). Eigentlich Donquichotterie, würde der Präsident diese Crux nicht selbst durchschauen.

    Einen modernen Dienstleistungsbetrieb aus einer bald 60 Jahre alten Stiftung zu formen, die von den Bundesländern ohnehin eher widerwillig, allemal nur halbherzig mitfinanziert wird, ist zugegebenermaßen nicht leicht. Aber es gibt bekanntlich Möglichkeiten, und die beginnen dort, wo rein räumlich Zeichen gesetzt werden. In der Eingangshalle der Stiftung zum Beispiel. Weg mit dem hochwertigen, aber sinnlos gewordenen Plunder, so möchte man raten; her mit einer zeitgemäßen, wirklich nutzbaren Möblierung (über Museumsräume verfügt die Stiftung schließlich reichlich), so dass schon beim Betreten des Hauses augenscheinlich wird, dass sich die Ära Parzinger deutlich von jener seines Vorgängers und dessen Vorgänger abhebt.

    Man kann doch nicht einerseits überlegen lassen, wie die Museen am vernachlässigten Kulturforum attraktiver gestaltet und beworben werden könnten (der zuletzt als Gurlitt-Taskforce-Sprecher tätige Matthias Henkel ist zusammen mit Ingolf Kern im Spezialeinsatz), wenn man, andererseits, keinen Wert darauf legt, die eigene Stiftungsvilla auf Vordermann zu bringen, denke ich. Jeder Galerist weiß, dass die Glaubwürdigkeit seiner Vermittlungsarbeit nicht nur mit ihm selbst und den ausgestellten Bildern zu tun hat. Immer auch geht es um Räume, um die richtige Form für den richtigen Inhalt. Und Parzingers nach vorn gerichtete Botschaft ist unmissverständlich: Entstaubung, Entschlackung, Entschlusskraft.

    In dieser Ausgabe: Das Garantien-Spiel im Auktionsgeschäft hat die Schmerzgrenze erreicht (Seite 4). Wie sich ein documenta-Kritiker blamiert (Seite 6). Biennale, Venedig: Christine Macel als Jeanne d’Arc (Seite 7). Jetzt sucht auch David Zwirner Galerieräume in Hongkong (Seite 10). Wien: Streit zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Leopold Museum spitzt sich zu (Seite 12). Im rechten Abgrund unterwegs: Peter Sloterdijk outet sich (Seite 14). Branchengespräch: Fragwürdige Aussteller-Zulassungen auf der TEFAF, Maastricht (Seite 15). Politiker-Porträt mit Einschussloch: Günther Oettinger, gemalt von Anke Doberauer (Seite 18). Hype oder Tschüss: Christian Rosa (Seite 20)? Kritik: Kasper König im Fernsehen (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 595 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, natürlich haben wir genug andere Probleme, die gemeistert werden wollen, die vordringlich erscheinen. Ich denke an die weltpolitische Lage, an die Krisenherde der hausgemachten, gleichwohl globalen Art, weil im Zuge internationaler Vernetzung jeder Konflikt zwischen zwei Ländern weit ausstrahlt und die Staaten-Gemeinschaft belastet. Ich denke an den Terrorismus, an die Flüchtlingsdebatte. Aber eben auch an wirtschaftliche Verflechtungen. Wenn in China ein Spaten umfällt, dann juckt das eben mittlerweile auch die Börse in Frankfurt. Mitten im Branchen-Thema. Wenn man in Aktien nicht mehr investieren mag, wenn man genug Immobilien besitzt oder keine renditeträchtigen mehr findet oder bauen kann, was dann? Kapitalanlage Kunst, Mehrwertsteuer hin, Kulturgutschutzgesetz her?

    Interessant, dass im Bereich der Klassischen Moderne das Beste weitgehend abgeschöpft und in den privaten oder öffentlichen Museen gelandet ist? Bedeutsam, dass so manche Investition in die Gegenwartskunst voller Risiken steckt, weil niemand garantieren kann, ob der Marktwert einzelner Künstler weiter steigt (oder plötzlich wieder fällt)? Rundum und zwangsläufig auch aus den Aktionshäusern zu hören, dass man sich mit mehr oder weniger frischer Ware heutzutage leichter tut als mit den Bildern der Vergangenheit – zumal allerlei Verunsicherungen durch die erwähnten gesetzlichen Neuregelungen spürbar werden.

    Wohin mit den Bildern, mit dem eigenen Besitz, ihn weiter mehren, ihn lieber reduzieren, gar ins Ausland schleusen? Öffentlich ausstellen, steuerlich günstige Zehn-Jahres-Fristen im Visier, dabei die eigene Reputation aufwerten, weil man irgendwann die ganze Sammlung gewinnbringend in den Markt zurückführen will? Oder diskret bleiben, ganz diskret, allenfalls wohldosiert den eigenen Besitz zeigen (in der zweiten Jahreshälfte wird es eine solche Überraschung in Hamburg geben, zeitgleich in den Deichtorhallen und in Harburg bei Falckenberg, wo die Sammlung Viehof auftauchen soll)?

    Auch mit dem öffentlichen Kunstbesitz ist es so eine Sache; die Depots bersten aus allen Nähten, zumal die Heute-Kunst raumgreifender wirkt als jene Flachware, die früher zu archivieren war. Und Politiker beschaffen ungern Etatmittel für schmucklose, funktionale Lagerräume; lieber sorgen sie dafür, dass wieder irgendwo ein Neubau oder, wenigstens, ein schicker Museumsanbau entsteht, um sich im Scheinwerferlicht inszenieren zu können. Immer das Gleiche. Was also raten, was tun, wenn dank einer von Jahr zu Jahr zunehmenden künstlerischen Produktion der ohnehin gigantische Bilderberg weiter wächst, kein Pardon gibt – und allmählich ein volkswirtschaftliches Problem entsteht? Kurzerhand, wie ich es vor vielen Jahren schon einmal vorgeschlagen hatte, jede zweite Akademie dichtmachen? Brauchen wir zwei in Bayern, gar zwei gleich in einer Stadt, in Karlsruhe nämlich? Würde nicht ein gutes Dutzend in Deutschland genügen?

    Dazu, natürlich, fehlt die Lobby, der politische Durchsetzungswille ohnehin. Denn populär sind nicht Schließungen, sondern alle Maßnahmen, die Gegenteiliges implizieren. So dreht sich die Spirale der Hoffnung (unzähliger Studierender) immer weiter ins Eingemachte, und dabei fallen Späne, die mir manchmal den Atem nehmen, wenn ich meinen Post-Eingang und den gemailten Dilettantismus sehe. Man sollte Umschulung empfehlen und tut es, zu dumm, dann doch nicht, weil man niemand verletzen möchte, weil in einer freiheitlichen Gesellschaft gottlob auch jeder das Recht hat, das zu machen, was ihm beliebt, solange er andere Rechte nicht einschränkt. Also Löschtaste. Und weiter im Tagesgeschäft.

    Dass man derzeit in Rotterdam und zwar immerhin und ausgerechnet im Boijmans Van Beuningen, dem anerkannten Haus, darüber nachdenkt, die Qualitätsfrage hintan zu stellen und ein öffentlich zugängliches Schaudepot einzurichten, wo man für etwa 400 Euro Miete pro Quadratmeter und Jahr seinen privaten Bilderberg vorführen und letztlich museal adeln kann, vermittelt die Brisanz des Themas. Derart zugespitzt hat bislang noch kein Museum auf die überall angespannte Finanzlage und zugleich die unaufhaltsam fließende Bilderflut reagiert, und ich weiß nicht so recht, ob ich nicht doch, aller Bedenken zum Trotz, laut applaudieren soll.

    Denn schließlich ist dieses Denkmodell, das in den Niederlanden ernsthaft diskutiert wird, auch ein Zeichen einer verfallenden Museumskultur, eines Werteverlusts. Ein Aufhänger für grundsätzliche Debatten. Die öffentlichen Institute müssen immer mehr Geld selbst einspielen (in Rotterdam rund die Hälfte des Gesamtetats) – und geraten dadurch zwangsläufig auf die schiefe, die korrupte Bahn. Es zeigt sich, einmal mehr, die Verdorbenheit eines Kunstbetriebs, der in allen Bereichen dringend auf den Prüfstand gehört.

    In dieser Ausgabe:Wie in anderen europäischen Ländern die Kulturgut-Ausfuhr geregelt ist (Seite 4). Warum der »Stern« in Sachen Kunst nicht mehr informiert sein will (Seite 8). Frankfurt: Max Hollein gegen Besuchermaximierung als oberstes Ziel (Seite 8). Larry Gagosian und die Königsfamilie von Katar im Clinch um Picasso-Büste (Seite 9). Stress in Berlin: Schloss-Bauherr Manfred Rettig tritt überraschend ab (Seite 11). London: Die Dercon-Nachfolgerin an der Tate Modern heißt Frances Morris (Seite 12). Feigheit im Auktionshaus: Artcurial, Paris (Seite 13). Dürftige Bilanz der Taskforce Schwabinger Kunstfund (Seite 14). Geburtstagsfeiern: 100 Jahre Dada (Seite 17). Wie sich die Markt-Preise von Daniel Richter entwickeln (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 594 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, zum Jahreswechsel sind die Buchhalter in den öffentlichen Einrichtungen und in den privaten Unternehmen gefordert. Etats nicht überziehen, aber auch keine bewilligten Mittel verschenken, weil man sie aus diesem oder jenem Grund im zurückliegenden Jahr nicht beanspruchte. Der Politik keine Zahlen und somit Argumente liefern, die jährliche Förderung in ohnehin angespannten Zeiten zu reduzieren – wohin man schaut: Die Rechenkünstler sind jetzt im Einsatz und ziehen Bilanz und manchmal auch Strippen, um letztlich alles doch noch ins Kameralistik-Lot zu bringen. Im Zuge solcher unumgänglicher Finanz-Akrobatik wabern überall, ob in den Kommunen, den Ländern oder auf Bundesebene, allerlei Gerüchte durch die Szene, die an die traditionsreiche Geldbeutelwäsche denken lassen, wie man sie etwa aus der bayerischen oder der schwäbischen Fastnacht kennt. Dabei ist der »Geldbeitl« meist leer, und je lauter seitens der schwarz gekleideten Narren geklagt und gejammert wird, desto wohlhabender sind sie, lästern Brauchtum-Kenner. Auf die Kulturszene übertragen: Nix glauben, auch das Gegenteil von Ebbe in der Kasse nicht.

    Ein Beispiel: Im Dezember wurde in Berlin hinter vorgehaltener Hand kolportiert, dass die mächtigste aller Stiftungen, die aus Länder- und Bundesmitteln gespeiste Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Jahr 2016 weitere sieben Millionen Zuschuss bekommt, dass ihr Haushalt erneut aufgebessert würde, dass sie quasi im Geld schwimme. Zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Museumsdirektoren in Erinnerung, wo es stets um enger zu schnallende Gürtel, diverse Sparprogramme und den legendären Investitionstau ging, lag die Frage in der Luft, wie es pekuniär tatsächlich um die Preußen-Stiftung bestellt ist. Die Antwort kam prompt und präzise, garniert mit einem Dankeschön an Bund und Land Berlin. Indes: Jene 7,2 Millionen Euro, die 2016 als Zuwachs zur Verfügung stehen, liegen weit unter dem tatsächlich vorhandenen, bestens nachvollziehbaren Mittel-Bedarf in Höhe von 12,7 Millionen (allein rund 4,5 Millionen werden für gestiegene Personalkosten veranschlagt). Dabei will bedacht werden, dass es für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den Jahren 2000 bis 2009 keinerlei Etaterhöhungen gab, dass also in diesem Jahrzehnt erhöhte Ausgaben fällig sind, um diese langjährige Unterfinanzierung auszugleichen.

    So besteht im Umfeld von Stiftungspräsident Hermann Parzinger nicht wirklich Grund zur Freude. Im Gegenteil: Sorge ist angesagt, allergrößte Sorge, weil der Betriebshaushalt für 2016 (mit 158,5 Millionen Euro) nicht reicht, um auf dem aktuellen Niveau weiter arbeiten zu können. Das hat Auswirkungen auf die Programmarbeit etwa bei den Staatlichen Museen, das betrifft aber auch Neuerwerbungen und Restaurierungen von Kunstwerken, Werbemaßnahmen ohnehin, was dann wiederum zur weiteren Verschärfung der dramatischen Finanzlage führt. Denn wegen der Sanierung von Pergamonmuseum und Neuer Nationalgalerie sind viele Ausstellungsflächen verkleinert oder völlig geschlossen worden. Ergo: Weniger Einnahmen durch Eintrittsgelder, die aber dem Betriebshaushalt dienen.

    Im Zusammenspiel mit gestiegenen Kosten auf vielen Ebenen braut sich zweifellos Unheil zusammen, das allein durch zwei Extra-Zuwendungen des Bundes (zwei Millionen für die Erneuerung der IT-Infrastruktur, drei Millionen für Umzugsvorbereitungen der Dahlemer Museen ins Humboldt-Forum) nicht abgewendet werden kann. Immerhin wird intern geflüstert, dass man bis 2017 mit einem Fehlbetrag von bis zu 15 Millionen rechne (der Betrag würde dann höher ausfallen als die Ankaufs- und Programmmittel).

    Was tun? Parzinger, ein Mann der Tat, hat 2016 zwei Möglichkeiten, alternativ oder auch beide zugleich zu realisieren. Er sollte seine knapp 60 Jahre alte Stiftung im Jahr vor dem Jubiläum auf einen knallharten Spar- und Effizienzkurs einschwören, den knapp 1800 Mitarbeitern klarmachen, dass künftig wie in einem hochmodernen Dienstleistungsunternehmen gedacht und gehandelt werden müsse. Inklusive radikaler Verschlankung sämtlicher Strukturen.

    Und/oder er könnte seinen Einfluss geltend machen – und auf politischem Parkett versuchen, den Anteil der Länder wesentlich erhöhen zu lassen. Im Gesamthaushalt 2015 (mithin Betrieb und Bau; insgesamt 287 Millionen) waren sie gerade mal mit rund 37,5 Millionen Euro vertreten. Das ist für das einzelne Bundesland nicht viel, quasi Portokasse. Heißt es in der Chronik der Stiftung nicht, dass die föderale Trägerschaft ein Ausdruck der Erkenntnis sei, dass »alle Beteiligten die Wahrung des preußischen kulturellen Erbes als eine gesamtstaatliche Aufgabe ansehen und annehmen«?

    In dieser Ausgabe: Ritterschlag für Kai Althoff, Einzelausstellung im MoMA (Seite 2). Erste Bedenken gegen den Einsatz von Neil MacGregor im Humboldt-Forum (Seite 4). Sensationell: Mark Porter wechselt von Christie’s zum Erzrivalen Sotheby’s (Seite 5). Zehn Jahre Haft für Philip Rivkin und Versteigerung seiner Sammlung (Seite 8). Spagat zwischen HfG und AfD: Marc Jongen, Karlsruhe (Seite 8). Springer-Kampagne gegen Monika Grütters gerät ins Stocken (Seite 10). Goldenes Kölsch für die Art Cologne (Seite 11). Der Markt von Christian Jankowski (Seite 14). Tauziehen um den Becher-Nachlass (Seite 17). St. Moritz: Buhei um Vito Schnabel (Seite 17). Wenn Facebook eine Plastik von Rodin zensiert (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 593 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Schöne Bescherung, liebe Leser, so könnte man lästern, wären das seit Monaten laufende Procedere und die jüngste Entwicklung nicht so ernst und folgenreich. Es geht, wieder einmal, um das leidige Thema Kulturgutschutzgesetz. Wenn in wenigen Stunden der Bundesrat zu seiner letzten Sitzung im ausklingenden Jahr zusammenkommt, wird die Phalanx der Gesetzentwurf-Kritiker bereits auf das Desaster vorbereitet sein. Denn es hat sich herumgesprochen, dass nach einem Antrag der Länder Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt der Ausschuss für Kulturfragen (Vorsitz: Wolfgang Tiefensee, SPD, Thüringen) sowie der Rechtsausschuss des Bundesrates (Vorsitz: Till Steffen, Bündnis 90/Die Grünen, Hamburg) die Weichen für eine nun anstehende Korrektur des mehrfach überarbeiteten Referenten-Entwurfes gestellt haben, die in die absolut falsche Richtung führen.

    Klartext: Konnte man die Beweggründe von Monika Grütters teils noch nachvollziehen, bisweilen sogar gutheißen, etwa die Absicht, aus drei Gesetzen eine Neuregelung zu formen, mochte man der Kulturstaatsministerin auch zugutehalten, dass sie mit ihrem Team viele der berechtigten Branchen-Einwände nach unzähligen Gesprächen in die Überarbeitung des Entwurfs nahm, hört die Geduld auch der moderatesten Szene-Beobachter nun auf, wenn man sieht, was der Bundesrat mit heißer Nadel, überstürzt, zusammenflicken will. Hatten viele Grütters-Kritiker gehofft, die Länder würden am Ende zugunsten des Kunsthandels entscheiden, müssen sie nun erkennen, dass es ausgerechnet eben die Länder sind, die alles noch viel komplizierter und nachteiliger machen. Der Bundesrat überholt das Bundeskabinett quasi auf der Rechtsspurt. Es hatte die Grütters-Vorlage goutiert und darf nun ebenfalls staunen. Ein Drama in mehreren Akten.

    Dass die Länder, die den durch das neue Bundesgesetz ausgelösten Verwaltungsmehraufwand stemmen müssen, nach Kosten-Übernahme durch den Bund fragen werden, war klar. Aber konnte irgendjemand vermuten, dass die Schranke zur Kulturgutschutz-Definition derart niedrig gelegt wird? Es müssen keine herausragenden, gar identitätsstiftenden Werke mehr sein, wie es Grütters und ihre Juristen formuliert hatten, es genügt, wenn es sich um ein besonderes öffentliches Interesse am Werk handelt. Ein Freibrief für jede Entscheidung, für Beamten-Willkür. Gutdünken vor Fakten, nichts anderes; skandalös, das Ganze. Und so geht’s munter und abwärts weiter auf der Föderalismus-Rutsche ins Abseits des Kulturstandorts Deutschlands.

    Was denken sich diese Länder-Vertreter, wenn sie, übereifrig, machtgierig oder einfach nur bequem im Hinblick auf die eigene Behörden-Praxis, die von Monika Grütters stark verankerten Experten-Gremien schwächen und das alleinige Sagen haben wollen? Oder: Wie kann man nur die aus den Notwendigkeiten des Kunsthandels abgeleitete Fristenregelung im Eintragungsverfahren streichen? Hat jemand darüber nachgedacht, was das in der Konsequenz bedeutet? Will der Bundesrat die Sammler und Händler aus Deutschland vertreiben? Nicht zuletzt: Ist es nicht absurd, dass die Gesetzentwurf-Kritiker der ersten Stunde, ob Harald Falckenberg, Michael Haas, Kristian Jarmuschek, Peter Raue oder Bernd Schultz, nun plötzlich unfreiwillig mit Monika Grütters wieder in einem Boot sitzen, dass sie gemeinsam den verschärften Bundesrat-Kurs verhindern müssen? Kein Zweifel: Dieses Gesetz muss noch einmal in die Beratung zurückgehen, wie es Raue kürzlich forderte. »Es ist ein alter Verfassungsgrundsatz«, so der Anwalt, »dass freiheitsbeschränkende Gesetze – und das ist das geplante Gesetz – dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen müssen.«

    In dieser Ausgabe: Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak als Guides im Einsatz der Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 3). Italien: John Armleder als radikaler Weihnachtsdekorateur der Kaufhaus-Kette »La Rinascente« (Seite 4). USA: Amokläufer und Selbstmörder in der aus Hamburg kommenden Schau »After Picasso« (Seite 5). Pressestimmen zur Art Basel Miami Beach (Seite 7). Suche nach einem »Superdirektor« in Bern (Seite 8). Wieder in den Schlagzeilen: Nahmad Gallery (Seite 10). Er wird kommen: Verband der Sammler (Seite 10). Kein Ende der Misere in Sicht: Kulturforum in Berlin (Seite 13). Gruppe SPUR: Fährtensuche in München (Seite 16). Ulm: Museumsdirektorin Gabriele Holthuis auf der Abschussliste (Seite 18). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 592 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, sind es erste Alarmzeichen? Ich telefoniere mit Paul Maenz, der mir von seinem jüngsten Christie’s-Kontakt berichtet. Drei Experten seien sofort aus New York nach Berlin gekommen, so der Sammler, um alles im Detail festzuzurren, als er drei herausragende Minimal-Art-Werke versteigern lassen wollte. Ein eigener Katalog wurde gedruckt, und zwei der drei Werke (von Dan Flavin und Sol LeWitt), für die er einst jeweils rund 50 000 Mark ausgegeben hatte, wurden veräußert (zusammen für, umgerechnet, knapp eine Million Euro). Eine satte Rendite. Indessen gab es für das Spitzen-Los, eine große Kupferplatten-Bodenarbeit von Carl Andre (die mindestens 1,5 Millionen Dollar bringen sollte), überraschenderweise kein Angebot auf Höhe der Taxe. Für Paul Maenz, der viele raumgreifende Werke notgedrungen (seit seinem Rückzug aus Weimar) im Depot lagert, stellt die Ablehnung freilich kein persönliches Problem dar. Er wollte vor allem dafür sorgen, dass ein solches Schlüsselwerk, dem er selbst keinen entsprechenden Platz bieten kann, wieder ins Licht der Öffentlichkeit kommt.

    Im Gespräch zeigt sich, dass Maenz, als ehemaliger Galerist und renommierter Sammler naturgemäß ein Intimkenner der Markt-Lage, keinerlei Erklärung findet, warum ausgerechnet Andre nicht gefragt ist. Zu groß das Stück für private Sammlungen, zu teuer für öffentliche Museen? Auch erörtern wir, ob Andre, der in den Achtzigern verhaftet und dann freigesprochen wurde, immer noch von der Kunstwelt gemieden werde. Als seine Ehefrau, die kubanische Künstlerin und Feministin Ana Mendieta, in einer Spätsommer-Nacht des Jahres 1985 aus dem 34. Stockwerk eines New Yorker Hochhauses stürzte, stand der Künstler unverzüglich unter Mordverdacht. Erst allmählich, kurz vor dem bevorstehenden 80. Geburtstag des einst umschwärmten Bildhauers, setzt eine Art von Rehabilitation ein. Für 2016 plant auch Udo Kittelmann in Berlin, Hamburger Bahnhof, eine umfangreiche Andre-Schau.

    Die Andre-Story könnte den scharfen Blick für die aktuelle Entwicklung auf dem Auktionsmarkt durchaus vernebeln, wären da nicht weitere Signale, dass sich hinter den Rekordmeldungen, die in diesen Wochen am laufenden Band verbreitet werden (siehe auch ID 591, Modigliani, 170 Millionen Dollar), eine Entwicklung verbirgt, die besorgniserregend werden könnte. Allzu oft werden die Schätzpreise nämlich nicht oder nur mit besonderer Auktionatoren-Mühe erreicht. Selbst als Sotheby’s im vergangenen Monat den Teil eins der Sammlung seines früheren Chefs, Alfred Taubman, versteigern konnte, lag der Gesamterlös kaum über der untersten Erwartung. Augenwischerei also, wenn wir als Bilanz der Herbstauktionen der beiden großen Häuser häufig von »Milliardenergebnissen« lesen. Da wird gerne verschwiegen, dass so viele Ware wie selten zuvor eingeliefert wird, um dann solche Resultate zu erzielen und als Erfolgsmeldungen zu verkaufen.

    Von »fast inflationärer Üppigkeit« (»Süddeutsche Zeitung«) wird berichtet; »Vergleichbares hat es so noch nicht gegeben«, so schwärmt Dorothea Baumer, leider ohne die Frage auch nur im Ansatz zu beantworten, warum das so ist. Hieß es früher beispielsweise gerne, dass der hochkarätige Markt der Klassischen Moderne leergefegt sei, so wird mittlerweile jeder Beckmann oder jeder Nolde zum Highlight erklärt. Public Relations, dass sich der Magen verspannt. Nicht selten gekrönt von der Praxis fragwürdiger Garantien, mit denen sich die bekannten internationalen Auktionshäuser gegenseitig die Klientel streitig machen. Ein Wettbewerb, der den Markt verzerrt. Rose-Maria Gropp, »FAZ«, gehört zu den wenigen Kollegen, die diese Entwicklung kritisch begleiten und kommentieren.

    Sie war es auch, die mir vor kurzem eine weitere Bestätigung gab, dass mich mein Bauchgefühl nach dem Telefonat mit Paul Maenz nicht täuschte. Allmählich müssen wir uns nämlich darauf einstellen, dass das Millionenspiel ausgereizt ist. Wenn bei Sotheby’s, wie im vergangenen Monat geschehen, rund ein Viertel der Lose einer Abendauktion unverkauft bleibt, darunter allein sage und schreibe fünf Picassos, dann heißt es nun, auf der Hut sein. So passt es, dass Rose-Maria Gropp von einer internen E-Mail aus dem Hause Sotheby’s weiß, in der den Angestellten mitgeteilt wurde, dass der Personalabbau unvermeidlich sei. Man könne das Unternehmen freiwillig verlassen und erhalte »eine attraktive ökonomische Kompensation«; es könne aber auch zu Entlassungen kommen. Keine Überraschung: Umsatz-Rückgang bei Sotheby’s im letzten Quartal um rund zehn Prozent. Das liest man freilich nicht, arbeitet man sich durchs offizielle Pressematerial. Fazit: Panikmache ist keinesfalls angesagt; es geht nach wie vor noch was. Aber höchste Zeit ist’s, innezuhalten und sich die Zahlen hinter den Rekordzahlen anzuschauen.

    In dieser Ausgabe: Neuer Direktor der Kunsthalle Krems wird der Kurator Florian Steininger (Seite 3). Kulturstaatsministerin Monika Grütters reagiert auf schwere Vorwürfe (Seite 5). Berlin: Die Neue Galerie der Neuen Nationalgalerie ist eröffnet (Seite 8). Paris: Die vom Terror gezeichnete Stadt erholt sich (Seite 9). Boulevardtheater in der Berliner Akademie der Künste (Seite 10). Klartext von Bernhard Maaz, München, zur praxisfernen Ausbildung der Kunsthistoriker (Seite 12). Wien: Nachhilfe für Sammler von Franz Wojda (Seite 14). Auf November 2016 verschoben: Afrika-Messe AKAA, Paris (Seite 15). Von Volker Rattemeyer skizziert: Das documenta-Institut (Seite 15). Der Glücksfall Friedrich Christian Flick (Seite 17). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 591 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, Zufall oder nicht? Momentan bewegt sich viel auf der Route Berlin/Wien/Zürich, kaum dass die Galeristen von den Messen in London und Paris zurückgekehrt und ins Nachmesse-Geschäft eingetaucht sind. Es brodelt an diesen Orten, nicht immer im positiv zu bewertenden Kontext, und man ist geneigt, die eine oder die andere Information im aktuellen Marketing-Kontext sehen zu wollen, obgleich es keine offensichtlichen Zusammenhänge gibt. In Wien zum Beispiel, wenige Tage vor der zur Zeit laufenden Art Week (bis 22.11.), kochte die Erregung oder allemal die Aufregung hoch, weil Francesca von Habsburg, die Projekt-Fördererin schlechthin, unmissverständlich signalisiert, ihre Kunststiftungshalle TBA 21 nach Zürich und somit in ihr Geburtsland verlegen zu wollen (siehe auch Seite 12). Dass die »Peggy Guggenheim von Wien«, wie sie genannt wird, einen gewissen Druck aufkommen lässt, ist überaus nachvollziehbar, denn der Nutzungsvertrag für das von ihr engagiert bespielte Augarten-Gebäude läuft 2017 ab, und es scheint dem offiziellen Wien wurscht zu sein, ob und wie es weitergehen könnte. Das passt: Bawag dicht, Generali nach Salzburg – es könnte also gut sein, dass Habsburg auch bald zur »Kulturpolitik der Nostalgie« gehört, wie ein Interview-Text im Art Week-Magazin betitelt wurde.

    In der Tat zeigte meine Stippvisite in Wien, dass es mit der Gegenwartskunst in Österreichs Metropole nicht zum Besten steht. Natürlich lohnt es immer, in den bekannten und international tätigen Galerien reinzuschauen, doch wo bleibt der Nachwuchs, wo sind die neuen und jungen Kunstvermittler, die am Puls ihrer eigenen Generation bildnerische Arbeit begleiten? Rosemarie Schwarzwälder, neben Ursula Krinzinger die Grande Dame der Wiener Galeristen-Szene: »Natürlich würden wir gerne mehr junge Kollegen sehen, die verstärkt auch eine jüngere Sammlergeneration erschließen. Dass eine neue Galerieszene derzeit nicht vorhanden ist, liegt möglicherweise daran, dass vielen der nötige finanzielle Background fehlt, das Risiko einer Galerie-Gründung einzugehen.« Die Kuratoren und Künstler unter den Kunstvermittlern können nicht trösten: Ein Trauerspiel, was Manuela Ammer und Ulrike Müller in Überlänge im mumok zeigen dürfen. Sieben Monate lang »Always, Always, Others – Unklassische Streifzüge durch die Moderne«, eine lieblose Querbeet-Schau, die von der »Vielstimmigkeit der Sammlungsbestände« berichten will, der aber leider alles fehlt, was eine gute Ausstellung braucht, etwa augenscheinliche Überzeugungskraft.

    Mit dem Gedanken, dass es nur besser werden kann, fliege ich wenige Tage später nach Zürich. Natürlich ein Rundgang durchs Kunsthaus Zürich. Natürlich zu Hauser & Wirth, wo überraschenderweise (dank Verlängerung) Martin Creed zeigt, was wahre Vielstimmigkeit ausmacht; obendrein ein Galerie-Mitarbeiter, der seinen Job ernst nimmt und zu kommunizieren versteht. Auch im Migros die Koreaner gesehen, bei Haas den Calder auf Papier. Schön zudem das ausführliche Gespräch mit Victor Gisler, Mai 36, über die Bedeutung der Messen, die Umsätze hier oder dort. Erinnerungen an vertrauliche Dialoge in Berlin, wo ebenfalls alle einräumen, dass es ohne die Messen nicht geht. Kein echtes Thema freilich für Gisler oder Wirth: Sie werden überall zugelassen, können sich jede Teilnahme leisten. Aber was ist mit den anderen, mit den noch nicht etablierten, die Schwarzwälder zu Recht vermisst? Ja, es dreht sich vieles ums Geld, eigentlich alles. Der ökonomische Druck ist so groß wie selten zuvor. In der nun exakt 50 Jahre alten Zürcher »Kronenhalle«, wo früher die Künstler und ihre Galeristen zechten, sitze ich vor Kalbfleisch mit Morcheln (68 Franken, Spätzli-Nachschub inklusive) und frage mich, wo sie denn alle sind, die Kreativen. Rundum ein Damenkränzchen neben dem anderen; gepflegtes, wohlhabendes Bürgertum.

    Apropos: Die luxuriöseste Situation hat zweifellos Roger M. Buergel im Johann Jacobs Museum, wo er derzeit mit den Haiti-Reisen (1947 bis 1955) und der Voodoo-Begeisterung der 1961 gestorbenen Filmemacherin Maya Deren konfrontiert. Ein beispielhaftes Projekt, das aufs Anschaulichste zeigt, wie man Kulturen fremder Völker vermittelt. Ein Projekt, das aber obendrein von einem großartigen Einsatz zeugt, der über das Ausstellen hinausreicht: Buergel, der documenta-12-Macher mit der ausgeprägten Recherche-Lust im Spannungsfeld von Kultur und Geschichte sowie von Wirtschaft und Politik, kümmert sich dank seines weltweiten Netzwerks um die Restaurierung des Deren-Rohmaterials. 2017 soll es der Öffentlichkeit vorgeführt werden. All das und vieles mehr wird möglich, weil die Erben des 2008 gestorbenen Unternehmers Klaus J. Jacobs bereit waren, aus dem ehemaligen Kaffee-Museum eine übergreifende Einrichtung (ohne jeglichen Quoten-Druck) zu machen, die sich mit globalen Handelswegen, wirtschaftlichen Verknüpfungen und politischen Umwälzungen auseinandersetzt. Der Jacobs-Sohn Johann Christian, der Buergel schon anlässlich der documenta unterstützte, verweist in diesem Kontext gerne auf die gesellschaftliche Verantwortung, und sie wird spürbar, wenn man beim Hausbesuch in der Foundation am feinen Zürichsee, ungeheuer anregend, zugleich Tradition und Forschergeist wahrnimmt.

    Auf dem Rückflug von Zürich nach Berlin, noch einmal den Nachmittag und das Gespräch mit Roger M. Buergel reflektierend, dachte ich plötzlich wieder an das Humboldt-Forum und an die Tatsache, dass dort allmählich ein künstlerischer Leiter gefunden werden sollte, denn niemand mag glauben, dass der Gründungsintendant Neil MacGregor oder einer seiner beiden Kollegen später tatsächlich konkret einzelne Projekte und Ausstellungen auf die Schiene setzen mag. Wäre Buergel nicht die optimale Besetzung (nachdem sich Martin Roth in Berlin unbeliebt gemacht hat)? 53 Jahre alt, in Berlin geboren und hier auch mit seiner Familie ansässig, wenn er nicht gerade in Zürich oder weltweit unterwegs ist: Der Wunderkammer-Magier und Form-Migrationstheoretiker würde auch dank seiner Ausbildung sowie seiner Ausstellungen und Publikationen alle Voraussetzungen mitbringen, das Jahrhundert-Projekt Humboldt-Forum in die Praxis zu führen. Dass bislang noch kein Headhunter auf die Idee gekommen ist, bei Buergel anzuklopfen? Kann das sein? Das Programm für Zürich, das mir Buergel zum Abschied auf Nachfrage vortrug, würde wohl für zwei oder drei Jahre reichen. Und dann wird es ohnehin höchste Zeit, dass jemand Leben hinter die Humboldt-Fassade bringt.

    In dieser Ausgabe:Weiterhin Widerspruch in Sachen Kulturgutschutzgesetz (Seite 4). Was sucht die Manifesta in drei Jahren in Palermo (Seite 7)? Hamburg: Hauswedell & Nolte macht dicht (Seite 8). Paukenschlag in Berlin: Mehr Geld für die Kultur (Seite 9). Terror in Frankreich: Paris Photo nach drei Tagen abgebrochen (Seite 10). Der Fall Gurlitt – aus Sicht der Bundeskunsthalle (Seite 12). Von Wien nach Zürich? Francesca Habsburg schließt es nicht aus (Seite 12). Walter Smerling plant erneut: Nach »China 8« nun »Germany 8« in China (Seite 14). Istanbul: Streit um die Messehoheit (Seite 17). Stellenangebote (Seite 19). Marktgeschehen: Matthias Weischer (Seite 19). Expansionskurs: ARCO zusätzlich in Portugal (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 590 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die einst führende Düsseldorfer Akademie unter den Kunsthochschulen nicht mehr jene dominante Rolle spielt, die unter der Ägide von Markus Lüpertz unbestritten war. Selbst während der relativ kurzen Amtszeit seines Nachfolgers Tony Cragg, der nach vier Jahren abtrat, gab es keine Auseinandersetzungen, die auch nur annähernd vergleichbar wären mit der Stimmung, die derzeit am Eiskellerberg herrscht. Es tobe eine »Schlacht« hinter den Senatskulissen, heißt es in der Altstadt, wo man in den Kneipen mithört, wer wann wen beleidigt hat, wer was wie blockieren wollte oder sollte. Über das Warum weiß man dagegen eher wenig.

    Die Lage ist unübersichtlich, so unübersichtlich, dass auch im zuständigen Ministerium offiziell nichts gesagt wird. Dabei pfeifen es die Spatzen von den Altbier-Dächern: Die erst seit 2013 tätige Cragg-Nachfolgerin, die Bildhauerin Rita McBride, hat in einer Funktion als Rektorin der Kunstakademie bereits offizielle Ermahnungen aus dem Ministerium hinnehmen müssen – und im Zuge einer geheimen Abstimmung in der jüngsten Senatssitzung kamen in der vergangenen Woche 14 Äußerungen (bei nur zwei Gegenstimmen) zusammen, die man nur als Misstrauensvotum interpretieren kann. Die Amtsführung von McBride sei »nicht akzeptabel«, so wird kolportiert. Für McBride keinesfalls Grund genug, ihr Amt zur Verfügung zu stellen oder, wenigstens, deutliche Signale einer Umkehr zu geben. Es scheint, als wolle sie ihre Amtszeit (bis zum Sommer 2017) in vollen Züge auskosten, Konflikte hin oder her.

    Während einige Professoren und Studierende wissen wollen, dass sie ohne Unterlass die Stimmung im Hause trübe, bisweilen ausgelöst durch Verweigerungshaltungen (kein Abschied für Tony Cragg, wie es sich gehört), dass sie sich um Formalien nicht kümmere (ordentliche Stellenausschreibungen) und Vereinbarungen nicht erfülle (Berufung von Gregor Schneider), munkeln andere, was man kaum glauben mag. Es sei hier der Versuch zu registrieren, nach und nach Künstler-Freunde aus Amerika als Professoren unterzubringen, so dass die in den USA immer noch sehr angesehene Düsseldorfer Akademie die (biografischen) Voraussetzungen schaffe, dass Preis-Niveau dieser Freunde und Kollegen tüchtig nach oben zu ziehen. Spekulation oder mehr?

    Es wird Rita McBride unterstellt, dass das interne Gerangel von ihr ausgelöst werde, indem sie sich wiederholt weigere, Senatsbeschlüsse umzusetzen. In diesen Tagen steigt der Erregungspegel in Düsseldorf vor allem deshalb an, weil Jochen Beißert, der Kanzler und Geschäftsführer des Hochschulrates der Kunstakademie in Dresden, im Juli mehrheitlich zum neuen Kanzler in Düsseldorf gewählt wurde, aber McBride, die gegen Beißert votierte, zunächst nichts tat, um ihn tatsächlich zu verpflichten. Als es endlich zu einem Zusammentreffen kam, Anfang Oktober, musste Beißert nicht mehr lange überlegen: Er sagte ab, obwohl er – wie sich Studierende erinnern – bereits durch die Gänge der Akademie geführt worden war und in der Verwaltung angeblich stundenlang Akteneinsicht genommen hatte. Vom Informationsdienst KUNST wiederholt nach den Gründen befragt, schweigt Beißert lieber. In der Düsseldorfer Akademie heißt es, der Favorit der Senatsmehrheit sei kurzerhand abgeschreckt worden.

    Als Künstlerin ist Rita McBride beliebt, sie wird geschätzt. Die Düsseldorfer Kritikerin Helga Meister räumt ein, dass sie »in der Öffentlichkeit charmant auftritt«. Und: »Die Verteilung der Akademiebriefe in der Aula glich fast einem Auftritt eines amerikanischen Präsidenten vor der Wahl« – was leicht zur Vermutung führen könnte, dass so viel Star-Allüren in Kollegenkreisen schlecht ankommen, dass womöglich gar Neid im Spiel sein könne. Aber kann sich daraus wirklich eine »Schlacht« entwickeln? Reicht es für eine Rücktrittsforderung? Und wie geht es weiter an der früher so ruhmreichen Akademie? Gerät sie in die Gefahr, handlungsunfähig zu werden? Fragen über Fragen, die niemand beantworten kann oder will. Auch Rita McBride selbst nicht. Unsere E-Mail in dieser Personalsache blieb bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe leider unbeantwortet.

    In dieser Ausgabe: Nachfolger/in für Julia Peyton-Jones in den Serpentine Galleries gesucht (Seite 2). Nach FMT-Pleite: Sammler und Museumsgründer Heinz Josef Angerlehner macht weiter (Seite 7). Gegenwind aus Bern in Sachen Gurlitt-Nachlass und Bundeskunsthallen-Schau in Bonn (Seite 10). Muss Florenz vor Jeff Koons gerettet werden (Seite 10)? Was Berlin und Teheran verbindet (Seite 12). Marktbeobachtung: Günther Förg (Seite 15). Dokumentarfilm über Peggy Guggenheim (Seite 16). Was Susanne Gaensheimer in Fellbach plant (Seite 18). Wer ist Wolfgang Wunderlich, und was brütet er in Stuttgart aus (Seite 21)? Offenbachs Hochschule für Gestaltung bekommt Geld für einen Neubau (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 589 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, ein wirklich guter Freund und Leser dieses Branchenbriefes schrieb mir vor Tagen per E-Mail, dass ihm aufgefallen sei, dass ich in Sachen TTIP milde reagieren würde. Recht hat er, obgleich wir immer, so auch in dieser Ausgabe (siehe Seite 17), deutlich signalisieren, dass uns dieses dubiose Freihandelsabkommen nicht egal sein kann. Aber ich räume freimütig ein, dass ich mich lieber erst dann empöre, wenn es dazu tatsächlich Grund gibt. Noch ist das Meiste schwammig formuliert, auch nicht wirklich zugänglich, so dass die »FAZ« am 5. Oktober treffend feststellte: »Die TTIP-Verhandlungen scheinen im Geheimdienst-Milieu angekommen zu sein.«

    Dabei geht es um Handfestes, um den Warenaustausch zwischen USA und Europa und somit auch um »zwei grundsätzlich verschiedene Gesellschaftsmodelle«, wie Monika Grütters wenige Stunden vor der große Anti-TTIP-Demonstration in Berlin kommentierte. Dass sie sich mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zusammengetan hatte, um eine Stellungnahme abzugeben, zeigt, wie brisant das Thema ist. Aber es wurde dabei eben auch klar, dass es jetzt nicht reicht, sich als Verfechterin guter transatlantischer Beziehungen zu outen, wenn die Gefahr besteht, dass die öffentliche Kulturfinanzierung leidet. Hier muss mehr Klartext gesprochen und geschrieben werden.

    Ist es nicht so, dass die Geheimsache TTIP, die schon lange verhandelt wird und in diesen Stunden hinter verschlossenen Türen ihre nächste Runde erfährt, leider wenig vom demokratischen Procedere erkennen lässt, dass jegliche Transparenz fehlt? Umso erstaunlicher, dass am 12. Oktober laut einer Pressemitteilung des Deutschen Kulturrats 250 000 Menschen auf die Straße gegangen sind und für einen gerechten Welthandel kämpften. »Ein großer Tag für die Demokratie«, so die Organisatoren, sei es gewesen. Mitnichten. Dieser Auftrieb hat allenfalls gezeigt, dass man unglaublich viele Leute mobilisieren kann, die im Internet seit Monaten nichts mehr über den aktuellen Stand der EU-/USA-Gespräche erfahren haben. Nur unter Druck wurden anfänglich einige Positionspapiere ins Netz gestellt, nur häppchenweise wird die wohl unmündig eingestufte Zivilgesellschaft eingebunden. Mich erinnert das an die erste Widerstandsphase in Sachen Kulturgutschutzgesetz, als die halbe Branche auf Monika Grütters eindrosch, ohne den Referentenentwurf selbst gelesen zu haben.

    Dass TTIP so schnell keine Rechtsgrundlage haben wird, ist meines Erachtens ausgemachte Sache. Argwohn und Protest hierzulande sind groß, aber noch größer ist die Ungewissheit, die sich in Bezug auf den Waren- und Dienstleistungsaustausch und dieses Abkommen auf amerikanischer Seite ausbreitet. Meine Prognose: Die Amerikaner werden zunächst ihre Wahlen stattfinden lassen, dann neue Verhandlungsführer in den TTIP-Ring schicken – und letztlich Angst vor den europäischen Standards etwa in den Bereichen Umwelt und Soziales haben. Unwahrscheinlich, dass sich die Amerikaner über die Hintertür dieses Abkommens europäische Normen diktieren lassen. Fazit: Wir können uns entspannen, TTIP wird nicht kommen, gar nicht oder nicht vor 2017, nicht in der angepeilten Form, mag es »die Narkoseschwester der Nation« (Klaus Staeck) noch so sehr wollen.

    Apropos Angela Merkel: Obgleich der jeweilige Kulturstaatsminister mit ihr unter einem Dach agiert, spielte die Kulturpolitik bislang keine wesentliche Rolle. Im Bundeskanzleramt gibt es von Haus aus Probleme zu lösen, die übergreifend wirken, wichtiger sind. Doch mit der Erweiterung des Kunstbegriffs scheint es nun nach und nach eine Dehnung in der Politik zu geben, und Grütters ist da womöglich die optimale Besetzung, kulturelle Themen in der Politik zu verankern. Hatte ihr Vorgänger vor allem die Gabe, immer wieder Geldmittel aufzutreiben, schaltet sie sich überall ein, verdrahtet und vernetzt auf Teufel komm raus, und sorgt für eine Stimmung, die Kulturpolitik plötzlich so populär erscheinen lässt wie Comic oder Musical. Wäre nur dieser unsägliche erste Referentenentwurf zum Kulturgutschutzgesetz nicht in die Öffentlichkeit geraten – Grütters könnte, nachdem van der Leyen nun ausfällt, eine Art Ersatzmutti der Nation werden.

    In dieser Ausgabe: Nun sorgt er überall für Gesprächsstoff, in Berlin ebenso wie in München oder per »Zeit«-Feuilleton – Chris Dercon, London, bereitet seine Rückkehr nach Deutschland vor (Seite 3). Friedemann Malsch, Liechtenstein, in Venedig im Einsatz (Seite 4). Chronisch visionslos: Frankreichs Kulturministerin Fleur Pellerin (Seite 7). Zeuge wider eigenes Zutun: Hermann Parzinger in der »WamS«-Berichterstattung (Seite 8). Jochen Gerz und sein Platz des europäischen Versprechens in Bochum (Seite 9). Manifesta 11: Was Christian Jankowski in Zürich plant (Seite 10). Sotheby’s versteigert Sammlung Taubman (Seite 11). London: Bilanz der Frieze (Seite 14). Verlässliche Größe am Markt: Doug Aitken (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 588 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, der soeben gestorbene Hellmuth Karasek, der mich in den Achtzigern als Kunstbetriebskenner zum »Spiegel« gelockt hatte, machte uns immer klar, dass Unterhaltung kein Verrat sei, dass sie ohne weiteres dazu dienen könne, Informationen und Meinungen zu verbreiten. Kein Wunder also, dass er, der Witze-Papst der Medien-Branche, kurz vor seinem Tod einen letzten Text über Pius XII. und ein anderthalbtägiges Sterben an Schluckauf schrieb.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Lustig ist nichts, wenn am laufenden Band – von Ammann über Dube bis Karasek – die Haudegen versterben. Aber Karaseks Abschiedstext, der vom Schluckauf des Papstes (»verrülpste und verhustete sich so gründlich, dass er nach 36 Stunden seinen Heiligen Geist aufgeben musste«) schnurstracks zur Tatenlosigkeit des Scheinheiligen Vaters im Kontext der Judenverfolgung führt (als sei es eine gerechte Strafe gewesen), bringt mich auf den Gedanken, dass diese letzten Worte in unserer Szene fehlen. Oder eben kraftlos wirken, von Angst vor einem Konflikt zeugen, was durchaus entschuldbar ist, wenn der nahende Tod allerlei Weichzeichnungen in der eigenen Wahrnehmung und Erinnerung einleitet. Wolfgang Max Faust, der Unvergessene, der früh gestorbene »Wolkenkratzer«-Chefredakteur, arbeitete zuletzt an einer geheimnisumwitterten Publikation (»Dies alles gibt es also«, 1993), die dann all jene Leser enttäuschte, die sich erhofft hatten, dass endlich mal jemand, der ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, Tabula rasa macht und gnadenlos in die Grauzonen des Kunstbetriebs leuchtet.

    Natürlich gibt es sie, die Bücher, die als Bilanz zu lesen sind, als Rechtfertigung eigenen Handelns. Sie lagern alle in unseren Handbibliotheken. Siegfried Gohr berichtete im vergangenen Jahr unter dem Titel »Köln und die bildende Kunst« über »unerfreuliche Jahre« und »hintertriebene Ankäufe«; all das, schade, diplomatisch verpackt, allzu höflich, nichtssagend, nebulös eben. Etwas gelungener zweifellos im Jahr 1996 »Die Lust auf das Bild«, von Werner Schmalenbach geschrieben. Einzelne im Klartext vorgetragene Anekdoten, ob Zweite-Einführung durch Ministerpräsident Johannes Rau oder der eingestandene Irrtum in Bezug auf Beuys, stehen für einen renommierten Museumsmann, der es sich nicht leicht machte (obwohl es ihm leicht gemacht wurde: Der Ankaufsetat, sagenhaft).

    Dass Schmalenbach im Jahr 1990 in Düsseldorf eine Abschiedsrede zum Thema Glück vortrug, kam nicht von ungefähr und wirft allemal ein Licht auf die Generation 70 plus, die viel erlebt hat und nun souverän und klug genug sein müsste, um aus eigenen Fehlern und Schwächen mehr herauszufiltern als nette Harmlosigkeiten. Wohin man schaut, ob in Berlin oder in München, in Hamburg oder in Frankfurt, überall sind sie noch unterwegs, die einst mächtigen Museumsdirektoren, ob sie Adriani, Gallwitz, Schneede oder Schuster heißen, und eigentlich haben sie alle viel Zeit. Natürlich geben sie gelegentlich den Berater, den Juror, den Autor oder den Kurator, reisen mal hierhinaus, mal dorthinaus. Kontakt-Diplomaten, die im Wesentlichen vom Ruhm vergangener Jahre zehren.

    Dabei wird ihr Wissen nicht wirklich beansprucht. Das könnte aber der Nachwelt dienen, wenn sie eines Tages abtreten. Als Warnung, als Motivation, als Richtungsweiser, vorausgesetzt freilich, dass aus den persönlichen Erfahrungen letzte Worte abgeleitet werden, die sich aufs Strukturelle des Kunstbetriebs übertragen lassen. Warum nicht endlich die sogenannten Leichen aus dem Keller holen, frage ich, bevor man selbst eine ist, und aus diesem echten Anekdoten-Stoff beispielsweise Branchen-Standards formulieren, wenigstens entsprechende Diskussionsgrundlagen? Angst vor dem Schluckauf? Hätten wir nicht alle aus der Affäre um den Sammler Dieter Bock lernen können, wäre Jean-Christophe Ammann bereit gewesen, über das dubiose Treiben während seiner MMK-Amtszeit in Frankfurt zu berichten?

    In dieser Ausgabe:Wie der Louvre und das Rijksmuseum um zwei Rembrandt-Bilder gekämpft und sich dann versöhnt haben (Seite 4). Nun übernimmt Iwan Wirth zudem die Vertretung für den Estate of Philip Guston (Seite 6). Zwischenbilanz der GLOBALE, Karlsruhe: Peter Weibel spricht Klartext (Seite 7). Der Fall Achenbach: Nägel, »leider nicht von Günther Uecker« (Seite 8). Köln: Die Art.Fair unter Druck; sie muss besser werden (Seite 9). Unterbrechung oder doch ein Abbruch? HA Schult hat Peking nicht erreicht (Seite 12). Die Art Basel und ihre Raum-Probleme in Miami (Seite 13). Allmählich glätten sich die Wogen: Potsdamer Kulturgespräche mit Monika Grütters (Seite 13). Preis-Entwicklung für Werke von Yoshitomo Nara (Seite 16). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 587 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als am Abend des 14. September, ein paar Stunden bevor der überarbeitete Referenten-Entwurf in Sachen Kulturgutschutzgesetz ins Netz gestellt wurde (www.kulturstaatsministerin.de), in kleiner Runde über die in den vergangenen Monaten ungeheuer empört reagierende Branche gesprochen wurde, konnte keiner der Beteiligten sagen, warum die Emotionen derart aggressiv ausfielen, warum Kulturstaatsministerin Monika Grütters teils persönlich heftig attackiert wurde. Natürlich hatte sie, die Erfolgreiche, die erstmals ein Gesetz auf die Schiene bringen muss, vielleicht in einer gewissen Naivität etwas in die anderen Ressorts bringen lassen, was noch unausgegoren war. Im Gespräch räumt sie auch gerne ein, dass sie selbst in den vergangenen Wochen reichlich lernen musste. Aber warum diese perfide Häme, diese häufig vorgetragene offene Abneigung, sogar von Menschen, die ihr seit langem freundlich oder freundschaftlich begegnen?

    Geht es dem deutschen Kunsthandel wirklich ans Eingemachte? Ausgerechnet 2015, exakt 60 Jahre nach Inkrafttreten des zu novellierenden Gesetzes? Wer ist wie betroffen? Steht jeder Beckmann, Picasso oder Warhol automatisch im Verdacht, national wertvoll zu sein? Oder könnte es sein, dass es gar nicht so sehr um vorgesehene, im Einzelnen durchaus fragwürdige Paragrafen geht, sondern um eine grundsätzliche Abrechnung mit einer Regierung, die per Folgerecht, Künstlersozialkasse oder, zuletzt, Mehrwertsteuer immer wieder signalisiert hat, dass der Staat das florierende Geschäft mit hochpreisiger Kunst sehr wohl wahrnimmt und glaubt, reagieren zu müssen?

    Grütters kann dagegen nicht nur auf die EU-Vorgaben verweisen, auf den Termindruck dieser gesetzlichen Regelung, sondern auch auf die Notwendigkeit, Rechtssicherheit zu schaffen, weil bisher, kaum zu glauben, sage und schreibe drei Gesetze dem Kulturgutschutz gewidmet sind: Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung, Kulturgüterrückgabegesetz und Ausführungsgesetz zur Haager Konvention. Apropos Ausführung: Die Anwendungsprobleme des Kulturgüterrückgabegesetzes (vom 18. Mai 2007) sind erheblich; längst muss die Bundesregierung einräumen, dass allerlei bilaterale Beziehungen zu anderen Vertragsstaaten des UNESCO-Übereinkommens von 1970 belastet sind.

    Dass das Gesetz formuliert und nach erneuter Stellungnahme der Länder, Verbände und Experten (bis zum 7. Oktober) dem Bundeskabinett zur Verabschiedung vorgelegt wird, ist ausgemachte Sache. Auch die Gegner des ersten Referentenentwurfs, ob Michael Haas, Harald Falckenberg, Kristian Jarmuschek, Peter Raue oder Bernd Schultz, bestreiten nicht, dass die gesetzliche Neuregelung sinnvoll und unumgänglich ist. Ihre Sorge, dass Willkür im Procedere sei sowie Handel und Kunstbetrieb großen Schaden nehmen könnten, will durchaus ernstgenommen werden.

    Immerhin wird das Bundesgesetz auf Länderebene umgesetzt; was Kulturgut ist, was nicht, das entscheiden Fachgremien, letztlich die zuständigen, aber nicht immer kompetenten Minister. Ermessenssache also, ob ein Kunstwerk in der Bundesrepublik bleiben muss oder nicht; Wert-Korrekturen inklusive. Das kann in Hamburg anders entschieden werden als in Bayern, in Hessen anders als in Nordrhein-Westfalen, obwohl die zweite Fassung des Entwurfs etliche Hilfestellungen gibt (etwa auf Seite 79).

    In Relation zu dieser Kernfrage, wie Kulturgut zu erläutern ist, erscheinen manche anderen Aspekte der anhaltenden Auseinandersetzung sekundär. Selbstverständlich hat Grütters im Zusammenspiel mit dem federführenden Juristen Günter Winands dafür gesorgt, dass die von der Branche völlig zu Recht monierten Wert- und Altersgrenzen angehoben werden (bei Bildern nun auf 300 000 Euro und 70 Jahren, so dass ein Großteil der Gegenwartskunst ohnehin nicht ins Visier kommt). Selbstverständlich können Künstler ihre eigenen Werke nach Belieben und ohne Ausfuhrgenehmigung ins Ausland bringen, und die öffentlichen und privaten Museen dürfen, so der Entwurf des Gesetzestextes, ihren Leihverkehr ins Ausland ebenfalls unbekümmert organisieren, denn zur Verfahrensvereinfachung sind pauschal erteilte Ausfuhrgenehmigungen vorgesehen.

    Während sich der Verwaltungsaufwand auf dieser Branchen-Ebene zweifellos reduziert, ist ein Einwand der Händler aus dem Bereich der Klassischen Moderne und der alten Kunst gegen die Neuregelungen nicht zu entkräften: Sie werden künftig noch mehr Formulare bewegen müssen – zumal Ausfuhrgenehmigungen auch dann zu beantragen sind, wenn Werke ins europäische Ausland geschickt werden, London etwa (»die gesamte zeitgenössische Kunst ist davon nicht betroffen«, heißt es offiziell). Monika Grütters versichert, dass notwendige Ausfuhrgenehmigungen seitens der Behörden kurzfristig erteilt werden. Wenn die Länder jetzt keinen Einspruch einlegen, dann innerhalb von höchstens zehn Tagen. In der bisherigen Praxis seien oft 48 Stunden ausreichend gewesen.

    Trost für den Handel: Auf Seite 50 des Entwurfs wird unter »Stärkung des Kunsthandelsstandortes Deutschland« festgeschrieben, dass das Gesetz »die Position des seriösen Kunsthandels in Deutschland stärkt«, denn der Sammler könne fortan davon ausgehen, »dass die Provenienz des jeweiligen Kulturguts in angemessener, zumutbarer Weise überprüft und er keinen Rückgabeforderungen ausgesetzt ist«.

    Was nach all den Aufregungen in jüngster Zeit bleibt, ist die Erkenntnis, dass Monika Grütters nun ungeheuer zügig den überfälligen Feinschliff am Gesetzesentwurf machen ließ, dass diese zweite Fassung zwar immer noch Paragrafen enthält, die man argwöhnisch sehen muss (etwa Paragraf 81, Überwachung durch den Zoll und die damit verbundene Einschränkung des Brief- und Postgeheimnisses), doch alles in allem müsste Entwarnung angesagt sein. Denn in anderen Ländern in Europa wurde längst vollzogen, teils vor einem Jahrzehnt schon, was Deutschland mit Verspätung erst kurz vor der EU-Deadline umsetzt, nämlich die Kulturschutzgesetz-Novellierung (der deutsche Kunsthandel gewann mithin Zeit, Verwaltungszeit, die er jetzt aber im grenzübergängigen Procedere in die Kalkulation nehmen muss).

    Grütters kann heute allerdings ein Argument in die Debatte werfen, das damals noch nicht greifen konnte: Mit der Neuregelung soll »vor allem gegen den weltweiten illegalen Handel mit Kulturgut vorgegangen werden. Dadurch können auch Finanzierungsmöglichkeiten ausländischer Terrororganisationen eingeschränkt werden, die sich zunehmend aus Raubgrabungen archäologischer Stätten sowie durch den illegalen Handel mit diesen Kulturgütern finanzieren«, heißt es bereits auf Seite 1 des aktuellen Referentenentwurfs.

    So kommt freilich, kaum in die Lektüre eingestiegen, durchaus Verständnis für den Widerstand der Branche auf. Der legale Handel fragt sich, EU hin oder her, warum er plötzlich, Thema Ausfuhr, so viel Papierkram bewältigen muss, ob es von 2016 an tatsächlich mehr nationales Kulturgut geben wird als bisher – und was das alles, Stichwort Einfuhr, womöglich mit dem Islamischen Staat zu tun haben soll. Fazit: Bis zur Verabschiedung des Gesetzes und gewiss auch danach wird es noch reichlich Erläuterungsbedarf geben. Und hoffentlich mehr Sachlichkeit.

    In dieser Ausgabe:Im kommenden Jahr übernimmt Katia Baudin die Leitung der Kunstmuseen Krefeld (Seite 2). Mit Paul McCarthy in die Zukunft des Theaters (Seite 5). Ohne neuen Eröffnungstermin: Christo im Reichstag (Seite 7). Gehobenes Angebot, gepflegter Mix: abc – art berlin contemporary (Seite 8). Altersgrenze für Videokunst-Betrachtung in Norwegen (Seite 11)? Erfolgreicher Ortswechsel in Berlin: Messe »Positions« (Seite 11). Frankfurt am Main: Vom 7. Oktober an läuft die »Biennale des bewegten Bildes« (Seite 13). Folkwang-Preis für Hans Ulrich Obrist (Seite 13). Berlin, die Galerie Kornfeld und Wolfgang Beltracchi (Seite 15). Warum Australien jetzt schon die Kommissarin für die Venedig-Biennale 2017 vorstellt (Seite 17). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 586 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, wenn die öffentliche Hand pro Jahr rund zehn Milliarden Euro für Kultur ausgibt, klingt das für mich im ersten Moment großzügig, zumal der Bund seit Jahren mit gutem Beispiel vorangeht und den Ländern und Kommunen kulturpolitische Rückendeckung gibt, sich selbst und die Etats zu steigern. Dabei sind die deutschen Städte, wie die Kulturfinanzberichte des Statistischen Bundesamtes regelmäßig zeigen, ohnehin führend, wenn es darum geht, etwa Theater, Musik und Kunst zu fördern. Schaut man freilich genauer hin, wie sich zunehmende Kulturausgaben im Detail darstellen, dann kommt uns allen das große Erwachen. Als sich kürzlich in Berlin der Regierende, zugleich in der Rolle des Kultursenators tätig, feiern lassen wollte, weil der Kulturhaushalt 2016 auf 504 Millionen erhöht werden soll, musste er sich von der Opposition knallhart vorrechnen lassen, dass von jenen zusätzlichen 32 Millionen allein die Hälfte des Betrages benötigt wird, um Tarif- und Mieterhöhungen aufzufangen. Kein Wunder also, wenn im Wesentlichen der Status quo erhalten bleibt, wenn nicht wirklich etwas bewegt wird, obgleich mehr Geld fließt.

    Bleiben in diesem Rechenspiel der Haushaltsakrobaten irgendwo ein paar Euro übrig, dann werden sie allerorten dort investiert, wo man sich den höchsten medialen Wellenschlag verspricht, wo die eigene politische Reputation aufpoliert werden kann. Beispiel Berlin: Die sogenannte Freie Szene jault, weil der offiziell gerne sympathisierend auftretende Kulturstaatssekretär Tim Renner ihr keine nennenswerte weitere Unterstützung zukommen lässt. Dagegen hat Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller dafür gesorgt, dass sich Chris Dercon zum Start seiner Intendanten-Ära in der Volksbühne zusätzlich über drei Milliönchen freuen darf. Gut verhandelt, Chris Dercon, dachte ich. Ernüchterung wenige Tage danach, als Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann am 3. September daran erinnerte, dass soeben die 20. Rote Liste der bedrohten Kultureinrichtungen in Deutschland vorgelegt wurde. Finanzielle Probleme beispielsweise in Köln und Bonn. Leere Kassen in Düsseldorf, und die Bundeskulturstiftung, die den Institutionen häufig hilfreich zur Seite steht, hat sich anders entschieden: Förderung für Essen, für die dortige »Schatten der Avantgarde«-Schau (Kasper König), während »Avatar und Atavismus – Outside der Avantgarde« (Veit Loers) in der Kunsthalle Düsseldorf unberücksichtigt blieb und kaum zu finanzieren war.

    Keine Frage: Die Bundeskulturstiftung wird Gründe haben, nur eines der beiden ähnlich strukturierten Outsider-Projekte zu bezuschussen. Am Konzept kann es indes nicht gelegen haben, denn ich habe beide weit im Vorfeld der Ausstellungen lesen dürfen und kann wirklich nicht behaupten, dass das umfangreiche, intelligent verfasste Loers-Papier irgendeinen Einwand zuließ. Im Vergleich wirkte Königs Skript noch grob geschnitzt, obgleich bereits reich bebildert. Aber letztlich scheint es um Qualität allein auch nicht zu gehen. Wohin ich schaue: Überall Konfusion, fehlende Transparenz. Wie kann man beispielsweise auf die Schnapsidee kommen, in diesen Berlin-Boom-Zeiten ausgerechnet für Berlin werben zu wollen? Die Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer investiert in »Pop into Berlin«-Stadtmarketing-Läden, die vorübergehend in Amsterdam, London, Paris, Stockholm und Wien betrieben werden sollen (vom 21.9. an). Täglich werden irgendwo ähnliche Nonsens-Projekte geboren und mit öffentlichem Geld ermöglicht, und ich möchte besser nicht wissen, wie viele Millionen pro Jahr unsinnig verpuffen. Zehn Prozent der öffentlichen Kulturausgaben? Durchaus möglich. Dann handelt es sich um eine Milliarde Euro – und ich merke, wie sich mein Puls beschleunigt.

    In dieser Ausgabe:Das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen bekommt einen neuen Direktor, nämlich Andreas F. Beitin, bislang Leiter des ZKM Museums für Neue Kunst, Karlsruhe (Seite 3). Shooting-Star im Gespräch: Antje Majewski (Seite 4). Ecole des Beaux-Arts, Paris: Jean-Marc Bustamente als Übergangsdirektor (Seite 4). Sotheby’s will sich noch mehr in Indien engagieren (Seite 6). Gefahr für die Moskau-Biennale (Seite 8). Alles startklar für die Berlin Art Week (Seite 8). New York: Über MoMA-Etagen im Luxus wohnen – von 2018 an (Seite 9). Treue Sammler, gesunde Preissteigerungen: Herbert Brandl (Seite 12). Neuer Auftrieb für das Werk von Hann Trier (Seite 12)? Zürich, Cabaret Voltaire: Dadaistischer Geburtstag (Seite 15). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 585 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, Gartenfeste im August – da denkt man an heiße Temperaturen und kühle Getränke, weniger an Branchen-Themen, zumal ohnehin viele Insider irgendwo im Urlaub stecken und die Kunstfamilie folglich eher schwach vertreten ist. So war es auch vor Tagen in Berlin, wo der Sammler und Musikproduzent Siggi Loch, großzügig wie immer, seinen 75. Geburtstag feierte und die Promi-Dichte in der Grunewald-Villa im Wesentlichen der akustischen Fraktion zu verdanken war. Doch unter den rund 180 Gästen traf ich zwei, die seit langem und derzeit mit besonderer Aufmerksamkeit beobachten, was sich in Sachen Museum der Moderne tut. Hatte mir Minuten zuvor noch jemand geflüstert, dass Ulla und Heiner Pietzsch, das kinderlose Sammler-Paar, das der Öffentlichkeit eine stattliche Kollektion von Bildern schenken will, allmählich wirklich die Geduld verliere, nicht länger warten wolle, bestätigten mir die beiden ebenso sympathischen wie betagten Kunstfreunde wenig später den 31. Dezember 2015. Ja, bis zum Jahresende wollen sie sich das alles noch ansehen, dieses zähe Spiel der Interessen beobachten. Dabei machte Heiner Pietzsch deutlich, dass er Kulturstaatsministerin Monika Grütters bewundert, wie schnell sie jene 200 Millionen aufgetrieben habe, die den Neubau möglich machen sollen. Doch zugleich, so die Befürchtung, könne sich der kleine Vorsprung nun schnell wieder in heiße Luft auflösen, wenn von mehreren Seiten allerlei Bedenken und Einwände kämen, die letztlich alles verzögern würden. Pietzsch, der Mann mit dem trockenen Humor, scheint da keinen Spaß mehr zu verstehen, und auch Ulla Pietzsch, in der wunderbar harmonisch wirkenden Beziehung eher für die feinen Töne zuständig, lässt ahnen, dass es ernst wird.

    Natürlich weiß jeder, dass die Schenkung an die Auflage gebunden ist, dass die kostbaren Bilder nicht im Museumsdepot schlummern sollen, sondern öffentlich gezeigt werden müssen. Das ist so vereinbart, und das wollen auch alle Beteiligten so realisiert sehen. Indes: Wann wird es sein, und wie alt werden Ulla und Heiner Pietzsch, beide bereits über achtzig, dann sein? Noch wirken sie topfit, aber sind sie es 2021 auch noch? Dieses Jahr peilt Grütters als Eröffnungsjahr an, natürlich unter der Voraussetzung, dass alles glattläuft, wie sie kürzlich erläuterte. Gewiss: Die Frau hat Eile, nach ihrem Debakel in Sachen Kulturgutschutz-Gesetz in der Kunstszene wieder Pluspunkte zu sammeln. Indessen kann auch sie nichts beschleunigen, was von Haus aus mit Widerhaken versehen ist. Ideenwettbewerb, Realisierungswettbewerb, Genehmigungsverfahren, ja, nicht zuletzt die Grundstücksverhandlungen, obgleich die drei derzeitigen Besitzer entgegenkommend reagieren. Und was ist eigentlich mit der Architektenkammer und ihrer Kritik am Procedere? Schon fürchtet Heiner Pietzsch, es könne sich der Protest von linken oder rechten Architekten-Vereinigungen oder anderen Lobbyisten anschließen, so dass der Neubau vielleicht erst 2025 steht. Dann wäre er, so Gott will, 95 Jahre alt.

    Als ich auf dem Nachhauseweg von der Party an das Gartentisch-Gespräch mit dem Ehepaar Pietzsch dachte, kam mir laufend in den Sinn, dass man den beiden und uns allen natürlich nur wünschen kann, alles möge sich zügig entwickeln, wirklich in fünf oder sechs Jahren fertig sein. Doch haben Ulla und Heiner Pietzsch jetzt irgendein Druckmittel in der Hand? Stichwort 31. Dezember. Rückzug? Wohin dann mit der Kunst? Nach Dresden, wo Heimatgefühle für die Sammler aufkommen könnten, wo die räumlichen Möglichkeiten beeindruckend sind? Wohl kaum, hatte er erörtert, weil es keine reine Expressionisten-Sammlung sei, die man verschenke. Auch ein Verkauf der hochkarätigen Bilder über Auktionshäuser komme nicht infrage, denn was solle man mit dem Erlös anstellen? Erneut Kunst kaufen? Andererseits: Sollten Nichten und Neffen nach dem Tod des Ehepaares in den Besitz der Gemälde kommen, dann müssten Sie jährlich ein Werk verkaufen, rechnete mir Ulla Pietzsch vor, um die laufenden Kosten zu decken, vor allem für die sachgerechte Lagerung. Kurzum: Quasi schachmatt.

    So gibt es nur eine Lösung: Hoffen, dass das Projekt Museum der Moderne in Berlin nicht allzu viele Leute auf den Plan ruft, die sich profilieren wollen. Denn es geht, alles in allem, nicht nur um den gut nachvollziehbaren Wunsch von Ulla und Heiner Pietzsch, die Museumseröffnung selbst erleben zu dürfen. Es geht auch darum, dass diese »Bilderträume« (so der Titel der Pietzsch-Nationalgalerie-Schau im vergangenen Jahr) helfen könnten, Berlin – im internationalen Museumsvergleich eher schwach aufgestellt – in die Top-Liga der Ausstellungshäuser zu katapultieren. Wie schrieb Kollegin Ulrike Knöfel am 27. Juni im »Spiegel«? »Berlin ist die langweiligste Museumsmetropole der Welt«, so bereits die Überschrift, »kaum eine andere Stadt besitzt so viel schöne Kunst – und gibt sich so viel Mühe, Besucher davon fernzuhalten.«

    In dieser Ausgabe:In dieser Ausgabe: Berlins Flughafen Tempelhof als Experimentierbühne für die Staatlichen Museen (Seite 4)? Dank Gerhard Richter eine Villa im Grunewald (Seite 6). Undichte Stelle in Regierungskreisen? Wie der missglückte Referenten-Entwurf in Sachen Kulturgutschutzgesetz öffentlich wurde (Seite 6). Düsseldorf: Museum Kunstpalast auf der Kippe (Seite 8)? Harald Falckenberg als Provokateur und Kurator in Wien, bei Krinzinger (Seite 8). Mailand: Massimiliano Gioni und die Mutterrolle (Seite 11). Wie ein Kunstwettbewerb in Baden-Württemberg floppt (Seite 12). Lyon: Daniel Buren wehrt sich wegen Vernachlässigung seiner Kunst im öffentlichen Raum (Seite 15). Das dritte Ohr von Stelarc (Seite 21). Die Preise von Karin Kneffel (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 584 – Editorial
    Liebe Leser, reden wir nicht um den heißen Brei, egal, wie sehr wir alle Monika Grütters schätzen. Dass die Kulturstaatsministerin ebenso kompetent wie engagiert ist, dass sie im Allgemeinen die Branche versteht und vertritt, dass sie Etat-Mittel besorgt und Möglichkeit öffnet – alles unbestritten, verdienstvoll; Chapeau! Ich habe das oft genug gewürdigt. Doch was sich Grütters in Sachen Kulturgutschutzgesetz geleistet hat, darf ihr kein zweites Mal passieren, wenn sie die ihr bislang reichlich zuströmenden Sympathien in unserer Kunstfamilie nicht komplett verspielen will. Nach wie vor unbegreiflich, wie diese doch überaus politisch denkende Frau einen derart unausgegorenen Referenten-Entwurf in die Öffentlichkeit schleusen lassen konnte. Keine Ahnung, warum sie eine Art Kamikaze-Unternehmen verantworten wollte. Den mittlerweile eingeschlagenen Rückzug hätte sie sich zweifellos sparen können, wenn sie ihr Adressbuch in die Hand genommen und mal ein paar jener Haudegen angerufen hätte, die seit Jahrzehnten im internationalen Kunstbetrieb unterwegs sind und ihr gewiss sofort gesagt hätten, dass der ohnehin vielfach benachteiligte deutsche Kunsthandel diesen Spuk nicht unwidersprochen hinnehmen wird.

    Es ist ja nicht so, dass der von Monika Grütters abgesegnete Referenten-Unfug durch die schlichte Korrektur an einigen Gesetzes-Entwurf-Stellen ad acta gelegt wäre. Logisch, kein Zutrittsrecht zu Privatwohnungen, natürlich andere, nämlich höhere Zahlen in Bezug auf die Bemessungsgrundlage (Alter und Preis eines Kunstwerks) – da wird noch viel Feinarbeit zu leisten sein. Aber weitaus größer wird der Aufwand sein, jenen ohne Not angerichteten Flurschaden nach und nach zu beseitigen.

    Es sind ja nicht nur die Händler und Sammler und ein paar wenige prominente Maler, die vehement auf Grütters und ihren Gesetzesentwurf reagiert haben. Seit vergangener Woche ist beispielsweise ein an den Bundesverband Bildender Künstler gerichteter Brief von rund 100 Malern und Bildhauern im Umlauf, darunter Eva & Adele, Gregor Hildebrandt, Alicja Kwade, Wolfgang Petrick, Römer + Römer und René Wirths, der aufs Deutlichste dokumentiert, dass solche mehr gedankenlos als verantwortlich verfassten Referenten-Papiere eine ganze Branche lahmlegen können. Denn die empörten Künstler machen dem BBK-Vorstand klar, dass beispielsweise bürokratischer Aufwand und massiver Preisverfall, wie sie durch das zunächst vorgesehene Kulturgutschutzgesetz zu erwarten gewesen waren, auf Umwegen auch die Künstler selbst treffen. Dabei geht’s freilich nicht um die Baselitz- oder die Richter-Skala, sondern um das Einkommen der nachrückenden Generation. Die Unterzeichner: »Viele Galerien generieren ihr Geld aus dem Handel mit hochpreisiger Kunst, um damit noch nicht etablierte Positionen unterstützen zu können. Der Handel ist also eine starke Säule für die eigentliche Galeriearbeit.«

    Ergo: Würde man den Handel hierzulande vertreiben, ihn quasi nötigen, verstärkt im oder vom Ausland aus zu arbeiten, dann würde das zwangsläufig auch auf Kosten der jüngsten Gegenwartskunst und ihrer Protagonisten und somit zum Nachteil des Kultur-Standorts Deutschland ausgehen. Das im erwähnten Brief prognostizierte »massive Galeriesterben« mag zwar ein wenig überzogen wirken, doch Tatsache ist, dass unzählige Unternehmen, die ihre Umsätze ausschließlich mit junger, noch nicht etablierter Kunst machen, Monat für Monat den gleichen Eier-Tanz veranstalten, stets gepeinigt von der Sorge, ob man die nächsten Mitarbeiter-Honorare und die Raum-Miete noch zahlen kann.

    Mehrwertsteuer, Folgerecht, Künstlersozialkasse – junge Galeristen, die für Künstler ihrer Generation etwas tun wollen, haben schon heute größte Probleme, die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Viele von ihnen buttern ihr Erspartes, komplette Elternhäuser und das Einkommen aus Nebentätigkeiten in die Galerie-Arbeit – und ohne die überall zu beobachtende Selbstausbeutung scheint es nicht zu gehen. Man kann sich leicht vorstellen, was passiert, wenn sich die solventen Kollegen aus dem Handel und mit ihnen die nennenswerten Sammler von Gegenwartskunst neu orientieren, ihre Aktivitäten ins Ausland verlagern. All das, so fürchte ich, hat im Bundeskanzleramt niemand auch nur eine Minute lang bedacht, als dieser unsägliche Referenten-Entwurf der Branche vorgesetzt wurde.

    Wie schrieb der Münchner Galerist Daniel Blau vor wenigen Tagen an einige Freunde? »Klar«, so der Baselitz-Sohn, »wir sind alle hysterisch. Ich weiß aber auch, warum wir hysterisch sind. Sicher nicht aus Vertrauen in die Politik.«

    In dieser Ausgabe: Neuer Chef für die Tate Britain – vom Spätherbst an wird Alex Farquharson tätig (Seite 2). Wieder auf Reisen: Ai Weiwei (Seite 3). Bringt sich womöglich für Berlin in Stellung: Martin Roth, London (Seite 5). München: Gunter Demnigs »Stolpersteine« weiterhin unerwünscht (Seite 6). Karlsruhe, HfG: Von Peter Sloterdijk zu Siegfried Zielinski (Seite 9). Architektur und Stadt als Thema: Berlin Art Week (Seite 9). Selbstzensur? Gerhard Richter greift ein (Seite 12). Rolls-Royce und die Gegenwartskunst (Seite 12). Abriss erörtert: Buchheim-Villa, Feldafing (Seite 15). Kulturfonds Frankfurt RheinMain mit neuem Förderschwerpunkt (Seite 18). Hilfe für die Kunstvereine: Baden-Württemberg bessert Budgets auf (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 583 – Editorial
    Liebe Leser, Karlheinz Schmid, der Chefredakteur dieses Branchenbriefes, ist nach drei kräftezehrenden OPs zwar wieder auf dem Weg der Besserung, wird aber klugerweise erst im Editorial der nächsten Ausgabe, also im Informationsdienst KUNST 584, wie gewohnt an dieser Stelle das Wort ergreifen. Derweil hält die von Monika Grütters geplante Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes die kunstinteressierte Öffentlichkeit nach wie vor in Atem (siehe Seite 8). Zwar sind die heftigsten Wellen der Empörung, nicht zuletzt verursacht durch einem stellenweise unausgegorenen Referentenentwurf zum Gesetz, mittlerweile abgeebbt. Allerdings haben die harten, teils polemischen Vorwürfe gegen die Novellierung – in einem offenen Brief an Grütters fühlten sich rund 250 Vertreter des deutschen Kunsthandels »erschreckend an nationale Verordnungen der deutschen Geschichte erinnert« – einen Graben aufgerissen (Reaktionen der Branche dokumentieren wir auf den Seiten 5 bis 9, Randspalten). Galt die Kulturstaatsministerin dem Kunstbetrieb bislang als Glücksfall, als sachkundige Verbündete, so sah sie sich auf einmal an den Pranger gestellt. Ihr, so der im offenen Brief der Kunsthändler artikulierte Verdacht, ginge es letztlich darum, »zunehmende Kontrolle über den Kunstbesitz deutscher Staatsbürger sowie über deren Handel zu gewinnen«. Von »Enteignung« war die Rede, von der »Willkür von Beamten« oder der »Vertreibung des deutschen Kunsthandels ins Ausland«.

    Starke Worte. Offenbar sucht sich hier, irgendwie verständlich, der Frust ein Ventil, der sich bei den Galeristen wegen der desaströsen Erhöhung der Mehrwertsteuer von sieben auf 19 Prozent aufgestaut hat; die hierfür in Aussicht gestellte Kompensation wird von den Ländern bekanntlich bis heute torpediert. Ein Skandal für sich. Was das Kulturgutschutzgesetz angeht, so kann die Devise nur lauten: Lassen wir die Kirche im Dorf, halten wir uns an die Fakten, nehmen wir obendrein zur Kenntnis, dass sich Monika Grütters offenbar keineswegs über berechtigte Kritik hinwegsetzt – das beweisen die Modifikationen des Entwurfs, die in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz in Berlin präsentiert wurden.

    Was aber sind die Fakten? Fakt ist, dass Monika Grütters mit ihrer Absicht, den »Schutz von deutschem Kulturgut vor Abwanderung ins Ausland« zu verbessern – und nur gegen diesen Passus der Novellierung richten sich die geballten Beanstandungen –, eine EU-Richtlinie umsetzt, die bereits in 26 von 28 EU-Staaten praktiziert wird. Weshalb blieb dort der Sturm der Entrüstung aus? Fakt ist ferner, dass die Bundesländer schon seit 1955 Kunstwerke als »national wertvoll« deklarieren und so vom Markt fernhalten können.

    Auf einem anderen Blatt steht, was ein Kunstwerk überhaupt »national wertvoll« macht. Hier offenbart sich eine Grauzone, die dringend der Erleuchtung bedarf. Seit 1955, in immerhin sechs Jahrzehnten, wurden bei den Behörden gerade einmal 2700 Eintragungen registriert, und die zeitgenössische Kunst spielte dabei nur eine marginale Rolle. Und daran dürfte sich in Zukunft nichts ändern. Denn angesichts der angepeilten Bemessungsgrundlage bei Ausfuhrgenehmigungen in EU-Staaten – Marktwert des Kunstwerks: mindestens 150 000 Euro; Alter: 50 plus – fällt die zeitgenössische Kunst in aller Regel schlicht durchs gesetzgeberische Raster; mit ihr aber handeln rund 80 Prozent der deutschen Galerien.

    Fakt ist nicht zuletzt: Der überarbeitete Gesetzesentwurf hält unmissverständlich fest, dass Künstler oder Sammler, die Werke aus ihrem Besitz als Leihgaben an Museen weiterreichen, nicht fürchten müssen, ihr Eigentum würde ohne ihr Zutun als »national wertvolles Kulturgut« deklariert und gleichsam museal eingesperrt. »Sobald der Leihvertrag oder der Depositalvertrag beendet ist, endet auch der Schutz als nationales Kulturgut«, heißt es in einem Statement, das Monika Grütters anlässlich ihrer Pressekonferenz verbreiten ließ. Ja, der Leihgeber kann sogar vorsorglich bei der zuständigen Landesbehörde eine Art Garantie anfordern, dass Kunstwerke aus seinem Besitz von der Nobilitierung zum national wertvollen Kulturgut ausgeschlossen bleiben. Georg Baselitz hätte sich den symbolträchtigen Abzug seiner Werke aus deutschen Museen (siehe Seite 1) also sparen können. Ein Musterbeispiel aus der Abteilung Panikreaktionen.

    Klar ist: Die Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes wird kommen. Klar ist auch: Ein Entwurf ist ein Entwurf, also per definitionem dazu bestimmt, dort verworfen zu werden, wo es die Vernunft gebietet. »Das Thema ist zu wichtig für unser Land, um es allein den Emotionen preiszugeben«, mahnt Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der »FAZ«. »Es ist jetzt das oberste Gebot, die Vertrauensbasis zwischen Politik, Kunsthandel, Sammlern und Kultureinrichtungen zu stärken.« Kein Zweifel: Da kommt eine Menge Arbeit auf uns alle zu.

    In dieser Ausgabe:»Germoney« – Die Biennale-Künstler des Deutschen Pavillons solidarisieren sich mit Griechenland (Seite 10). Köln: Völlig überraschend kündigt das Auktionshaus Van Ham eine weitere Achenbach-Versteigerung an (Seite 11). Immergrüne Stadtverwaldung: Volker Schäfer über Beuys und die »Stiftung 7000 Eichen«, Kassel (Seite 13). Avantgarde der Kapitalanlage: Renditebewusste Sammler schwören auf den »Mei Moses Fine Art Index« (Seite 15). Stimmungmache im Netz: Hermann Nitsch sieht sich mit einem Shitstorm konfrontiert (Seite 17). Marktcheck: Jenny Holzers Lichtblicke erzielen sechsstellige Preise (Seite 18). Geldsegen für die Künstler: Berlins Kulturhaushalt wächst kräftig (Seite 21). TV-/Radio-Hinweise (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 582 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, kein Missverständnis, bitte: Seien wir froh, dass es in unserer Demokratie die Gewerkschaften gibt, dass Arbeitnehmerrechte existieren, obgleich wir gerade in diesen Zeiten oft hart auf die Toleranzprobe gestellt werden. Mal müssen wir Reisen absagen oder anders planen, weil nichts fährt oder fliegt; mal nervt es gewaltig, wenn tagelang keinerlei Briefpost ins Haus kommt, wenn man auch abonnierte Zeitungen und Zeitschriften am Kiosk erwerben muss, um aktuell informiert zu sein. Und es gibt extreme Momente, in denen ich mir verzweifelt an die Stirn greife und frage, ob noch alle Beteiligten bei Verstand sind.

    Ein persönliches Beispiel: Am Donnerstag, 25. Juni, wurde ich mit Tatütata in die bestreikte Berliner Charité gefahren, weil ein entzündeter Blinddarm rasch entfernt werden musste. Keine große Sache, normalerweise, in meinem speziellen Fall dann aber vielleicht doch (nach einer Herztransplantation vor acht Jahren). Auf jeden Fall galt es, keine Zeit zu verlieren, sondern schnell zu reagieren. Das passierte zwar auch (sogar am späten Abend noch einmal, weil nach der ersten Operation plötzlich bedrohliche Nachblutungen den Bauchraum füllten), indessen: Der betreuende Arzt musste zunächst die außerordentliche Dringlichkeit meines Falles plausibel machen und das grüne Licht der Streik-Leitung abwarten. Erst dann öffnete sich die Tür zum Operationssaal.

    Arbeitnehmerrechte hin oder her, Tarifstreit in allen Ehren, aber im Verhandlungspoker, ob auf hoher politischer Ebene oder auf eher niedrigem Kalfaktor-Level, geschehen häufig kuriose Prozesse, die zu beleuchten durchaus Sinn macht, um die Strukturen freizulegen und zu analysieren. Apropos: Im zweiten Beispiel, direkt aus einem Mitarbeiterinnen-Büro im Museum in Münster stammend, zeigt sich, dass es in unserer Branche nicht weniger absurd zugeht. Zusammen mit meiner Frau, die wir gemeinsam auch die KUNSTZEITUNG herausgeben, wie Sie wissen, hatte ich im vergangenen Jahr, ohne Namensnennungen der Personen und Häuser, in einer Kolumne ein paar Städte genannt, in denen die Öffentlichkeitsarbeit der Museen nicht überzeugt. Es gebe »echte Fehlbesetzungen«, so veröffentlichten wir im Oktober 2014, »die ihren Arbeitgebern mehr schaden als gewinnbringend tätig zu sein«. Wir berichteten von simplen Nachlässigkeiten bis zur gezielten Verhinderung, und wir hatten tatsächlich auch an die Kommunikationsmitarbeiterin Claudia Miklis vom LWL-Museum für Kunst und Kultur gedacht, aus eigener Erfahrung. Aber sie persönlich vorführen, nein, das wollten wir der Frau nicht antun.

    Doch nun zeigt sich, dass die persönliche Verärgerung der ertappten, beleidigten Mitarbeiterin so weit führt, dass sie unseren Mediaberatern frank und frei sowie gerne triumphierend mit Nachdruck entgegen schleudert, dass sie aufgrund unserer Veröffentlichung nicht eine Anzeige mehr in der KUNSTZEITUNG schalten werde. So Telefonate im Februar und soeben erneut, Ende Juni. Ich frage mich: Geht’s noch? Kann, darf eine Mitarbeiterin mit öffentlichem Geld ihren ganz persönlichen Fehde-Zug gegen einen Verlag führen, ganz unabhängig von der Sachlage? Ja, und wo bitte ist da der Vorgesetzte, der Museumsdirektor, der leider eher schwach wirkende Hermann Arnhold, oder, besser gleich, der LWL-Landesdirektor Matthias Löb, der solchem Treiben sofort Einhalt gebietet? Eine Abmahnung, das wäre wohl das Wenigste, was man erwarten darf. Stattdessen ein schulterzuckender Arnhold auf der Biennale in Venedig, auf den Vorgang angesprochen.

    Der Fall Miklis/Münster, der übrigens auch noch, Tröpfchen auf dem heißen Stein, zu einem überaus dämlichen, peinlichen Anruf von Münster-Veteran Kasper König in unserem Verlag führte, steht für eine Entwicklung, die im Zusammenhang mit den zunehmenden Streiks in allen Branchen gesehen werden will. Auf der einen Seite geht’s in diesem Land ungeheuer demokratisch zu, bis an die Grenze des wirtschaftlich und moralisch Machbaren, andererseits wird Kritik, öffentlich geäußert, am laufenden Band bestraft, am liebsten über finanzielle Sanktionen. Da fühlt sich mittlerweile jede Pressestellen-Mitarbeiterin befugt. Mit Verlaub: Das passt nicht zusammen.

    In dieser Ausgabe: Monet macht’s möglich – Das Städel Museum ist so beliebt wie nie (Seite 4). Erfolgskünstler in der Pflicht: Danh Vo soll nachliefern (Seite 5). Stuttgart: Wegen Fälschungen von Giacometti-Skulpturen muss sich Robert Driessen vor Gericht verantworten (Seite 8). Paris: Nicolas Bourriaud, Direktor der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, wird Knall auf Fall gefeuert (Seite 10). Später Alarmruf: NRW-Kulturministerin Ute Schäfer lässt prüfen, ob das deutsche Kulturgutschutzgesetz den Verkauf der WDR-Kunstsammlung verbietet (Seite 14). Extreme Kunst, moderate Preise: Julius von Bismarck startet durch (Seite 17). Mannheim: Mo Edogas Holzskulptur »Himmelskugel« sollte zersägt werden (Seite 20). TV-/Radio-Hinweise (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 581 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, wir haben diverse Revivals bewältigt oder stecken noch mitten drin. Das Informel wurde bereits mehrmals aufgewärmt und scheint weiterhin zu munden, Pop schmeckt ohnehin immer, und Zero ist noch längst nicht abgeräumt. Doch in der Kuratoren-Küche dampft es schon wieder, gleich wird der nächste Gang serviert, eine Art Nachtisch, sommerlich bunt: Die Münchner Staatsgalerie Moderner Kunst präsentiert im Glaspalast Augsburg deutsche Malerei der sechziger bis achtziger Jahre (2.7. bis 16.10.), und das Städel Museum in Frankfurt setzt auf die Achtziger und die figurative Malerei in der BRD (22.7. bis 18.10.). Beide Künstlerlisten sind natürlich zum Teil identisch. Wesentlicher Unterschied: Die Väter der neoexpressiven Bewegung, etwa Baselitz, Hödicke, Immendorff, Koberling und Lüpertz, sind in Augsburg vertreten, nicht aber in Frankfurt. Im Gegenzug trumpft die Wilde Malerei der nachrückenden Generation in Frankfurt umfangreicher auf. Beispiel: Die Mülheimer Freiheit wird hier komplett als Sextett präsentiert, in der Augsburger Auswahl tauchen dagegen nur Dahn und Dokoupil auf. Diese Verschlankung muss kein Nachteil sein. Gewiss darf man behaupten, dass weder Kever noch der inzwischen gestorbene Naschberger die Geschichte der Malerei wirklich fortgeschrieben haben. Im Rückblick auf die Achtziger stellt sich freilich auch die Frage, ob nun G.L. Gabriel, Bettina Semmer und Thomas Wachweger, die in der Städel-Schau berücksichtigt werden sollen, tatsächlich wegweisende Impulse gegeben haben. Hätten nicht eher Horst Gläsker und/oder Dieter Teusch einbezogen werden sollen?

    Unumstritten in der heftigen Malerei-Fraktion offenbar Dahn, Dokoupil, Fetting, Kippenberger, Middendorf, die Brüder Oehlen, Salomé und Tannert: Sie sind in beiden Ausstellungen vertreten. Dabei war die Wertschätzung in der Hochphase der »halb so Wilden«, wie Alfred Nemeczek einmal treffend schrieb, durchaus unterschiedlich. Das hatte freilich viel mit den drei Zentren neoexpressiver Praxis, nämlich Berlin, Hamburg sowie Köln, und den damit zusammenhängenden Gruppenbildungen zu tun. In unzähligen nächtlichen Battles an den Tresen der damals angesagten Kneipen ging’s hoch her; pro Runde mindestens zwei Beleidigungen. Männersache, Ehrensache. Köln gegen Berlin, Hamburg gegen alle – und dann gleich wieder völlig anders, und zwischendrin ein Tausendsassa wie Martin Kippenberger, der überall zu Hause war, er, der Meister im Beleidigen und Antichambrieren zugleich. Aber auch die Außenseiter, die wahren Einzelgänger, Volker Tannert beispielsweise, konnten sich gut behaupten, vielleicht eben dank ihrer Zurückhaltung. Nach den coolen Siebzigern in der Kunst plötzlich, 1979, dieses Aufdrehen, dieses Aufbegehren, ein Kampf um Pfründe, um Ehre, um Anerkennung. Emotion pur. Kippenberger sauer, weil sich Kasper König gegen ihn und für die Oehlens entschied. Naschberger verzweifelt, wütend, stotternd wie niemals zuvor, weil ihn sein Galerist Paul Maenz früh fallen ließ. Dabei war er nun mal der Schwächste im Sextett. Irgendwo heiße Debatten, weil der Front-Mann der Moritz Boys, Salomé, sich hinterrücks, am Rest der Gruppe vorbei, seine eigene Karriere schnitzte. Mal ehrlich: Kann dieses unverwechselbare Achtziger-Jahre-Fieber heute noch angemessen vermittelt werden? Können Bilder dieser Zeit, die meisten, rein malerisch, eher mäßig, wirklich jenen Aufbruch kommunizieren, den es einst gab?

    Kunsthistorisch betrachtet, so scheint es, gibt es einen Aspekt, der in der gesamten Rezeption dieser Malerei bislang unterschlagen wurde und womöglich auch jetzt nicht gebührend gewürdigt wird. Es geht um die Tatsache, dass wir die Heftige Malerei als Antwort auf die minimalistische, konzeptuelle Siebziger-Jahre-Kunst sehen, dabei aber aus dem Visier verlieren, dass diese kurze Phase (von 1979 bis etwa Mitte der Achtziger, bevor dann Neo Geo einsetzte) in der Verlängerung von Happening und Fluxus gesehen werden kann. Weniger wegen mancher abenteuerlichen Kneipen-Exzesse, sondern aufgrund der Tatsache, dass auch Happening und Fluxus heute nicht mehr wirklich packen, mitreißen, weil die verbliebenen Relikte aller Art nur bedingt vermitteln können, was damals war. So ist es, mit Verlaub, wohl auch in Bezug auf die Heftige Malerei: Sowohl in Augsburg als auch in Frankfurt wird man in den kommenden Wochen sehen können, dass ein Großteil dieser Bilder, Relikte eines neuen, befreiten Künstlertums, allenfalls auf der von Sentimentalität geprägten Wahrnehmungsebene eines Familienalbums anzusiedeln ist. Malerische Qualität – das ist etwas anderes. Hier geht es dagegen vorrangig um den Zeitgeist in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, und so darf die Frage erlaubt sein, ob solche Ausstellungen nicht besser im Deutschen Historischen Museum zu verorten sein sollten als in den klassischen Kunstmuseen. Wenn (im Augsburger Presse-Dossier) von der Entdeckung einer »noch intensiveren und farbintensiven Bildsprache« berichtet wird, dann ist das schlichtweg verzerrt. Die großen Entdecker dieser Malerei waren nun mal die Expressionisten der ersten Stunde, Anfang des 20. Jahrhunderts. Fetting, Salomé & Co. hatten Glück, diese bewährten, dem Kunstmarkt vertrauten Handschriften neu nutzen zu können – um die Motive ihrer Jugend auf die Leinwand zu bringen. Eine große, eine Drei-Sterne-Leistung war das nicht.
  • Informationsdienst KUNST 580 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als ich vor Tagen auf einem Eröffnungsfest eher zufällig einen bekannten Galeristen und seine engagierte Galerie-Direktorin traf und wir im Laufe des Abends, naheliegend, auf alles zu sprechen kamen, was den Kunstbetrieb derzeit beschäftigt, von der missglückten Enwezor-Biennale in Venedig bis zum Strafmaß für Helge Achenbach und die unterschiedlich zu bewertende Rolle jener Männer in seinem Umfeld, ging es irgendwann auch um den Begriff der Wahrheit. Was Wunder: Die Kunst selbst will wahr sein, erkenntnisreich, muss sich aber auf einer merkantilen Drehscheibe behaupten, die häufig vom Gegenteil geprägt erscheint. In einem Klima zunehmender Verlogenheit gradlinig seinen Weg zu gehen, ob als Künstler, Galerist, Museumsleiter, Kritiker oder Sammler, das wird immer schwerer, und allmählich, so meine ich, breitet sich ein Misstrauen in der gesamten Branche aus, wie ich es in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts nicht wahrgenommen habe.

    Zwar mit einem Schmunzeln verbunden, doch unmissverständlich besorgt, so zeigte sich beispielsweise jene Galerie-Direktorin, weil ihr Boss einen Moment lang munter aus dem Nähkästchen plauderte, als sie sich ihrem Nachbarn, einem Banker, widmete und unser Gespräch nicht mehr vollumfänglich wahrnehmen konnte. Ich musste sie beruhigen: Hintergrund-Gespräche bleiben vertraulich; zitiert wird nur, was zuvor ausdrücklich abgestimmt sei. Schließlich: Als Dienstmann könnte ich mich kaum jahrzehntelang in dieser Szene bewegen, wenn ich meine Informanten desavouieren würde, erläuterte ich. Dabei hätte sich die fürsorgliche Frau gar nicht so sehr um ihren Chef und seine Offenheit sorgen müssen. Sie selbst sagte nämlich wenig später freimütig etwas, was normalerweise niemand einräumt, was aber vermutlich sämtliche Galeristen und ihre Mitarbeiter immens quält. Es handelt sich um all die vielen Abende, die man lieber auf dem eigenen Sofa verbringen würde, die sie aber irgendwo mit potenziellen Sammlern absitzen müssen, wo stundenlang getafelt und geschwafelt wird, weil es zu den Usancen der Branchen gehört, dass die besten Geschäfte beim Essen gemacht werden. In der Hoffnung, dieses oder jenes Bild an den Mann zu bringen, also ein Einsatz, der mitunter über das rein Berufliche hinausgeht, wo es plötzlich privat und, wenn kein deutliches Nein kommt, gar intim werden kann. »Konfusion und Prostitution«, so schrieb der vor genau 30 Jahren gestorbene »art aktuell«-Herausgeber Willi Bongard schon in der Blütezeit neoexpressiver Malerei, hätten ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Wie würde Bongard also heute kommentieren, wenn er sehen müsste, dass die Branche zwar mit einem Gegenstand der Wahrheit handelt, aber tagtäglich verführt ist, unlautere Mittel einzusetzen, wenn es um die Distribution geht?

    Die Schuld-Frage wird in solchen Momenten der Bestandsaufnahme schnell gestellt, das versteht sich. Doch Täter und Opfer auszumachen, ist mittlerweile beinahe unmöglich. Der Rollentausch ist programmiert, die Übergänge sind fließend, und in diesem changierenden Treiben wird jeder Täter irgendwann einmal zum Opfer und umgekehrt. Keine Sorge: Ich will die moralische Keule nicht schwingen; ich bin aber versucht, den Widerspruch zu protokollieren, der meines Erachtens bezeichnend ist und der Kunst selbst schadet. Während in den Ateliers, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nach wie vor geforscht wird, bei aller Unterschiedlichkeit im bildnerischen Resultat letztlich Haltung zählt, dreht sich außerhalb der Denk- und Werkstätten das Meiste ausschließlich um Unterhaltung. Von der Galerie-Abendgestaltung übers Messe-VIP-Programm bis zu den oft dubiosen Kriterien der Sammler, dieses oder jenes Werk erwerben zu wollen: Überall Entertainment, gesellschaftlicher Schnickschnack, leichte Kost. Ging es früher, in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ums Ganze in der Kunst, verschattet nun ein Kunstbetrieb die ohnehin schwieriger gewordene Produktion, der sich übermächtig gibt, der das einzelne Bild oder die Skulptur mutieren lässt – aufs Niveau einer Lachsschnitte. Vergänglichkeit, Verderblichkeit, wo ich als junger Mann davon träumte, nur in der Kunst jene Überlebensgröße zu finden, die das Leben unsterblich macht.

    In dieser Ausgabe: Die geplante Louvre-Depot-Verlagerung stößt auf Widerstand der Mitarbeiter (Seite 3). Die Skulpturen-Biennale »Blickachsen 10« ist eröffnet (Seite 3). Nun klagt auch Edgar Walterscheidt gegen Helge Achenbach (Seite 6). Videomesse LOOP in Barcelona: Der Anteil deutscher Galerien soll ausgebaut werden (Seite 8). Museumsstrategen in geheimer Mission: Groupe Bizot (Seite 10). Charles Saatchi als »Dead«-Autor (Seite 11). Moskau: Sammlerin Dasha Zhukova gibt Vollgas (Seite 12). Vandalismus in Dresden (Seite 13). Urheberrecht: Abmahnungen von Galerien durch »FAZ« und »Süddeutsche« (Seite 16). Ärger um ein Böhm-Glasfenster in Bonn (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 579 – Editorial
    Liebe Leser, »ImEx« – das klingt nach rein und raus, nach Import und Export, nach schnellem Geschäft und wird doch zweifellos lange in Erinnerung bleiben. Denn was die Freunde der Nationalgalerie, unterstützt durch den Meisterkreis und das Comité Colbert, unter diesem einprägsamen Titel in Berlin ermöglicht haben, das sorgt in den nächsten Monaten für höchsten Kunstgenuss und reichlich Gesprächsstoff. Womöglich übertrumpft diese fantastische Ausstellung mit einzigartigen Leihgaben aus aller Welt (bis 20.9., Alte Nationalgalerie) sogar die Auseinandersetzung um die Biennale in Venedig, die einhellig und gut nachvollziehbar in der Presse mehr Tadel als Lob kassiert.

    Die »ImEx«-Weichensteller, allen voran Udo Kittelmann, Philipp Demandt und die mit dieser Schau in den Ruhestand wechselnde Kuratorin Angelika Wesenberg, haben es gewagt, eine konzeptionelle Entscheidung zu treffen, die von viel Mut zeugt, die zwei seit ewigen Zeiten stets alternativ vorgeführte Kunstrichtungen aufs Innigste vereint. Was an der Schnittstelle vom 19. zum 20. Jahrhundert als Kunstwende verstanden wurde, nämlich die expressionistische Antwort auf den Impressionismus, erstrahlt nun einträchtig aus der Perspektive einer thematischen Struktur. Maler beider Richtungen suchten ihre Sujets im Alltag, in der Natur, im Stadtraum, auch in Paar-Beziehungen oder Mode-Posen. Erschrickt der Besucher noch im ersten Ausstellungssaal über die kühne Konfrontation vermeintlich unterschiedlicher Richtungen, spürt er bereits im zweiten Schauraum, dass die Staatlichen Museen mit dieser hochkarätigen Auswahl und atemberaubenden Vereinigung herausragender Bilder aus beiden Stilen (insgesamt rund 160) wirklich Großartiges leisten.

    Dass dazu – quasi nebenbei – auch ein kulturpolitischer Aspekt gehört, vermittelt die Tatsache, dass die beiden Kulturministerinnen, Monika Grütters für Deutschland und Fleur Pellerin für Frankreich, die Schirmfrauschaft übernommen haben und somit ebenfalls im »ImEx«-Boot sitzen. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Denn das kunstgeschichtliche Wagnis findet letztlich auf dieser Länderachse statt, wo einst Im- und Expressionismus als moderne Stilrichtungen bewertet und »alsbald klischeehaft gegeneinandergesetzt wurden: französische Heiterkeit gegen deutsche Tiefe« (Demandt/Kittelmann). Zugegeben: Die vermeintlich heiteren Franzosen konnten keine bildnerisch überzeugenden Antworten mehr geben, als der Erste Weltkrieg kam, die Ausstellung endet also mit manch schmerzendem Bild aus Deutschland, etwa Emil Noldes »Schlachtfeld«, 1913, doch zuvor tut sich etwas auf, was man so bislang nicht sehen wollte oder konnte.

    Es behauptet sich leicht, aber meist ist es leider überzogen: Die Kunst-, nein, die Rezeptionsgeschichte muss umgeschrieben werden. Hier stimmt es allerdings. Es überwiegen, alles in allem, weniger die Gegensätze, mag das von diesem oder jenem Pinselduktus noch so aufdringlich vermittelt werden. Einmal mehr: Die Inhalte überlagern das Formale, die Übergänge sind ohnehin fließend. Apropos: Gratulation an die Staatlichen Museen zu Berlin sowie ihrem Generaldirektor Michael Eissenhauer und dem Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann. Besser hätte man die neue Phase, die Zeit ohne die Neue Nationalgalerie, nicht einleiten können als mit diesem Projekt in der Alten Nationalgalerie. Pflichtprogramm in diesem Sommer!

    In dieser Ausgabe: Er will das Kunstmuseum Wolfsburg auf den Prüfstand stellen – Ralf Beil, der neue Direktor, schmiedet Pläne (Seite 2). München, »Zellen«-Schau von Louise Bourgeois: Enttäuschende Inszenierung im Haus der Kunst (Seite 6). Auktionsmarkt: Die Kluft zwischen Christie’s und Sotheby’s vergrößert sich (Seite 8). Zurück nach Turin: Carolyn Christov-Bakargiev (Seite 10). Ausverkauf in Schichten: Van Ham versteigert Achenbach-Firmenbesitz (Seite 10). Venedig: Aus für Christoph Büchels Biennale-Projekt (Seite 14). Widerlich: Berichterstattung über Ernst Fuchs im Magazin »Stern« (Seite 15). Konflikt: Der Kunsthandel wehrt sich gegen die geplante Verschärfung des Kulturschutzgesetzes (Seite 18). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 578 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, zugegeben: Man wird ja nicht jünger. Ich komme gerade aus Venedig zurück, voller Eindrücke, und denke, ganz profan, beim nächsten Biennale-Besuch bequemeres Schuhwerk mitnehmen zu müssen, da entdecke ich in den stattlichen Poststapeln einen Brief meines Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg. Die zuständige Berliner Bezirksstadträtin für Gesundheit und Soziales lädt mich in die Seniorenfreizeitstätte Stierstraße ein. Nein, keinen Vortrag soll ich halten, wie der Wunsch so oft an mich herangetragen wird. Stattdessen möchte man mich, Jahrgang 1953, als Teilnehmer einer Veranstaltung »zur sogenannten dritten Lebensphase« mit Kaffee und Kuchen verwöhnen. »Aktiver Ruhestand«, so heißt das Programm.

    Ja, um Gottes willen, entfährt es mir, sind diese Bezirksverwalter denn total übergeschnappt? Ich bin 61 Jahre alt – und soll aufs Rentner-Dasein vorbereitet werden? Unabhängig von der Tatsache, dass einer wie ich dank der Liebe zur Kunst ohnehin lebenslänglich im Einsatz ist: Sollte man Kaffee und Kuchen nicht besser an die Gescheiterten und wirklich Bedürftigen verteilen? Kann man Personalressourcen und Steuergelder nicht besser investieren, als einem Verleger das Angebot von Bastelnachmittagen im Seniorenkreis zu unterbreiten? Ja, was ist das für eine Gesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger, kaum dass sie die 60 überschritten haben, in die nächste Seniorenfreizeitstätte lockt?

    Die Fragen kommen nicht von ungefähr: Obgleich Okwui Enwezor den Biennale-Blick verbal weit nach vorn richtet, gerne vom Filtern berichtet und mit dem Motto »All the World’s Futures« so manche Hoffnung auf Utopien wecken möchte, gibt sich diese fade Großausstellung, alles in allem, mehr retrospektiv, ob in der Enwezor-Schau oder in den Länder-Pavillons. Wehmut-Festival. Rentner-Programm. Der Biennale-Leiter selbst glaubt zwar, durch die Lesung des mehrbändigen Werks »Das Kapital« allerlei Argumentationsmunition für die Krisenherde dieser Welt zu liefern, doch der vermeintlich politische Schuss geht historisch ins Abseits. Weiß man doch, dass Karl Marx sein Vermächtnis erst schrieb, als jegliche Hoffnung auf Revolution verflogen war.

    So gründelt man als Besucher dieser Biennale laufend dort, wo man für sich selbst längst vor Jahren, gar vor Jahrzehnten, fündig geworden ist. Trüffel-Parade quasi, diese 56. Biennale – von Hans Haacke über Bruce Nauman bis zu Adrian Piper (Goldener Löwe), von Marcel Broodthaers über Fabio Mauri bis zu Robert Smithson. Auch dort, wo jüngere Künstler auftreten, oftmals Erinnerungen an Vergangenes. Der deutsche Pavillon, unsäglich überfrachtet (fünf Künstler, vier Positionen zur Weltlage), einmal mehr als Fabrik, als Werkstatt, als Produktionsstätte. Gleichwohl wenig Zuversicht, am ehesten vielleicht noch in den Arbeiten von Hito Steyerl und Olaf Nicolai.

    Ein dunkles Bild im lichtdurchfluteten Venedig. Kein Trost seitens der Kunst, keine Setzungen, die nach vorn weisen. Natürlich überzeugen die Länder-Pavillons, die nur dem Werk eines Künstlers gewidmet sind, unter dem Strich am meisten (Sarah Lucas für Großbritannien, Pamela Rosenkranz für die Schweiz, Heimo Zobernig für Österreich, Hermann de Vries für die Niederlande), doch Hand aufs Herz: Können wohlduftende Blütenteppiche, gestopfte Körperöffnungen oder minimalistische Architekturtempel heute noch einen nennenswerten Beitrag leisten, die Welt besser zu machen? Ist diese 56. Biennale in Venedig nicht eine fatale Kapitulationserklärung?

    Oberflächliche Gesellschaftsprotokolle einerseits, individuelle Mythologien anderseits. Das alles in viel zu dicht gebauten, miserabel klimatisierten und oft überbordend beladenen Arsenale- und Central-Pavillon-Räumen. Und dann noch François Pinault, der Gegenspieler von Karl Marx, der sich stolz die Händchen reibt, weil es ihm bereits vor der Biennale-Eröffnung gelungen ist, der Kapitalisten-Gemeinschaft Gagosian, Jopling und Ropac acht atelierfrische Großformate von Georg Baselitz abzuluchsen, die Okwui Enwezor gewiss zuvor gefiltert hat, um in seiner Diktion zu bleiben. Mit Verlaub: Höchste Zeit, darüber nachzudenken, ob Kaffee und Kuchen in Berlin, auf Staatskosten, nicht tatsächlich zu bevorzugen sind.
  • Informationsdienst KUNST 577 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, schon im vergangenen Jahr konnte ich attestieren, dass die Art Cologne tüchtig zugelegt hat, dass sie sich wirklich sehen lassen kann. Diesmal hat die neue Struktur auf drei Etagen dazu beigetragen, dass noch mehr Klarheit aufkam. Kleine Einwände unter der optischen Last der schwarzen Deckenverkleidungen (die manchen Aussteller in die Depression treiben können, wenn die Umsätze die Stimmung nicht aufhellen): Oben, bei den Youngstern, vielleicht etwas zu viel Luft, zu großzügig geplant, unten dagegen mitunter zu dicht, zu eng, was teils auch an einigen Stand-Inszenierungen lag). Alles in allem: Reichlich Lob für Daniel Hug, den Direktor, und seinen Projekt-Manager Heinz Schnock. Mit rund 56 000 Besuchern und unzähligen Verkäufen (darunter ein 4,4 Millionen Dollar teurer Warhol) eine erfolgreiche Messe, kein Zweifel.

    Doch das mögen, warum wohl, offenbar nicht alle Kollegen so sehen. Was mich im Zusammenhang mit der Art Cologne 2015 und ihrer medialen Wahrnehmung (siehe auch Seite 3) am meisten irritierte, war eine Kritik der »Süddeutschen Zeitung« in der Ausgabe vom 18. April: »Harmlos wirkt die diesjährige Art Cologne«, schrieb Astrid Mania gleich zum Auftakt ihres Fünfspalters. Schon im zweiten Absatz legte sie nach, damit kein Leser ihr Urteil vergisst: »Die Harmlosigkeit der diesjährigen Art Cologne …«, um dann, aber ja doch, zum Schluss kräftig nachtreten zu können: »Es wird sich erst am Ende der Messe zeigen, ob farbige Harmlosigkeit die richtige Strategie gewesen ist, das überwiegend rheinische und dem Kaufen trotz allem nicht ganz abgeneigte Publikum zu überzeugen«. Mit Verlaub: Es klingt so, als habe jemand Angst vor der eigenen Arglosigkeit und versuche auf Biegen und Brechen eine Radikalität einzufordern, die naturgemäß auch in den heute oft als Relikten empfundenen Werken dieser früheren Zeit nicht mehr zu erahnen ist. Die Blut-Tücher von Hermann Nitsch verblassen, die Minimal-Skulpturen von Donald Judd mutieren zum Design. So ist das nun mal.

    Es könnte freilich auch ganz anders sein: Während sich die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« und »Die Welt«, die beiden anderen bedeutenden deutschen Tageszeitungen, kompetent und engagiert um Markt-Themen kümmern und regelmäßig eigene Seiten produzieren (die »FAZ« sogar in einem speziellen, von Rose-Maria Gropp geführten Ressort), gleitet der Kunstmarkt der »Süddeutschen Zeitung« völlig aus dem Visier. Eher Zufall, wenn große Auktionen und Messen wahrgenommen werden. Die von der Kollegin Mania in Bezug auf die Art Cologne und ihre Aussteller geforderte Strategie wäre gewiss zunächst im Feuilleton der Münchner zu entwickeln. Dabei, so mein Rat, sollten Chefredaktion und Ressortleitung einmal alte Sammel-Bände der Zeitung durchblättern, aus den siebziger und achtziger Jahren, als dort eine starke Frauen-Riege mit Argusaugen den Markt beobachtete und garantiert nichts von »Harmlosigkeit« gefaselt hätte, wenn sie auf einer Kunstmesse unterwegs ist.

    Dass es heutzutage viel schwerer ist, Kunstkritik zu verfassen, einen überbordenden Markt zu analysieren, muss man natürlich einräumen. Es fehlen verbindliche, allgemein verständliche Kriterien; da liegt die Gefahr nahe, das Hochpreisige als das Hochwertige anzusehen und die Preisspirale im Zuge solcher Aufzählungen verkaufter Werke weiter nach oben zu schrauben. Vielleicht lohnt es, darüber nachzudenken, ob künftig auf die Zahlen-Parade zugunsten einer reinen Namensnennung verzichtet werden sollte. Ob Michael Schultz oder die Brüder Schlichtenmaier: Sie alle haben diesmal in Köln positive Bilanz gezogen, in Museen oder in Privatsammlungen verkauft, aber keine einzelnen Verkaufsergebnisse genannt. Zum genauen Hinsehen auf die ausgestellten Werke verführte auch Rosemarie Schwarzwälder, die mich, obwohl wir uns seit Jahrzehnten gut kennen und so viel Persönliches austauschen könnten, einmal mehr mit missionarischem Eifer vor die Arbeiten ihrer Künstler zog und mich vorübergehend vergessen ließ, was rundum passierte. Nein, harmlos war das nicht. Schade, dass Astrid Mania nicht daneben stand. Sie hätte was lernen können.

    In dieser Ausgabe: Mutiges Statement von Peter Raue – gegen Flimm, Peymann & Co. (Seite 5). Gelungene Eröffnung auch dank Renzo Piano im Whitney Museum, New York (Seite 6). Wien: Neue Runde im Kampf um den Beethovenfries (Seite 9). Startklar: »CHINA 8«, das Kunst-Projekt an Rhein und Ruhr (Seite 9). Von London nach Berlin: Offene Fragen zum Wechsel von Chris Dercon (Seite 11). Umschwärmt wie kaum jemand sonst aus dieser Generation: Alicja Kwade (Seite 12). Unort oder Sehnsuchtsort: Das Kulturforum Berlin (Seite 13). Markt-Check: Franz Gertsch (Seite 16). Warum Christie’s seine Auktionen verschiebt (Seite 17). Bremen: Weserburg – weiterhin ein Thema (Seite 19). Der Fall Achenbach, schier endlos (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 576 – Editorial
    Informationsdienst KUNST 576 – Editorial

    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, im Laufe meines Berufslebens habe ich unzählige Bewerbungsgespräche geführt, wohl Hunderte von Bewerbern für diese oder jene Stelle im Verlag kennenlernen dürfen und oft genug beruhigend wirken müssen. Denn den meisten Kandidaten steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben, wenn sie, im kleinen Schwarzen oder ganz lässig in zerschlissenen, vermeintlich coolen Jeans, am Tisch sitzen und überzeugen sollen. Als erfahrener Arbeitgeber merkt man relativ schnell, wie authentisch jemand auftritt, wie verkrampft die Posen sind, wo jemand tiefstapelt oder übertreibt. Natürlich gibt es die Blender, die sich mit gewinnendem Lächeln sofort alles zutrauen, die bisweilen im Alltag am Schreibtisch aber kaum in der Lage sind, die einfachsten Verwaltungsvorgänge zu bewältigen. Andererseits kennt man die sogenannten grauen Mäuse, die bescheiden auftreten, erst nach etlichen Minuten auftauen und von sich aus Fragen stellen, um ihr Arbeitsgebiet kennenzulernen. Psychologisch kein bisschen ausgebildet, wird man dank vieler Bewerbungsrunden, einer immer wieder ähnlich verlaufenden Praxis, bald zum Spezialisten, zum Hinter-die-Fassade-Gucker. Irrtümer freilich immer wieder eingeschlossen.

    Letztlich ist es egal, ob man jemanden als Mitarbeiterin für die Galerie sucht, einen Kunsthistoriker fürs Museum oder eine Koordinationskraft für den Verlag: Man will Leute um sich haben, die ihr Hand- und Denkwerk verstehen, die sich mit der Firmen-Philosophie sowie den Produkten und Dienstleistungen identifizieren können und obendrein gut ins Team passen. Wenn sie in der ersten Reihe stehen sollen, mag auch das Äußere verstärkt eine Rolle spielen, die Eloquenz im Auftritt, die Gesten, die Kleidung. Die Souveränität in Entscheidungsprozessen, die Fähigkeit, Personal zu führen, das Beherrschen von wirtschaftlichem Kalkül, charakterliche Stringenz – durchaus Stichworte, die in den Filter-Vorgang geraten, bevor Zu- oder Absagen verteilt werden. Wenn man, wie ich es gerade mit meiner Partnerin in unserem Verlag machen muss, zwei durchaus verschiedene Positionen gleichzeitig besetzt, dann wundert man sich manchmal, dass es Bewerber gibt, die Arbeitsplätze suchen, für die sie ganz und gar nicht geeignet sind, während andere, die qualifiziert erscheinen, alles tun, um von sich abzulenken. Man wolle inhaltlich arbeiten, so hören wir oft, wenn wir eine Stelle besetzen müssen, die mit Abonnement- und Verteilerstationen-Verwaltung zu tun hat, wo der Kontakt zu den Buchhandlungen und Museumsshops gehalten werden muss, wo es um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf distributiver Ebene geht. »Inhaltlich arbeiten« – was meinen die jungen Leute wohl, denke ich häufig.

    Die Antworten bleiben freilich aus, weil sie allesamt gar nicht wissen, was von ihnen erwartet wird, wie viel Routine-Arbeit selbst für alte Hasen im Kunstbetrieb tagtäglich ansteht. Nein, man kann nicht ununterbrochen kreativ sein, gar das Gelbe vom Ei neu erfinden: Ein Großteil meiner Arbeit besteht daraus, die einmal erfundenen Förmchen zu füllen, Woche für Woche, Ausgabe für Ausgabe. So werden oft Namen und Vorgänge gewechselt, aber die Strukturen, ob im positiven oder zwielichtigen Sinne, bleiben eben gleich. Gewiss wird diese Art Cologne wieder ein paar Neuigkeiten zu bieten haben, selbstverständlich lohnt es, danach beim Gallery Weekend in Berlin unterwegs zu sein, doch muss man als Oldie nicht damit rechnen, vieles zu sehen, was man so oder so ähnlich bereits wahrgenommen hat? Wird uns die Biennale in Venedig tatsächlich fesseln, wenn Olaf Nicolai auf dem Dach des deutschen Pavillons ein paar Arbeiter werkeln lässt, ohne dass man von unten erahnen kann, was sie tun? Glauben wir ihnen, dass sie tätig sind, wie wir einst Walter de Maria in Kassel abnahmen, dass er tatsächlich einen Kilometer tief in die Erde bohren ließ. Es kann also durchaus sein, dass selbst die Künstler heute nicht immer die große Herausforderung spüren. Und da wollen, verbissen, die Greenhorns auf unserem heißen Bewerber-Stuhl »inhaltlich arbeiten«?

    Ärmel hoch, routiniert ans Werk!

    In dieser Ausgabe: Ist Sotheby’s nicht lernfähig, was macht ausgerechnet Tad Smith auf dem Präsidenten-Sessel (Seite 5)? Berlin: ZERO-Schau mit Schwächen (Seite 7). London: Erst sanken die Besucherzahlen, jetzt geht Penelope Curtis von Bord der Tate Britain (Seite 8). Frühlingsgefühle: Auftrieb zum Gallery Weekend Berlin (Seite 8). Demokratisierung der Kunst: Ein Hoch auf Klaus Staeck (Seite 10). Warten auf Licht und Erkenntnis: Die »Vienna Biennale« (Seite 13). Mutiger Belgier auf der Biennale in Venedig: Philippe Van Cauteren bespielt als Kurator den Pavillon des Irak (Seite 15). Vollmundig startet Thomas D. Trummer als Direktor im Kunsthaus Bregenz (Seite 18). Tübingen: Götz Adriani blickt zurück und nach vorn (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 575 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, endlich: Die dritte Suchaktion führte zum Erfolg. Versehentlich war »Betoni« beim Umzug in eine andere Transportkiste geraten als geplant, und nun plötzlich waren Erinnerung und Seh- oder Sehnsucht an das 25 Jahre alte Wandstück aus Beton und Pigment derart groß, dass es nur noch einen einzigen Gedanken gab: Wo, bitte, steckt diese Arbeit von Imi Knoebel? Wie ein Besessener wühlte ich mich durchs Depot, nahm unzählige andere Bilder, Skulpturen und Multiples in die Hand, die ich teils seit Jahrzehnten nicht mehr betrachtet hatte, und nichts schien mich zu trösten. Den Knoebel wollte ich wieder in Händen halten, nichts als den Knoebel.

    Als ich den schweren Brocken schließlich, bestens verpackt, auf dem Boden einer der hölzernen Kisten gefunden und mich tüchtig gefreut hatte, setzte gottlob der Verstand wieder ein. Gewissermaßen die Ernüchterung. Warum fehlt einem von heute auf morgen etwas, was man lange nicht vermisste? Wie kann es sein, dass ein Stück Beton, durchaus schön geformt und wunderbar gefärbt, eine solche Faszination ausübt? Lässt man sich mitreißen von einem Hype um einen Künstler (siehe auch Seite 12), dessen Werke man selbst schon immer überzeugend fand? Sind es gar die gestiegenen Knoebel-Preise, die jetzt dazu verführen, den eigenen bescheidenen Bestand zu sichten?

    Andererseits: Warum diese selbstkritische Wahrnehmung des eigenen Tuns? Ist es nicht eine Chance, dass im Rahmen des zunehmenden allgemeinen Interesses nicht nur die Zahl der Ausstellungen und die teils rasanten Preisentwicklungen diskutiert werden: Wird nicht, quasi nebenbei und zugleich zwangsläufig, das eine oder das andere Statement formuliert, wo die bildnerische Qualität im Knoebel-Werk liegt? Müssen wir nicht dankbar sein, weil solche aufflammenden Trends, ob derzeit Knoebel oder Uecker, auch die Auseinandersetzung mit den Inhalten forcieren, die ohnehin immer zu kurz kommen?

    Letztlich ist unter anderem der ungeheuer gewachsene Bilderberg schuld, dass heutzutage nur noch selten, zu selten, über Kunst gesprochen wird. Rundum begnügen sich viele mit Namedropping, mit der Erwähnung angesagter Künstlernamen, und manche, freilich eher die erfahrenen Insider, mögen sich die neuen Namen erst gar nicht merken, weil von zehn heute gefeierten Youngstern morgen schon neun vom hochtourig drehenden Investitionskarussell geflogen und vergessen sind. Da beruhigt es, einen fleischfarbenen »Betoni« aus der Luftpolsterfolie zu wickeln und die Arbeit an die nächste Wand zu hängen. Reduktion, Konzentration, Andacht – bitte nehmen Sie sich doch jetzt, während der kommenden Feiertage, einmal die Zeit, ins eigene Bilder-Depot zu gehen und eine einzelne Arbeit zu suchen oder zu finden, auf jeden Fall sie mit viel Zeit wahrzunehmen. Das tut so gut, glauben Sie mir.

    In dieser Ausgabe: »Herzschmerz«-CD mit Texten von Markus Lüpertz (Seite 4). Blinde Gewalt: Islamisten-Terror (Seite 5). Die documenta 2017 weiter auf Expansionskurs: Athen und der ganze Süden (Seite 7). Vier Jahrzehnte BVDG (Seite 8). Spanien: Das Sammlerkollektiv »9915« (Seite 9). Konsequent: Der Rücktritt von Bartomeu Mari, MACBA Barcelona (Seite 11). Preis-Check Ulrich Rückriem (Seite 12). Ukraine: Kiew-Biennale wird fortgeführt (Seite 13). Hamburg: Triennale der Photographie in Vorbereitung (Seite 15). Wie Damien Hirst sein Personal sucht (Seite 17). Sammler Steffen Hildebrand etabliert in Leipzig die »G2 Kunsthalle« (Seite 21). Stellenangebote (Seite 21). Umzugsplan beerdigt: Hatje Cantz bleibt in Ostfildern (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 574 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, art KARLSRUHE bewältigt, die Armory Show ebenfalls, TEFAF in Maastricht noch ein paar Stunden lang, derweil schon laufend Planungen für Köln, für die Art Cologne. Überall Kommentare in Sachen Achenbach, soeben verurteilt (siehe Seite 7), natürlich auch die Frage, wie der Fall Yves Bouvier zu bewerten ist (siehe nebenstehenden Kommentar). Und natürlich rundum Gespräche wegen der kommenden Biennale von Okwui Enwezor in Venedig sowie wegen der hierzulande für den Sommer geplanten Großprojekte, darunter »China 8« von Walter Smerling und seinen Museumskollegen im Ruhrgebiet, natürlich Peter Weibels »Globale« zum 300-jährigen Stadtjubiläum in Karlsruhe (siehe Seite 20) und die zehnten »Blickachsen«, die Skulpturen-Biennale von Christian K. Scheffel und seinen Stiftungspartnern im Rhein-Main-Gebiet. Obendrein, im Minuten-Takt, ein E-Mail-Eingang aus Galerien, Projektbüros, Medienagenturen, Kunstvereinen und Museen, der atemlos macht. Viel los, sehr viel, in diesen Tagen, und ich frage mich, wie wir alles offensichtlich dennoch schaffen, in dieser Informationsflut nicht unterzugehen, meist klaren Kopf zu bewahren.

    Natürlich hat jeder von uns im Laufe der Jahre seine Filter-Mechanismen entwickelt, seine persönlichen Tricks, sich am eigenen Schreibtisch zu organisieren. Doch immer wieder einmal liege ich nachts im Bett und denke plötzlich, dass ich diese oder jene Nachricht im Trubel der Tagesgeschäfte nur kurz anlesen konnte, womöglich eine falsche Entscheidung getroffen habe. Aber kann man sich das antun und morgens schon mit schlechtem Gewissen ins Büro gehen, weil man am Vortag, einem Zwölf- bis 14-Stunden-Arbeitstag, vielleicht zu schnell oder zu nachlässig reagiert hat? Darf man sich die Zeit nehmen, noch einmal die alten E-Mails zu lesen, wenn schon wieder Hunderte von neuen Nachrichten darauf warten, auf den Bildschirm geholt zu werden? Ich räume es ein: Der Kunstbetrieb ist – im Vergleich mit der Zeit vor knapp 25 Jahren, als ich diesen Branchenbrief ins Leben rief – derart groß geworden, so ungestüm gewachsen, dass man heute nur noch selektiv wahrnehmen und berichten kann. Auch in diesem Informationsdienst KUNST.

    Dass Sie, die Abonnenten, das alles aus eigener Erfahrung wissen und nachsichtig reagieren, wenn Sie mal diesen oder jenen Hinweis, Bericht oder Kommentar vermissen, schätze ich sehr. Möglicherweise spüren Sie instinktiv, dass mein langjähriger Partner in der Chefredaktion, mein Kollege Jörg Restorff, und ich immer bemüht sind, das Wichtigste für Sie aufzugreifen und recherchieren zu lassen oder es selbst zu tun. Dabei geht es darum, möglichst weit im Vorfeld der Ereignisse oder nahender Katastrophen den Finger auf Schwachstellen oder gar in Wunden zu legen. Denn als Branchen-Angehörige haben Sie allesamt mit vielen jener Menschen und Vorgänge zu tun, die wir ins Visier nehmen, und so sollen Sie möglichst vorzeitig alarmiert sein, wenn es sich beispielsweise empfiehlt, den Rückzug anzutreten. Wir hatten, 2010, als erstes Medium vom damals aufkeimenden Kunstfälscher-Banden-Verdacht Beltracchi berichtet, und wir hatten auch jetzt wieder, als Achenbach inhaftiert wurde, unverzüglich gewarnt, dass alle, die mit ihm Geschäfte gemacht haben, sich darauf einstellen müssen, vor Gericht die Karten auf den Tisch legen zu müssen.

    Dass wir diesen Branchenbrief nun schon so lange und nach wie vor erfolgreich publizieren können, verdanken wir ausschließlich den Abonnenten, also Ihnen. Nicht nur dank der für uns relevanten Abonnement-Gebühren, weil der Informationsdienst KUNST auch weiterhin keine Anzeigen enthalten soll. Sie versorgen Restorff und mich sowie unsere Mitarbeiter obendrein mit unzähligen Tipps und Fragestellungen, mit Pressemitteilungen und empörten Statements, wenn etwa der kulturpolitische Zug wieder einmal in die falsche Richtung fährt. Für all diese Anregungen Ihnen heute einmal aufs Herzlichste zu danken, das ist mir ein Anliegen.

    In dieser Ausgabe: Die Initiative Urheberrecht reagiert auf die »Kulturpolitischen Forderungen« von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (Seite 4). Von Paris nach Peking: HA Schult mit dem Elektro-Auto unterwegs – »Action Blue« (Seite 6). Zürich: Ausstellung mit Barbetrieb – Erinnerung an Dieter Roth (Seite 6). Essen: Sechs Jahre Haft für Helge Achenbach (Seite 7). Kritiker Jerry Saltz im Duell mit Facebook (Seite 7). Die documenta bereitet sich auf den 60. Geburtstag vor (Seite 11). Vom Umgang mit der Presse: Foto-Verbot im Haus der Kunst, München (Seite 12). Von Florian Waldvogel: Brisante Doktorarbeit über Kasper König (Seite 14). Daimler Art Collection: Portfolio-Erweiterung um chinesische Gegenwartskunst (Seite 18). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 573 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, kaum zu glauben: Zwölf Jahre lang hatte Peter Joch die Kunsthalle Darmstadt geleitet, bevor er, Ende 2013, nach Potsdam wechselte, um dort eine neue, eine unwiderstehliche Aufgabe zu übernehmen, wie er es damals selbst formulierte. Er, der Glückliche, sollte als Gründungsdirektor für das derzeit im Bau befindliche Stiftermuseum Barberini des SAP-Mitgründers Hasso Plattner agieren, und er ließ in Interviews keinen Zweifel aufkommen, dass er, Jahrgang 1962, das Haus auch nach der Eröffnung, Ende 2016 beziehungsweise Anfang 2017, leiten wird. Doch plötzlich nun, vom Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft vorgetragen, von Rouven Westphal, das offizielle Aus für Joch, der angeblich darum gebeten habe, von seinem Vertrag entbunden zu werden. Man bedauert, hat aber auch Verständnis dafür, dass sich Joch »angesichts des bevorstehenden Auslaufens seines Vertrages gern vorzeitig neu orientieren möchte«. Ja, »gegenseitiges Einvernehmen«, so heißt es auf unsere Nachfrage, sei gegeben, gleichwohl werden viele offene Fragen nicht beantwortet, weil der Geschäftsführer auf einem anderen Kontinent unterwegs sei und dort einen dichten Terminplan habe, wie Finanzchefin Anja Lange berichtet.

    Zu den offenen Fragen gehört natürlich die Irritation, dass einst von allen Beteiligten signalisiert wurde, dass man Peter Joch als künstlerischen Direktor langfristig eingebunden habe, dass er bereits die programmatischen Weichen für die ersten Jahre nach der Eröffnung stellte (vom Auslaufen des Vertrages keine Rede). Obendrein hatte Joch seine Familie aus Hessen mitgenommen. Allerlei Auslandreisen waren bereits bewältigt, Verhandlungen mit Museen und Leihgebern eröffnet worden: Im Kontext mit dem stetig wachsenden Bau eine hoffnungsvoll stimmende Vorbereitung. Unverständlich also, wie man sich in dieser Situation voneinander trennen kann, wie man nun, im Jahr vor dem Auftakt in Potsdam, eilig einen neuen Direktor finden muss, der aber, Kündigungszeiten eingerechnet, kaum vor Sommer oder Herbst antreten kann. Angesichts der Abwesenheit (Westphal) oder der Verschwiegenheit (Lange) der Potsdamer Museumsspitze der naheliegende Versuch, ein Statement vom bereits ausgeschiedenen Gründungsdirektor zu erhalten. Ebenfalls Fehlanzeige. »Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar«, so sagt die automatische Handy-Stimme, egal, wann man anruft. Joch im Schleudertrauma?

    Das große Abtauchen auf beiden Seiten lässt Raum für Überlegungen. War Peter Joch überfordert? Musste er gehen? Oder wollte er gehen? Ist’s vielleicht zu schwer, mit der kaufmännisch versierten Barberini-Geschäftsführung einvernehmlich zu arbeiten, künstlerisch das Notwendige einzuleiten? Waren die Bandagen, die Rouven Westphal und Anja Lange dem künstlerischen Dirigenten anpassen wollten, zu eng geschnürt? Muss man das alles vor dem Hintergrund der Hasso Plattner Förderstiftung sehen, die auch diese gGmbH finanziert und bisweilen Verträge entwerfen lässt, die allemal in der Kunstszene für Verwunderung sorgen. Von Vertragsstrafen kann da schnell die Rede sein, von Zahlungen bis 500 000 Euro, wenn jemand eine Vertraulichkeitsvereinbarung verletzt. Höchste Vertraulichkeitsstufe dabei wohl für Informationen zur Sammlung von Hasso Plattner. Aber kann man ein Museum für diese Kollektion vorbereiten, wenn kein Wort darüber gesagt werden darf? Quadratur des Kreises? Aber vielleicht ging es auch gar nicht um Juristisches, um die Ermöglichung des Unmöglichen; vielleicht haben sie einfach nur nicht zusammengepasst, rein menschlich, der Joch, die Lange und dieser im interkontinentalen Hintergrund agierende Westphal. Wie auch immer: Jochs Nachfolger muss sich warm anziehen, mag sich der Frühling noch so schnell nähern wollen.

    In dieser Ausgabe: Am 16. März soll das Urteil im Achenbach-Prozess gesprochen werden (Seite 3). Eine Dauerleihgabe ist eine Dauerleihgabe: Noch mehr Beuys für Berlin (Seite 4). Kulturstaatsministerin Monika Grütters warnt vor Google (Seite 6). Was Björk und Volkswagen verbindet (Seite 7). Madrid: Die ARCO zeigte erneut lateinamerikanisches Profil (Seite 8). Berlin: Wie Oswald Egger aus dem Gastspiel der Villa Massimo im Gropius-Bau ein Ereignis werden ließ (Seite 9). Wien: Das Match zwischen »Viennafair« und »Viennacontemporary« (Seite 10). Bern, der Fall Gurlitt und ein Klärungsbedarf der Mäzenin Ursula Streit (Seite 13). Gemeinsame Sache von Susanne Zander und David Zwirner (Seite 14). Der Markt für Arbeiten von Anri Sala (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 572 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, närrische Zeiten, nicht nur im Rheinland, denken wir an London, Sotheby‘s, und an die soeben erzielten 41 Millionen auf der nach oben weiterhin offenen Richter-Skala. Aber eben auch in Düsseldorf geht’s spätestens seit Beginn der Karnevalsperiode 2014/2015 wild zu. Wir erinnern uns: Als Rita McBride am 1. August 2013 (siehe dazu auch im Vorfeld unseren Bericht im ID 530, 13.6. 2013) die Nachfolge von Tony Cragg als Rektorin der traditionsreichen, 1773 gegründeten Kunstakademie übernahm, war halb Düsseldorf vor Begeisterung aus dem Häuschen. Endlich einmal eine Frau an der Spitze der Männer-Domäne, eine Bildhauerin, die sowohl fachlich als eben auch menschlich weithin geschätzt wird, so hieß es, und beinahe täglich erreichten uns News aus dem Rheinland, wie fantastisch und wie liebenswert diese Künstlerin sei, wie engagiert sie ihre neue Aufgabe wahrnehme.

    Im vergangenen Jahr machte dann plötzlich, zunächst noch hinter vorgehaltener Hand, in der Düsseldorfer Gerüchteküche die Nachricht die Runde, dass ihre Regie so großartig nicht sei, ja, dass sie überhaupt nicht teamfähig, sondern eher allzu autark, womöglich gar autistisch veranlagt sei. Das wurde vor allem mit dem Argument vorgetragen, dass es im Rektorat (bestehend aus ihr, den beiden Prorektoren sowie dem Kanzler) ungeheuer kneife. Es wurde irgendwann sogar kolportiert, dass McBride »I hate the Senat« gesagt haben soll (neben dem Rektorat, das laut Paragraf 16, Kunsthochschulgesetz NRW, weitreichende Befugnisse hat, sind Professoren wie Katharina Fritsch, Andreas Gursky, Hubert Kiecol und Marcel Odenbach in diesem Gremium vertreten). Senatssitzungen mochte sie nicht mehr einberufen; sie bevorzugte eigene Wege, um die Akademie-Usancen zu umgehen. Von verschleppten Berufungen, allerlei Provisorien ist die Rede. Kurz vor Weihnachten sollen dann die Prorektoren, Robert Fleck und Johannes Myssok, überaus besorgt Alarm geschlagen und so das Wissenschaftsministerium animiert haben, sich einzuschalten.

    Der selbstherrliche Alleingang von Rita McBride wäre an dieser Stelle vielleicht keine Betrachtung wert, weil man aus anderen Kunsthochschulen weiß, wie schnell sich die Dinge, zuerst beinahe unmerklich, verselbstständigen können, wenn die Professoren so sehr mit ihren eigenen Ausstellungen und Projekten beschäftigt sind, dass ihnen die Sitzungen in der Akademie nur zeitraubend und lähmend erscheinen. Mancher Rektor gerät dann in die Versuchung, als Solist oder im kleinsten Kollegenkreis durchaus bedeutende akademische Entscheidungen zu treffen. Das vorausgesetzt, wiegt die Tatsache schwer, dass McBride in ihrer Anfangsphase als Rektorin in einem Interview forsch behauptet hatte, die Düsseldorfer Akademie bewege sich noch im 18. Jahrhundert. »Ich würde gerne das 21. Jahrhundert erreichen und die Akademie auf das 25. Jahrhundert vorbereiten«, so tönte es vollmundig. Indes: Mit den autoritären Methoden des 18. Jahrhunderts, das sollte die Künstlerin wissen, kann man heutzutage kaum in die Zukunft kommen. Ohne Kommunikation mit den Akademie-Kollegen geht’s nicht.

    Der Düsseldorfer Konflikt zeigt freilich, dass sich – große Worte hin oder her – so schnell an den Hochschulen dieser Art leider nichts ändert. Man gibt sich akademisch und fortschrittlich, aber regiert wie anno dazumal. Von Generation zu Generation. Markus Lüpertz erwähnte beispielsweise im umfangreichen Geschichtsbuch der Akademie (2014 auf Initiative von Tony Cragg im Deutschen Kunstverlag erschienen), Seite 71, dass anlässlich seines Amtsantritts in Düsseldorf, Mitte der Achtziger, erhebliche Spannungen im Rektorat herrschten. Vorgänger Norbert Kricke, so der Künstler, habe »doch allzu willkürlich und sehr eigenmächtig Professoren berufen«. Ressentiments habe es gegeben, in den Sitzungen »mangelte es an einer Autorität«: Klare Sache, dass Lüpertz die Aufgabe unverzüglich stemmte. Im Vergleich dazu eine harmlose Ära der »Gemeinschaft der Meister« (Lüpertz), als Cragg das Rektorat übernahm. Natürlich auch in seiner Zeit mal ein paar Dispute, etwa als sein Freund Richard Deacon berufen wurde, doch alles in allem eine ruhige Phase. Dass die Wellen in der Eiskellerstraße nun wieder hoch schlagen, in manchen Momenten sogar an den Herbst 1972 denken lassen (als Beuys entlassen wurde), kann man auch positiv deuten. Schließlich sollen Kunsthochschulen lebendige Organismen sein; jede Auseinandersetzung dient diesem Ziel.

    In dieser Ausgabe: Doppelter Grund zum Feiern – Hans Mayer kann auf 50 Jahre Galerietätigkeit zurückblicken und sich zugleich auf den Art Cologne-Preis 2015 freuen (Seite 4). Felix M. Michl, Heidelberg, über juristische Probleme der Auflagenlimitierung (Seite 5). Mexico City: Ausladung für Hermann Nitsch (Seite 8). Wiesbaden: Kunstfälscher-Prozess als Marathon-Verfahren (Seite 9). Ben Kaufmann über das »Modell Kunstverein« (Seite 11). Winterthur: Machtkampf in der Stefanini-Stiftung (Seite 14). Was Ai Weiwei und Til Schweiger verbindet (Seite 14). Michel Houellebecq und die Kunst (Seite 19). Stellenangebote (Seite 20). Auf Erfolgskurs: Olaf Nicolai (Seite 22). Gerd Rohling nun bei Contemporary Fine Arts, Berlin (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 571 – Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, selten so viel Aufregung beobachtet wie diesmal. Kaum war der Branchenbrief 570 ausgeliefert, traf zuerst ein fünfseitiger Faxbrief aus einer Berliner Anwaltskanzlei ein, bevor wenig später zudem ein Bote im Verlag auftauchte. Andreas Gursky hatte seinem Anwalt die Vollmacht, ihn zu vertreten, am 22. Januar signiert. Bis zum 23. Januar, 12 Uhr, sollte bereits eine einvernehmliche Lösung erzielt sein, weil man dem Mandanten andernfalls raten wollte, seine Ansprüche gerichtlich geltend zu machen. Es ging natürlich um die Titel-Story, um die Frage, was Andreas Gursky mit Helge Achenbach zu tun hatte. Mir blieben also genau drei Stunden, um zu reagieren. Ich brauchte keine fünf Minuten, um in der Kanzlei anzurufen – und wenig später schon im allerersten Telefonat folgender tagelanger Verhandlungen (siehe auch Seite 4 dieser Ausgabe) darauf hinzuweisen, was in unserem Text unmissverständlich vermittelt war: Wir hatten aus dem Gerichtssaal berichtet; was wir veröffentlichten, war teils vom Richter selbst vorgetragen und dokumentiert worden.

    Nervositäten gleichwohl auch andernorts, etwa bei Benjamin Katz, Köln, der morgens auf dem Anrufbeantworter zu hören war. Mehrere Telefonate folgten. Bald auch lag eine Expertise aus dem Atelier von Georg Baselitz vor, ein bereits vor exakt 24 Jahren ausgestelltes Schriftstück, in dem der Baselitz-Sekretär Detlev Gretenkort bestätigte, dass das im Gericht erörterte Bild »Ohne Titel« aus dem Jahr 1958, im Besitz von Benjamin Katz, vom Künstler nicht mehr als Schülerarbeit gesehen werde, sondern als Nummer eins ins Werkverzeichnis der Gemälde aufgenommen wird (im Gerichtssaal war der Eindruck entstanden, die Aufnahme ins Werkverzeichnis sei erst im Hinblick auf den geplanten, aber dann nicht mehr realisierten Verkauf zustande gekommen; siehe dazu auch Seite 5 dieser Ausgabe).

    Ob Gursky oder Katz/Baselitz: In beiden Fällen zeigt sich, dass der Achenbach-Prozess nun viele Insider, die mit ihm zu tun hatten, selbst ins Zwielicht ziehen könnte. Durchaus nachvollziehbar, dass sie sich wehren, dass sie mit allen Mitteln versuchen, jeglichen Verdacht von Komplizenschaft weit von sich zu weisen. Im Einzelfall muss freilich berücksichtigt werden, wie es überhaupt zu Vermutungen kommen kann, dass Achenbach seinen Betrug nicht im Alleingang begangen hat. Richter Johannes Hidding, der Woche für Woche mit zahlreichen Zeugen-Vernehmungen zeigt, wie sehr ihm die Wahrheit am Herzen liegt, dass kriminelles Tun im Kunstbetrieb diesmal nicht als Kavaliersdelikt betrachtet werden soll, hielt beispielsweise einen Screenshot hoch und ließ zu Protokoll nehmen, dass die Nummer zwei der umstrittenen Gursky-Edition offenbar zweimal verkauft worden sein soll, einmal an Christian Boehringer, einmal nach Sydney. Was Hidding zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Art Gallery of New South Wales in Sydney, die mittlerweile erklärt hat, die Nummer 6/6 dieser Edition zu besitzen, hatte versehentlich (aus der Matthew Marks Gallery in New York) eine Rechnung mit der Editionsnummer 2/6 erhalten.

    Gleichwohl lenkt dieser vom Gursky-Handel selbst verschuldete richterliche Irrtum den Blick ins Geschäft mit den Foto-Editionen. Denn die Vorgänge sind auch für Insider nicht immer plausibel. Wenn es beispielsweise zum Zeitpunkt des Verkaufs an Christian Boehringer (wider Behauptungen vor Gericht in Essen) noch weitere verfügbare Exemplare der Werkserie »Ohne Titel XII« gab (und laut Galerie Sprüth Magers auch heute noch gibt), stellt sich die Frage, warum ein neues Exemplar für den Sammler produziert wurde, warum eine Formatabweichung ausgerechnet beim Exemplar 2/6 vorzuliegen scheint (das hatte der Gursky-Anwalt telefonisch noch eingeräumt, wie bereits am 22.1. schriftlich formuliert). Ich habe diese und zahlreiche andere Fragen an den Anwalt gerichtet, der seinerseits dann Sprüth Magers zur Beantwortung hinzuzog und mitunter Statements lieferte, die dann alles wieder ganz anders darstellten: »Es wurde für Herrn Boehringer kein eigenes Format entwickelt«, so heißt es unter anderem (29.1.).

    Und weiter: »Die bereits Jahre zuvor produzierte Edition 2/6 befand sich in New York, der Zustand war nicht eindeutig geklärt, und die Arbeiten hätten nach Deutschland gebracht werden müssen. Herr Gursky wollte sicherstellen, dass Herr Boehringer einwandfreie Arbeiten in bestmöglicher Qualität erhält, und schlug daher eine Neuproduktion der Arbeiten vor.« Und was ist mit 2/6 in New York, so muss nun weiter gefragt werden: »Die Exemplare der ursprünglichen Edition 2/6 wurden zu Ausstellungskopien für Museen umgewidmet«, so heißt es offiziell. Exemplare? Ausstellungskopien? Plural? Ging es nicht um ein einziges Editionsexemplar, um die 2/6?

    Kurzum: Irritationen, wie sie den Kunstmarkt und das Vertrauen in ihn belasten, sind meines Erachtens von den Künstlern und ihren Vermittlern in vielen Fällen selbst verursacht. Wer zum Beispiel im Hatje-Cantz-Katalog zur großen New Yorker Gursky-Ausstellung (MoMA, 2001) die Seite 184 aufschlägt, der liest: »Andreas Gursky gibt nie die exakten Maße der Bilder an, und es erwies sich als wenig zweckmäßig, die Angaben für diese Buchausgabe genauer zu bestimmen. Überdies können die Abmessungen der Bilder pro Auflage geringfügig variieren«. Klartext: Künstlerische Freiheit in allen Ehren, kein Thema; aber womöglich verträgt der Markt dort keine Spielräume, wo es im Falle eines für Präzision bekannten Gesamtwerks um unveränderliche Fakten gehen sollte. Richter Johannes Hidding, ein kluger Kopf, wird jetzt gewiss noch sorgsamer in die Abgründe der Achenbach-Geschäfte vordringen.

    In dieser Ausgabe: Winfried Nerdinger äußert sich zur bevorstehenden Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums in München (Seite 6). Im Kulissengespräch: Martin Roth, London, als Intendant für das Humboldt-Forum in Berlin vorstellbar (Seite 8)? Riehen/Basel: Erweiterungsbau für die Fondation Beyeler dank Hansjörg Wyss und Stefan Schmidheiny (Seite 9). Ohne großes Aufheben: Friedrich Christian Flick beschenkt die Nationalgalerie erneut (Seite 12). Endlich: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sucht Kunst-Kontakt (Seite 14). Wie sich das Franken-Euro-Problem auf dem Kunstmarkt auswirkt (Seite 15). Was Duisburg dem Sammlerehepaar Sylvia und Ulrich Ströher verdankt (Seite 18). Markt-Preis-Check Bettina Rheims (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 570 - Editorial
    Zum Artikel „Künstler als Komplizen?“ in unserer aktuellen Ausgabe:
    Die Art Gallery of New South Wales in Sydney hat erklärt, nicht die Edition 2/6 des Gursky-Werkes „Ohne Titel XII, Nr. 3“ zu besitzen, sondern die Edition 6/6. Damit ist der Vorwurf widerlegt, der Künstler Andreas Gursky habe die Edition 2/6 zweimal verkauft.

    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, während rundum noch alle, mit denen ich im täglichen Gespräch bin, unter dem Massaker von Paris leiden und schockiert sind, was Meinungsfreiheit auslösen kann, erreicht mich eine E-Mail in einer vergleichsweise wirklich harmlosen Kommentar-Sache, die obendrein bereits ein Jahr zurückliegt. Im Informationsdienst KUNST, Nummer 544, datiert vom 9. Januar 2014, hatte ich mir erlaubt, die damals noch im Planungsstadium befindliche ZKM-Schau »Beuys Brock Vostell« infrage zu stellen. Ja, mehr noch: Ich hatte gewagt, von einer Schnapsidee zu berichten, von der Umschreibung von Kunstgeschichte. Denn es schien mir völlig absurd zu sein, dass Bazon Brock, als Theoretiker und Vermittler weithin geschätzt (was ich auch schrieb), nun plötzlich gleichrangig mit Beuys und Vostell als bildender Künstler auftaucht. Dass Brock mit zunehmendem Alter immer häufiger versuchte, nicht nur als kluger Kopf wahrgenommen zu werden, sondern auch als ehrgeiziger Arbeiter im Warenhaus der Gegenwartskunst, war nicht zu übersehen, doch ihn nun, eben im Jahr 2014, als »bedeutenden deutschen Aktionskünstler der Nachkriegsmoderne« (so das ZKM) sehen zu wollen, das war mir zu viel.

    Obgleich ich es letztlich nicht mehr schaffte, die Ausstellung selbst in Karlsruhe zu sehen und mich mit Fotos, Fernsehbildern und einer Video-Aufzeichnung des Eröffnungsredners Brock begnügen musste (der Katalog ist immer noch nicht fertiggestellt): Ein Rundgang durch die Schau hätte ohnehin zu keinem anderen Urteil führen können, weil das Konzept selbst fragwürdig ist.

    Eingeräumt: Es gibt allerlei Archivalien und eigene Beobachtungen, die belegen, dass der junge Bazon mit Beuys und Vostell zu tun hatte, dass er bisweilen in den Diskurs eingebunden war. Das aber hatte ich gar nicht bestritten. Es ging mir vor einem Jahr ausschließlich um eine Verzerrung, die zweifellos aus dem eitlen Anspruch des Weibel-Freundes Bazon Brock resultiert, nun auch noch museale Weihen als bildender Künstler auf dem Niveau von Beuys und Vostell erfahren zu wollen.

    Sie werden als erfahrene Branchenkenner selbst eine Meinung dazu haben: Ich bleibe dabei, dass Vostell und insbesondere Beuys kunsthistorisch weit vor Brock anzusiedeln sind, dass es ein verdammt kühnes Unternehmen war, in Karlsruhe ausgerechnet dieses Trio zu präsentieren. Wenn es um die drei bedeutenden deutschen Aktionskünstler der Nachkriegszeit geht, dann hätte Peter Weibel als Hausherr und verantwortlicher Kurator unbedingt HA Schult berücksichtigen müssen, nicht aber Brock.

    Dass er, der »o. Univ. Prof. em. Dr. sc. tc. hc. phil. hc.«, wie er seine E-Mails abschließt, nach einem langen Telefonat, das wir im Sommer führten, jetzt noch einmal nachlegt und droht, »den Fall öffentlich verhandeln zu lassen«, weil er den Tatbestand bösartiger Verleumdung und Rufschädigung erfüllt sieht, zeigt einmal mehr, wer dieser Bazon Brock wirklich ist. Gnadenlos teilt er aus, beleidigt gerne andere, reagiert aber wie eine Mimose, wenn er irgendwo ein paar Zeilen Kritik einstecken muss. »Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme«, hat er, der Brock, einst geschrieben. Anders formuliert: Wer keine Probleme hat oder die Probleme der Welt nicht zu beantworten weiß, der macht sich welche – und droht damit, gegen mich zu prozessieren. Ich schaue einer solchen Klage gelassen entgegen.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Neues Kunstmagazin in Vorbereitung. Cornelius Tittel plant es – für »Die Welt« (Seite 3). Museen und »Je suis Charlie« (Seite 4). Wie die Kunstszene auf den Terroranschlag in Paris reagiert (Seite 7). Wie Christie’s und Sotheby’s ihr Geschäft mit Garantien forcieren (Seite 9). Berlin, Gemäldegalerie: Sandro Botticelli im Anmarsch (Seite 10). Intendanten-Suche für das Humboldt-Forum läuft hochtourig (Seite 12). London: Martin Roth will das Victoria & Albert Museum im Osten der Stadt dank einer Dependance erweitern (Seite 13). Tania Bruguera im politischen Kampf (Seite 15). Markt-Check Rineke Dijkstra (Seite 20). Wie »Kraftwerk« in der alten Neuen Nationalgalerie auftrumpfte (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 569 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, nein, keine erneuten Vorsätze, bitte; nicht das Übliche zum Jahreswechsel. Sie wissen schon: Nikotin, Alkohol, Ehebruch. Auch keine Sprüche im Sinne von »Weniger Shopping, mehr Sport; weniger Stress, mehr Umsatz«. Oder mal wieder ins Atelier eines Künstlers gehen, sich Zeit nehmen, ein Werk genau zu betrachten. Der Alltag holt uns schließlich schneller ein, als es uns recht ist. Kaum bricht die dritte Kalenderwoche des neuen Jahres an, ist doch ohnehin wieder alles beim Alten. So läuft das, Jahr für Jahr, von Silvester zu Silvester. Zurück bleibt allenfalls ein Unbehagen, weil man den inneren Schweinehund nicht besiegt hat, weil man schon im Januar so weitermacht wie zuvor, kurz vor den im kleinen Kreis vorgetragenen, selbst gemachten Vorsätzen. Also lieber, vorsatzlos, weiter, immer weiter. Es wird Gründe geben, dass wir uns nicht ändern können oder wollen. Und zum Glück muss nicht jeder einen schweren Schicksalsschlag, etwa gesundheitlicher Art, oder den Hammer geltenden Rechts erfahren, um zur Einkehr zu finden, um quasi notgedrungen solide zu werden.

    Sparen wir uns also in unserer Glückwunsch-Post an Freunde und Bekannte die eindringlichen Bitten und Empfehlungen sowie jegliches Flehen nach einem Befehl von oben. Gehen wir schlichtweg zur Tagesordnung über. Neues Jahr, alte Pflichten. Jeder an seinem Platz. Radikale Erneuerung nur, wenn die Umstände es vorgeben, wenn die eigene Identität über fremde Regeln stolpert, die uns zutiefst zuwider sind, die ein weiteres Verweilen in dieser Branche unmöglich machen. Was kann das sein? Der Krampf der Länder-Finanzminister in Sachen Mehrwertsteuer (siehe Kommentar in der Randspalte)? Die Arglosigkeit der Politiker in Bezug auf das die Kultur bedrohende Freihandelsabkommen? Der selbstverursachte Hochpreiswahnsinn im Kunsthandel? Aber was dann, würden wir, wegen der sauberen Haltung und dem klaren Blick in den eigenen Spiegel, die Kunst und vor allem den Betrieb verlassen? Kaum vorstellbar, ein solcher Schritt, je älter man wird. Also besser im Sinne von Bundestagspräsident Norbert Lammert »Gestaltungsehrgeiz« entwickeln? Skepsis ist angesagt, zumal im konkreten Fall (TTIP-Geheimverhandlungen; Lammert in seiner Empfehlung an den Deutschen Kulturrat) noch nicht mal unsere Bundestagsabgeordneten sicher sein dürfen, dass sie am Ende stimmberechtigt gefragt sein werden.

    Das Beispiel zeigt, wie schnell man ins Fahrwasser der Wünsche und Vorsätze gerät, wie naheliegend es erscheint, ein Ziel zu verfolgen. Während die Stichworte in festlicher Runde oder in trauter Zweisamkeit an Silvester häufig Gesundheit, Glück und Liebe lauten, sind sie weniger später bereits fest im Materiellen verwurzelt. Da will ein Museumsdirektor, Befehl von oben, die Besucherquote erhöhen; dort will ein Galerist künftig nur noch 250 000 Euro pro Jahr für seine Messe-Teilnahmen ausgeben, und nebenan meint jemand, er müsse 2015 dringend seine Personalkosten senken. Alles gut und womöglich sinnvoll: Aber wo bleibt das Grundsätzliche, wo ist die Antwort auf die Frage, warum wir Masse und Kasse machen wollen, warum schlankere Strukturen angestrebt werden sollen? Geht’s in der Kunst jetzt im Wesentlichen nur noch ums Betriebswirtschaftliche, um Kostendämpfung und um Effizienzsteigerung, wie in jeder x-beliebigen Branche? Das wäre fatal. Dann wäre, wider den Vorsatz, ein Vorsatz fällig: Gegensteuern, bitte!

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Wie erwartet – Kasper König dirigiert auch die »Skulptur Projekte« 2017 in Münster (Seite 3). Hessens Kunstminister Boris Rhein leitet knapp zwei Millionen fürs laufende documenta-Geschäftsjahr nach Kassel (Seite 4). Helge Achenbach als Künstler, als Landschaftszeichner (Seite 6). Neue Asien-Chefin für die Art Basel Hong Kong gefunden: Adeline Ooi (Seite 9). Berlin: Michael Schultz kritisiert den BVDG (Seite 10). Wien: Kunstminister Josef Ostermayer auf Sparkurs (Seite 11). Markt-Entwicklung: Vanessa Beecrofts Preise fallen (Seite 13). Konflikt wegen Beuys-Film und staatlicher Produktionsförderung programmiert (Seite 14). Kino der Kunst, München, ohne Peter Greenaway (Seite 20). Stellenangebote (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 568 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, zum Jahresende ist man natürlich geneigt, im Rückblick noch einmal all diese Ereignisse zu bewerten, die unsere Branche in den vergangenen Monaten beschäftigt haben. Dabei fällt auf, dass man sich leicht an die Affären und Unzulänglichkeiten erinnert, dass man die Bilanz spielend mit Themen wie Achenbach und Gurlitt oder wie Mehrwertsteuer und Freihandelsabkommen füllen könnte. Doch so manche Hängepartie, die letztlich Zeugnis von der Befindlichkeit der Szene und der Fragwürdigkeit ihrer Usancen gibt, verursacht nichts anderes als viel schlechte Laune. Und davon hatten wir 2014 zweifellos reichlich bewältigen müssen. Versuchen wir es also, kurz vor Weihnachten, mit einem dialektischen Ansatz: Wo Schwarz zu finden ist, muss auch Weiß auszumachen sein. Vielleicht ist ja doch alles nur ein Standpunkt-Problem, eine Frage der inneren Einstellung zu den Menschen, den Gegenständen oder den Prozessen. Während mancherorts – auch hier in diesem Branchenbrief – immer wieder über die Wahnsinnspreise geflucht wurde, die rauschhaft in Auktionen sogar für jüngste Kunst erzielt wurden, gab es, mehr heimlich, andernorts viel Freude, weil keine Aktie solche Mega-Renditen bringen kann. Kunst als Kapitalanlage – oft verteufelt, von den erfolgreichen Auktionatoren und ihrer einliefernden Kundschaft dagegen hoch gepriesen.

    Das naheliegende Beispiel mag für eine Methode stehen, die man anwenden kann, wenn der eigene Frustpegel so hoch steigt, dass über Grundsätzliches nachgedacht wird. Haben wir nicht alle irgendwann, in einer schwachen Minute, schon mindestens einmal darüber nachgedacht, den Kunstbetrieb zu verlassen? Aber vermutlich ist es die Kunst selbst, die uns hält, die Zuversicht vermittelt und uns doch weitermachen lässt. Zumal wir weder im Autohandel noch im Immobiliengeschäft oder in der Modeszene oder in der Werbung bessere Bedingungen vorfinden. Mit harten Bandagen wird allerorten gekämpft, und die gesellschaftlich zunehmende Geistlosigkeit ist in unserer Kunstfamilie womöglich noch überschaubar, weil man dann und wann mit Freunden und Bekannten zu tun hat, die ebenfalls angewidert sind, wenn es nur noch um oberflächliches Getue geht. So planen wir, nicht auszusteigen, lieber in der vertrauten Infrastruktur weiterhin klar Position zu beziehen und den geraden Weg zu bevorzugen. Und, zweiter Vorsatz für 2015: Nehmen wir uns zudem vor, die Dinge gelassener zu betrachten – schon aus Gründen des Selbstschutzes. Es macht ja keinen Sinn, sich laufend aufzuregen, sich selbst infrage zu stellen, weil man beispielsweise als erfolgreicher, seit Jahrzehnten tätiger Galerist nicht mehr auf dieser oder jener Kunstmesse zugelassen wird. Lieber andere Wege suchen, flexibel und dabei kreativ auf die jeweilige Situation zu reagieren – das ist gewiss die gesündere Antwort.

    Natürlich ist es nicht immer einfach, Rückschläge und Widerstände (etwa die derzeit überall diskutierten Ausladungen der Art Basel selbst für renommierte Händler) wirtschaftlich zu verkraften und sie eben nicht persönlich zu nehmen. Aber diese Enttäuschungen können auch als Herausforderung dienen, um in neue Gefilde aufzubrechen. Am besten damit beginnen, nach den positiven Nachrichten zu suchen, einen Blickwechsel zu wagen. Wo sind sie, die großartigen Ereignisse, die Lichtblicke in einer oft nachdenklich stimmenden Situation, die zum Jahresende wieder manchen Künstler und Galeristen aufhören lässt, die Museumsleute in die innere Emigration treibt, weil ihnen Personal und Etatmittel fehlen, die nur noch mit der Akquise beschäftigte Kunstvereinsdirektoren verzweifeln lässt? Ja, zugegeben: 2014 haben, aus meiner Sicht, die schlechten Nachrichten überwogen, aber ein paar Hoffnungsfunken gab es dann doch noch, etwa die alle überraschende, plötzlich vorhandene Bewilligung der 200 Bundes-Millionen für den dringend erforderlichen Museumsneubau in Berlin. Solche News geben Auftrieb, sie machen Hoffnung und gute Laune. Und davon können wir alle viel gebrauchen.

    P.S.: Die nächste Ausgabe dieses Branchenbriefes, die erste im Jahr 2015, wird am Donnerstag, 8. Januar, erscheinen und dann wieder vor dem Wochenende in Ihrem Briefkasten liegen.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Dank der Sammler Sylvia und Ulrich Ströher bekommt das Museum Küppersmühle in Duisburg nun doch noch seinen Erweiterungsbau (Seite 2). Zum Abschied ein Giftpfeil von Klaus Wowereit gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 7). Wiener Secession in Bedrängnis – wegen Rückgabe-Forderung in Sachen Beethoven-Fries von Gustav Klimt (Seite 9). Über 2000 Fälschungen aus der Werkstatt von Christian Goller im Umlauf (Seite 9)? Der Kunsthandel wartet weiterhin auf den Anwendungserlass zur Pauschalmargen-Besteuerung (Seite 12). Ohne Selbstkontrolle, viel Verherrlichung: TV-Serie »Der Meisterfälscher« (Seite 16). Duisburg: Krach hinter den Kulissen des Lehmbruck-Museums (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 567 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, lange bevor sich der Widerstand gegen den geplanten Verkauf der WDR-Kunstsammlung auf breiter Ebene formierte, haben wir in unserer Ausgabe 548, datiert vom 6. März 2014, ausführlich berichtet und den nach eigenen Angaben vor allem Liebe mitbringenden Intendanten Tom Buhrow gefragt, ob er damit auch die Liebe zur hauseigenen Kunst gemeint haben könnte. Auch in dieser Ausgabe, eben in diesem Editorial und siehe zudem Seite 10, greifen wir das Thema WDR und Ausverkauf der Kunst erneut auf und lassen Walter Vitt, den ehemaligen AICA-Vorsitzenden, zu Wort kommen, weil er als Kunstbeauftragter des Senders einst wesentlich am Aufbau der Sammlung beteiligt war. Kurzum: Wir nehmen die Tatsache ernst, wenn angesichts hoher Kunstmarkt-Preise immer mehr Politiker und Manager auf die Idee kommen, ihre Haushaltslöcher zu stopfen, indem sie gewissermaßen das Tafelsilber verhökern lassen.

    Das vorab zu erwähnen, kommt nicht von ungefähr: Denn es erscheint mir allmählich unumgänglich, in dieser Sache, inzwischen ein Dauerbrenner-Thema (auch dank WestSpiel und Warhol-Verkauf), ein persönliches Statement zu geben, werde ich doch in vielen Gesprächen nach meiner Meinung gefragt. Was mich seit längerem stutzig macht, ist die kategorische Ablehnung von Kunstverkäufen aus öffentlichem oder halböffentlichem Besitz. Viele von mir durchaus sehr geschätzte Kollegen empfinden dieses Vorgehen als absoluten Tabu-Bruch und vergessen dabei, dass diese Debatte letztlich eine uralte ist. Schon in den achtziger Jahren kam sie auf, als ich damals zu den Kritikern gehörte, die kritisch beäugten, was bei den Nachbarn passierte, die sich fragten, ob niederländische Gepflogenheiten zu uns herüber schwappen könnten. Ich zählte mich zur gemäßigten Kritiker-Fraktion und mochte den Fall differenziert betrachten: Kunstverkauf aus dem Museum, warum nicht, wenn er der Ordnung der Sammlung dient, wenn die Erlöse wieder schnurstracks zum Erwerb anderer Werke dienen.

    Übersetzt in dieses Jahrzehnt: Ich sehe kein Problem, wenn öffentlicher Kunstbesitz zugunsten des öffentlichen Kunstbesitzes veräußert wird; aber ich empöre mich, wenn die Gewinne zur Sanierung von allgemein angeschlagenen Haushalten dienen (wie jetzt beim Pleite-Sender WDR) oder mit dem Auktionserlös das Kasinowesen subventioniert wird (WestSpiel). Manche Rechnungen sind ohnehin grotesk: Ein Tröpfchen auf den heißen Stein, wenn der WDR vielleicht für ein Milliönchen (oder zwei) einige der einst extrem preisgünstig ins Haus geholten Erwerbungen von Vitt & Co. veräußert und die Kollektion damit auseinanderreißt, denn der finanzielle Bedarf ist groß, sehr groß. Von mindestens 100 Millionen pro Jahr ist die Rede. Kleingeld also, was per Auktion in die Kasse kommen würde. Dagegen ein (Image-)Schaden, der erheblich ist: Ein Teil der Tagespresse lässt schon jetzt keinen Zweifel aufkommen, dass man den Mann der Liebe letztlich für kulturlos hält. Schlimmer kann’s kaum kommen, bedenkt man, dass Medienanstalten einen Auftrag haben, nämlich einen kulturellen.

    Gedankenlosigkeit und Unkultur weiten sich aus, und so will ich die dubiosen Sanierungsprojekte (dazu muss auch die Portigon-/Chillida-Affäre gerechnet werden, siehe Seite 8 dieser Ausgabe) als Auslöser für einen Aufruf nehmen, dass wir allesamt, aufmerksamer noch als bislang, darauf achten, derlei zu verhindern. Jeder an seinem Platz, ob in der Kulturpolitik oder in den Institutionen, ob in den Redaktionen oder schlichtweg im Dialog mit Leuten, die solche Entscheidungen beeinflussen können. Wir sollten jeden einzelnen Fall geplanter Kunstverkäufe aus öffentlichem Bestand erbarmungslos beleuchten – und stets nach der Antwort suchen, was mit dem Erlös gemacht werden soll. Wenn er wieder in den Kunstmarkt fließt, soll es uns recht sein, wenn nicht, dann bitte Alarm geben, medialen Beistand fordern. Dass für einzelne Museumssammlungen wesentliche Bilder nicht zur Versteigerung kommen, sollte sowieso selbstverständlich sein. Da darf man doch hoffentlich mit dem Verantwortungsbewusstsein der dort tätigen Kunsthistoriker rechnen.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Vorzeitige Vertragsverlängerung in Düsseldorf – Marion Ackermann will allemal bis 2023 die Kunstsammlung NRW leiten (Seite 2). Themenjahr 2015 in drei Nachbarländern zu Ehren von Vincent van Gogh (Seite 6). Der Ausverkauf der Kunst geht weiter: Chillida-Skulptur in Münster im Visier der Portigon-Finanz-Jongleure (Seite 8). Klare Worte von Walter Vitt in Sachen WDR-Kunstsammlung (Seite 10). New York: Raubkunst-Fragen rund um Egon Schiele (Seite 13). Insolvenz-Fall Achenbach: Versteigerungen des Kunst-Bestandes starten bereits im ersten Halbjahr 2015 (Seite 16). Steigendes Interesse im Ausland für Werke von Olaf Metzel (Seite 19). George-Grosz-Museum in Berlin im Gespräch (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 566 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, ob Udo Kittelmann tatsächlich Zeit finden wird, im Oktober 2015 eine Ausstellung bei Burda in Baden-Baden zu kuratieren? Ob er, der Herr über sechs Häuser in Berlin, wirklich Andreas Gursky für die Kurstadt inszenieren kann, wie es derzeit vorgesehen ist? Es mag ja sein, dass der Nationalgalerie-Direktor wegen der bevorstehenden Schließung der Neuen Nationalgalerie glaubte, fortan über viel freie Zeit verfügen zu können. Doch mittlerweile ist die Fakten-Lage eindeutig: Kittelmann wird sich an seinem Arbeitsplatz in Berlin noch mehr einklinken müssen, als er es wegen der Baumaßnahmen in den Museen und der implizierten Improvisationsprozesse ohnehin tun muss. Denn ein Wunder ist geschehen: Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat am 13. November überraschend sage und schreibe 200 Millionen Euro bereitgestellt, um das längst überfällige Museum der Moderne bis 2020 zu ermöglichen. Der Neubau, der auf 14 000 Quadratmetern Ausstellungs- und Verwaltungsfläche reichlich Platz für die größtenteils im Depot liegenden Schätze der Nationalgalerie sowie für zur Verfügung stehende private Sammlungen (Marx, Marzona und Pietzsch) bieten soll, wird auf einem Areal vor der Matthäuskirche realisiert und damit auch das städtebaulich unsägliche Kulturforum an der Potsdamer Straße neu strukturieren.

    Endlich Platz für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts in Berlin, endlich die vernachlässigte Klassische Moderne angemessen präsentieren und der etablierten Gegenwartskunst eine Heimat geben, um im Hamburger Bahnhof mit gutem Gewissen weiterhin eine Spielstätte für das Zeitgenössische zu betreiben – davon hatten Kittelmann und alle, denen die Berliner Museen am Herzen liegen, seit langem geträumt. In den vergangenen Wochen waren nicht wenige Signale gegeben worden, wie dramatisch die Situation ist, wenn nun zum Jahreswechsel (nach einem musikalischen Kraftakt von »Kraftwerk«, siehe Seite 24) die Neue Nationalgalerie als Ausstellungsort für die kommenden Jahre ausfällt. Die räumliche Enge verrieten beispielsweise das Chipperfield-Projekt, eine mehr oder weniger ad hoc einberufene Präsentationsveranstaltung von Schenkungen aus dem Kreis der Freunde der Nationalgalerie sowie die laufende Demonstration der Bilder aus der Sammlung Pietzsch, die sich mit ihrem großzügigen Schenkungsplan zurückziehen würde, wie es hieß, wenn keine geeigneten Museumsräume zugesagt werden könnten.

    Diese Sorge besteht jetzt nicht mehr. Denn das schier Unmögliche wurde möglich, weil zwei Top-Player der Branche, zwei der einflussreichsten, zugunsten des Museumprojekts gemeinsame Sache gemacht haben. Zuerst wagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters, zweifellos mit allen politischen Wassern gewaschen und bestens vernetzt, einen durchaus umstrittenen Vorstoß, die Neubau-Finanzierung über PPP (also Public Private Partnership) einzuleiten (siehe ID 565, Seite 17). Dann äußerte sich Hermann Parzinger, der kulturpolitisch überaus versierte Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in diesem Sinne ebenfalls positiv, und auch wir haben in diesem Branchenbrief einen kleinen Beitrag geleistet und eine solche Lösung befürwortet, wenn Berlin ohnehin klamm ist, wenn zudem die Bundeshand krampft. Den Haushaltspolitikern des Deutschen Bundestages und insbesondere dem Bundesfinanzminister, so hört man, seien diese Eintracht und das PPP-Modell (vielleicht auch aufgrund mancher Erfahrungen dieser Art) verdächtig erschienen. Sie gaben wohl Anlass, über öffentliche Kulturfinanzierung noch einmal nachzudenken und, vor allem, genauer in die Bundesetatkasse der sogenannten Schwarzen Null zu schauen. Und siehe da: Dank eines Rechenspiels wurden plötzlich 200 Millionen abgezwackt.

    Überhaupt: Erfolg auf der ganzen Linie für Monika Grütters, die – prosit! – in ihrem Haushalt 2015 tatsächlich 118 Millionen mehr haben wird als in diesem Jahr. Der Gesamtetat der Kulturstaatsministerin ist auf rund 1,35 Milliarden gestiegen. So bewegt sich die Christdemokratin quasi traumwandlerisch auf den Spuren ihres Vorgängers, der ebenfalls laufend für Etat-Erhöhung sorgen konnte, weil er stets die richtigen Argumente servierte. Grütters Statements sind freilich von größerem Kaliber, sie zeugen von noch mehr Nähe zur Kunstszene: »Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft«, sagt sie, »wir brauchen Kunst und Kultur, verwegene unbequeme Denker und Künstler, wir brauchen die Utopien, die sie entwerfen, die Phantasie, die sie antreibt, die Sehnsucht nach einer besseren Welt.« Wohl wahr. Also ran an den Planungsspeck, an die Ausschreibung nach EU-Vergabe-Richtlinien zur Realisierung des Museums der Moderne, damit spätestens 2017 mit dem Bau begonnen werden kann!

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Vertrag in Frankfurt verlängert – Max Hollein bleibt bis 2018 (Seite 2). Fragwürdige Ausladung für Jonathan Meese in Bayreuth (Seite 5). Stifterin mit Reichweite: Helga de Alvear (Seite 6). Düsseldorf: Warum lässt sich Helge Achenbach von einem Anwalt vertreten, der vom Kunsthandel wenig versteht (Seite 9)? Wien: Wird Karola Kraus als mumok-Direktorin weitermachen können (Seite 12)? Frankfurt: Aufwind im Osten der Stadt – dank Europäischer Zentralbank (Seite 13). Bauschutt aus dem Goebbels-Haus für Warschau: Gregor Schneiders jüngstes Projekt (Seite 14). Dornröschenschlaf für die Kunst im Allianz-Gebäude in Berlin (Seite 16). Frankfurts Goethe-Universität nun am Museumsufer vertreten – dank Museum Giersch (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 565 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als ich vor Tagen nach Amsterdam flog, war mir zwar bewusst, dass vom Tomatengefecht der Anti-Putin-Demo nichts mehr zu sehen sein würde, doch die nach spanischem Vorbild zelebrierte Schlacht, die kürzlich 1500 Niederländer auf die Straße getrieben hatte, setzt Zeichen, überraschende Zeichen. Denn Amsterdam, die weichgespülte, stets leicht benebelt wirkende Cannabis-Metropole, ist wohl die leiseste Großstadt überhaupt – Fahrräder und Elektroautos scheinen zu dominieren, und moppern, also meckern, mögen die Einwohner nur, wenn Touristen nach öffentlichem Bierkonsum in die Gracht pinkeln. Allzu gerne hätte ich hautnah beobachtet, wie Amsterdam protestiert, ob mit oder ohne Joint, wie die Tomaten den zentralen Platz, De Dam, rot überzogen. Vor allem hätte mich interessiert, wie man als Teilnahmegebühr von jedem Demonstranten 15 Euro kassiert und anschließend, nach der Matsch-Aktion gegen den von Russland verhängten Import-Stopp, die Überbleibsel artig zu Biogas verarbeitet. Das saubere Amsterdam, wo kein Hundehaufen zu finden ist, wo jeder Kochtopf so blinkt, dass auf Vorhänge in den Wohnungen verzichtet wird, hat wohl ein Geheimnis, das es zu ergründen gilt.

    Um das Rätsel zu lösen, eilte ich ins Rijksmuseum und natürlich ins Stedelijk Museum, wo soeben Beatrix Ruf als neue Direktorin und Nachfolgerin der schon vor rund anderthalb Jahren zurückgetretenen Ann Goldstein startet. Beide Häuser, in den Medien dank ihrer baulichen Erweiterungen groß gefeiert, machen zwar in den Eingangsbereichen noch einen guten Eindruck, doch beim Rundgang durch die Sammlungen fällt schnell auf, dass sie dringend Neuordnungen brauchen, dass Ideen fehlen. Lieblos und meist nur chronologisch sortiert, gerne auch in russischer Hängung, wenn es sich nicht ausgerechnet um die hohe »Nachtwache« oder ein Großformat von Sol LeWitt handelt, werden die Bilder präsentiert, mehr schlecht als recht. Wo Cobra und Stijl zu Hause waren, wo Leidenschaft und Reduktion im vergangenen Jahrhundert die Kunstgeschichte beeinflussten, nun eine Melange der Langeweile und der Spannungslosigkeit. Im Rijksmuseum immer wieder der Versuch, mit dekorativ in den Raum gebockten Kanonenrohren und ein paar quergestellten Devotionalien-Vitrinen die Besucherströme zu kanalisieren, im Stedelijk Museum mit anderen Objekten das gleiche entlarvende Konzept, letztlich sinnlose, harmlose Unterhaltungszonen zu schaffen, um die reichlich vorhandenen Touristen möglichst schnell durchzuschleusen. Sieht man mal von der wirklich überzeugenden und überfälligen Stedelijk-Schau von Marlene Dumas ab (bis 4.1.): Mich konnte nichts packen, überwältigen, gar zu einer neuen Erkenntnis führen.

    Dabei hatte ich Klarheit doch eigentlich im Museum gesucht, wenigstens einen Hinweis, warum Amsterdam so anders als andere Großstädte ist. Aber nach dem ausführlichen Besuch beider Häuser kam mir die Idee, dass es, andersherum betrachtet, womöglich die Stadt ist, die erklärt, warum der museale Raum so desolat wirkt. Könnte es sein, dass die entspannte Lage – ich denke, amüsiert, an Joint Venture – eine ideale Voraussetzung ist, dass sich niemand ernsthaft oder vielleicht sogar ehrgeizig um den Zustand der Kunst und um ihre Inszenierung kümmert? Ist vielleicht sogar die Tatsache, dass mit Beatrix Ruf eine Deutsche mit Schweizer Präzisionserfahrung berufen wurde, wie ein erstes Signal zu werten? Haben die Verantwortlichen in Amsterdam selbst schon gemerkt, dass sie dringend tätig werden müssen, wenn die bislang herausragende Reputation ihrer Museen nicht gefährdet werden soll? Mit neuen gebauten Flügeln ist’s schließlich nicht getan. Mit den Sammlungen muss auch kreativ gearbeitet werden. Die Kunst selbst ist es, die genug Anregungen für Direktoren und Kuratoren gibt, radikal zu denken und zu handeln. Dabei muss der bildnerische Nektar heutzutage nicht aus der Tomate gewonnen werden. Aber dank Putin haben die Niederländer zumindest einmal gemerkt, dass noch nicht alle Schlachten geführt oder gar gewonnen sind.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Wunderbares Ausstellungskonzept, Sponsor gesucht – Veit Loers bereitet »Avatar und Atavismus« vor (Seite 4). Von Kassel-Calden nach Athen und zurück: documenta 14 auf Tour (Seite 5). Einlenken in den Museen, kurz vor der Entscheidung in Bern: Zum Stand der Dinge in Sachen Gurlitt (Seite 7). Kampf ums »KAPITAL«, also ums Beuys-Werk in Schaffhausen (Seite 10). Olaf Nicolai äußert sich zum Denkmal in Wien (Seite 10). Nicholas Serota vor David Zwirner und Iwan Wirth: Das jüngste »ArtReview«-Ranking (Seite 12). Markt-Bericht über Paul McCarthy (Seite 14). Neuer Streit im Dauer-Konflikt wegen Moyland (Seite 17). Plädoyer für Public Private Partnership zugunsten eines Museums der Moderne in Berlin (Seite 17). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 557 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, ob es an den Schwarzwälder Sterneköchen und/oder an der südeuropäischen Sonne liegt, die mich in den vergangenen Tagen, passend zur Sommerpause, ungeheuer verwöhnt haben, dass mir derzeit laufend Gedanken kommen, die sich grundsätzlich mit unserer Branche auseinandersetzen? Womöglich ist es nämlich tatsächlich so, dass man im Rausch der Tagesgeschäfte, in dieser üblicherweise permanent strömenden Nachrichten-Flut, kaum dazu kommt, einmal fernab der aktuellen Ereignisse zu sinnieren, wie alles läuft und ob es in die richtige Richtung zielt. Vor allem: Es tut gut, sich den wahren Luxus und somit Zeit nehmen zu können, nicht schnell urteilen zu müssen, sondern in aller Ruhe zu reflektieren, was in diesem Kunstbetrieb passiert.

    Ich habe es in den vergangenen Monaten wiederholt geschrieben, und dennoch lässt mich die Sorge nicht los, dass der für die Kunst selbst so wichtige Rahmen, der pekuniäre eben, der immer mehr über Verderb und Gedeih entscheidet, aus den Fugen gerät. Völlig idiotische, überzogene Preise einerseits; eine neue Schicht, Flipper genannt, die ihr Spekulanten-Dasein aufs Peinlichste zelebrieren, zum anderen – wer soll da nicht Angst haben, dass hoffnungsvolle Künstler-Karrieren schneller zerstört werden, als sie aufbauen zu können? Obendrein, die Krönung aller Alarmmeldungen, eine politische Kaste, die ihre eigene Ignoranz (beispielsweise in Sachen Kunst und Mehrwertsteuer) mit einer Selbstgefälligkeit zum Maßstab einer gesellschaftlich-wirtschaftlichen Entwicklung macht, dass man würgen könnte. Mehr als ein Skandal, wie die Landesfinanzministerien in Deutschland Monat für Monat mehr Chaos anrichten, wie aber genau diese Verantwortlichen eines Tages unserer Branche die Knüppel in den Weg werfen werden, weil jeder Galerist und jeder Händler nach Gutdünken abgerechnet hat.

    Freilich will ich mich heute, unterm Sonnenschirm sitzend, nicht mehr aufregen als üblich und nicht das Merkantile zum einzigen Maßstab sämtlicher Überlegungen machen. Denn die Einflüsse des Marktes auf den Kunstbetrieb sind zwar nicht zu übersehen, doch es gibt noch unzählige andere Aspekte, die sich negativ auswirken. Erstens: Obgleich wir, egal, ob in Museen, Redaktionen oder sonst wo tätig, längst gelernt haben, dass die zunehmende Quote das vorrangige Ziel ist (wer redet noch über Forschung? Geht es nicht nur noch um Besucherzahlen-, Zuschauer- und um Umsatz-Steigerungen?), so will doch festgestellt werden, dass die sehr viel größer gewordene Kunstfamilie ein Handicap darstellt. Informationen ohne Ende, ein sich im dichten Ereignisnebel verlierendes Diskursfeld, fehlende Transparenz im Allgemeinen – das sind einige der Anzeichen, die durch die täglich zunehmende Sammler- und Investoren-Tausendschaft sowie durch die ununterbrochen wachsende neue Kuratoren-Generation ausgelöst werden. Wer soll da noch den Überblick behalten? Obwohl ich als Dienstmann quasi rund um die Uhr nichts anderes tue, als mich auf den jeweils jüngsten Stand zu bringen, stehe ich bisweilen kurz vor der Kapitulation. Logisch, dass sich in diesem mehr oder weniger blickdichten Gestrüpp der echten Macher und Scharlatane, allemal vorübergehend, immer ein paar Hochstapler einschleichen können.

    Zweitens: Es fehlen uns in dieser Branche, von Jahr zu Jahr mehr, die sinnvollen Kriterien, um bildnerische Qualität selbst (die doch den Kern unserer Arbeit darstellt) angemessen zu erkennen und zu beachten, Förderung und anschließende Marktpflege inklusive. Wo kann ein Galerist heute noch, irritationsfrei, sein Engagement für diese oder jene Kunst auch in der Angrenzung zu anderer überzeugend begründen? Wer kann argumentieren, aus der Sache heraus, wenn sich niemand mehr traut, deutlich zu sagen und festzuschreiben, was ein gutes Kunstwerk ausmacht? Wenn die Produktion, wie erwähnt, unübersichtlich geworden ist, dann bleibt wohl nur noch der Vortrag anhand der Rezeptionserfolge einer einzelnen Arbeit. Schnell, zu schnell landet der Vermittler dann doch wieder bei den klar fassbaren Fakten, bei Auktionsergebnissen oder Presseberichten, die das Werk seines Künstlers würdigen.

    Drittens: Im Sog einer sich vielseitig verschleifenden Branche, die ihre eigene Vernetzung gerne selbstgefällig lobt, aber vergisst, dass die früher praktizierte Zuständigkeitsverteilung ihre Vorzüge hatte, fehlen die Anker der Auseinandersetzung. Einst gab es hierarchische Strukturen, die halfen, die Orientierung zu behalten, auf Produzenten-, aber auch auf Rezipienten-Seite. Aus dem Akademie-Abgänger wurde der Künstler einer Galerie, später folgte die erste Gruppen-, dann eine Einzelausstellung in einem Kunstverein – und schließlich erst, als Krönung der Laufbahn, mittlerweile von engagierten Sammlern mitgetragen, wurde die Museumsausstellung angepeilt. Heute interessiert sich niemand mehr für solche Strukturen. Es gibt Akademie-Abgänger, deren Werke ein Jahr nach dem Abschluss im sechsstelligen Bereich gehandelt werden, die teurer gedealt werden als die Arbeiten renommierter Kollegen, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind. In welcher Branche wird das in diesem absurden Ausmaß so praktiziert wie bei uns? Ich bin ratlos, noch; ich verspreche Ihnen aber, die restliche kurze Urlaubszeit zu nutzen, um weiter zu brüten, freilich unterm Sonnenschirm.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Hubertus Gaßner überlässt den Besuchern der Hamburger Galerie der Gegenwart die Festsetzung des Eintrittspreises (Seite 4). Kraftprobe: Nicolas Bourriaud, Rektor der Pariser Kunsthochschule, entledigt sich seiner Widersacher (Seite 7). Berliner Rotation: Joanna Kamm geht, Susanne Zander kommt (Seite 8). St. Petersburg: Stell Dir vor, es ist Manifesta, und kaum einer geht hin (Seite 11). System Größenwahn: Nicole Hackert und Bruno Brunnet nennen Ross und Reiter (Seite 13). Verdunklungsgefahr: Helge Achenbachs Festnahme gibt Rätsel auf (Seite 15). Haus der Kunst ohne Zukunft? In München gerät Okwui Enwezor immer stärker in die Schusslinie (Seite 16). Berlin: Villa Grisebach setzt auf Zeitgenossen (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 564 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, viel Zeit hat er sich genommen, der BVDG-Vorsitzende Kristian Jarmuschek, um mir einen umfangreichen, angriffslustigen und grußlosen Brief zu schreiben. Dabei hatten wir in diesem Branchenbrief, Ausgabe 562, Seite 12, kaum mehr als zehn Zeilen über seine neue Messe »Positions« geschrieben, die uns nicht überzeugen konnte. Mehr hätte er von mir erwartet, so giftete er, der Herr Magister Kunstgeschichte, und das meinte er natürlich inhaltlich. Aber was soll man anderes berichten, wenn man die einst von ihm angeschobene, dann kurzerhand aufgegebene »Preview« deutlich überzeugender fand? Was Jarmuschek, nun ohne seine bisherigen Weggefährten anlässlich der Art Week in Berlin unterwegs (im ehemaligen Kaufhaus Jandorf, Brunnenstraße), quasi im Alleingang inszenierte, mag ein ganz bescheidener Anfang für etwas Neues sein, aber nicht mehr. Denn im konventionellen Kojen-Format, obendrein allzu kleinteilig strukturiert, hat sich nichts, aber auch gar nichts dargestellt, was halbwegs die hohen Ansprüche des Veranstalters in der Messe-Praxis spiegeln würde. Eine Enttäuschung. Ich bleibe bei meiner Meinung.

    Kristian Jarmuschek, von mir selbstverständlich freundlichst und mit einem Gruß, wie es sich gehört, vergeblich um eine Kurzfassung seiner erregten Reaktion gebeten, hat in seinem ausführlichen Feedback zwei kühne Behauptungen aufgestellt, die nicht unwidersprochen bleiben können. Eine ist lächerlich, weil Sie, liebe Leser, mich seit langem kennen und wissen, dass ich nicht ängstlich bin, niemals kusche, weder vor dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler noch vor anderen prominenten Persönlichkeiten. Es geht um sachliche Auseinandersetzungen, auch um Rückgrat in der Debatte. Was also, so frage ich mich, will Jarmuschek mir unterstellen, wenn er schreibt: »Aber um sich komplex mit einer Kunstmesse auseinanderzusetzen, darf man eben kein Hasenfuß sein« – ich, ein Hasenfuß, ein Feigling? Zum Piepen, Herr Magister. Zweitens: Wie kommt der Mann auf die abstruse Idee, ich sei »kein Freund von Messeveranstaltungen«? Wann und wo habe ich das geschrieben oder gesagt? Ohne internationale Messe-Teilnahmen, so ist es nun mal, müssten die meisten Galerien längst dichtgemacht haben, weil sie am Standort zu wenig Umsatz erzielen. Freilich muss man immer vor der Gefahr warnen, dass die Kunst selbst im Messetrubel leicht auf der Strecke bleiben kann. Wiederholt habe ich also in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass die Branche dringend darüber nachdenken muss, wie sie die Galerie als Raum der Vermittlung wieder attraktiver macht. Kunstmessen zu eliminieren, ist keine Lösung.

    Apropos Branche und Nachdenken: Gottlob darf sich Jarmuschek auf eine weiblich dominierte BVDG-Geschäftsstelle unter der Regie der erfahrenen, überaus kompetenten Geschäftsführerin Birgit Maria Sturm verlassen, die alles tut, um Mitglieder-Interessen zu vertreten. Doch ich frage mich, warum Jarmuschek selbst in seiner Vorsitzenden-Rolle so wenig in Erscheinung tritt, so glanzlos und wirkungsfrei bleibt. Seit Jahrzehnten beobachte ich die jeweiligen BVDG-Vorstände, aber an eine derart schwache Führung kann ich mich nicht erinnern. Früher haben die Verbandschefs echte Lobby-Arbeit gemacht, auf politischem Parkett nachhaltig gewirbelt, niemals Ruhe gegeben, um die Probleme der Kollegen zu lösen. Jetzt gibt es ein bisschen heiße (Binsenweisheit-)Luft von Jarmuschek (es sei »ein hohes Maß an Idealismus notwendig«, um eine Galerie zu betreiben; »Die Zeit«, 4.9.2014). Aber leider keine Lobby-Power. Die Finanzminister der Länder, die die folgenreiche Mehrwertsteuer-Affäre verantworten, wissen womöglich noch nicht mal, wie der am 24. Juni 2013 gewählte BVDG-Vorsitzende heißt. Indes: Die Schonzeit im Verband ist vorbei. Jarmuschek muss jetzt dringend »Positions« auf BVDG-Ebene machen.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Neues großes Ausstellungsprojekt in Vorbereitung: Kasper König plant die Autodidakten-Schau »Im Schatten der Avantgarde« in Essen (Seite 3). Berlin: Thomas Olbricht präsentiert die Telekom-Sammlung und freut sich über ein Murmeltier (Seite 7). Düsseldorf: Aus für die Quadriennale, Widerspruch inklusive (Seite 8). Vandalismus und Schläge in Paris: Attacke gegen Paul McCarthy (Seite 11). Doppelter Messe-Erfolg in London: Bilanz der Frieze (Seite 12). Ärger in Nordrhein-Westfalen – wegen Kunstverkauf im Auftrag des Finanzministers (Seite 14). Großer oder kleiner Erfolg? Ein Beitrag zur Zukunft der Sammlung Essl (Seite 20). Solider Markt: Die Preise für Werke von Norbert Schwontkowski (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 563 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, Sie wissen es: Ich gehöre nicht zu jenen Journalisten, die sich anpassen, die es schweigend hinnehmen, wenn Unrecht geschieht oder im Zwielicht irgendeiner Komplizenschaft mehr Verrat betrieben als Rat gesucht wird. Mit einer solchen Haltung macht man sich nicht überall beliebt, aber darum geht es auch nicht. Stattdessen ist der wache, der kritische Blick gefragt, die messerscharfe Analyse der Verhältnisse, unter denen Kunst entsteht sowie vertrieben und vermittelt wird. Mithin kommt es eher selten vor, dass ich den Verriss einer Kollegin oder eines Kollegen nicht goutiere, dass ich mich zum Widerspruch provoziert fühle, zur Kritik an der Kritik.

    Das vorausgeschickt, will ich Sie, liebe Leser, auf einen kürzlich veröffentlichten, sechsspaltigen Feuilleton-Beitrag von Laura Weissmüller in der »Süddeutschen Zeitung« (Ausgabe vom 24.9.) hinweisen – und notgedrungen intervenieren. Denn die Kollegin, die sich mit dem neuen MMK 2, der Dependance des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt, ausführlich beschäftigt, hat zwar ein Thema aufgegriffen, das in diesen Tagen, kurz vor der Eröffnung der 2000-Quadratmeter-Ausstellungsfläche, überaus virulent erscheint, doch ihre Schlussfolgerung, eine Warnung, wirkt völlig überzogen, sogar falsch (»auf dem Spiel stehen die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Museen«). Was im ersten Moment plausibel klingt, ist nämlich bei genauer Betrachtung der Sachlage schlichtweg Quatsch.

    Fakt ist, dass MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer zunächst zehn Jahre lang mietfrei im Bahnhofs- und Bankenviertel das zweite Stockwerk des Taunusturms bespielen kann. Die Commerz Real AG und Tishman Speyer, das Immobilien-Unternehmen, haben damit als Eigentümer bereitwillig eine Auflage der Stadt Frankfurt erfüllt, den Neubau teils öffentlich zu nutzen. Dass sie in Gaensheimers Arbeit nicht eingreifen, ihr nicht vorschreiben, was sie dort auszustellen hat, ist eigentlich selbstverständlich, verführt Laura Weissmüller aber dennoch dazu, diesem Aspekt viele Zeilen zu widmen, als könne womöglich doch Zensur ausgeübt werden. Auch das Werk eines Kapitalismuskritikers wie Hans Haacke, dichtete sie, müsse artig das Foyer passieren, um in die Ausstellungsräume zu gelangen: »Das kostet die Kunst ihre subversive Kraft« – papperlapapp, möchte man dazu sagen.

    Vielmehr gibt es Grund zur Freude: Gaensheimer kann viele Werke, die im MMK-Depot schlummern, ins Licht setzen, im Wechsel dort die eigene Sammlung großzügig ausbreiten. Und die vom Büro Kuehn Malvezzi (einem der besten Architektenteams, wenn es um Räume für die Kunst geht) in einen Rohbau-Charme versetzte Etage eignet sich vorzüglich, das temporär orientierte Projekt angemessen zu betten. Was will man mehr? Gewinner ist vor allem die Kunst selbst, die an die Wände und in den Raum kommt, die ihr Publikum findet. Das stets klamme MMK hat keine zusätzlichen Kosten zu übernehmen – zumal für dieses Dependance-Projekt einige Paten gefunden wurden, darunter Stefan Quandt oder Banken wie die Helaba oder die Deka. Warum also Angst schüren, die Freiheit gefährdet sehen?

    Nicht zuletzt: Wie kommt Kollegin Weissmüller auf die Idee, dass sich »Geringverdiener, Arbeitslose oder Studenten hier deutlich unwohler fühlen dürften als Banker und Juristen in ihrer Mittagspause«. Von Schwellen schreibt sie, von Türstehern, von einer Schieflage. Wenn in diesem Fall etwas schief läuft, dann die Argumentation der »Süddeutschen Zeitung«. Schließlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sich ein Geringverdiener, ein Arbeitsloser oder gar ein Student davon abhalten lässt, die »Süddeutsche« zu lesen, wenn sie ihm in die Hände fällt.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Neues im Fall Achenbach (Seite 2). Überraschend: Verdienstorden für Okwui Enwezor, München (Seite 3)? New York: Damien Hirst als Shop-Betreiber (Seite 4). Köln: Halle Kalk schon lange marode, Ludwig-Stiftung macht nun endlich Druck (Seite 7). Wie der Gesetzesentwurf zur Reform des Sexualstrafrechts die Kunst- und Pressefreiheit einschränkt (Seite 7). documenta-Kurator Adam Szymczyk stellt bereits einen Teil seines Teams für 2017 vor (Seite 9). Bilanz der VIENNAFAIR (Seite 11). Fertiggestellt: Der Film über Anselm Kiefer und sein Werk in Barjac (Seite 13). Berlin: Problem Atelierraum (Seite 16). Niederlande: Rob Scholte in Bedrängnis (Seite 19). Mönchengladbach: Sieben Esel von Rita McBride (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 562 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, es kommt selten vor, nein, eigentlich gar nicht, dass ich ratlos herumstehe und nicht recht weiß, was ich davon halten soll. Am Dienstag vergangener Woche ging es mir so. Ich hörte den von mir geschätzten Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck, als er in seiner Rolle als Hausherr und erster Redner des Abends die Berliner Art Week im morbiden Charme-Schuppen am Hanseatenweg eröffnete, und wusste schlichtweg nicht zu interpretieren, warum die Masse (waren es 4000 oder 5000 Erlebnishungrige) auf dem überbordenden Gelände und im proppenvollen Gebäude nach einem heiklen, überall zu hörenden Begrüßungssatz keinerlei Regung zeigte. Klaus, der alte Haudegen, der in seiner bildnerischen Arbeit jedem Steuersünder auf die Finger klopft, hatte zuerst ausgerechnet den früheren Berliner Kulturstaatssekretär aufs Herzlichste begrüßt und dabei eine erwartungsvolle Pause gemacht, als gelte es, einen vorübergehend verlorenen Sohn zu Hause zu empfangen – mit reichlich Beifall. Doch der blieb aus. Nichts, kein Applaus, kein Bravo, kein Buh, einfach Schweigen. Oder war es der »Schwindel der Wirklichkeit«, wie die leider nicht wirklich gelungene Hauptschau der Art Week, von vier Kuratoren eher lieblos zusammengeschoben, im Titel anspruchsvoll weismachen wollte?

    Nach Schmitz und der Sprachlosigkeit (kennt ihn schon niemand mehr? Will man ihn nicht wahrnehmen oder nur vermeiden, dass gar freundschaftliche Signale in seine feinen Gehörgänge dringen?) dann Lautsprecher Tim Renner, sein Nachfolger, der alles tut, um sich in den Berliner Kulturbetrieb zu schmusen. Er macht das, zugegeben, nicht ungeschickt. Doch ob er, ohne die Rückendeckung seines abtretenden Chefs, Klaus Wowereit, in der ihm noch verbleibenden Zeit wirklich etwas bewegen kann, das muss man sehen. Kunst und Politik, das lernen wir ja in diesen Tagen erneut, sind nicht zwangsläufig füreinander bestimmt. Aus politischer Sicht spielt die Kunst meist keine Rolle. Selbst bekannte Politiker mit Kunstsinn (denken wir an Norbert Lammert) machen da bisweilen Bockmist. Auf EU-Ebene sieht es nicht hoffnungsvoller aus. Dass beispielsweise ein Mann wie der Anwalt und Politikwissenschaftler Tibor Navracsics, der als Minister und enger Vertrauter von Viktor Orbán für allerlei Einschränkungen in Ungarn verantwortlich ist, ob Pressefreiheit oder Bürgerrechte, nun im Europaparlament den Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Bürgerschaft geben soll, ist so absurd wie skandalös. Hat man vergessen, dass Ungarn in der Vergangenheit nicht nur auf EU-Ebene laufend Thema war, weil es das Demokratiemodell des Westens gescheitert nannte, weil es fragwürdige eigene Denkansätze nationaler Art propagierte?

    Andererseits: Das am rechten Politikrand schippernde Ungarn befindet sich unter dem Aspekt Kunst und Politik keineswegs im Abseits. Denn in ganz Europa geht’s ähnlich zu, wenn Kulturreferenten oder -dezernenten, Kultursenatoren, Staatssekretäre für Kultur oder Kulturminister berufen werden. Ein einziges Drama, das mir den Boden entzieht, Jean-Claude Junckers Willen, Navracsics zu nominieren, in besonderem Maße anzuprangern. Wohin wir schauen: Überall kommt die Kultur-Besetzung zuletzt und unter Kriterien zustande, die mehr als fragwürdig sind. Da wird ein verdienter Parteisoldat belohnt, dort führt eine Kumpanei zum Ministeramt. Bei der Kultur, so scheinen die für Nominierungen verantwortlichen Kabinettchefs und andere Politiker zu denken, geht es um nichts; also Auge zu und durch. Doch man kann es nicht oft genug sagen und schreiben: Jede Fehlbesetzung in der Kultur, ob auf EU-, Bundes- oder Länder-Ebene, ist letztlich auch ein Hinweis auf die fehlende Kultur in den Regierungen und Kommissionen, also schlimmer als die so oft zitierte verschenkte Chance.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Neues Kunstzentrum in Berlin, KINDL, startet mit einer einzigen Signer-Installation. Am Mikrophon: Burkhard Varnholt (Seite 4). Warum der Online-Auktionator Amin Boubaker gescheitert ist (Seite 5). Große Namen, kleine Schau: »Schwindel der Wirklichkeit«, die Berliner Art Week-Eröffnungsschau (Seite 6). Ralf Beil über seine Pläne fürs Kunstmuseum Wolfsburg (Seite 7). Nominiert: Kuratoren und Künstler der Biennale 2015 in Venedig (Seite 10). Köln: Andreas E. Lohaus zur ART.FAIR (Seite 12). Was die Galeristen Anna und Michael Haas für 2015 vorbereiten (Seite 15). Der Auktionsmarkt für Günther Uecker legt tüchtig zu (Seite 15). Gute Unterhaltung, mehr nicht: Der neue Kinofilm von Anton Corbijn (Seite 16). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 561 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, eine Szene, die symptomatisch ist: Auf dem Gartenfest eines Berliner Sammlerpaares bittet ein bekannter Galerist den zufällig mit einem weiteren Paar zusammenstehenden Hausherrn und diese beiden Gäste, rasch ein Handy-Foto machen zu dürfen, ganz höflich, ganz freundlich. Natürlich willigt das Trio ein, bleibt in herzlicher Verbundenheit einen Moment lang professionell stehen, um dem Fotografen die Chance zu geben, eine brauchbare Aufnahme machen zu können. Später raunt die Frau, »komisch, warum uns, was will er mit dem Foto anstellen«; schließlich habe er seit Jahren, außer einem kurzen Hallo, kein Wort gesagt, jedes mögliche Gespräch gemieden.

    Ich muss Ihnen, liebe Leser, diese kleine Begebenheit heute berichten, weil ich Vergleichbares in jüngster Zeit ständig beobachte. Um es auf den Punkt zu bringen: Selbst ein harmloses Klicken erregt mittlerweile das Misstrauen in der Branche, jeder hört irgendwo die Flöhe husten, kein Satz und keine Handlung mehr möglich, ohne sofort, argwöhnisch, interpretiert zu werden. Mit Verlaub: Die hinlänglich in den Medien kommunizierten Kunstbetriebsunfälle, die uns noch eine Zeitlang beschäftigen werden, haben ein Klima erzeugt, in dem vor allem Vorsicht herrscht. Jeder Deal wird nach allen Seiten abgesichert, doppelt und dreifach geprüft, weil es inzwischen nicht mehr nur um Umsätze, sondern auch um die eigene Reputation geht.

    Der Fall Achenbach, der den halben Kunsthandel aufschrecken ließ, weil im Laufe eines Berufslebens beinahe jeder Galerist, Händler, Privat- oder Firmensammler irgendwann mal mit dem Düsseldorfer Kunstberater zu tun hatte und jetzt womöglich staatsanwaltliche Ermittlungen fürchten muss, wirkt substanziell und erschüttert die Branche. Denn Diskretion galt bislang als selbstverständlich, wenn auf Anfrage verhandelt wurde und gemeinsam Geschäfte gemacht werden konnten. Die Usancen aufzudecken, über Cash-Provisionen und andere Vergütungen (etwa in Form von Bildern) öffentlich zu sinnieren, wäre früher kein Thema gewesen. Nun ist Transparenz unvermeidlich. Dass diese Debatte zum aktuellen Zeitpunkt, während einer Phase höchster Preise und größter Gefahren für den gesamten Markt, ganz und gar unerwünscht ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Und ich räume ein, dass ich für einige meiner Freunde, die im Kunsthandel tätig sind und mich seit Wochen sanft zu bremsen versuchen (»es handelt sich um Ausnahmen, um einige wenige schwarze Schafe, wie es sie in jeder Branche gibt«), viel Verständnis habe. Natürlich machen die möglichen Vergehen von Helge Achenbach zunächst den Fall Achenbach aus, der spätestens im Dezember in Bezug auf seine Ermittlungen abgeschlossen sein muss, doch der Einzelfall wirft ein Licht auf die Sparte Kunstberatung und somit zwangsläufig auf den gesamten Kunstbetrieb, weil sich das Art Consulting geschickt im Freiraum Galerie/Kunsthandlung und Privat-/Firmensammlung eingenistet hat. Wir können, so meine ich, nicht so tun, als sei Achenbach eben Achenbach und damit basta.

    Aber es ist zweifellos richtig (und der folgende Hinweis sollte auch meine Kollegen der Tagespresse anregen), dass wir gerade in diesen Saisonstart-Wochen und angesichts der laufend eintreffenden Achenbach-Nachschlag-News nicht in eine Art Hysterie verfallen dürfen. Die Spekulanten und Übeltäter, so schrieb mir vor kurzem ein Freund, seien gottlob noch in der Minderheit: »Die Übrigen laufen völlig normal, das heißt, sie tun sich schwer, sie müssen hart arbeiten, haben selten Erfolg«. Ich kann dem Statement nur zustimmen, und ich weiß dank zahlreicher vertraulicher Gespräche, dass nach wie vor viele Galeristen, wenn sie nicht zugleich hochkarätigen Kunsthandel betreiben, jeden Monat von neuem zittern, um Mitarbeiter zu honorieren und Mieten zu zahlen.

    Die Distanz zwischen den weltweit operierenden Millionen-Umsatz-Galerien, die in den internationalen Auktionshäusern mittlerweile mehr oder weniger mobile Büros betreiben (um jederzeit die Preise ihrer Künstler kontrollieren und gegebenenfalls hochspielen zu können), und den um den bildnerischen Nachwuchs bemühten Galerien wird immer größer. Eine Situation der Unverhältnismäßigkeit, die sich auf alles auswirkt, auf die Stimmung in Kollegenkreisen ohnehin. Kann man es irgendjemandem verdenken, dass er stinksauer auf Larry Gagosian ist, wenn der schwerreiche Amerikaner mit seinen verführerischen Möglichkeiten wieder einmal einen der hierzulande mühsam und kostenintensiv aufgebauten Künstler kurzerhand abwirbt, um ihn in Jetset-Kreisen gnadenlos zu entsaften (die öffentlichen Museen können ohnehin nicht mehr mithalten)? Bandagen-Kämpfe, legal, aber letztlich, rein moralisch gesehen, verwerflicher als die krummen Nummern, die Helge Achenbach, der Kleinste unter den Großen, inszenieren konnte.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Frankreichs neue Kulturministerin Fleur Pellerin startet mit falschen Signalen (Seite 6). Hamburg: Dirk Luckow, Deichtorhallen, will die Triennale der Photographie internationaler machen (Seite 7). Bleibt bescheiden im Hintergrund: Der Sammler Friedrich Christian Flick wird 70 (Seite 9). München: Immer noch kein Nachfolger für Klaus Schrenk gefunden, den scheidenden Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (Seite 10). Berlin: Alles klar für die Art Week (Seite 12). Restitution: Rückgabe-Ansprüche der Nachfahren des Verlegers Rudolf Mosse (Seite 15). Künftig noch globaler: Peter Weibel und sein Team feiern den 25. ZKM-Geburtstag (Seite 15). Ungewisse Zukunft für Foto-Archive (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 560 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, allmählich kommen wieder alle, die mal ein paar Tage lang Sommerferien gemacht haben, an ihre Schreibtische zurück – und es kann gemeinsam weitergehen. Der übliche Aufschwung-Optimismus wird zum Saisonstart 2014/2015 allerdings ein wenig gebremst, weil rundum viele in der Branche, die über den eigenen Bildschirmrand hinaussehen mögen, die Gefahr spüren, in der wir uns befinden. Die Preistreiberei für Gegenwartskunst hat Ende 2013 und auch im ersten Halbjahr 2014 dazu geführt, dass allemal die berechtigte Sorge kursiert, bald wieder einen Crash verkraften zu müssen, wie er in der Vergangenheit immer dann einsetzte, wenn die Balance zwischen Qualität und Wert der Ware nicht mehr stimmte. Im Abstand von wenigen Jahren können wir das seit Mitte der Achtziger beobachten, als damals quasi über Nacht der Markt für die angesagte Heftige Malerei zusammenbrach. Gelernt hat der Kunstbetrieb aus diesen Erfahrungen wenig. Drei Jahrzehnte danach läuft es im Wesentlichen nicht anders, höchstens noch abenteuerlicher, weil der Kreis der Marktteilnehmer inzwischen unüberschaubar geworden ist und Hinz und Kunz meinen, per Kunst-Kauf zugleich Kultur erwerben zu können, wenigstens eigene Image-Kultur.

    Dass ein solcher Versuch freilich auch nach hinten losgehen kann, bisweilen zum Eigentor führt, musste am 5. August vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf erkannt werden. Die vorausgegangene und zunächst für beinahe jedermann nachvollziehbare Entscheidung am Landgericht war damit ad acta gelegt. Oda Jaune, die Malerin und Witwe von Jörg Immendorff, hatte geklagt und gewonnen: Ein Bild, das 1999 für 30 000 Mark aus dem Atelier des Künstlers verkauft wurde (offenbar ohne ausdrückliche Autorisierung, nur mit einer maschinellen Signatur versehen), sollte danach als Fälschung vernichtet werden. Das Oberlandesgericht mochte sich dem nicht anschließen. Es wurde festgestellt, dass der Kauf korrekt gewesen sei und das Werk nicht zerstört werden müsse – unabhängig von der Frage, ob Immendorff oder einer seiner zahlreichen Assistenten und Gefolgsleute den Pinsel hielt und das grob wirkende Machwerk im Schnellverfahren herstellte.

    Was sich im ersten Moment wie eine weitere Aufweichung des längst überall offen interpretierten Urheberrechtsgesetzes darstellt, das meines Erachtens in diesen digitalen Zeiten allzu beliebig gedehnt wird, will letztlich im speziellen Fall als Retourkutsche wahrgenommen werden. Ich kenne keinen Künstler, der – ob aus Geldgier oder aus Gleichgültigkeit – derart nachlässig mit seinem eigenen Werk umgegangen ist. Dabei geht es gar nicht um die ohnehin fragwürdige Phase, als Immendorff, von seiner Krankheit gezeichnet und unfähig zu malen, etliche junge Leute in seinem Atelier herumfuhrwerken ließ. Schon zuvor war erkennbar, dass er, der so gerne den Häuptling gab und oft eine Schar von willfährig nach seiner Pfeife tanzenden Studenten um sich versammelte, vor allem Gehorsam sehen wollte: Die Youngster sollten machen, was er wollte, und ich kann mich an etliche Kinnhaken erinnern, die nächtens von ihm verteilt wurden, wenn die ihm nacheifernden Burschen nicht parierten. Über Malerei mit ihm zu reden, gar die Freiheit der Kunst zu erörtern, war ihnen kaum möglich. Sie sollten nach seinen Anweisungen handeln, sie sollten ihn, den Malerfürsten, schlichtweg lieben und verehren, indem sie nichts infrage stellten, was diktiert wurde. Praktizierter Maoismus oder Masochismus – ganz nach Belieben, aber meist widerwärtig.

    Freilich hatte Jörg Immendorff auch seine guten Seiten. Oda Jaune, die Geradlinige, die von allen Geschätzte, hätte es sonst kaum so lange mit ihm ausgehalten und so vieles still erduldet. Aber das Düsseldorfer Urteil zeigt nun, dass die Lebensumstände und der eigene Umgang mit dem künstlerischen Werk sehr wohl bei der Einschätzung der juristischen Lage eine Rolle spielen. Ich behaupte, dass das Gericht anders entschieden und die erste Instanz bestätigt hätte, wenn nicht bekannt wäre, dass Immendorff – leider häufig auch an seinem Galeristen und Entdecker Michael Werner vorbei – selbst verhökerte oder von seinen Vasallen verscherbeln ließ, was andere Kollegen lieber wieder übermalen, auf jeden Fall nicht verbreiten würden.

    Der Immendorff-Markt, kein Zweifel, ist von Immendorff höchstpersönlich niedergemetzelt worden. Das jüngste Urteil, von Oda Jaune in der Verantwortung riskiert, den Nachlass hochzuhalten, hat nun nicht nur Jörgs Gesamtwerk oberlandesgerichtlich ins Zwielicht gestellt und entwertet, sondern auch aufs Deutlichste signalisiert: Um bildnerische Qualität geht’s schon lange nicht mehr. Was einzig zählt, sind die Zahlen, die Preise. Grauenvolle Vorstellung. Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Oder auch nicht.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Einheizen im »Maschsee-Brikett« in Hannover – dank Reinhard Spieler (Seite 5). Mal hämisch, mal gnädig: Reaktionen auf den Fall Achenbach und grundsätzliche Fragen zum Art Consulting (Seite 7). Paris: Wie man sich als Künstler im Louvre einkaufen kann (Seite 10). Frankfurt: Städelschule – sie war mal eine der besten Hochschulen (Seite 12). Preiskorrektur nach unten: Richard Phillips und der Auktionsmarkt (Seite 12). Neues Kompendium für den Kunstmarkt in Vorbereitung: Johannes Nathan gibt Auskunft (Seite 13). Will keine weitere Zeit mit einem Streit um eine Taeuber-Arp-Fälschung verbringen: Hans Mayer, Düsseldorf (Seite 15). Handicaps der Satellitenmessen im Umfeld der Art Basel (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 559 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, Todesnachrichten wollen nicht so recht zum Sommer passen, wenn alles in Blüte steht. Gleichwohl werden wir seit Wochen mit Trauernachrichten am laufenden Band konfrontiert. Kaum war On Kawara in New York gestorben, klappte Otto Piene in einem Berliner Taxi zusammen, nachdem er kurz zuvor noch in der Neuen Nationalgalerie gesehen hatte, wie sich seine Projektionsarbeit aus den Sechzigern in der Mies-van-der-Rohe-Halle darstellt. Glücklich war er. Im Szene-Gespräch gehörte man zuvor, unfreiwillig, beinahe täglich zu den Überbringern der Hiobsbotschaften, weil wieder einmal irgendjemand noch nicht gehört oder gelesen hatte, dass Rudolf Kicken seiner langjährigen Krankheit erlegen und dass Robert Lebeck drei Tage zuvor ebenfalls gestorben war, dass Fritz Schwegler mittlerweile angeblich in der einst von Harry Kramer gegründeten Nekropole in Nordhessen bestattet wurde. Der Tod, »diese verdammte Scheiße« (Bazon Brock), machte keinen Halt, nicht vor HR Giger, nicht vor Michael Schmidt, nicht vor Maria Lassnig und auch nicht vor Elaine Sturtevant. Dabei hatten wir weder die Nachricht vom Ableben von Hans Hollein verkraftet noch jene von Wieland Schmied, der ein paar Stunden zuvor gestorben war.

    Die Kunst-Familie, so ist es nun mal, reduziert sich; die alten, erfahrenen Haudegen treten ab, und im Zuge dieses natürlichen Generationswechsels wird der Weg frei für die nachrückenden Künstler und Vermittler. So steckt auch ein Quäntchen Hoffnung und Zuversicht im Sterbesommer 2014. Dabei fällt es so leicht nicht, sich den Kunstbetrieb ohne die oben Genannten vorzustellen. Sie alle haben ihre Verdienste und somit Lücken hinterlassen. Wie in anderen Kultur-Bereichen: Es wird noch Monate dauern, bis alle Trauernden aus der Schock-Starre erwachen und wieder nach vorn schauen können (die SPD-Postille »Vorwärts« hat den 2013 gestorbenen Dieter Hildebrandt soeben zu ihrem Sommerfest eingeladen. »Bin leider verstorben, kann nicht kommen«, schrieb die Witwe zurück). Wenn man es nüchtern betrachtet: Der allmähliche, der lange Abschied von den Verstorbenen entspricht der Zeit, die sie allesamt benötigt haben, bis sie in der Branche verwurzelt waren. Pienes erste »Galeristin«, eine Amalie Reinköster in Lübbecke, bespielte einen Kunstgewerbe-Sammelsurium-Laden; Piene durfte auch erst 1959, zwei Jahre nach Heinz Mack, erstmals bei Alfred Schmela ausstellen. Widerstände zuhauf, etwas seitens Karl Ruhrberg in den »Düsseldorfer Nachrichten«. Anderen Künstlern ging’s kaum besser: Es dauerte lange, Jahrzehnte lang, bis Maria Lassnig jene internationale Anerkennung erfuhr, die ihrer Malerei zusteht.

    Die Zeit ist es denn auch, die korrigiert, die unsere Wahrnehmung der Dinge verändert. Wir werden älter, bisweilen besonnener, gelassener, ruhen mehr in uns – und schreiben neue Testamente oder Autobiografien, Reminiszenzen an unsere künstlerische oder sie moderierende Vergangenheit. Ob Fritz Schwegler, der im Juni starb, etwas verfügt hat, ob schriftlich oder mündlich, wissen wir momentan nicht. Tatsache ist aber, dass er, der einst mit Begeisterung bei Kramers Künstlerfriedhof-Projekt in Kassel mitmachte, dort gar nicht zur letzten (Urnen-)Ruhe fand. Seine Witwe sorgte stattdessen dafür, dass der Künstler im Sarg und im Familiengrab, das bereits auch seine Eltern aufgenommen hatte, bestattet wurde. Schweglers Gedenkstätte in der Nekropole bleibt somit leer. Ein Scheingrab. Polemisch und in Kramers Sinne gesprochen: Das fängt ja gut an! Als Rune Mields und Timm Ulrichs im Jahr 1992 die beiden ersten Grabstätten im Versprechen aller Beteiligter, sich dort tatsächlich bestatten zu lassen, in würdiger Stimmung einweihten, konnte niemand ahnen, dass es so lange dauern würden, bis dieser Ort wirklich ein Friedhof und nicht nur ein Skulpturenplatz sein würde. Zwei Dutzend Jahre danach: Gottlob leben sie noch, die Rune, der Timm und die anderen Nekropolisten, aber ihre einst aufwendig gestaltete und vor allem mühsam bewilligte Totenstadt im Habichtswald bleibt tot – auch nach Schweglers Tod. Ein gutes Omen? Unter dem Aspekt der vielen sommerlichen Todesnachrichten: Allemal tröstlich.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Wie Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner mit Hilfe von Tageszeitungen versucht, eine ganz eigene Politik zu machen (Seite 4). Avignon: Stefan Szczesny, der Papstpalast und ein Sommerskandälchen (Seite 5). Erfolgsbilanz dank »Bugatti-Virus« in Berlin (Seite 6). Michael Schultz verteidigt Helge Achenbach (Seite 8). Kapitaler Verlust fürs Kunstmuseum Basel (Seite 9)? Zweiter Anlauf: Sotheby’s und eBay probieren es erneut miteinander (Seite 12). Verschuldet: Kunsthalle Emden in Not (Seite 13). Die Arp-Stiftung expandiert (Seite 15). Frankfurt: Liebieghaus setzt auf eine 3D-Scanstraße (Seite 15). Noch steigerungsfähig: Die Auktionspreise für Carsten Höller (Seite 18). Mannheim: K(r)ampf ums Loch in der Kunsthalle (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 558 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, je länger Helge Achenbach in Untersuchungshaft sitzt (siehe ID 557, Seite 15), desto größer werden die Zweifel, dass so gar nichts an den Vorwürfen dran ist, die von der Aldi-Witwe Babette Albrecht erhoben wurden. Wie berichtet: Natürlich gilt zunächst die Unschuldsvermutung; aber kann man sich vorstellen, dass es die Essener Oberstaatsanwältin Anette Milk wagt, den umstrittenen Kunstberater, Restaurantbesitzer und Oldtimerhändler so lange im Knast hocken zu lassen, wenn gar keine Dokumente vorliegen würden, die Achenbachs Manipulationen beweisen können? Schon jetzt lässt sich, unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen und von der Frage, ob Klage erhoben wird oder nicht, unmissverständlich feststellen, dass ein gewaltiger Schaden entstanden ist. Dabei geht es nicht um zivilrechtliche Ansprüche, die dem womöglich strafrechtlich relevanten Procedere folgen werden, sondern um eine atmosphärische Note, die den gesamten Kunsthandel ins Zwielicht zieht.

    Denn Tatsache ist, dass nicht nur die Gilde der gerne auf beiden Seiten kassierenden Art Consulter (als deren Vorreiter in Deutschland der sozialpädagogisch ausgebildete Helge Achenbach gesehen werden muss) infrage gestellt wird. Die mobilen Kunstberater, einst vor allem von engagierten Programm-Galeristen scharf kritisiert, zunächst als Schmarotzer und Trittbrettfahrer auch auf den Kunstmessen vertrieben, haben es dank ihrer Einkäufe im Kundenauftrag nämlich nach und nach geschafft, sich ins Galerie-Geschäft zu mischen und manchem Räume bespielenden Händler stattliche Umsätze zu bescheren. Das verbindet, das hat im Falle Achenbach sogar zu allerlei langjährigen Kooperationen und Freundschaften geführt. Doch nun müssen all jene Galeristen, die mit ihm zu tun hatten, die ihm die Ware lieferten, den Kopf einziehen und mitunter sogar zittern, was die vermutlich folgenden Prozesse vor Gericht ans Tageslicht bringen. Immerhin handelt es sich um den seit langem hinter den Kulissen praktizierten Kickback-Vorgang, der Preisaufschläge auf Kosten der Sammler (und Spekulanten) enthält, die komplett oder teilweise in die Tasche des Kunstberaters fließen, die den Galeristen als seriösen Markt-Teilnehmer letztlich aber selbst in Misskredit bringen.

    Dass aus der ehemaligen Feindschaft zwischen Galerist und Kunstberater vielerorts eine Komplizenschaft geworden ist, ahnt man auf Käufer-Seite bereits seit langem. Doch die Causa Achenbach wird nun Klarheit schaffen und allemal auf Image-Ebene etliche Geschäftspartner des »Schlitzohrs« (Kasper König) und des »Filous« (Gerhard Richter) gewissermaßen mitreißen. Schmerzhaft für die Betroffenen im Einzelfall, vor allem aber eine Tragödie für die ganze Branche, weil es hier um das ohnehin längst angeschlagene Vertrauen in den Kunsthandel geht. Wer normal tickt, kann sich nämlich nicht mehr erklären, wie diese Wahnsinnspreise für Gegenwartskunst zustande kommen, wie hohe Millionen-Beträge selbst für Kleinigkeiten der Blue-Chip-Artisten ausgegeben werden. Wenn nun obendrein die unter wahrscheinlichen Umständen gerichtlich attestierte Erkenntnis hinzukommt, dass die Schuld an diesem Irrsinn nicht nur die gerne attackierten Auktionshäuser tragen, sondern teils die Kickback-Praktiker in den Galerien, dann könnte der wieder bis zum Platzen gefüllten Blase schneller die Luft ausgehen, als es sich die Branche im Moment vorstellen mag. Dann, ja, auch das noch, dann könnte Helge Achenbach, wenn er wieder frei ist, erneut den Berater geben – beim Investment-Wechsel von der Kunst zum Oldtimer.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Klage eines Enkels von Peggy Guggenheim gerichtlich abgewiesen. Die Guggenheim-Stiftung muss ihren Kurs nicht ändern (Seite 2). Walter Droege – ein Sammler, der immer öfter ins Gespräch kommt (Seite 4). Auf dem Weg in die Pleite? Wirtschaftlich in Not: Fondation Maeght (Seite 8). Wien: Wie Gerald Matt seinen Imageverlust selbst verschuldet (Seite 8). Markt-Beobachtung: Sarah Lucas (Seite 11). Wie die Diözese Würzburg mit Künstlern umgeht: Der Fall Helmut Schober, Mailand (Seite 13). Joanneum, Graz: Aus für »63 Jahre danach« von Jochen Gerz (Seite 14). Wiederbelebung der »Internationalen Photoszene Köln« bereits im August (Seite 18)? Gregor Schneider wechselt von Duisburg nach Bochum (Seite 24). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 556 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, natürlich kennen auch Sie Joachim Lottmann, Jahrgang 1956, den Popliteraten (»Der Geldkomplex«, »100 Tage Alkohol« und andere Veröffentlichungen). Persönlich ist er mir zwar niemals begegnet, doch man weiß viel über ihn. Beispielsweise, dass er erst im zweiten Anlauf Karriere machen konnte und auch heute noch von vielen in der Kultur- und Medien-Branche argwöhnisch beäugt wird, weil er – wie Moritz von Uslar – zu den hinterlistigen Zeitgenossen zählt. Zu deren Strategie gehört es, die Dinge ins Gegenteil zu drehen oder sie, zu dumm, schlichtweg zu erfinden und sich dabei erwischen zu lassen, wie einst ein gewisser Tom Kummer. Der beschönigte sein unseriöses, ja, kriminelles Tun, das im Jahr 2000 zur Entlassung von zwei Chefredakteuren führte (zumal auch Spesen für nicht stattgefundene Bewirtungen von Prominenten abgerechnet wurden), mit dem Hinweis, er sei ein Vertreter des »Borderline-Journalismus«. Doch der Versuch, den Skandal im sozialen und künstlerischen Kontext zu verorten, scheiterte bald, weil Kummer fünf Jahre danach die zweite Chance, die man ihm gab, unverzüglich verschenkte und erneut rausflog, diesmal aus dem Mitarbeiter-Team der »Berliner Zeitung«.

    Natürlich ist die Erfindung nicht grundsätzlich verdächtig; im Gegenteil: Wer – wie Lottmann – einen Roman schreibt, muss Phantasie haben. Aber auch bei Lottmann, der mal, um 2005, ein paar Monate lang im »Spiegel«-Kultur-Ressort mitarbeiten durfte und dort schnell ins Zwielicht geriet, geht der Alarm sofort hoch, wenn man eine Neuerscheinung in den Händen hält, wie soeben »Endlich Kokain« (bei Kiepenheuer & Witsch erschienen). Denn der in Hamburg geborene Autor ist berüchtigt wegen seiner perfiden Methode, Fakten zu verzerren und vor allem überschwängliches, sich teils selbst entlarvendes Lob über seine Protagonisten zu gießen. Nicht selten handelt es sich um persönliche Feindschaften, um üble Abrechnungen unter dem Deckmantel der Literatur. »Wirklich böse«, so soll der ansonsten tolerante Kollege Rainald Goetz einmal geurteilt haben, sei er, der Lottmann.

    Liest, nein, quält man sich, wie ich es kürzlich getan habe, durch 251 Taschenbuch-Seiten »Endlich Kokain«, dann mag das im Einzelfall von den namentlich Erwähnten oder den Gemeinten aus dem Kunst-Betrieb ähnlich empfunden werden. Grund zur Freude oder zum großen Hass hat nämlich niemand, weil diesmal keiner verlottmannt, also zu Tode gelobt wird. Vielmehr wird anhand der Story eines früh pensionierten, übergewichtigen Redakteurs und der Auswirkungen seines Drogenkonsums (Pfunde purzeln, Erfolg bei Frauen, Sucht-Faktor) ein abenteuerlicher (Gedanken-)Spaziergang durch die Szene in Wien und dann in Berlin unternommen, in dem etliche Insider das tun müssen, was sich Lottmann für sie ausgedacht hat. Schlimmste Strafe für Diedrich Diederichsen (Seite 157): »Wer war das noch mal gewesen?« – oder Breitseite für die Stargaleristen Monika Sprüth und Christian Nagel (Seite 200), die mit einer Projektgaleristin, andere Liga, einer ehemaligen Lottmann-Freundin, in eine Zeile gepfercht wurden.

    Kein Wunder auch, dass Joachim Lottmann berichtet, viele, »vor allem die Kokser«, seien ins »Grill Royal« geflüchtet (Seite 237). Aber laut Autor geht’s auch im ehrwürdigen Berliner »Adlon«, fünfte Etage, wo »Tausend-Euro-Hostessen« ihren Dienst tun (Seite 242), wie es heißt, »hoch her«; als Leser denkt man dabei unfreiwillig an einen 2007 gestorbenen Künstler und an seine Koks-Orgien in einer anderen Stadt. Schließlich (Seite 250) darf der Galerist Bruno Brunett auf den Erzähler »zutorkeln«, und zwei Absätze vorher (Seite 249) sitzt eine Frau auf Jonathan Meese und, wow, spielt Cowgirl mit ihm (Seite 249): »Ich hatte immer gehört, er sei schwul« (Lottmann). Klare Sache, dass weder Harry Lybke (der als Harry Schmeling erwähnt wird) noch Boris Becker (der im Roman an einem Türsteher nicht vorbeikommt) unterstellt wird, etwas mit Drogen zu tun zu haben, da hat er aufgepasst, der Autor (oder sein Verlag), aber die »Kunstbetriebssatire« (wie der »Tagesspiegel« schrieb) kreist nicht nur um Martin Kippenberger beziehungsweise Josef Hölzl, wie der von Freund Kippenberger einst verstoßene Lottmann seinen Fünfsternekokser nennt.

    Es ist, wachsweich formuliert, juristisch kaum relevant, ein harmloses Spielchen im Andeutungsnebel. Dass die Wirklichkeit spannender als die Lottmannsche Verarbeitung seines eigenen Kippenberger-Traumas ist, weiß oder ahnt man, wenn man seit Jahrzehnten im Kunstbetrieb unterwegs ist. Eine seit langem in Berlin lebende Prominente sagte vor Tagen bei einem Abendessen, der Lottmann liege so falsch nicht. Hinter den Kulissen offensichtlicher Vernetzung einflussreicher Persönlichkeiten in der Hauptstadt habe sich eine spezielle Grauzone etabliert, eine Clique, die ihre Kunstgeschäfte quasi nebenbei im Partyrausch erledige. Das gehe Hand in Hand, Line für Line, Bild für Bild. Zugegeben: Da verschlug es auch mir, einem alten Hasen, vorübergehend die Sprache. Und es kam mir, auf dem Nachhauseweg, der Gedanke in den Sinn, diese Story müsse mal recherchiert werden. Freilich kein Fall für einen Border-Line-Journalisten.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Von Schaffhausen nach Basel wechselt Urs Raussmüller. Neuanfang für die Sammlung (Seite 2)? Warum Laurent Le Bon im Pariser Picasso-Museum nicht gut aufgehoben ist (Seite 7). Was der »Pop-Stammtisch« von Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig bewirken soll (Seite 8). Essen: Tobia Bezzola als Opfer im Museum-Folkwang-Streit (Seite 9)? Versteckte Botschaft von Ai Weiwei auf der Fotoplattform Instagram (Seite 10)? Autokonzerne retten das Detroit Institute of Arts (Seite 11). Martin Eder und Carsten Nicolai als Bühnenbildner in Stuttgart (Seite 13). Preis-Entwicklung bei Dennis Scholl (Seite 17). Düsseldorf: Katharina Sieverding an der Kö (Seite 17). Googles »Street Art Project« umstritten (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 555 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, dass der Gründer der Kunsthalle Emden, der legendäre Henri Nannen, kein Nazi war, sollte man eigentlich nicht schreiben müssen. Aber das widerliche Trara, das Autoren wie Jacob Appelbaum und Laura Poitras ausgelöst haben, nachdem (sic!) sie ihre Nannen-Preise entgegengenommen haben, führt nun doch dazu, dass man die bereits vor ewigen Zeiten abgeschlossene Debatte aufkochen muss. Es sei erneut daran erinnert, dass der »Stern«-Gründer ein freiheitlich denkender Geist war, keineswegs ein Impulsgeber für ein menschenverachtendes, reaktionäres Regime. Wenn man ihm – wie Tausenden anderer Zeitgenossen – etwas vorwerfen kann, dann die Tatsache, dass er sich vereinnahmen ließ, dass »er zum Teil eines mörderischen Systems wurde«, wie es seine Enkelin, Stephanie Nannen, vor Tagen auf den Punkt brachte.

    Ein anderer Fall, aber eine ähnliche Situation: Im Städel in Frankfurt geht in dieser Woche eine Ausstellung zu Ende, die Emil Nolde gewidmet ist und naturgemäß sämtliche Vorwürfe hochspülte, mit denen sich die Nachlass-Verwaltung in Seebüll seit langem auseinandersetzen muss, indem sie ungeheuer viel Zeit investiert, immer und immer wieder zu betonen, dass der Künstler kein NS-Täter war, sondern trotz der »urgermanischen« (Nolde) Bilder, die Joseph Goebbels in seiner Privatwohnung von ihm hängen hatte, als Verfolgter zu sehen ist, als Opfer. Allein im Jahr 1937, so weiß man, wurden rund 1000 seiner Bilder aus deutschen Museen entfernt. Selbstverständlich tauchten seine Werke in der Schau »Entartete Kunst« auf, selbstverständlich Ausschluss aus der Reichskunstkammer, Berufsverbot also.

    Ob Nannen oder Nolde: Freilich haben beide gewiss Vorgaben geliefert, um sie ins Zwielicht setzen zu können, doch allmählich wird jene um sich greifende Naziphobie zum Problem, weil sie sogenannte Nebenkriegsschauplätze eröffnet, während eine nachwachsende Generation echter rechtsradikaler Prägung täglich irgendwo in Deutschland den Terror verbreitet. Jüngstes und extremstes Beispiel jener längst absurden Verfolgung vermeintlicher Verfolger: Die Klosterkammer Hannover, vertreten durch den Präsidenten Hans-Christian Biallas, hat am 9. Mai fristlos jenen Stiftungsvertrag aus dem Jahr 1998 gekündigt, in dem vereinbart ist, dass ein Großteil des Nachlasses des 1978 in Celle gestorbenen Malers Erich Klahn im Kloster Mariensee in D-31535 Neustadt bewahrt, erforscht und ausgestellt wird. Dabei beruft sich die Klosterkammer auf ein Gutachten (von Hennig Repetzky), in dem nationalsozialistisches Gedankengut attestiert wird.

    Für Peter Raue, der als Anwalt die Angehörigen des Malers vertritt (nämlich Tochter und Stiefsohn), ist die Kündigung »pure Heuchelei«. Denn Repetzkys Vorwürfe seien spätestens seit 1998 bekannt; der Kunsthistoriker selbst habe sie, 2001, in seiner Klahn-Monografie berücksichtigt. Raue in seinem Antrag (vom 30.5.) an das Landgericht Hannover: »Selbst wenn man daher aus heutiger Sicht die Bedenken Repetzkys teilen wollte, können diese, 16 Jahre nachdem Wissenschaftler erstmals die Umstände des Lebens und Wirkens Erich Klahns in den Jahren 1920 bis 1945 kritisch beleuchtet haben, eine fristlose Kündigung des Stiftungsvertrages nicht stützen.«

    Nachdem 1998 insgesamt 529 Werke übereignet wurden, kamen im Laufe der Jahre weitere hinzu, so dass dank dieser Zustiftungen mittlerweile über 1100 Arbeiten den Eigentümer gewechselt haben. Weitere knapp 1800 Exponate, noch im Besitz der Stifter-Familie, aber bereits im Archiv der Klahn-Stiftung untergebracht, sollen oder sollten langfristig ebenfalls Teil des Vermögens der Klahn-Stiftung werden. Es geht also um ein quantitativ nicht unerhebliches Konvolut, unabhängig von der Frage nach dem Marktwert. Vor allem stellt sich das juristische Problem, wie ein Vertrag, der kein Kündigungsrecht vorsieht, seitens der Klosterkammer, einer Einrichtung des Landes Niedersachsen, gekündigt werden kann.

    Was die gesamte Branche freilich interessieren und betroffen machen muss, ist das Phänomen einer fragwürdigen Neigung zur Melange, wenn es um Kunstgeschichte geht. Person des Künstlers und Bedeutung des Werks – sollte da nicht sorgsam differenziert werden, wenn es um weit zurückliegende Zeiten geht, wenn der historische Kontext andere Parameter vorgibt, als wir sie in der Gegenwartskunst zum Einsatz bringen? Natürlich handelt es sich um heiklen Gedankenstoff, aber wer gibt die Maßstäbe für die Bewertung der Vergangenheit? Sind wir nicht verpflichtet, die Voraussetzungen zu schaffen, um uns mit ihr, der Geschichte, kritisch auseinandersetzen zu können? Wäre das von der Klosterkammer angestrebte Abräumen, jene Verbannung der Bilder, letztlich nicht auch eine Art von Zensur, Kunst- oder gar Berufsverbot? Darüber, bitte, sollten Hans-Christian Biallas und seine Klosterkammer-Herren dringend einmal nachdenken.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Berlins neuer Kulturstaatssekretär Tim Renner in Fußball-Laune (Seite 3). Freihandelsabkommen: Klaus Staeck appelliert an die Bundesregierung (Seite 6). Kurs-Änderung: Mehr Gegenwartskunst im Metropolitan Museum in New York (Seite 8). Lotterbett von Tracey Emin in London zu versteigern (Seite 8). Mehr Etat, aber weniger Lob für Monika Grütters (Seite 10). Frankfurt: Koran-Diebstahl im Portikus (Seite 11). Köln: Gregor Schneiders »Neuerburgstraße 21« (Seite 13). Baden-Württembergs Problem mit dem »Oskar Schlemmer Preis« (Seite 14). Top-Museen: Italien unter ferner liefen (Seite 15). Markt-Situation Jan Voss (Seite 17). Expansion des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt (Seite 17). Stellenangebote (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 554 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, das Stadtgespräch in Köln: Vor Tagen wurde bei Lempertz ein auf 15 000 bis 18 000 Euro taxiertes Gemälde versteigert, das aus gutem Grund eher unverbindlich beschrieben war (»Niederländischer Meister, Mitte 17. Jahrhundert«) – und schließlich sage und schreibe rund das Einhundertdreißigfache (!) des Aufrufpreises 12 000 Euro brachte. Zuschlag also bei 1,25 Millionen Euro, mit Aufgeld 1,5 Millionen (für den Londoner Handel, der wohl auf Rembrandt und/oder seinen Schüler Govaert Flinck als Urheber setzt). Die sensationelle Erfolgsmeldung aus dem Lager der Freunde Alter Meister hätte hier keine Bedeutung, stünde sie nicht letztlich im direkten Zusammenhang mit jenen Resultaten, die in diesen Tagen in Sachen Gegenwartskunst über meinen Bildschirm laufen. Ich komme kaum mehr nach, die neuen Rekorde zu verbuchen, die Erlöse zu notieren, der gesamte Markt überschlägt sich. Und mittlerweile, so scheint mir, kommt es schon gar nicht mehr darauf an, was angeboten wird, ob man das Kunstwerk oder den Gegenstand in der eigenen Sammlung braucht oder nicht: Hauptsache ist, dass man im Spekulationsspiel ohne Grenzen seine Mitbewerber aussticht (in diesem Monat erzielte sogar russischer Raumkapsel-Schrott in Brüssel stattliche 1,3 Millionen Euro).

    Zugegeben: Nach den 52 Millionen Dollar für Jeff Koons, im November 2013 registriert, sollten mich Rekordzahlen aus den Auktionshäusern nicht mehr irritieren, und doch zucke ich jedes Mal wieder zusammen, wenn ich sehe und höre, was für Klassiker und für die folgende Generation bewilligt wird. Da steigert, wie soeben bei Christie’s, tatsächlich jemand ein gerade mal vor 30 Jahren gemaltes Bacon-Bild auf 81 Millionen Dollar hoch. Nicht genug mit dem Irrsinn: 84 Millionen Dollar für Barnett Newman, nicht mal für einen besonders guten. Was wundern also, wenn auch für Werke lebender Maler ein Vielfaches ausgegeben wird, verglichen mit dem schließlich doch preisgünstigen »Niederländischen Meister«. Sowohl Christie’s als auch Sotheby’s glänzten in New York mit Erlösen (plus Aufgeld) um 29 Millionen Dollar für Gerhard Richter. Und Kippenberger schießt in die Höhe, dass sich seine Kumpels von einst und natürlich sämtliche Kippenberger-Sammler vor Freude in die Hose machen, passend zum knapp 17-Millionen-Dollar-Bild des Künstlers, einem Selbstporträt im übergroßen Picasso-Schlüpfer. Sogar Rosemarie Trockel übertrifft sich selbst, ohne eigenes Zutun freilich: Der erst kürzlich für sie protokollierte Rekord wurde erneut übertroffen, mit über vier Millionen Dollar für Gestricktes aus den Achtzigern. Allein Christie’s spielte an einem Abend (für 68 Lose) eine dreiviertel Milliarde Dollar ein – oder 750 Millionen Dollar.

    Soll ich mich da freuen, denke ich bei der Lektüre diverser Tageszeitungen, die diese neuen Rekorde genüsslich verbreiten und schon per Headline applaudieren, dass die Auktionshäuser in New York so viel Geld wie nie zuvor verdienen. Ist es wirklich eine gute Nachricht, wenn Christie’s tönt, dass es genug Sammler gibt, die leicht 50 Millionen für ein einzelnes Kunstwerk ausgeben können? Will da jemand auf der Überholspur, am ohnehin angeschlagenen Mitbewerber Sotheby’s vorbei (siehe ID 552, Seite 13), zum finalen Preistreiber-Kampf ansetzen? Und natürlich werde ich auch keine überzeugende Antwort finden und Ihnen, meinen Lesern, vermitteln können, wenn es um die Frage geht, warum mittlerweile auffällig ist, dass die betuchten Sammler, ob echte oder Flipper, vor allem aus Asien kommen und sich überwiegend bei Christie’s mit renditebringender Ware eindecken (sollte es tatsächlich an der attraktiven Asien-Managerin Xin Li liegen, wie jemand meint?). Sicher ist derzeit nur, dass die Gegenwartskunst völlig überteuert ist, dass die Telefonkäufer aus Fernost daran einen großen Anteil haben oder Schuld tragen, dass sich dieser Markt selbst gefährdet.

    Dabei können wir alle, die wir Verantwortung für die Kunst und unsere Branche spüren, die große Keule der Kritik nicht schwingen, ohne den deutschen Kunsthandel oder die Auktionshäuser im deutschen Sprachraum in Schutz zu nehmen. Denn sie können allesamt maßhalten, bei den Schätzungen, in den Auktionen. Die international üblichen Garantiesummen-Spielchen, jene fragwürdigen Köder für hungrige Milliardäre, machen sie beispielsweise nicht (oder nur selten) mit. Und selbstverständlich darf nicht verschwiegen werden, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und auch die zum Einsatz kommenden Investments für Kunst in den USA ganz andere als in Mitteleuropa sind. Ob Grisebach, Ketterer, Lempertz oder auch kleinere Häuser: Die Konjunktur-Entwicklung hierzulande, durchaus aber im Kontext der Auktionsgiganten zu beurteilen, wirkt moderat, vernünftig. Ob das, unter dem Druck der Kapitalanleger, dauerhaft so bleiben kann, bezweifele ich allerdings. Vergessen wir nicht: Auch Christie’s legte bescheiden los. Rund zwei Milliarden Dollar Jahresumsatz um die Jahrtausendwende. Das schaffen die Auktionatoren des Unternehmens heutzutage in zwei oder drei Abend-Auktionen. Glückliche Zeiten? Nein, gefährliche!

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Klage der Galerie Gmurzynska in der Schweiz abgewiesen; beschlagnahmte Akten dürfen komplett ausgewertet werden, entschied das Bundesgericht (Seite 6). New York: Gedenkstätte September 11 als Themenpark des Abstiegs (Seite 6). Wie die Kunststadt Köln ihren neuen Direktor am Museum Ludwig freudig begrüßt (Seite 8). Interview mit Yilmaz Dziewior (Seite 12). Kunst als Diplomatie-Bonbon im Iran und in den Golfstaaten (Seite 12). Zukunft der Sammlung Gurlitt: Provenienz-Forscherin Sibylle Ehringhaus nimmt Stellung (Seite 15). Wie sich Thomas Köhler auf die Schließung der sanierungsbedürftigen Berlinischen Galerie vorbereitet (Seite 18). Stellenangebote (Seite 21). Markt-Entwicklung für Björn Dahlem (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 553 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, die vielen Gespräche, die ich in den zurückliegenden Messe- und Gallery-Weekend-Wochen geführt habe, zeigten es immer wieder: Derzeit herrscht eine beachtliche Nervosität, wenn es um das Thema Stiftungen geht. Wenn auch die öffentliche Kulturfinanzierung gottlob nach wie vor den Einsatz übertrifft, den der gemeinnützige private Sektor einbringt, so ist doch auf dieses Engagement nicht mehr zu verzichten, nicht nur aus pekuniären Gründen. Der Stiftungsgedanke, der seinen Nährboden im zivilgesellschaftlichen Handeln findet, sorgt für eine wirkungsvolle Einbindung bürgerschaftlichen Interesses, oft wirkungsvoller, als staatliche Kräfte es vermögen. So weit, so gut.

    Wenn die Stiftung als Institution im »Stiftungsland Deutschland«, wie es Hans Fleisch (Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen) einmal treffend formulierte, ins Zwielicht geraten ist, dann kommt diese aufflammende Debatte nicht von ungefähr. Immerhin gibt es hierzulande rund 19 000 Stiftungen bürgerlichen Rechts, und etwa 15 Prozent setzen auf Kunst und Kultur – laut Satzung. Die meisten davon, etwa 70 Prozent, sind erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten gegründet worden. Und das hat, wie in einer Gesellschaft der Steuersünder zunehmend erkannt wird, eben auch Steuervorteilsgründe.

    Von Marli Hoppe-Ritter bis Eske Nannen kennt man im Kunstbetrieb zahlreiche Stifterinnen und Stifter, die tagein und tagaus für die Kunst und ihre Vermittlung kämpfen, die im allerbesten Sinne den jeweiligen Stiftungsauftrag mehr als vollumfänglich erfüllen. Da verneige ich mich. Doch wie oft staunt man, wenn andere Akteure des Kunstbetriebs plötzlich ebenfalls den Stifter-Status beanspruchen oder sich als Förderer in Szene setzen, obgleich man sonst niemals etwas von ihnen sieht oder hört. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder nur für eine wohldosierte Halb- oder Viertelöffentlichkeit kommen sie mit Ach und Krach ihrer Aufgabe als operative oder fördernde Institution nach, mit gerade so wenig Engagement, wie es nur geht, um dem Finanzamt die gemeinnützige Tätigkeit nachzuweisen.

    Aber auch dort, wo nicht hinter verschlossenen Türen gestiftet wird, stellt sich öffentliches Misstrauen ein, wenn Dutzende von Kunstwerken in Auktionen gegeben werden, Bilder, die aus einer Stiftung kommen: Im speziellen Fall aus der Langen Foundation im Rheinland. Hauptsache, sechzigprozentige Steuerbefreiung nach dem Ablauf von zehn Jahren Zeit, Volksbildungszeit. Und diese gemeinnützige Phase ist auf den Tag genau bewältigt (im Startjahr des Langen-Ausstellungsbetriebs auf der Raketenstation Hombroich, 2004, starb Marianne Langen). Freie Bahn also für die Erben und ihren Millionen-Deal aus »persönlichen Gründen«. Rechtlich ist dagegen nichts zu sagen. Aber die Anwälte des Stiftungsgedankens, egal, in welcher Partei oder kulturpolitisch relevanten Institution sie auch agieren, ob sie Tobias Henkel oder Olaf Zimmermann heißen, tun sich in diesen Zusammenhang ungeheuer schwer, weiterhin ihre Plädoyers für das Stiftungsmodell zu formulieren. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu, so fällt mir auf: Nachlassende Stiftungserträge (wegen sinkender, kaum mehr vorhandener Zinsen und anderer Unwägbarkeiten) verführen dazu, aus fördernden Stiftungen operative zu machen, die dann über eigene Inhalte eine gesellschaftlich noch höhere Verantwortung eingehen. »Wenn zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung eine multimediale Stimmungsmache für das EU-/USA-Freihandelsabkommen organisiert, stellt sich die Interessensfrage unmittelbar«, gab Kulturrat-Geschäftsführer Zimmermann kürzlich zu bedenken. Ich stimme ihm zu, ohne Einschränkung und mit Francis Picabia: An diesem Wundpunkt muss das bislang euphorisch betriebene (Stiftungs-)Denken dringend die Richtung ändern.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Das Kölner Museum Ludwig hat seinen neuen Direktor gefunden; Yilmaz Dziewior, Bregenz, wechselt 2015 an den Rhein (Seite 2). Streit um das Kunsthaus Graz (Seite 5). Wie der Schweizer Yves Bouvier mit Luxus-Freihäfen Zoll-Probleme löst (Seite 7). Wie geht’s weiter mit dem Monte Verità, mit der Erinnerung an Harald Szeemann (Seite 9)? »Nine Columns«: Ein Kraftwerk von Heinz Mack, mitten in Venedig (Seite 9). Wieder im (Affären-)Gespräch: Das Arp Museum (Seite 15). Enttäuschung im Grand Palais, Paris, wo Bill Viola das Pathos zelebriert (Seite 15). Hat Hermann Nitsch seine (künstlerische) Nachfolgerin gefunden? Wer ist Katharina Biber (Seite 16)? Wie wäre es mit drei Bundes-Millionen für Galerien (Seite 24)? Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 545 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als ich im Sommer 2010, Wochen vor der Verhaftung der Beltracchi-Bande, den allerersten Hinweis auf die anrollende »Affäre« (so Wolfgang Beltracchi) in diesem Branchendienst veröffentlichte, wunderte ich mich sehr, dass sich rundum nichts tat, dass keiner meiner Kollegen der großen Tageszeitungen, im Internet oder im Fernsehen reagieren mochte. Später schrieb die »FAZ«, mein Editorial im Informationsdienst KUNST sei derart ungeheuerlich gewesen, man habe sich Kunstfälschung in diesem Ausmaß einfach nicht vorstellen können. Während die »Süddeutsche Zeitung« dank Renate Meinhof nach der Sommerpause 2010 endlich zuerst aktiv wurde, versäumten es einige Blätter wochenlang, die längst bekannten Tatsachen ihren Lesern mitzuteilen. Dazu gehörte auch »Der Spiegel«. Dass nun ausgerechnet dieses einst in der Sache völlig nachhinkende Magazin quasi wie die PR-Abteilung des Verlages die beiden insgesamt 1084 Seiten starken Rowohlt-Neuerscheinungen von Helene und Wolfgang Beltracchi promotet (»großartige Lektüre«; siehe Ausgabe vom 20.1., Seite 108), muss nicht verwundern. »Der Spiegel« ist schon lange nicht mehr das einst von vielen wegen seiner kritischen Haltung geschätzte Vordenker-Blatt, und die »Spiegel«-Frau Gisela Friedrichsen, der beste Kontakte zum Beltracchi-Anwalt Reinhard Birkenstock nachgesagt werden, hat schließlich auch das Geleitwort für »Einschluss mit Engeln« geschrieben.

    In diesem Band, der letztlich vielleicht authentischer ist als der zweite, »Selbstporträt« (wo das verurteilte Ehepaar im Rückblick die eigene kriminelle Story verharmlost), findet sich auf Seite 420 des U-Haft-Briefverkehrs zwischen Helene und Wolfgang Beltracchi ein Satz des Fälschers an seine Komplizin, der jetzt gegen ihn selbst und den Verlag gerichtet werden darf: »Wer kauft diesen Scheiß?« (Beltracchi empört sich im Kontext Charlotte Roche über das »Marketing in der Literaturgeldmacherei«). Dabei nimmt er seine Leser in die persönlichen Feuchtgebiete mit. Wollen wir tatsächlich wissen, dass der Fälscher am 15. September 2010 seine »Entzündung in der Poritze« protokollierte (»vielleicht wieder Herpes«)? Ja, wollen wir überhaupt ein Buch lesen, das im Bewusstsein geschrieben wurde, dass jeder Satz und jedes Wort seitens der Staatsanwaltschaft geprüft werden müssen?

    So erfährt man mehr über den Alltag in der 14 Monate lang dauernden U-Haft als über das, was wirklich interessiert, nämlich die Bilder, die aus dieser Werkstatt kamen, in den Kunstbetrieb geschleust wurden und noch viele Jahrzehnte lang für Probleme sorgen werden. Was freilich offenbar wird, ist eine Bestätigung der Tatsache, dass dieses Gaunerpaar (das sich ebenso rührselig wie spekulativ gegenseitig die Liebe beteuert) mit allen Wassern gewaschen war. Allein wie Helene Beltracchi in den ersten Monaten die Knast-Aufseher (für die mitlesende Staatsanwaltschaft) lobt: »dass die Beamten immer die Nerven behalten«, »liebe Beamtinnen« (Seite 47). Oder: »Die Staatsanwältin hat ‘ein Herz’« (Seite 130). Ehemann Wolfgang legt ähnlich nach, wenn er den korrekten Insassen gibt und es selbstverständlich ablehnt, illegale »Hauspost« an Helene leiten zu lassen (Seite 68).

    Wenn »Einschluss mit Engeln« überhaupt verwertbare Botschaften enthält, dann sind es zwei, die freilich beide wenig überraschen. Erstens: Wolfgang Beltracchi selbst ist ein schlichter Handwerker, der weder die Akten für den eigenen Prozess durchschaut noch den Kunstbetrieb, den er doch vorführen wollte, wie er glaubhaft zu machen versucht (was er über Helnwein, Luginbühl oder Lüpertz schreibt, spricht Bände; wie ihm seine Frau empfiehlt, die Knast-Zeichnungen nicht einfach an Mitinsassen zu verschenken, ist eine weitere Offenbarung). Zweitens: Helene Beltracchi, die gewiefte Geschäftsfrau der Bande, hat zumindest in den ersten Wochen ihrer Inhaftierung, 2010, nicht im geringsten begriffen, was sie getan hat (»sollen diese Kunst-Haie sich doch alles greifen, die kriegen den Hals ja niemals voll, sind so abgezockt und spielen hinterher die Betrogenen!«, Brief vom 6.10.2010, Seite 85). Völlig absurd wird es dann auf Seite 576 im anderen Buch, »Selbstporträt«, wo Wolfgang Beltracchi sich tatsächlich in die Heldenrolle hineinzuhieven versucht. »Die Verunsicherung der Marktteilnehmer«, so schreibt er hier selbst (oder war es doch ein Ghostwriter?), »führt uns heran ans wirkliche Sehen, also an die Kunst«.

    Ja, um Gottes willen: Ist dieser Kerl denn völlig übergeschnappt? Brauchen wir Fälschungen, um zu sehen? Das Beispiel steht für eine letztlich reuelose Haltung, für über 1000 Rowohlt-Schmonzetten-Seiten, die man sich nur dann zumuten muss, wenn man womöglich selbst betroffen ist (über Werner Spies heißt es auf Seite 163 von »Einschluss mit Engeln«: »Der ist aber richtig alt geworden, der Spies. Und läuft noch frei herum!«) oder gar nichts anderes mehr zu tun hat. Mit Spannung warte ich nun aber darauf, vorab sehen (und dann für Sie berichten) zu können, was der Kinofilm aus dem Senator Film Verleih, »Beltracchi – Die Kunst der Fälschung« (startet am 6.3.), bringt. Natürlich ist zu befürchten, dass auch er vieles beschönigen oder gar verherrlichen wird. Immerhin heißt der Regisseur Birkenstock, nämlich Arne Birkenstock, Sohn des Beltracchi-Anwalts.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Die neue Kulturstaatsministerin, Monika Grütters, im Ressort-Geflecht der Großen Koalition (Seite 3). Der gesundheitlich angeschlagene Foto-Künstler Larry Clark verhökert seine Arbeiten zum Schnäppchenpreis (Seite 4). Wulf Herzogenrath im Unruhestand (Seite 5). Paris: Carte blanche für Werner Spies im Musée d’Orsay (Seite 7). Berlin: VW-Sponsoring zugunsten der Museen (Seite 8). Generöse Geste der Flechtheim-Erben für Köln (Seite 10). Problem Mehrwertsteuer: Auswirkungen auf Alt- und Lagerbestände (Seite 12). Großes Kino: Der jüngste Film von Steve McQueen (Seite 16). Stellenangebote (Seite 21). Josef Wittlich wird wiederentdeckt (Seite 22). Krampf im Mode-Spiel: Das Kunst-Heft der »Elle« (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 552 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als ich kurz vor Ostern zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate in einem Konzert des Jazzsängers Gregory Porter saß, dachte ich, etwa nach der Hälfte der vorgetragenen Songs in der großen Philharmonie Berlin, was wohl wäre, wenn dieses extrem begeisterte Publikum zuvor ebenfalls im benachbarten Kammermusiksaal dabei gewesen wäre. Dort spielte er bereits Ende November. Auch im Vergleich der Orte und der beiden Auftritte völlig euphorisiert, total durchgedreht, das Publikum? Ich bezweifele das. Keine Sorge: Ich wechsele nicht von der Kunst- zur Musikkritik, aber der Verweis auf die Räume kommt nicht von ungefähr. Es geht – in der Musik wie in der Kunst, in der Literatur wie im Theater oder im Film – ums Format. Während mich Porter im kleineren Klanggehäuse mehr überzeugt hat als auf der breiten Plattform, sehe ich auch in unserer Branche, dem Kunstbetrieb, laufend Beispiele, die von der Tatsache berichten, dass eben nicht alles Jacke wie Hose ist. Es kommt schon sehr auf die Präzision des Koordinatensystems an, um den optimalen Punkt höchster Leistung auszumachen.

    Das setzt freilich eine selbstkritische Haltung voraus, die nicht nur künstlerisch oder kuratorisch geprägt sein darf, sondern obendrein auch von wirtschaftlichen Überlegungen bestimmt sein will. Nicht erst seit der Attacke eines amerikanischen Kritiker-Kollegen, Jerry Saltz, gegen die Galerie als angeblich von den Kunstmessen überholte (Standort-)Institution stellt sich die Frage, wer sich langfristig noch den Luxus leisten mag, für wenige Besucher pro Tag seine Schauräume geöffnet zu halten. Die Umsätze, so heißt es allerorten, werden ohnehin auf den Messen oder in den Auktionshäusern gemacht. Die Galerie als Ort der Kunstvermittlung obsolet? Dabei ist sie es doch, die (im Gegensatz zum hektischen Treiben auf den Messen) zum ruhigen Sinnieren einlädt, die dem Sammler genug Zeit zur kontemplativen Betrachtung gibt. Ist der zufriedene Kunde nicht einer, der sein Bild, nach Abwägen aller Überlegungen, in der Galerie gekauft hat? Will er nicht im vertraulichen, ungestörten Gespräch mit dem Galeristen erörtern, was in die Sammlung passt? Oder ist es längst so, dass die Deals überwiegend im Ruck-Zuck-Verfahren vonstattengehen, dass erfahrene Händler ihre Sammler und Pappenheimer so gut kennen, dass alles im Vorübergehen oder übers Internet abgewickelt werden kann, dass man sich im kommerziellen Alltag den Showroom sparen kann? Image-Pflege (auch um international agierende Kollegen, die Mitbewerber, zu beeindrucken) nur noch auf den renommierten Kunstmessen? David Zwirner, New York, so hörte ich kürzlich, gibt jährlich 1,5 Millionen Dollar allein für seine weltweiten Messe-Teilnahmen aus.

    Das anstehende große Umdenken der Branche wird nach und nach vieles ins Rollen bringen. Die Suche nach den optimalen Lösungen für morgen ist nämlich von Überlegungen getragen, die sich aus einer Neuausrichtung auch in den Museen ergeben. Es wird so leicht vergessen, aber die Gegenwartskunst konnte sich erst in den vergangenen vier Jahrzehnten nach und nach in den Museen etablieren. Noch in meiner Studienzeit konnte ich die Häuser leicht zählen, die sich fürs Zeitgenössische öffneten. Für junge Künstler war schnell klar, dass es auf dem Weg nach oben ganz diszipliniert zugeht – von der Galerie in den Kunstverein und dann, wenn viel Glück im Spiel ist, vielleicht irgendwann mal ins Museum. Das ist heutzutage anders. Jeder zweite Museumsdirektor versteht sich als Galerist, und die einst zwischen Galerie und Museum agierenden Kunstvereinsleiter wissen schon lange nicht mehr, was sie in dieser Situation tun sollen, wie sie ihr Programm abgrenzen können. Einige verlieren dabei jegliche Perspektive, weil es kaum mehr einen unbesetzten Aktionsraum für sie gibt. Zu dicht liegt das alles zusammen, zu groß ist das Angebot der Gegenwartskunst. Der Kunstverein, das traditionsreiche, nicht kommerzielle Bürgerforum, als Kultur-Abteilung der nächsten Volkshochschule, als Ableger universitärer Art – oder schlichtweg als Partyraum?

    Wie auch immer möglich, wie im jeweiligen kommunalen Kontext realisierbar: Identitätsstiftende Maßnahmen erscheinen allerorten, ob in Museen, Kunstvereinen oder Galerien, dringend vonnöten, weil zwar überall viel moniert, doch bislang nur wenig unternommen wird, die Misere zu beheben. Der Deutsche Museumsbund geht in den kommenden Tagen mit gutem Beispiel voran und fragt anlässlich seiner Jahrestagung in Mainz nach Tätigkeitsprofilen und Berufsfeldern im Museum, nach dem Wandel. »Welche Ausbildung erhalten die Museumsmacher der Zukunft, und was müssen sie können, um erfolgreich Museum zu machen«, so formuliert es Anja Schaluschke, die Geschäftsführerin. Ob die Referenten oder gar die Teilnehmer brauchbare Antworten geben können, ist ungewiss; aber gut, wenn diese Themen überhaupt aufgegriffen werden. Denn ein auf Investment-Ebene rasant zulegender Kunstmarkt beschleunigt, ohne eigenes Zutun, den anstehenden Diskurs, der keineswegs nur den Handel betrifft, sondern über Sponsoring-Aktivitäten und Leihgaben-Geschäfte schnurstracks in die Kunstvereine und vor allem in die Museen führt. Wie im Fall von Gregory Porter: Zunächst denkt man, es sei völlig egal, wo die Musik spielt, doch beim genauen Hinhören und Hinschauen merkt man bald, dass der Rahmen stimmen muss, wenn der Inhalt wirken will.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Au Backe! Hubertus Gaßner, Hamburger Kunsthalle, und ein Fehlgriff mit Karl Lagerfeld (Seite 4). Politik und Kunst: Ukraine-Schnellschuss der fragwürdigen Art im Wiener Künstlerhaus (Seite 5). Goslar, Mönchehaus Museum: Bettina Ruhrberg setzt auf Anselm Kiefer (Seite 6). Venedig, Planungen: Biennale-Teilnehmer für 2015 und ein paar zarte Andeutungen zum deutschen Pavillon (Seite 9). Hinter den Fassaden von Sotheby’s: Neue Forderungen von Hauptanteilseigner Daniel Loeb (Seite 13). Radikaler Neuanfang: Facelifting für »Art«; ein bisschen Botox für »Monopol« (Seite 15). Düsseldorf: Zukunft der »Monumento«-Skulptur von Eduardo Chillida (Seite 19). Kuratoren-Großauftritt: Die Art Brüssel als Spielwiese (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 551 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, es ist ein Skandal, und da gibt es nichts zu beschönigen, zu verharmlosen: Das erste Quartal 2014 ist abgelaufen – und sämtliche Steuerberater der in Deutschland tätigen und hier abgabepflichtigen Galeristen und Händler stehen ratlos herum. Das von der Politik angerichtete Mehrwertsteuer-Chaos wird täglich größer, weil es hierzulande offenbar nicht gelingt, auf den Landesebenen das umzusetzen, was der Bund in gehorsamer Abstimmung mit Europa festgezurrt hat. Von wenigen Bundesländern abgesehen, kaum zu glauben, lassen sich zur Stunde noch nicht einmal ernsthafte Bemühungen erkennen, den ungeklärten Zustand in die richtigen Bahnen zu lenken, um allen Beteiligten das Rüstzeug mitzugeben, ihre Steuererklärungen korrekt vorzubereiten und abzugeben. Während mittlerweile jeder Steuersünder, freilich zurecht, hart rangenommen und zur Rechenschaft gezogen wird, versäumen es die deutschen Landespolitiker, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten, per Anwendungserlass festzulegen, wie beispielsweise die 30-Prozent-Pauschalmargenregelung umgesetzt werden soll.

    Ohne Rechtsklarheit, so warnen vom BVDG, dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler, über den Deutschen Künstlerbund bis zum BKM, der Kulturabteilung im Bundeskanzleramt, mittlerweile alle Weitsichtigen, stürzt indes eine ganze Branche ab, zumal der Wettbewerb, Europa hin oder her, ohnehin längst verzerrt ist und niemand kapiert, warum andernorts allerlei Ausnahmeregelungen gelten, während hier die im Vergleich ohnehin nachteiligen Rahmenbedingungen dann auch noch von den Länderfinanzbehörden und somit letztlich von der Politik verweigert oder, schärfer formuliert, torpediert werden. Denn Tatsache ist, dass allmählich (nach zwei vergeblichen, halbherzigen Anläufen in dieser Steuer-Sache) der Verdacht aufkommt, dass am Standort Deutschland alte Konflikte und Spannungen zwischen dem Bund und den von ihrem Föderalismus völlig trunkenen Ländern abgerechnet werden – auf Kosten der Galeristen und Kunsthändler.

    Es bleibt also zunächst offen, wie jene »Kompensation« aussehen soll, die im Kontext der Umsatzsteuer-Erhöhung für Kunstwerke von 7 auf 19 Prozent versprochen war, obgleich die sogenannte Differenzsteuer seit dem 1. Januar im Gesetz steht. Es bleibt auch nebulös, was in den Köpfen der Finanzminister der Länder vorgeht, wenn sie die vom BVDG geforderte und vom Bund zugesagte »handelsfreundliche Regelung« ignorieren. Was soll man davon halten, wenn noch am 12. Februar im Finanzministerium NRW ein Schreiben verfasst wird, in dem die zu diesem Zeitpunkt längst überfällige Anwendungsverordnung zur Seite geschoben und als »äußerst langwierig und schwierig« auf den Sankt-Nimmerleins-Tag terminiert wird? Und was soll man, bitte, dazu sagen, wenn sich dieses besonders dreiste Staatsministerium der Finanzen im Freistaat Sachsen am 10. März (!) traut, das Folgende intern weiterzugeben: »Es liegen keine Erkenntnisse vor, wann mit einer Konkretisierung zum Anwendungsbereich der Pauschalmarge für Kunstgegenstände zu rechnen ist«?

    Klartext: Wenn die Einigung auf die kompensationsfreundliche Durchführungsverordnung nicht alsbald stattfindet, dann werden vor allem kleine und mittelständische Galerien, die sich oft für jüngste, noch preisgünstige Kunst einsetzen, in einer Weise gefährdet, die sämtliche Politikersprüche zur Standort- und Branchen-Stärkung zur Farce macht. Und jene Händler, die sich im Hochpreis-Segment bewegen, werden ebenfalls erhebliche Einbußen hinnehmen und dann womöglich reagieren müssen (nicht wenige Unternehmer aus dieser Gruppe haben ohnehin seit langem aus guten, nachvollziehbaren Gründen allemal ein Spielbein in der Schweiz oder in anderen Ländern). Denn nicht zuletzt muss diese Branche mit einem Markt kämpfen, der von Haus aus benachteiligt ist. »Im Kunstmarkt«, so haben vor Tagen Kristian Jarmuschek und Birgit Maria Sturm vom BVDG treffend ans NRW-Finanzministerium geschrieben, »muss Nachfrage – im Gegensatz zu anderen Märkten, in denen Güternachfrage von vornherein gegeben ist – überhaupt erst geschaffen werden.«

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Düsseldorfs Quadriennale muss nun Quote bringen, wenn sie nicht untergehen will (Seite 5). Rothko-Fälschung: Der 300 000-Dollar-Experte Oliver Wick in Not – wegen Schadensersatz-Forderung (Seite 7). Bestnoten für die Messe in Bestform: Art Cologne auf hohem Niveau (Seite 7). Das Dilemma der Kunstkritik: Der Fall Ai Weiwei (Seite 9). Die USA als sicherer Hafen für Raubkunst (Seite 11)? Von Zürich nach Amsterdam, Stedelijk Museum: Beatrix Ruf (Seite 12). Hamburg, Deichtorhallen: Was macht ein »Klub der Künste« (Seite 13)? Los Angeles: Iwan Wirth, Paul Schimmel und die Sammlung Onnasch (Seite 14). Wohin mit Duchamp und Uecker? Schwerins Museumsanbau braucht Sponsoren (Seite 16). Stellenangebote (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 550 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, das war ein Abend! Die Gastgeber, Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates, und Olaf Zimmermann, der nicht weniger eloquente Geschäftsführer, hatten ins Max-Liebermann-Haus der Stiftung Brandenburger Tor eingeladen, und ungefähr 150 sorgsam auserwählte Würdenträger aus dem Hauptstadt-Lobbyisten-Zirkel und die dazugehörigen Parlamentarier drängten zur »Kulturgroschen«-Verleihung an den offenbar wieder völlig genesenen, ehemaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Dass er seine Verdienste hat, dass er in seiner Amtszeit für einen stets wachsenden Kultur-Etat sorgte, wurde an dem Abend unermüdlich betont. Etwa von seiner Nachfolgerin Monika Grütters, die im kleinen Schwarzen angetreten war und ebenso charmant wie direkt kritisierte, dass unter 21 bislang vom Kulturrat ausgezeichneten Persönlichkeiten nur vier Frauen zu finden sind, zuletzt, im Jahr 2000, Rita Süßmuth. Das ist so richtig, wie es andererseits fragwürdig ist, dass der »Kulturgroschen« in Euro-Zeiten immer noch an die alte Währung erinnert, dass die ganze Preisverleihung ein wenig muffelt, an vergangene Jahrzehnte denken lässt. Aber all das ist nicht weiter bedeutsam, kommt man zum eigentlichen Fauxpas des Abends.

    Ja, es geht um Bundestagspräsident Norbert Lammert, wie Neumann und Grütters ein strammer CDU-Recke, der sich schon in den Achtzigern gerne weit aus dem Fenster lehnte, wenn es um Kultur ging und er politisch Pluspunkte sammeln mochte. Damals war ihm jeder Schmusekurs mit der Branche recht, um sich, opportunistisch, in die Herzen der Galeristen zu quatschen. Und so durften sich Eingeweihte am 18. März kein bisschen wundern, dass er, eine Art Comedy-Abteilungsleiter im Deutschen Bundestag, diesmal alle Register zog, um seinen Parteifreund Neumann in vorauseilendem Gehorsam aus der Schusslinie zu nehmen, obwohl an diesem feierlichen Abend, von Bodyguards bewacht, niemand eine Waffe dabei hatte. In der Tat also reichlich Lammert-Scherzchen, wie üblich, bis es dann so richtig weh tat. Den Schmerz spürten vor allem die wenigen Anwesenden aus der Kulturszene selbst, den Politikern mag es plausibel gewesen sein.

    Was war geschehen? Norbert Lammert äußerte sich, gefühlte zehn Minuten lang, zur Aufgabe eines Kulturstaatsministers, bürstete nebenbei die drei ersten im Amt ab, aus der SPD kommend oder von ihr ins Kanzleramt geholt, und ließ nichts unversucht, um zu erörtern, dass Kulturpolitik nichts (!) mit Kultur, sondern nur mit Politik zu tun habe. Spätestens als er zum dritten Mal ansetzte, nun freilich aus anderer Perspektive, um den absurden Gedankengang (der die anfängliche Unkenntnis Neumanns in kulturellen Angelegenheiten verschleiern oder entschuldigen sollte) aufzufächern, war man geneigt, in die Höhe zu springen und die skandalöse Rede des Bundestagspräsidenten zu unterbrechen. Ja, mit Verlaub, ist der Mann denn noch bei Trost? Politisch vernetzt zu sein, ist gut und wichtig; aber es kann doch nicht sein, dass ein gestandener Parlamentarier, obendrein in führender Position, einen solchen Schwachsinn öffentlich verbreitet und so tut, als wäre es wurscht, ob einer Raketen einkauft oder mit Kultur zu tun hat. In solchen Momenten fällt einem dann natürlich wieder ein, dass es in diesem Land längst Usus ist, beispielsweise Minister für Verteidigung oder für Gesundheit zu berufen, die zuvor mit diesen Sachgebieten nichts zu tun hatten.

    Umso erstaunlicher, dass mit Monika Grütters eine Kulturpolitikerin zur Neumann-Nachfolgerin gemacht wurde, für die – wider Lammerts Intention – Kultur und Politik gleichermaßen wichtig sind, die von der Sache viel versteht und die dennoch weiß, wie und wo sie anpacken muss, um die Weichen zugunsten der Kultur stellen zu können. Allein die aktive Anwesenheit von Grütters war also während der »Kulturgroschen«-Feier eine klare Bestätigung für die Behauptung, dass Lammert danebenliegt, wenn er sich, in wohlgemeinter, aber zweifelsfrei schädlicher Allianz mit einem Nichtfachmann, für den reinen Geldbeschaffer auf diesem wichtigen Posten stark macht. Kulturpolitik in diesem Land muss mehr sein als Bremer Kaufmannsgehabe. Es geht ja nicht darum, dass ein/e Minister/in »Kunst und Kultur macht« (das fordert niemand), aber Sachverstand, unausgesprochen, als unnötig darzustellen, ist wirklich das Allerletzte, Herr Bundestagspräsident!

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Auf die Annexion der Krim durch Russland würde Robert Fleck per Manifesta-Verlegung reagieren (Seite 3). Große Karriere vor sich: Philipp Demandt, Alte Nationalgalerie, überzeugt mit Rembrandt Bugatti in Berlin (Seite 5). Hoffnung in Sachen Ai Weiwei: Wie der Galerist Alexander Ochs die Lage beurteilt (Seite 6). Baustellenblues in den Berliner Museen (Seite 9). Kein Einwand gegen den Pollock-Verkauf durch den Eigentümer E.ON (Seite 11). Standort-Suche für Serra-Skulptur in Münster (Seite 14). Preisentwicklung für Werke von Philip Guston (Seite 17). Bilanz nach dem 100. Geburtstag: K. O. Götz blickt zurück und nach vorn (Seite 20). Preisbarometer ArtRank und die großen Pläne der Erfinder (Seite 20). Stellenangebote (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 549 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, nachdem nun das erste Quartal 2014 beinahe bewältigt ist, lässt sich auch unter Berücksichtigung der Messe-Bilanzen der vergangenen zweieinhalb Monate protokollieren, dass wir ein weiteres Rekordjahr ansteuern. Es scheint so, als würde die Branche nach dem ungeheuer erfolgreichen Jahr 2013 noch weiter zulegen können. Als Anfang Februar die Kunde kam, dass Christie’s in London in einer einzigen Auktion stattliche 177 Millionen Pfund (also etwa 214 Millionen Euro) erzielte und Mitbewerber Sotheby’s am Folgetag immerhin 164 Millionen Pfund (circa 198 Millionen Euro) einspielte, war klar, dass es auch fortan aufwärts geht, dass Kunst als Investment so attraktiv wie selten zuvor ist. Während beide Auktionshäuser mit Superlativen in Bezug auf die eigene Firmengeschichte am Standort London glänzten (»beste Einzelauktion«, »höchster Gesamtumsatz«), erinnerte man sich, dass es das Unternehmen Christie’s war, das erst kurz zuvor mit einer Zahl auftrumpfte, die sprachlos machte: Rund 5,3 Milliarden Euro hatte der Auktionsriese im Jahr 2013 umgesetzt. Verglichen mit 2012: Ein Plus von rund 15 Prozent.

    Nun kann man die freudige Nachricht in Relation zu den täglich eintreffenden Nachrichten aus dem Jammertal der Galeristen setzen, die sich für junge und jüngste Künstler engagieren, die oft bis an die Grenzen wirtschaftlicher Rentabilität (und darüber hinaus) gehen, und folglich sofort ein Thema ansteuern, das nichts mit Kapitalanlage zu tun hat, allenfalls mit einem knallharten Bandagen-Geschäft (wo die sogenannten Gagosians der Branche aufgestiegene Talente erbarmungslos abfischen und ihre wahren Entdecker das Nachsehen haben). Man kann aber auch im Big Business der Versteigerer bleiben und Fragen stellen, die den Aufwärtstrend zu erläutern suchen. Immerhin hängt der Christie’s-Sensationserfolg vom Herbst 2013 noch unaufgeklärt in der Luft, als in New York auf einen Schlag, sage und schreibe, knapp 700 Millionen Dollar erlöst wurden. Und das mit Gegenwartskunst. Was also ist los; alle durchgedreht, die Kapitalanleger und Spekulanten, die ernsthaften Sammler, die Kunstliebhaber?

    Erklärungsversuche für den anhaltenden Geldstrom-Boom zur Kunst gibt es mehrere (inklusive der Steuersünder-Debatte). Zweifellos spielt eine Rolle, dass die Auktionshäuser weltweit nach und nach ihre Geschäftsfelder ausdehnen, sich in Bereiche begeben, die sie früher nicht interessiert haben. Nichts, was man nicht versteigern könnte. Auch das Wie ist ausschlaggebend. Rümpften sie früher die Nase, wenn es um den Online-Handel geht, machen sie längst mit. Und natürlich sind die Auktionatoren, die einst den Galeristen mit Galerie-Gründungen in die Quere kamen, längst nicht mehr nur öffentlich im Auktionssaal tätig, sondern betätigen sich zunehmend hinter den Kulissen als Vermittler im Privatverkauf, quasi von Sammler zu Sammler. Und die Auktionshäuser sind es auch, die mit ihrer (nachvollziehbar profitorientierten) Politik im Wesentlichen nur noch zwei Faktoren gelten lassen: Es sind die klangvollen Künstlernamen, je bekannter, desto gewinnbringender, und natürlich die edlen Provenienzen (vielleicht auch eine späte Reaktion auf den arrogant wirkenden Galeristen-Spruch, man müsse die Werke platzieren, man könne nicht Hin und Kunz versorgen und deren Sofa-Wand schmücken). So dreht das Rad immer höher, immer schneller – bis irgendwann wieder (wie 2008) von der platzenden Blase geträumt wird, um zu einem vernünftigen Maß zurückzufinden.

    Dass inzwischen mit spielerischer Leichtigkeit Millionen auch für Werke lebender Künstler hingeblättert werden, dass sich das Markt-System von Jahr zu Jahr mehr hochschaukelt, verdankt sich der uralten Angebot- und Nachfrage-Formel. Und weil der Kreis der nachfragenden Einsteiger täglich größer wird (allein Christie’s soll 2013 über 30 Prozent Käufer unter seinen Kunden ausgemacht haben, die erstmals etwas erwarben), steigen die Preise. Sie steigen freilich auch deshalb, weil das im Fokus stehende hochkarätige Angebot nicht automatisch größer wird. Viele der Kunst-Aktien, die vor wenigen Jahren noch hoch gehandelt wurden, sind mittlerweile wieder gefallen, ohne dass sie jemals von einer Statistik erfasst würden. Diese Kehrseite der Money-Medaille wird aber eben auch verschwiegen, wenn die Newcomer unter den Sammlern in die Auktionen stürmen und meinen, sie könnten – mir nichts, dir nichts – rasch ein paar Milliönchen machen und nebenbei noch den eigenen gesellschaftlichen Aufstieg und etwas Party-Spaß mitnehmen. So mischt sich die Sorge in die Erfolgsbilanz, dass der Markt auf Dauer beschädigt wird, und dieses sich anbahnende Rekordjahr nach dem Rekordjahr wäre ein weiterer Schritt in diese Richtung.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Großer Bahnhof für den in den Ruhestand wechselnden documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld (Seite 5). New York: Mit der Armory Show geht’s wieder aufwärts (Seite 6). Marktcheck: Erotikkunst von Dorothy Iannone (Seite 9). Wie geht’s weiter im Bremer Sammlermuseum, der Weserburg (Seite 12)? Christoph Stölzl und die Idee »National Trust« (Seite 14). Köln: Galeriehaus An der Schanz im Wandel (Seite 16). Eher enttäuschend: »Einstein on the Beach«, das Frühwerk von Robert Wilson (Seite 17). Grünes Licht für das Romantik-Museum in Frankfurt (Seite 20). Berlin: Gabriele Quandt als neue Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie (Seite 21). Stellenangebote (Seite 22). Julia Stoschek im ZKM (Seite 24). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 548 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, natürlich sind es zwei Themen, die einerseits isoliert gesehen werden müssen, die andererseits aber auch eine Verbindung haben. Im einen Fall geht’s um Kunstraub und Raubkunst, im anderen um Fälschungen. Doch nach Beltracchi und nach Gurlitt belebt sich die Frage neu, wie die Branche im Sog solcher spektakulär erscheinenden Entdeckungen fortan reagieren muss, wie man sich auf die Situation grundsätzlich einstellt. Natürlich wird derzeit zwar fleißig auch auf politischer Seite die Bereitschaft signalisiert, noch mehr Etat in die Restitutionsforschung zu investieren, die Museen bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit im Depot zu unterstützen, doch der Schein allgemeinen Aufbruchs in Sachen Vergangenheitsbewältigung trügt. Als vor Tagen ein guter Freund, einer der kompetentesten Restitutionsexperten überhaupt, mir im Gespräch gegenübersaß und meinte, es gehe doch gerade in Deutschland gut voran, musste ich vehement widersprechen. In Relation zum Schaden, den einst die Nazis verursacht haben oder, auf völlig anderer Ebene natürlich, die Beltracchi-Band angerichtet hat, bewegt sich nichts oder allemal zu wenig.

    Ein Gesetz der Logik, wie ich meine. Warum, bitte, sollte ein Museum irgendeine Eile verspüren, sich rasch von Bildern zu trennen, die seit Jahrzehnten im Hause lagern und bisweilen auch ausgestellt werden? Warum, bitte, sollte ein privater Sammler, der womöglich ahnt, dass auch er irgendwann eine Fälschung aus dem Bereich der Klassischen Moderne erworben hat, zügig versuchen, die Echtheit feststellen zu lassen? Entwertung der Kapitalanlage, Schädigung des eigenen Ansehens, die Schadenfreude der Verwandtschaft oder der Kunstfamilie, dass man ebenfalls in die Beltracchi-Falle getappt sei – das mag sich niemand antun, nicht ohne Not. Und so tröpfeln die Recherchen allerorten eher lustlos vor sich hin, wenn die Gewissheit auch mit der Erkenntnis verbunden sein kann, dass man ein gefälschtes oder ein unrechtmäßig in den eigenen Bestand gerutschtes Bild besitzen könne. Das ist letztlich verständlich, menschlich.

    Mehr als einmal pro Monat eine Nachricht, dass ein Werk an den wahren Eigentümer zurückgegeben werde, so habe ich meinem Freund verraten, das käme kaum vor. Kurzum: In unserem Archiv sammeln sich pro Jahr etwa nur ein Dutzend solcher Restitutionsmeldungen, und dass ein Museum freimütig bekennt, eine Fälschung zu besitzen, das sei noch seltener der Fall. Freilich weiß ich, dass die wenigen Veröffentlichungen dieser Art dazu führen, dass weithin der Eindruck größter Transparenz und Zügigkeit in der Abwicklung solcher Verfahren erzeugt wird. Die Kunsthalle Emden beispielsweise räumte Ende 2013 überraschend und ohne jeden Druck überaus souverän ein, dass kunsttechnologische Untersuchungen ergeben hätten, zwei Jawlensky-Gemälde (ein Porträt, eine Landschaft) seien Fälschungen; sie würden im Zuge der geplanten Geburtstagsschau für den Maler nicht gezeigt. Die von Henri Nannen selbst noch in den Siebzigern erworbenen Werke, sogar im offiziellen Katalog verzeichnet, gehörten zweifelsfrei zu den wichtigsten Gemälde der Kunsthalle (umso respektabler die Entscheidung von Eske Nannen und dem leitenden Kunsthistoriker Frank Schmidt, die Öffentlichkeit zu informieren). Das vorbildliche Verhalten in Emden, unabhängig von der Frage, woher die beiden Fälschungen stammen, wer sie in den Handel gebracht hat, ist die Ausnahme. Und das muss hier einmal protokolliert werden. Denn mittlerweile hat sich ein Klima ausgebreitet, das alles andere als eine klare Sicht anstrebt. Es geht meist um viel Geld und Reputation, so dass die Bereitschaft zur Aufklärung minimal ist. Mit Gurlitt geht man hart zur Sache, durchaus verständlich, aber wer nimmt eigentlich die öffentlichen Sammlungen in die Pflicht, innerhalb einer bestimmten Zeitspanne jedes Werk in Bezug auf seine Herkunft zu prüfen? Ich stelle die These auf, dass vielerorts im Bewusstsein größerer Konvolute von Raubkunst und/oder Fälschungen dann und wann ein paar kleine, eher unbedeutende Opfer gebracht werden, um den guten Willen zu dokumentieren, doch alles in allem lautet die Devise: Piano, adagio, Atem anhalten und warten, bis sich das öffentliche Interesse wieder anderen Aufgeregtheiten zuwendet. Mit Verlaub: Ich finde das unsäglich.

    P.S.: Ein besonders extremes Beispiel übler Verschleppungstaktik aus deutschen Beamtenstuben ist übrigens der Fall »Palasttreppe« von Francesco Guardi, ein Bild, das eigentlich dem Warschauer Nationalmuseum gehört, das aber – wie ein Pfand – immer noch in Deutschland lagert (in Stuttgart), weil es das Auswärtige Amt in Berlin seit Jahren nicht schafft, die angestrebte bilaterale Gesamtlösung mit Polen zu finden. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass das polnische Kultusministerium ausgerechnet einen deutschen Anwalt beauftragt hat (nämlich Peter Raue, Berlin), die Interessen des Landes zu vertreten.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Ein Ex-Punker und Musik-Manager, Tim Renner, als Berlins neuer Kulturstaatssekretär (Seite 4). ARCO-Pressestimmen (Seite 4). Die Villa Massimo zu Gast im Martin-Gropius-Bau (Seite 6). Bau-Pfusch in Duisburg und Zuversicht dank Ehepaar Ströher und Walter Smerling (Seite 8). Ob es Felix Krämer schafft, Hamburgs neuer Kunsthallen-Chef zu werden (Seite 9)? Wie sich die Preise von Yinka Shonibare entwickeln (Seite 10). Immer mehr Künstler bevorzugen den Vorlass statt den Nachlass (Seite 14). Gefühl und Härte oder warum sich Jonathan Meese von seiner Galerie trennt (Seite 16). Was hinter »Kunst auf Lager« steckt (Seite 18). Zu Gast auf der art KARLSRUHE: Die Sammlung Nannen aus Emden (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 547 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als ich am Eröffnungstag der diesjährigen Berlinale in der Presse-Vorführung von Wes Andersons großartiger, bilderreichen Komödie »Grand Budapest Hotel« saß, traf ich meinen Freund und Kollegen Manfred Eichel, den ehemaligen ZDF-Kulturchef, der sich seit Jahren als UdK-Professor in Berlin um den journalistischen Nachwuchs kümmert. Er hatte (dank der mittlerweile von Kritikern gerne wahrgenommenen Vor-Vorführungen) am 6. Februar bereits, sage und schreibe, 52 der insgesamt rund 400 Festivalfilme gesehen. Einen kurzen Moment lang, so gestehe ich, flammte ein wenig Neid in mir auf, weil ich in den zurückliegenden Tagen gewiss auch lieber manche Stunde im Kino als am Schreibtisch verbracht hätte, doch wie soll es gehen, wenn die Nachrichten-Flut unaufhörlich in die Redaktion strömt. Also schaffte ich es in diesem Jahr leider nur, vier der Filme zu sehen, darunter natürlich »Monuments Men«, das mit Spannung erwartete Kunstraub-Drama (das von dieser Woche an allgemein zugänglich in den Kinos läuft).

    Natürlich wusste man schon vorab, dass die »Ungewöhnlichen Helden« nach einer wahren Geschichte gedreht wurden, dass allerlei Zugeständnisse und Verzerrungen der Tatsachen notwendig wurden, um die Schatzsuche während des Zweiten Weltkrieges zu inszenieren, doch letztlich bleibt die Begeisterung noch gedämpfter als erwartet, will man den Film bewerten. Das hat, wie so oft, freilich etliche Gründe. Zwei von vielen: George Clooney, der »Ocean’s«-Trilogie-Frontmann, ist mit seinem ewigen Männerfreundschaft-Thema so hingebungsvoll beschäftigt, dass dabei im Zusammenspiel mit seinen Kumpels Matt Damon, John Goodman, Bill Murray & Co. bisweilen das politische Thema leidet. Und problematisch auch, dass der Frauen-Schwarm meinte, »Monuments Men« auf allen wichtigen Posten selbst bewältigen zu müssen. So hat er nicht nur am Drehbuch mitgeschrieben, die Produktion dirigiert und Regie geführt; obendrein spielt er Frank Stokes, den Kunsthistoriker und Harvard-Museumsrestaurator, der die amerikanische Mission in Europa leitete. Clooney: »Stokes ist ein geborenen Anführer« – wie Clooney selbst. Vielleicht hätte es dem Film gut getan, wenn sein Protagonist nicht alles bestimmt hätte. Die leider nur mittelmäßige Film-Qualität findet ihren direkten Ausdruck in einem typischen Clooney-Scherz, der Bände spricht: »Ich hörte nicht auf eine einzige Regie-Anweisung, die ich mir selbst gab.«

    So wurde das gerade in diesen Gurlitt-Zeiten so wichtige Thema eher verschossen als in seiner eigentlichen Bedeutung erhellt. Wiederholt dachte ich während des Action-Films an die Alternative, an das Medium Dokumentarfilm. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, die vom Deutschen Filmförderfonds unterstützte Story um den Genter Altar oder die Brügger Madonna und all die anderen von den Nazis geplünderten Kunstwerke sachlich gebettet zu kommunizieren, musste es tatsächlich ein Spielfilm à la »Ocean’s 14« sein? Publikumswirksame, unterhaltsame Filme gibt’s schließlich genug. Auch diese 64. Berlinale hatte viele zu bieten. »American Hustle« (von David O. Russell) mit Christian Bale zum Beispiel, immerhin 140 Minuten lang und (wie auch bei »Grand Budapest Hotel«, in dem Tilda Swinton mitspielt) mit ein bisschen Kunst-Stoff garniert. Den wahren Zeit-Rekord hat freilich der Filmkünstler schlechthin geschafft, Lars van Trier, der auf der Berlinale mit Teil 1 seiner zweiteiligen jüngsten Neun-Millionen-Euro-Produktion vertreten war, mit »Nymphomaniac«, insgesamt 325 Minuten lang, mithin rund fünfeinhalb Stunden. Auch er liebt es – wie Clooney – mit dem bewährten Team zu arbeiten (immer wieder dabei: Charlotte Gainsbourg), aber wie er sich selbst, die Darsteller und sein Publikum hart rannimmt, wie er das Existenzielle zum Thema macht und es unbarmherzig injiziert, ist ganz großes Kino, nein, ganz große Kunst. Dafür muss man sich Zeit nehmen, egal, was sonst los ist.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Auszeichnung für den früheren Kulturstaatsminister Bernd Neumann (Seite 4). Berlin und Klaus Wowereit suchen einen neuen Kulturstaatssekretär: Ein Blick aufs Kandidaten-Karussell (Seite 5). Nun lässt sich Cornelius Gurlitt anwaltlich vertreten: Kontakt mit Hannes Hartung (Seite 8). Vorauseilender Gehorsam oder Bezzolas Angst in Essen – wegen Balthus (Seite 10). Wie Moritz von Uslar die Wahrheit verzerrte – auf Kosten von Werner Spies (Seite 10). Trennung von Contemporary Fine Arts, Berlin: Jonathan Meese hat sich verabschiedet (Seite 12). Wie es weitergeht in der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz (Seite 13). Frankfurt: Holger Kube Ventura verlässt den Kunstverein (Seite 17). Stellenangebote (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 546 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, vermutlich geht es Ihnen nicht besser als mir. Wenn man seit ewigen Zeiten in der Branche tätig ist, die Zahl seiner Kontakte folglich kaum mehr überblickt, häufen sich die Einladungskarten und die persönlich adressierten, mitunter handschriftlich verfassten Briefe in beinahe bedrohlicher Weise. Mitunter ist man mit einem schlechten Gewissen unterwegs, weil man eigentlich auch hier reinschauen und dort endlich das lange vereinbarte Gespräch führen müsste, aber letztlich doch nur noch zehn Minuten zwischen zwei anderen, vor Wochen fixierten Terminen bleiben. Eine Crux, täglich von neuem. Und wenn man, überfällig, wieder an seinen Schreibtisch eilt, dann laufen die E-Mails in einer Rasanz und Fülle ein, dass man die nächste Hülle sucht und sich am liebsten unerkannt unter einer großen Decke verkriechen möchte. Denn wie erklären, dass es wieder nichts wird mit dem Galerie-Besuch, mit dem Dinner zu Ehren des Künstlers, mit dem Empfang und der Podiumsdiskussion; nein, auch für einen Vortrag steht man nicht zur Verfügung, weil das alles nicht zu schaffen ist und auch niemand verstehen würde, wenn man überall grundsätzlich absagt und dann plötzlich den Jury-Vorsitzenden gibt oder die Laudatio hält.

    Ich schreibe das nicht, weil ich mich selbst oder einen anderen Vielbeschäftigten aus der Branche entschuldigen will. Ich schreibe es, weil mir so oft auffällt, wie enttäuscht beispielsweise Galeristen sind, wenn sie sich für den bildnerischen Nachwuchs einsetzen, mit einem nicht unerheblichen Aufwand wunderbare Ausstellungen realisieren, aber dann feststellen müssen, dass weder die wichtigen privaten und öffentlichen Sammler noch die Kritiker auftauchen, um zu sehen, was sie leisten, wie ihre Künstler arbeiten. Dieser Mangel an Aufmerksamkeit für die Galerie-Arbeit vor Ort, nur durch Messe-Teilnahmen einigermaßen auszugleichen, ist es, der viele aus der Vermittlungsabteilung vertrieben hat. Kontakte hat man reichlich, bisweilen auch das eine oder das andere finanzielle Polster, also wird nicht selten dichtgemacht, was das Kulturleben einer Stadt oder einer ganzen Region bereichert hat, um fortan von zu Hause aus, gemütlicher, gezielt ein paar einzelne Künstler und Kunden zu betreuen. Das alles ist im Einzelfall verständlich, für die Gesamtsituation aber katastrophal, weil die wahre Aufbauleistung für eine Künstlerkarriere nun mal darin besteht, dass in den Räumlichkeiten einer Galerie gewissermaßen der museale Ernstfall geprobt wird.

    Die öffentlichen Museen und die privaten Sammlungen müssten den Galeristen also dankbar für diesen Einsatz sein, doch leider ist es eben so, siehe oben, dass viele Museumsleute pünktlich Feierabend machen, ihr Wochenende ohnehin frei halten und werktags die meiste Dienstzeit am Schreibtisch hocken, um sich selbst und ihre Einrichtungen zu verwalten. Und die Sammler fliegen eben auch nicht ständig quer durch die Republik oder halb Europa, um zu sehen, was gezeigt wird, wie sich die Kunst in der Geborgenheit der einzelnen Galerien entwickelt (dass der für viele Leute in der Branche selbstverständliche Besuch der großen Messen nicht automatisch Auseinandersetzung mit der Kunst selbst bedeutet, weiß man). So geht notgedrungen vieles unter, weil sich die Begegnung mit dem Unikat im Raum auch nicht durch die laufend zunehmende E-Mail-Kommunikation ausgleichen lässt. Eine Abbildung auf dem Bildschirm kann schlichtweg nicht an jene Intensität heran, die sich einstellt, steht man direkt vor der bildnerischen Arbeit. Die Folge ist bekannt: Der Kunstmarkt widmet sich den Blue Chips, den großen Namen, wie Aktien werden die Bilder der bekannten Künstler erworben – und dabei bleibt auf der Strecke, was heute in den Ateliers der jungen Künstler und ihren Galerien passiert (zumal die niedrigen Preise der meisten Einsteiger zu geringen Umsätzen führen, die wiederum kostenintensive Messe-Teilnahmen und somit Öffentlichkeit verhindern).

    Erschwerend kommt hinzu, dass die Museen als Einkäufer in diesem Segment ohnehin weitgehend ausfallen. Erstens: Die Ankaufsetats sind selbst in großen Häusern zu niedrig angesetzt, bisweilen gar nicht vorhanden. Zweitens: Museen neigen mittlerweile immer häufiger dazu, komplette Sammlungen oder, lieber noch, zumindest die sogenannten Rosinen aus diesen Kollektionen en bloc zu erwerben. Im Frankfurter Städel hat sich in jüngster Vergangenheit der Sammlungsbereich Fotografie zum Beispiel wesentlich dank der Konvolut-Übernahme aus der DZ BANK sowie den Erwerbungen aus den Sammlungen Wiegand (ehemaliger »FAZ«-Redakteur) und Kicken (Galeristen in Berlin) verstärkt. Annette und Rudolf Kicken haben, wie berichtet, über 1000 Arbeiten (von der Bauhaus-Fotografie bis zur Subjektiven Fotografie) in die Obhut von Max Hollein gegeben. Eher die Ausnahme heutzutage, dass – wie in Berlin, dank des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und einer großen Ankaufskommission (in der zur Zeit auch Rosemarie Trockel agiert) – einzelne Arbeiten auch jüngerer, noch nicht so bekannter Künstler angekauft werden, darunter Robert Kusmirowski, Melvin Moti und Sarah Ortmeyer (freilich ergänzt durch Werke zeitgenössischer Klassiker wie Cosima von Bonin, Thomas Demand oder Hans Peter Feldmann). »Official Welcome« heißt die derzeit laufende Präsentation der Ankäufe im Hamburger Bahnhof.

    Eugen Blume, der die Berliner Kommission bis 2008 dirigierte, hat einst freimütig und souverän eingeräumt, dass es »keine objektive Instanz« geben kann, die diese Entscheidungen in Sachen Neuerwerbungen herbeiführen könnte. Blume setzt auf »eine kollektive, über einen längeren Zeitraum sich bildende Übereinstimmung« – zumal, wie er zu Recht attestiert, auch »die einst mächtige Kunstkritik oftmals einem hilflosen, unfreien Lavieren ohne jede Methodik gewichen ist, so dass sie für den Prozess der Auswahl als geradezu am wenigsten brauchbar erscheint«. In der Konsequenz bedeutet es, dass größere Ankaufskommissionen (wie in der durch die äußerst erfolgreiche MoMA-Schau möglich gewordenen Berliner Stiftung des Vereins der Freunde) am ehesten zu Ergebnissen führen, die der Sammlung des Museums und den Interessen der Kunst gerecht werden. So besteht schließlich auch für die nachrückende Künstler-Generation die Hoffnung, dass sie, hier und dort, beim Besuch eines Kommissionsmitgliedes, wahrgenommen und dann ins Gespräch gebracht wird. Aber auch dieser Weg setzt voraus, dass die Schreibtische verlassen werden, egal, wie hoch sie beladen sind, dass wir immer wieder in die Ateliers und vor allem in die Galerien gehen.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Ihre erste große Rede als Kulturstaatsministerin hat Monika Grütters im Rahmen der Regierungserklärung gemeistert (Seite 3). Vertraulicher Zirkel »Leipziger Kreis« nun unter neuer Leitung von Sprecher Wulf Herzogenrath (Seite 4). Berlin, Verein der Freunde der Nationalgalerie: Gabriele Quandt soll neue Vorsitzende werden (Seite 6). Art Cologne-Preis 2014 für die Wiener Galeristin Rosemarie Schwarzwälder (Seite 9). Paris, Pompidou: Catherine David als Vizedirektorin (Seite 10). Neu formatiert: »Aspekte«-Sendung im ZDF (Seite 11). Preisgestaltung für Sophie Calle: Noch unterbewertet (Seite 15). Vorab gesehen: Kinofilm »Beltracchi – Die Kunst der Fälschung« (Seite 15). In finanzieller Not: Kunsthalle Bielefeld (Seite 18). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 544 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, ich hoffe, Sie sind gut ins neue Jahr gekommen und haben am Silvester-Abend womöglich ein paar Vorsätze entwickeln können, die sich wenigstens teilweise realisieren lassen. Dazu die besten Wünsche. Vielleicht haben Sie die Pause zum Jahreswechsel überdies genutzt, um Planungen für 2014 in die Feinschliff-Phase zu bringen. Als ich mich vor Tagen beispielsweise mit dem Ausstellungsprogramm der großen Museen beschäftigte, fiel mir auf, dass nach der Sommerpause 2014 überall Projekte starten werden, die den sechziger Jahren gewidmet sind. Ein halbes Jahrhundert zurückschauen, so scheint mir, das ist nun angesagt, wo sonst emsig versucht wird, allerjüngste Trends und Moden zu berücksichtigen. Schnurstracks also von der Gegenwartskunst in die Kunstgeschichte der Pop Art (Köln, Museum Ludwig) oder in die Gefilde der Zero-Bewegung (New York, Guggenheim; später dann in Berlin und Amsterdam). Zuvor schon werden Fluxus und Happening ihre erneute Auferstehung feiern, wenn zum Beispiel am 23. Mai in Karlsruhe, ZKM, Museum für Neue Kunst, die Ausstellung »Beuys Brock Vostell« eröffnet wird. Offizieller ZKM-Text: »Erstmals werden die drei bedeutenden deutschen Aktionskünstler der Nachkriegsmoderne, Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell, gemeinsam in einer groß angelegten Schau präsentiert.«

    Beuys, Brock und Vostell – heißa, zuckt es mir da durch den Kopf; wer lässt denn dieses Trio antreten? Genauer: Wer kommt auf die Schnapsidee, die Kunstgeschichte kurzerhand umzuschreiben und solche Statements zu veröffentlichen? Peter Weibel, der ZKM-Chef, selbst Künstler und Theoretiker, wie sein Freund Bazon, sollte es besser wissen. Brock, der gelernte Dramaturg, durchaus auch als schöpferischer Mensch zu sehen, hat sich zwar mit und im Umfeld von Beuys und Vostell an manchen kunsthistorisch relevanten Ereignissen beteiligt, doch ihn jetzt plötzlich in einem Atemzug mit dem wichtigsten deutschen Fluxus-Künstler Beuys und dem wichtigsten deutschen Happening-Artisten Vostell zu bringen, ist schlichtweg skandalös, eine Verzerrung der Tatsachen.

    Der ehemalige Ästhetik-Professor aus Wuppertal, der als Frontmann der »Denkerei« in Berlin und in vielen Diskurs-Runden auch heute noch den intellektuellen Ton im Kunstbetrieb vorgibt, hat seine Verdienste, zweifelsfrei, aber, bitte, nicht doch als bildender Künstler, obgleich er selbst mit zunehmendem Alter darauf besonderen Wert legt und alles versucht, die Begriffe so zu dehnen, dass sie seine Biographie erweitern. Dabei müsste Bazon Brock diesen fragwürdigen Wirbel gar nicht veranstalten, weil ihm sein Platz im Firmament der großen Kunstvermittler ohnehin sicher ist. Allein seine documenta-Besucherschule bleibt unvergessen. Dort wirkte er auch als der Mann, der den einst oft missverstandenen Beuys aufs Anschaulichste und dramaturgisch korrekt einem breiten Publikum erläutern konnte.

    Das politisch Korrekte gelingt Brock, dem Vor- und Nachdenker unter den Performance-Machern, dagegen leider nicht immer (unvergessen, sein widerlicher Auftritt in Karlsruhe, 2012, als er Leni Hoffmann in einer öffentlichen Diskussion niederzumachen versuchte). Weder Beuys noch Vostell, die ich beide kannte, die durchaus schlagfertig formulieren konnten, hätten sich jemals auf Kosten anderer zu profilieren versucht. Das hatten sie nicht nötig. Nun können sich beide, mit Jürgen Johannes Hermann Brock, den einst sein Lateinlehrer zum »Bazon« (Schwätzer) machte, im ZKM-Dreigestirn festgeschrieben, nicht mehr wehren. Aber ich frage mich natürlich, was sie wohl sagen würden, wenn sie sehen müssten, dass dank Alphabet und Weibel nun jener Brock wie ein Pfarrer im Mittelpunkt der Troika steht, sie selbst eine Art Messdiener in diesem Hochamt für Bazon spielen. Mit Verlaub: Das neue Jahr beginnt mit einer Lüge. Wenn es neben Beuys und Vostell einen »bedeutenden deutschen Aktionskünstler der Nachkriegsmoderne« (ZKM) gibt, dann ist das nun mal HA Schult, nicht Brock.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Dürftiges Festprogramm im Lehmbruck-Museum, Duisburg (Seite 4). Wie der Sammler Christian Boros und seine Partner den Online-Kunstkauf »zum fairen Preis« möglich machen wollen (Seite 7). Problemfeld Mehrwertsteuer: Was sich wie ändert (Seite 8). Wenig Mitgefühl für den Wissenschaftler Horst Bredekamp, der (Galileo-Galilei-)Fälschungen auf den Leim gegangen ist (Seite 9). Thema Raubkunst: Warum vergisst der Bund selbst seine Vorbild-Rolle (Seite 9)? Der Fall Gurlitt – aus Sicht von Henrik Hanstein, Lempertz (Seite 12). New York: Balthus-Polaroids (bei Gagosian) zur Balthus-Debatte im Metropolitan (Seite 15). Weitere Messe: Die »Koelner Liste« (Seite 17). Ai Weiwei und sein Auktionsmarkt (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 543 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, zum Jahresende ist man geneigt, Bilanz zu ziehen, aus dem Rückblick die Vorschau zu filtern. Wie könnten sich Kunst und Betrieb in unserer Branche entwickeln, was sollte 2014 aufgrund der 2013 gemachten Erfahrungen realisiert werden? Wo herrscht dringender Handlungsbedarf? Was muss langfristig getan werden? Wie sollten die Weichen auch im Umgang miteinander neu gestellt werden, weil es eben nicht nur um die Fortschreibung der Kunstgeschichte oder den wirtschaftlichen Erfolg dank teils dubioser Rekordpreise in den Auktionshäusern geht? Die Fragen wollen kein Ende nehmen, tappt man mehr oder weniger versehentlich in die selbst aufgestellte Falle. Die Antworten indes lassen sich kaum in der gleichen Geschwindigkeit formulieren; ja, gibt es sie überhaupt? Einige durchaus, natürlich, aber vieles in diesen zwölf Monaten hat uns so überrascht, dass wir heute noch sprachlos sind.

    Allein die Affäre Gurlitt, die meines Erachtens weniger ein Fall Gurlitt als ein Fall Staatsmacht ist. Die unverantwortliche Kommunikationskatastrophe schlechthin. Da sitzen Dutzende von Geheimnisträgern im Land Bayern, ob in der Politik, der Verwaltung oder in der Justiz, und tun so, als sei es völlig normal, dass rund 1400 Bilder beschlagnahmt und versteckt werden, die zum Teil wegen ihrer Provenienz im Zwielicht stehen. Anderthalb Jahre wurde geschwiegen. Wären die »Focus«-Kollegen in München nicht zufällig auf diesen ungeheuerlichen Vorgang gestoßen, wüssten wir heute noch nicht, dass enorme Summen aus der Steuergeld-Kasse auch für Recherchen nach just diesen staatlich verwahrten Bildern ausgegeben werden. Absurder geht’s nimmer. Dabei kann man – das erschwert die Lage – noch nicht einmal entschuldigend sagen, die eine Hand habe nicht gewusst, was die andere mache. Im Gegenteil: Der Bund war eingeschaltet, man wusste in Berlin genau, um was es in Bayern geht. Organisierte Dämlichkeit also, was sonst?!

    Doch diese kulturpolitisch abstruse Laissez-faire-Haltung im speziellen Fall, so scheint mir, steht zum Jahresende für eine Entwicklung, die sich schon seit längeren anbahnt, die aber 2013 Höchstform in ihrer Formlosigkeit und Unverbindlichkeit gezeigt hat. Weit von bella figura freilich entfernt, wenn alles möglich ist, wenn die Toleranz-Zonen überall so überdehnt werden, dass alte Maßstäbe verschwinden und neue Kriterien chancenlos bleiben, wenn sie denn überhaupt auftauchen. Das Enzyklopädische, wie wir spätestens seit der 55. Biennale von Venedig wissen, stülpt als Begriff ein wissenschaftliches Mäntelchen über das Zufällige und mitunter auch Unbedeutende, und so geben sich alle und alles wichtig, ohne auch nur im geringsten Ansprüche zu erfüllen oder gar Ziele anzustreben. Den Ball flach halten, sich entspannen, runterkommen, cool bleiben, nicht so ehrgeizig, Ruhe bewahren, lassen Sie uns lieber mal ein Bierchen trinken gehen – verflixt, ich kann’s nicht mehr hören. Will nicht endlich mal wieder jemand etwas wollen, präzise im Denken, zupackend im Handeln?

    Zu tun gäbe es reichlich. Allerorten. Nicht nur in Sachen Raubkunst. Der Kunst-Diskurs selbst schlabbert hilflos herum, weil sich keiner mehr traut, Klartext zu reden. Was erwarten wir von der Kunst? Wo liegt ihre Aufgabe? Wie kann sie die umsetzen? Es kann doch nicht sein, dass wir uns, wie in diesem Jahr, zum 100. Mal mit der sogenannten Wiedergeburt der Malerei beschäftigen. Auch im Kunsthandel sollte man sich nicht mit dem Gejammer in Sachen Mehrwehrsteuer und neuem Papierkram begnügen, sondern erkennen, dass die Zeichen der Zeit rundum in neue Dimensionen münden, dass auch Galeristen und Auktionatoren umdenken müssen.

    Ging man früher davon aus, dass ein Pionier wie Hans Neuendorf, artnet, keine Zukunft im Internet finden würde, weil Kunsterwerb nicht online stattfinden könnte, sondern jeder echte Sammler das Unikat direkt und nicht auf dem Bildschirm sehen möchte, wissen wir mittlerweile, dass das Medium nach wie vor diesen Nachteil mit sich bringt, dass aber die neue Klientel, die täglich zunehmende »Sammler«-Schar, null Skrupel hat, auch hohe Beträge auszugeben, ohne ein Bild real wahrgenommen zu haben. Christie’s veranstaltet bekanntlich inzwischen etliche Auktionen, die ausschließlich im Internet stattfinden. Sotheby’s kombiniert den Online-Handel mit den konventionellen Auktionen. Beide Häuser investieren massiv in den Online-Handel, weil weltweit Online-Shopping zu den Top-Wachstumsmärkten zählt. In den USA werden sage und schreibe 262 Milliarden US-Dollar pro Jahr auf diesem Weg umgesetzt. Forrester, die Unternehmensberatung, hat prognostiziert, dass jährlich zehn Prozent Steigerung im Amerika zu erwarten sind; in Afrika und Asien sollen es derzeit immerhin 30 Prozent sein.

    Solche Zahlen stimmen mich keinesfalls fröhlich. Denn die eCommerce-Zunahme ist mit einem weiteren Rückgang ohnehin längst verkümmerter Kommunikation verbunden. Das Kunst-Gespräch, wie es stattfinden sollte, wenn man vor allem an die Energie der Kunst glauben möchte, mutiert auf diesem Weg zum Daten-Austausch im Zuge von Verkaufsverhandlungen. Da heißt es, tüchtig gegensteuern und mal wieder in eine Galerie gehen, Bilder anschauen, mit dem Galeristen reden – und letztlich auch erkennen, dass alle Bildschirme dieser Welt das Oberflächliche erweitern und Tiefgang verhindern. In diesem Sinne: Augen auf, Ärmel hoch und einen großartigen Start für 2014!

    P.S.: Unsere nächste Ausgabe, ID 544, erscheint am Donnerstag, 9. Januar 2014.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Die Retrospektive von Karl Otto Götz in der Neuen Nationalgalerie ist Pflichtprogramm zum Jahreswechsel (Seite 3). Durchwachsene Quoten-Bilanz durch Rein Wolfs in der Bundeskunsthalle, Bonn (Seite 6). Der Hintergrund zur Affäre um gefälschte Werke von Alexander Calder (Seite 10). Köln, Museum Ludwig: Wer kommt nach König und Kaiser? (Seite 10). Rückzug aus Berlin: Nolde Stiftung (Seite 13). Zürich: Galerie glaubt, »rechtmäßig zu handeln«, dennoch Razzia bei Gmurzynska (Seite 14). Hamburgs neue Kunstvereinsleiterin Bettina Steinbrügge (Seite 17). Schritt nach vorn: Kunsthalle Emden entlarvte zwei Bilder ihrer Sammlung als Fälschungen (Seite 18). Kunstmarkt-Professur (Seite 22). Stellenangebote (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 542 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, »die Kunst ist frei« – kann man, darf man Ende 2013 eine solche Binsenweisheit noch verbreiten? Man muss! Aus aktuellem Grund. Ich beobachte laufend eine allgemeine Erwartungshaltung, an die bildenden Künstler gerichtet, die mich allmählich wütend macht. Denn sie keimt aus dem Nährboden jener Leute, die irgendwann mal, ungefähr in der Zeit der zehnten documenta, damit begonnen haben, im Überfluss theoretischer Ansätze eine Kunst zu promoten, die nur noch einem einzigen fragwürdigen Anspruch genügen muss, häufig fernab jeglicher Schöpfung aus der eigenen Identität und den Materialgegebenheiten. Ja, trotz aller Wertschätzung intelligent formulierter Setzungen: Diese vielbesungene, stets allemal leise im Hintergrund summende Kontext-Kunst hat vielen in der Branche die Sinne vernebelt. Und so ist es heutzutage ein Leichtes, dass unwidersprochen die abenteuerlichsten, absurdesten Forderungen in den diversen Netzwerken kursieren, dass sich auch die Tageszeitungen bisweilen hinreißen lassen, Statements zu veröffentlichen, die eigentlich in den Papierkorb gehören.

    Was soll denn beispielsweise dabei herauskommen, wenn von Künstlern erwartet wird, dass sie auf Themen wie »NSA-Affäre« oder »Ausspähung der Bürger« reagieren? Werden da nicht automatisch illustrative, letztlich also eher harmlose Lösungen gefordert, die im politischen Alltag, zur Unterstützung durchaus verdienstvoller Proteste, zwar gebraucht werden, doch völlig an der eigentlichen Aufgabe der bildenden Kunst vorbeigleiten? Der allgemein geschätzte Kollege Jörg Heiser fragte kürzlich in der »FAZ«, warum sich die Gegenwartskunst mit den aktuellen Themen so schwer tut, und dieser Artikel (vom 16.10.) liegt immer noch auf meinem Schreibtisch, weil ich Heisers persönliche Enttäuschung nur im Zusammenhang mit eben jener Entwicklung sehen kann, die mich schon lange quält. Natürlich hat er recht, wenn er moniert, dass die Schriftsteller wenigstens einen Offenen Brief an Angela Merkel wegen NSA geschrieben haben, dass auch die Film-Branche mehr politisches Bewusstsein zeigt als die Kunst-Szene. Aber gibt es dazu schon einen Roman, der übers Faktische hinausgeht, einen Film, der Whistleblower und Spähaktivisten auf höherer, reflektierter Ebene auftauchen lässt?

    Fazit: Im Gegensatz zu Heiser (»die bildende Kunst scheint einfach nur gelangweilt vom Anblick dröger Server-Farmen und hässlich gestalteter NSA-Powerpoint-Grafiken«) werte ich es positiv, dass wir in der Kunst nicht über Nacht mit Arbeiten konfrontiert werden, die dann wohl kaum mehr als affirmativ anmutende Snowden-Porträts sein würden. Zwar lässt die Wucht der damaligen Ereignisse keinen wirklichen Vergleich zu, doch man muss sich in Erinnerung rufen, dass kaum ein Künstler, ohnmächtig wie alle Weltbürger, unverzüglich zum Pinsel oder zum Fotoapparat greifen konnte, als der 11. September seine Spuren hinterließ. Solche schier unbeschreiblichen Katastrophen brauchen Zeit, um verarbeitet zu werden, um gar in Form eines Kunstwerks dauerhaft zu warnen, zu mahnen, zu gedenken. Es dauerte lange, bis einige Künstler diesen Terrorakt bildnerisch übersetzten. Das erscheint mir schließlich auch glaubwürdiger als jeder malerische, bildhauerische oder fotografische Schnellschuss, wie Heiser indirekt fordert, obgleich er, zum Glück, gegen Ende seines bedenkenswerten Beitrags vorsichtig einräumt, dass es der Kunst auch gut steht, wenn sie sich eben tagespolitischer Kommentare enthält.

    Manchmal lohnt es freilich, wenigstens zwei oder drei Jahrzehnte in der jüngeren Kunstgeschichte zurückzuschauen, um zu erkennen, dass die bildenden Künstler so dumpf und sprachlos nicht sind, wie man es ihnen bisweilen unterstellt. Denn einige von ihnen scheinen gar über visionäre Kräfte zu verfügen, längst vorweggenommen zu haben, was die Heisers aufgeregter Politaffären sehen möchten. Vor über 20 Jahren hat beispielsweise Julia Scher mit ihrer Installation »The Schürmann House« den Überwachungsstaat angeprangert, auf ebenso radikale wie hoffnungsvolle Art. Denn ihre Botschaft war eindeutig: Wo die Mechanismen vermeintlich übermächtiger Systeme transparent gehalten werden, sind sie zu beherrschen. Ein Trost, über zwei Jahrzehnte vor Snowden.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Hilferuf aus und für Afrika, pünktlich zur Eröffnung der Schlingensief-Retrospektive in Berlin (Seite 4). Der Pole, der aus Basel kommt: Adam Szymczyk als Kurator der documenta in Kassel (Seite 5). Personalabbau bei DuMont, Köln? (Seite 7). Clever: Larry Gagosian ermöglicht De-Kooning-Forschung – zum eigenen Vorteil (Seite 8). Marion Ackermann, Düsseldorf, will »noch lange« in Düsseldorf bleiben (Seite 8). Patricia Kamp möchte das Museum Frieder Burda verjüngen (Seite 9). Galerien und Auktionshäuser und »privates sales« (Seite 11). Tobias Meyer fortan ohne Sotheby’s im Einsatz (Seite 13). Aus für Philipp Oswalt oder Blamage für den Stiftungsrat am Bauhaus Dessau (Seite 16). Stellenangebote (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 541 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, seit kurzem pfeifen es die so gerne zitierten Spatzen von Dächern in Düsseldorf und in München: Wenn Klaus Schrenk, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Juli 2014 seinen 65. Geburtstag feiern kann und dann im Herbst seinen einflussreichen Posten verlässt, gibt es zweifelsfrei viele renommierte Kunsthistoriker, die ihn gerne beerben möchten, aber eine Frau, seit vier Jahren als Direktorin der Kunstsammlung NRW tätig, soll sich hinter den Kulissen jetzt schon besonders bemühen. Es ist Marion Ackermann, Jahrgang 1965, die von 2003 bis 2009 in Stuttgart das Kunstmuseum dirigierte und anschließend in Düsseldorf ungeheuer kämpfen musste, um den dort gegen ihre Berufung keimenden Widerstand zu brechen. Das hat sie mit Bravour und viel Engagement für die Kunstsammlung getan, so dass heute am Rhein niemand mehr etwas von der damals üblen Gesinnung wissen möchte, die man der Zweite-Nachfolgerin entgegenbrachte. Man habe sich mit Ackermann arrangiert, heißt es allenthalben. Aber die rüde Begrüßung für die 2009 aus Baden-Württemberg gekommene Kandinsky-Expertin, die den Bogen von Lovis Corinth bis Rosemarie Trockel spannen kann, mag eine Erklärung für ihren Wunsch sein, lieber nach München zu gehen, wo sie einst schon an der Kunstakademie lehrte und von 1995 bis 2003 am Lenbachhaus als Kuratorin wirkte.

    Nicht zu unterschätzen: Seit über 25 Jahren lebt ihr Mann, der Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, Wolf Tegethoff, in der bayerischen Landeshauptstadt, und so scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass die überfällige Familien-Zusammenführung in München stattfindet. Ob es freilich dazu kommt, das hängt nicht allein von der Frage ab, ob Marion Ackermann für die Generalmanagement-Aufgabe qualifiziert ist, die von 2014 an zunehmend von notwendigen, geplanten Baumaßnahmen der Museen geprägt sein soll (die Alte Pinakothek wird vorübergehend geschlossen, und die Neue muss generalsaniert werden). Keine Findungskommission wird entscheiden, die Stelle soll auch nicht ausgeschrieben werden: Einzig der neue zuständige Minister bestimmt, wer Schrenk-Nachfolger wird, und somit wird der kunstsinnigste Mitarbeiter in seinem Haus, der in der Kunstszene weithin geschätzte Toni Schmid, das große Sagen haben, ob Ackermann die richtige Fachfrau für München ist oder nicht. Dass die Entscheidung freilich nicht allzu weit ins Jahr 2014 hinausgeschoben werden kann, scheint klar zu sein: Denn einst gab man auch Klaus Schrenk einen Vorlauf von etwa neun Monaten, bis er tatsächlich in München antreten musste. Einen solchen Übergang wünscht man den Staatsgemäldesammlungen auch diesmal; das heißt: Marion Ackermann müsste, wenn alles sinnvoll verläuft, Anfang des kommenden Jahres eine offizielle Gesprächseinladung aus München erhalten oder, ebenso diskret, in Düsseldorf einen Besuch erwarten dürfen.

    Dass das so sicher aber noch nicht ist, zeigt sich dank eines vertraulichen Telefonats mit einem Informanten aus dem politischen Umfeld in München: Nein, sagt der Mann; »denken Sie mal an Dresden, an den zweiten Mann dort«. Aber ja doch, natürlich, durchaus möglich, dass Bernhard Maaz, Jahrgang 1961, seit 2010 Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, bevorzugt wird – zumal der ehemalige Leiter der Alten Nationalgalerie in Berlin reichlich Bau-Erfahrung aus der deutschen Hauptstadt mitbringt. Immerhin hat Maaz von 1998 bis Anfang des vergangenen Jahrzehnts in Berlin das Baureferat und somit die Generalsanierung der Alten Nationalgalerie geleitet. Seine Biografie dokumentiert, dass er der alten Kunst näher steht als Marion Ackermann, was ihr im direkten Vergleich einen Nachteil eintragen könnte. Andererseits weiß man, dass Toni Schmid ein ministerieller Strippenzieher mit Weitblick ist, der nicht automatisch das vermeintlich Naheliegende tut. So ist derzeit durchaus auch noch mit einer Überraschung zu rechnen, die weder Ackermann noch Maaz heißt. Als sicher gilt in München nur, dass sich Klaus Schrenk im Oktober 2014 mit einer fulminanten Canaletto-Ausstellung in Richtung Athen (seine Frau ist Griechin) und Wissenschaft verabschieden wird, dass er die Anspruchslatte der Generaldirektion noch einmal außerordentlich hoch legen will. Eine echte Herausforderung für den Nachfolger oder die Nachfolgerin.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Was hat Ingeborg Berggreen-Merkel, die Gurlitt-Taskforce-Chefin, schon während ihrer Amtszeit im Kanzleramt gewusst (Seite 4)? Wien: Neue Runde im Streit um Klimts Beethovenfries (Seite 5). Rekordjagd in New York: 142 Millionen Dollar für Bacon (Seite 5). Köln: Wer das Wallraf-Richartz-Museum erweitert (Seite 9). Raubkunst-Kommission in London sucht Antworten (Seite 11). Von Ackermann über Hergott bis Blistène: Wie in Paris ums Centre Pompidou gerungen wurde (Seite 12). E.ON, Düsseldorf: Kooperation mit Galeristen (Seite 16). In 14 Monaten macht das Kunstmuseum Basel dicht und erweitert sich (Seite 21). Kasper König wird heute 70 (Seite 22). Stellenangebote (Seite 23). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 540 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, natürlich: Zuerst kommen die Inhalte, sagen im Scheinwerferlicht beide Koalitionspartner in Berlin, dann erst geht’s um Personalpolitik, um die Frage, wer welches Amt in der neuen Regierung übernehmen wird. Und die Kultur, so haben wir nach den früheren Bundestagswahlen wiederholt gelernt, ist ohnehin erst ganz am Schluss dran. Das war vor vier Jahren freilich kein Thema mehr, weil jeder wusste, dass Bernd Neumann, der CDU-Mann, erneut als Kulturstaatsminister zur Verfügung steht. Das ist diesmal anders. Zwar tat der altgediente Parteisoldat in diesem zurückliegenden Sommer so, als wolle er noch einmal eine dritte Amtszeit für Kultur und Medien zuständig sein, doch spätestens als er, der Einundsiebzigjährige, am 3. Oktober zusammenbrach, weil er sich in seiner Von-Termin-zu-Termin-Jagd offensichtlich übernommen hatte, war klar, dass die personellen Weichen in unmittelbarer Kanzleramtsnähe von Angela Merkel neu gestellt werden müssen. Vorübergehend brachten sich – Inhalte hin oder her – in der CDU mehrere Kandidaten selbst ins Gespräch, darunter einer aus Nordrhein-Westfalen, der als Merkel-Vertrauter schon lange auf einen wirklich einflussreichen Posten wartet. Doch der hatte – neben seiner Erfahrung als Parlamentarischer Staatssekretär in zwei kulturfernen Ministerien – wenig in die Kulturstaatsminister-Waagschale zu werfen. Hinter den Kulissen, so flüstert man in CDU-Kreisen, habe Volker Kauder, der Fraktionschef, dafür gesorgt, dass dieser in der Kultur-Branche völlig unbekannte Peter Hintze kürzlich zum Vizepräsidenten des Parlaments gewählt wurde. Damit war der Weg für Monika Grütters wieder frei, die ohnehin seit Jahren als Neumann-Nachfolgerin im Szene-Gespräche gehandelt wird. Grütters, genau 20 Jahre jünger als Neumann, seit 2009 als Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag tätig, hat unter anderem nicht nur Kunstgeschichte studiert, Kulturmanagement gelehrt und als Kuratorin zahlreiche Ausstellungen verantwortet, etwa auch in ihrer Funktion als Vorstandssprecherin der Stiftung Brandenburger Tor. Zudem beherrscht sie wie kaum ein anderer deutscher Politiker die gesamte Klaviatur kultureller Art – von der Literatur bis zur Musik, vom Theater bis zum Film, Neue Medien inklusive. Und: Sie liebt die Kulturschaffenden, ob Künstler oder Vermittler; sie kennt ihre Sorgen, sie spricht ihre Sprache.

    Kein Zweifel also, nicht der geringste: Voraussichtlich im Dezember wird es offiziell verkündet werden, dass die neue Kulturstaatsministerin in Münster geboren wurde, seit Mitte der Neunziger, zehn Jahre lang, als Mitglied im Abgeordnetenhaus in Berlin für Wissenschafts- und Kulturpolitik zuständig war, dass sie auch einen sehr guten Draht zur Kanzlerin habe. Ja, Monika Grütters (die derzeit mit Klaus Wowereit am Kultur-Verhandlungstisch von CDU und SPD sitzt) wird allemal in den kommenden vier Jahren auf Bundesebene den Taktstock der Kultur führen – und man darf schon heute davon ausgehen, dass sie dabei erfolgreich ist. Denn jenes Quentchen Inspiration, das ihrem Vorgänger fehlte, bringt sie mit. Und in Sachen Mittel-Beschaffung, für die Bernd Neumann in sämtlichen Presseberichten nach seinem am 22. Oktober öffentlich angekündigten Rückzug überschwänglich gelobt wurde, kann letztlich auch nichts schieflaufen. Denn im allgemeinen Abschiedsjubel und den Genesungswünschen für Bernd Neumann ist völlig untergegangen, dass das Feld, auf dem Neumann anlässlich jeder Haushaltsberatung punkten konnte, letztlich nicht nur von ihm bestellt wurde. Was hätte Neumann ohne Volker Kauder für die Kultur ausrichten können – eine Frage, die sich kaum jemand in den Medien bislang gestellt hat.

    Logisch: Neumanns Finanzierungstaten für die Kultur sollen hier keinesfalls geschmälert werden, er hat seine Verdienste, gewiss, doch die Etat-Steigerung auf heute 1,3 Milliarden Euro ist eine Leistung, die ohne den Kunstfreund Kauder, den mächtigen CDU-Regisseur, nicht machbar gewesen wäre. Weil man in Berlin und insbesondere in der CDU weiß, dass Kauder und Grütters sich bestens vertragen, sich gegenseitig überaus schätzen, kann man sowohl in der Politik als auch in der Kultur entspannt reagieren: Auf dieser Achse wird fortan Kulturpolitik in Deutschland gemacht, und das ist gut so. Der Schlüssel zum Verständnis für die Harmonie, die das neue Traumpaar im politischen Berlin prägt, so flüstert ein Insider aus dem Kanzleramtsumfeld, liege im Glauben. Kauder (evangelisch) und Grütters (katholisch) gelten als religiöse Menschen, als engagierte Christen, die beide auch im sozialen Bereich zu helfen wissen, etwa im Kontext von Projekten zugunsten von Afrika. Schlagobers: Kauder und Grütters agierten schon vor ihrem 18. Geburtstag in der Jungen Union. Bei so viel Gemeinsamkeiten und angesichts der Tatsache, dass die Christdemokraten mit drei Männern im neuen Bundestagspräsidium vertreten sind, raunt der Informant, müsse Monika Grütters ins Kanzleramt geholt werden. Gottlob nicht nur wegen der Frauen-Quote.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Mal groß, mal klein, ob Streifen- oder Glasbild – Jacke wie Hose oder Gerhard Richter in Dresden (Seite 5). Wien: Neues Personalproblem im Leopold Museum (Seite 6). Interne Unruhe wegen Neubauplan der Staatlichen Museen Berlin (Seite 6). Bilanz der ART.FAIR in Köln (Seite 8). Moritz Wesseler, Kölnischer Kunstverein, als Vampir (Seite 10). Wie sich die Preise von Thomas Scheibitz entwickeln (Seite 12). Eine Frau ganz oben: »Power 100« mit der Sammlerin schlechthin, Sheikha Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani aus Katar (Seite 12). Frankfurt: Am 1. April kommt Philippe Pirotte als Rektor an die Städelschule (Seite 15). Collège de France, Paris: Tony Cragg im Kreis der Vor- und Nachdenker (Seite 18). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 539 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, was wären die Museen ohne ihre Vereine, ohne ihre Freundeskreise? Ob in Frankfurt, Köln oder München: Überall unterstützen Bürger und Firmen kommunale oder staatliche Einrichtungen, denen oft das Kapital fehlt, um den musealen Auftrag zu erfüllen. Es geht dabei um die Bestandspflege, um das Ausstellen und Vermitteln, aber auch um Neuerwerbungen, die sich die öffentliche Hand oftmals nicht leisten kann oder will. Im Gegenzug genießen die Mitglieder dieser Museumsvereine ein paar Vorzüge, etwa Vorbesichtigungen vor der eigentlichen Vernissage, und natürlich engagieren sich manche Geschäfts- und Kunstfreunde auch aus dem einfachen Grund, dann und wann auf gesellschaftlich relevantem Parkett glänzen zu können. Das ist in Düsseldorf nicht anders als in Hamburg, das lässt sich in Hannover ebenso beobachten wie in Berlin.

    Apropos Hauptstadt: Es besteht kein Zweifel, dass der 1977 wiederbelebte Verein der Freunde der Nationalgalerie vor allem dank des einzigartigen, drei Jahrzehnte lang dauernden Einsatzes von Peter Raue, der heute, naheliegend, als Ehren-Präsident eine eher defensive Rolle spielt, einen Aufstieg erlebt hat, der international bewundert wird. Was die Freunde unter der Regie von »Mister MoMA« geleistet haben, das führte hierzulande zu einem nicht enden wollenden Beifall, aber eben auch zu reichlich Neid und Missgunst. Vielen in der Kunstlandschaft war der offenbar mächtige Verein allein deshalb verdächtig, weil sich hier so viele der Berliner Baulöwen einträchtig für die Kunst teeren und vierteln ließen oder, andere Perspektive, aus der Kunstszene ihren kreativen und wirtschaftlichen Nektar zogen. Modell Golfclub quasi, nur teurer, exklusiver. Auf jeden Fall hat der Verein in den Raue-Jahren 1977 bis 2008 viel bewegt, sehr viel. Unvergessen, um nur zwei Beispiele zu nennen, der ebenso mutige wie ungeheuer umstrittene Ankauf des Barnett-Newman-Bildes »Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue« – und geradezu legendär der Erfolg der MoMA-Schau vor knapp zehn Jahren, als sage und schreibe knapp sieben Millionen Euro in die Vereinskasse gespült wurden.

    Peter Raue war es auch, der Christina Weiss, die ehemalige Kulturstaatsministerin, mit seinem ganzen Einfluss promotete, als es darum ging, eine Nachfolgerin für ihn als Vorsitzender des Vereins zu finden. Logisch, dass ihm die Mitglieder folgten und Weiss nun bald in der Situation stecken wird, ihre dritte Amtszeit zu beginnen. Denn im März 2014 wird sie bereits sechs Jahre lang den Verein der Freunde der Nationalgalerie dirigiert haben, freilich von den Geschäftsführern Katharina von Chlebowski und André Odier flankiert. Doch es mag – unabhängig vom Mitglieder-Votum und von ihren persönlichen Zukunft-Gedanken – die Frage erlaubt sein, ob es automatisch mit Weiss weitergehen muss. Man raunt, Vorstandsmitglied Hans-Georg Oelmann würde auch mal gerne den Vorsitzenden geben; man hört, dass sogar einer der allerbesten Kenner der Berliner Museumsszene, ein Wissenschaftler und Entertainer obendrein, nämlich Peter-Klaus Schuster, womöglich gar nicht abgeneigt wäre, würde er gefragt. Unwahrscheinlich also, dass der Verein plötzlich ohne Vorsitz dastünde, würde Christina Weiss in wenigen Monaten nicht mehr die Front-Frau geben wollen. Zwar gibt es keinerlei Anzeichen, dass die Überlegungen der Professorin, in Sachen Literatur allemal so kenntnisreich wie in der bildenden Kunst, in die Richtung zielen, die Gunst der Amtszeitstunde und kommenden Vorstandswahl zum Abtritt zu nutzen, doch es fällt auf, dass Christina Weiss – anders als Peter Raue – keine besondere Freude am gesellschaftlichen Auftrieb zu haben scheint, dass sie, mit Verlaub, auch nicht jenes Charisma einsetzen will oder kann, das sich in ihrem Vorgänger aufs Glamouröseste entfalten konnte. Nein, der Verein der Freunde der Nationalgalerie wirkt nicht mehr wie eine Spielstätte hungriger Löwen, sondern eher wie eine Denkerstube von Hauskatzen-Liebhabern. Bestes aktuelles Beispiel: Die am 7. November startende, von Weiss konzipierte, hochkarätig besetzte Vortragsreihe aus Anlass der Ausstellung Anton Graff in der Alten Nationalgalerie (wo von Ethel Matala de Mazza bis Jan Philipp Reemtsma etliche schlaue Leute viel Kluges verbreiten werden). Der Verein der Freunde der Nationalgalerie als Hochschule? Studium statt Party? Wollen das die Mitglieder?

    Es wäre zweifellos überzogen, von einem Richtungskampf innerhalb des Vereins zu berichten. Doch ein leichtes Rumoren ist wahrzunehmen, weil viele Mitglieder zwar das Engagement von Christina Weiss sehen und würdigen, doch zugleich einer Zeit nachtrauern, in der mit bedeutenden Ankäufen und spektakulären Ausstellungen für Schlagzeilen gesorgt wurde. Wenn man Christina Weiss kennt, weiß man, dass mit ihr ein Massen-Auflauf à la MoMA nicht zu machen wäre. Das Berliner Beispiel steht freilich für ein grundsätzliches Problem, das sich auf die Rolle der Vereine in den Museen bezieht. Dabei geht es um ihr Selbstverständnis, um ihre Identität. Und die hat immer auch mit dem jeweiligen künstlerischen Direktor zu tun, der das Programm macht – und dann die Freunde als Komplizen hinzuzieht. Dass Nationalgalerie-Boss Udo Kittelmann und Christina Weiss gut miteinander können, sieht man. Aber einer wie Kittelmann könnte gewiss auch mit einem richtigen Löwen gemeinsame Sache machen.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Rückgabe-Forderung in Sachen »Beethovenfries« von Gustav Klimt (Seite 3). Berlin: Der Sammler Hans Georg Näder macht aus seinem Bötzow-Projekt ein Allerlei-Unternehmen mit Hotel und Wellness (Seite 5). Düsseldorf: Arthena-Gründerin Monika Schnetkamp feiert das Fünfjährige ihrer Stiftung und plant weiter (Seite 8). Ein Fest der Malerei: Londons Doppelmesse Frieze (Seite 10). Der Streit um das Erbe von Alfred Flechtheim setzt sich fort (Seite 12). Auf der Spur von Banksy in New York (Seite 13). Fragwürdige Allianz in Düsseldorf: Breuninger und Kunstsammlung NRW (Seite 16). Bestandsaufnahme: Thema AIDS im Kunstbetrieb (Seite 20). 45 Jahre Einsatz für die Kunst: Eva und Lothar C. Poll (Seite 21). Stellenangebote (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 538 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, der wohl lebenslang als »Mister MoMA« gefeierte Peter Raue gehört gottlob zu den kritischen Zeitgenossen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Ein Mann deutlicher Worte, als Anwalt freilich mit dem erforderlichen Wissen gesegnet, um auch heikle Situationen mit kraftvollen, unmissverständlichen Statements zu versehen. Dabei wäre es gar nicht immer vonnöten, rechtlich unbedenkliches Vokabular einzusetzen oder sich gar im Paragrafen-Dschungel bestens zu Hause zu fühlen. Manche Sachlagen sind derart sonnenklar, dass ich mich frage, warum keiner meiner Kollegen in den großen Feuilletons diese Dinge sieht beziehungsweise zum Thema macht. Während sich im vergangenen Monat rundum alle Autoren und Redakteure in ihren Betrachtungen meist voller Begeisterung auf diese oder jene gelungene Ausstellung oder Messe der Art Week in Berlin konzentriert hatten, lenkte Raue am 4. Oktober in »Bild« (wo er seit langem seine wöchentlich erscheinende Kolumne mit Klartext füllt) den Blick in eine andere Richtung. »Sprecht euch ab!«, so forderte er die Berliner Galeristen auf, die zwar allesamt an der Art Week teilnehmen mochten, es aber nicht schafften, ihre Öffnungszeiten zu koordinieren. So stand mancher Sammler beim Rundgang etwa am Sonntag vor verschlossenen Türen. Eine Galerie hatte dicht; die andere, direkt daneben, war zugänglich. Mit Verlaub: Das MoMA wäre einst wohl nicht nach Berlin gekommen, hätte sich die Nationalgalerie als Chaoten-Haufen präsentiert. Was nutzen solche vermeintlich konzertierten Aktionen, die Berlin als Kunststadt (trotz der untergegangenen Messe Art Forum) leuchten lassen sollen, wenn es hier offenbar nicht zu machen ist, dass man sich über ein paar Öffnungsstunden für ein einzelnes Ereignis verständigt?

    Kein Missverständnis, bitte. Absprachen sind ja nicht grundsätzlich gut (im Gegenteil: sie können mitunter sogar vor Gericht geahndet werden). Indes: Im Kunstbetrieb sollten einige Usancen verbindlich sein. Da liegt noch vieles im Argen. Ich denke zum Beispiel an das nach wie vor völlig unterschiedliche Procedere der Auktionshäuser, angebotene Werke auf ihre Echtheit zu prüfen. Ich denke aber auch an den Preispoker, der schon im Zusammenhang mit der Einlieferung beginnt. Längst werden die Extrawürstchen am Fließband produziert, und wenn einer wie der Sammler Charles Saatchi kommt, dann gibt’s selbstverständlich noch eine Portion Senf zusätzlich. Wenn nun aber am 17. Oktober in London bei Christie’s der Ausverkauf von 50 teils erst vor zwei Jahren erworbenen Arbeiten stattfindet (darunter Werke von Martin Honert und Dirk Skreber), dann liegt so viel Schärfe in der Luft, dass ich mich frage, ob es nicht höchste Zeit wird, den ohnehin von teils absurden Gegenwartskunstpreisen belasteten Kunstmarkt radikal auf den Prüfstand zu stellen. Im ersten Moment klingt die in diesem Vorgang enthaltene Verschlankung zwar zeitgemäß, nämlich der Verzicht sowohl auf Schätzpreise als auch auf Mindestpreise, doch im zweiten Anlauf der Gedanken merkt man, dass die unter dem Saatchi-Motto »Thinking Big« laufende Auktion (siehe auch ID 537, Editorial) verheerende Auswirkungen haben muss. Denn die Tatsache, dass Auktionspreise grundsätzlich als Maßstab der Bewertung künstlerischer Arbeit herangezogen werden, führt in der kommenden Woche garantiert zu absurden Verrenkungen in einer Branche, die sich sowieso schon krumm gemacht hat, weil der schnöde Mammon den Takt vorgibt.

    Charles Saatchi, der PR-Profi, kürzlich dank seines 70. Geburtstags und seiner Scheidung werbewirksam im Vorspiel-Gespräch, inszeniert jetzt alles andere als einen Liebesakt. Im Gegenteil: Er führt die Künstler und ihre Galeristen aufs Übelste vor, und obendrein dokumentiert er, wie zufällig Preise für Gegenwartskunst gemacht werden. Wer nicht ohnehin längst das Vertrauen in diesen Markt verloren hat, der wird in der kommenden Woche sein Heureka erleben – und sich künftig überlegen, ob er sein Geld nicht doch besser andernorts anlegt. Denn vom absoluten Dumping-Preis bis zum grotesk überzogenen Rekord-Preis könnte die komplette Erlös-Skala bemüht werden. Unter Druck stehen letztlich alle, außer Saatchi selbst. Galeristen und Sammler jener in der Auktion vertretenen Künstler müssen aufpassen, dass ihre Schützlinge und Favoriten nicht durchfallen; Künstler werden besorgt sein, dass ihr Preisniveau nach unten gleitet. So wäre es kein Wunder, wenn bei Christie’s im Minutentakt Preise erzielt werden, die völlig unangemessen sind, die weltweit folgenreich diskutiert werden. Freilich kann man Saatchi keinen Vorwurf machen, er kann und darf mit seinem Eigentum machen, was er will (wenn er nicht ins Urheberrecht der Künstler eingreift). Doch ich frage Sie und mich ernsthaft, was in den Köpfen der Chefetage eines Auktionshauses vorgeht, das auch eine Art von Verantwortung gegenüber der Branche zeigen sollte, in der es seinen Umsatz macht. Geht’s hier nur noch um Schlagzeilen, um Aufsehen, um Publizität? Steckt nicht hinter dieser Versteigerung ohne Taxe und Limit letztlich eine abgrundtiefe Verachtung für die Kunst selbst, um die man stets besorgt sein sollte, wenn sie weiterhin als Gradmesser einer freiheitlich geprägten Gesellschaft dienen soll?

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Geschlossene Museen als Folge der US-Haushaltskrise (Seite 5). Pilotstudie: Die meisten Galerien machen zu wenig Umsatz (Seite 8). Demontiert und gefährdet: Kricke-Skulptur in Köln (Seite 9). Österreichs Kulturministerin Claudia Schmied hat ihr Amt niedergelegt (Seite 11). Alles nur zuliebe von Ingrid Mössinger: Georg Baselitz und sein Bühnenbild für Chemnitz (Seite 12). Die Aktualität der Kartonskulptur im Werk von Santiago Sierra (Seite 12). Frankfurt: Wie und wo sich Susanne Gaensheimer, MMK, ausbreitet (Seite 13). Weiße Flecken, schwarze Löcher: Kunstkritikerverband AICA sucht neues Terrain (Seite 17). Magnus Resch und seine »Larry’s List« (Seite 20). Stellenangebote (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 530 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, ist es nicht erschreckend, wie wenig am Ende bleibt, wie wenig gute, herausragende Kunst nach der Rückkehr aus Venedig im langfristig wirkenden Erinnerungsfilter weiterhin für Auseinandersetzung sorgt? Natürlich hat auf dieser 55. Biennale so manches Werk spontan beeindruckt und gefallen, weil vielleicht kurz zuvor mehrere Arbeiten uninspiriert herumstanden oder, wie bestellt und nicht abgeholt, traurig an der Wand hingen. Doch was setzt sich auch beim zweiten Rundgang durch, was überzeugt wirklich? Nein, Sarah Sze ist es nicht; was sie im amerikanischen Pavillon zeigt, ist zwar vor Ort neu zusammengesteckt und aufgetürmt worden, doch der filigrane Spielzeugbau aus Alltagsgegenständen, den die Künstlerin offenbar nicht weiter entwickeln kann, langweilt mittlerweile unsäglich. Das gilt leider auch für so manchen anderen Pavillon in den Giardini (etwa Österreich und Schweiz) und etliche Säle im Arsenale, wo der enzyklopädische Ansatz des Generalkurators letztlich alles zulässt und jeden Besucher glücklich machen will.

    So sagen und schreiben manche, endlich sei der übermächtige Kommerz ausgeschaltet und die Kunstmarktkunst zurückgedrängt worden, während andere wieder fleißig jene Namen aufzählen, die eben exakt in jedem Auktions- oder Messekatalog verzeichnet sind, von Maria Lassnig über Bruce Nauman bis zu Dieter Roth. So können sich einige Kritiker am wiedererwachten Interesse an der Outsider-Art erfreuen, andere loben die starke Präsenz der Zeichnung oder die zahlreichen Performance-Auftritte. Niemand wundert sich denn, dass Tino Sehgal als bester Künstler mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Kenner seiner Arbeit zeigen sich allenfalls irritiert, dass es ausgerechnet diesmal passiert, dass die Ehre ihm just in einer Situation zukommt, wo er gewiss nicht gerade sein allerbestes Konzept realisieren lässt, inmitten eines Raumes mit unzähligen Tafeln von Rudolf Steiner. So geht das weiter, mal mit mehr Lob verbunden (der französische Beitrag im deutschen Pavillon), mal mit mehr Ablehnung oder, allemal, Gleichgültigkeit gekoppelt (der sogenannte deutsche Beitrag im französischen Pavillon). Der politisch gewollte, freundschaftlich gemeinte Häuser-Tausch kein echtes Biennale-Thema mehr, weil das Internationale im Nationalen längst weltweit sanktioniert ist.

    Wer in Venedig ausschwärmt, einige der kollaborierenden Projekte kennenlernen will, kann Glück haben (etwa dank Thomas Zipp und der Düsseldorfer Arthena Foundation im Palazzo Rossini) – oder auch Pech (und dabei dann reichlich Erkenntnis). Als man sich beispielsweise am dritten Tag der verregneten Vorbesichtigung, nach stundenlangem Warten und wiederholten Presseausweis-Kontrollen in der schmalen Straße vor der Fondazione Prada, auf den Eintritt in die Ausstellung der »When Attitudes Become Form«-Rekonstruktion (Harald Szeemann, 1969) freute, gab es die eiskalte Verbal-Dusche eines ekelhaft arroganten Prada-Mitarbeiter-Rudels, das wohl zuvor in irgendwelchen Nachtclubs ausgebildet worden war. Und man zog es vor, unverzüglich diese hohle Gasse zu verlassen, bedauerlicherweise ohne die legendäre Schau in ihrer Zweitfassung gesehen zu haben. Sollte man nicht Manieren haben, Spielregeln im Umgang miteinander beherrschen, wenn man für Prada tätig ist, wenn man Museum sein will? Anders gefragt: Sollten solche undiszipliniert geführten Stiftungen nicht vom internationalen Leihgeber-Karussell fliegen, hochkant? Prada kann sich doch nur profilieren, weil rundum alle mitgemacht haben, kunsthistorische Inkunabeln zur Verfügung stellten. Dabei wäre Szeemanns immer wieder zitierte Avantgarde-Ausstellung ohnehin andernorts viel besser platziert gewesen, nämlich am damaligen Ort und somit in der Kunsthalle Bern.

    Dass journalistische Arbeit auf der Biennale behindert oder komplett verhindert wird, wurde freilich auch im Zentrum der Weltkunstschau deutlich. So viele Menschen, dachte man, können doch gar nicht als Kritiker, Künstler, Sammler, Galeristen, Museumsleute oder sonstige Leihgeber im Arsenale oder in den Gärten unterwegs sein. Ein unsägliches Geschiebe, wohin man auch kam; ewiges Schlange-Stehen vor den meisten Pavillons, unvermeidlich. Es schien vorübergehend so, als seien mindestens doppelt so viele Insider eingelassen worden wie früher. Dabei sahen etliche Biennale-Besucher eigenartig fremd aus, eben so, als seien sie keinesfalls tagtäglich für die Kunst im Einsatz. Sogar mehrere Schulklassen, zu komisch, stolperten am ersten Vorbesichtigungstag durchs Arsenale, ohne etwa von Sehgal verpflichtet worden zu sein. Das Rätsel löste sich nach kurzer Recherche : Ja, für 200 Euro gibt’s mittlerweile Tageskarten für jeden, dem die Nähe zur Eröffnungsprominenz wichtig ist. So rennen Tausende konfus über die aufgeweichten Wiesen, und man fragt sich, ob man bescheuert ist, dieser italienischen Biennale-Profit-Gier im Weg zu stehen. Was wäre, wenn alle echten Journalisten und Insider sich später verabreden würden, für einen Termin in den folgenden Wochen oder Monaten? Die aktuelle Berichterstattung scheint den Biennale-Verantwortlichen doch ohnehin schnuppe zu sein. Sonst würden sie andere Entscheidungen treffen und dafür sorgen, dass die Presse wieder ordentlich arbeiten kann. Kollegin Catrin Lorch, »Süddeutsche Zeitung«, fand heraus, dass sich diesmal nur noch neun (!) Journalisten amerikanischer Tageszeitungen akkreditiert hatten. Ob es sich in den USA schon herumgesprochen hat, dass Medien-Arbeiter in Venedig nicht mehr gebraucht werden? Der Tourismus flutscht auch ohne die Presse. Die stört vermutlich nur mit ihren ewigen Warnungen vor dem Untergang der von unten (und offensichtlich auch von oben) allmählich verfaulenden Stadt.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Der Rektor der Frankfurter Städelschule, Nikolaus Hirsch, wirft hin und verzichtet auf eine zweite Amtszeit (Seite 3). Warum sich Reinhard Spieler, Ludwigshafen, auf seine neue Direktoren-Aufgabe in Hannover freut (Seite 6). Wo das Hochwasser den Kunstbetrieb bedroht (Seit 9). Überraschung: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück holt Oliver Scheytt als Mann der Kultur in sein Kompetenzteam (Seite 10). Ulrike Groos und das Museum Haus Dix (Seite 12). Neues Kunst-Experiment der »Welt« mit Picasso-Enkel Bernard Ruiz-Picasso (Seite 14). Markt-Analyse: Wie sich die Preise für SEO entwickeln (Seite 17). Immendorff-Fensterstreit in Essen (Seite 18). Stellenangebote (Seite 24). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 537 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, alles Bratwurst oder was? Ein Wahnsinnsgedränge am 17. September auf der Auguststraße in Berlin-Mitte, ganz so, als sei Love Parade oder allemal Oktoberfest angesagt. Der Geruch von Bratwürsten liegt in der Straße, aber kein Rankommen an die gegrillten Dinger; ein Geschiebe und Gedröhne, dass ich mich frage, warum ich hier mit einem VIP-Ticket unterwegs bin. Von Kunst keine Spur, weil allzu lange Besucher-Schlangen vor den einschlägigen Adressen vergeblich den Einlass begehren. Allenfalls dank einiger Schaufenster-Galerien sehe ich, zwischen Trauben von Menschen, die angeblich der Kunst halber gekommen sind, ein paar Bilder-Ecken, oben links, oben rechts, selten mehr. Zwei Tage später, am Donnerstag, 19. September, riecht es in Berlin erneut nach Röst-Aromen: Als ich in der Luckenwalder Straße, wo die abc eröffnet wird (siehe auch Kommentar und Pressestimmen in der Randspalte), endlich an der Reihe bin, ist Bratwurst aus, wie es heißt. Ja, sind denn alle gekommen, um mir im Rahmen dieser Art Week die Wurst wegzuschnappen oder den Weg zu versperren? Was ist da los in Berlin? Massenauftrieb, um zu zeigen, dass man auch ohne Art Forum zusammenläuft? Masse heutzutage wichtiger als Klasse? Über Qualität wird ohnehin so wenig geredet wie selten zuvor; aber alle zählen und rechnen auf Teufel komm raus (»21 mal Kunst. 6 Tage. 1 Ticket« – so steht es auf einem Bierdeckel, den ich im »Panasia« finde).

    Nun könnte man über derlei Betriebsamkeit froh sein, das alles loben und animieren, tüchtig weiterzumachen, einmal im Jahr die komplette Hauptstadt mit Kunst zu fluten. Aber wie es halt so ist, wenn das Hochwasser kommt: Beherrschen lässt es sich nicht wirklich. Manchen Mittätern gehen die Bratwürste aus, anderen schlichtweg die Luft, und wieder andere retten sich, vernünftiger, in eine Kneipe oder ein Restaurant, um ein paar Grundsatzfragen zu stellen. Was soll mit einer solchen Art Week bewirkt werden? Ist sie tatsächlich eine Werbung für die Kraft der Kunst? Wenigstens für die Arbeit der Galerien und der anderen beteiligten Institutionen? Wird mehr erreicht, als einen Haufen Menschen mit Kunst zu locken und sie dann doch, peinlich, in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten allein zu lassen mit dem Gefühl, dass es um Kunst gar nicht geht, sondern um Kapital, Städtewerbung, Bundestagswahlkampf oder um die längste Bratwurst? Zugegeben: »Painting Forever!« – das Motto von DB, BG, KW und Neue Nationalgalerie – mag als Versuch gewertet werden, (Basis-)Arbeit zu leisten. Doch bei genauer Betrachtung scheint die Notlösung durch, weil die vermeintlich neue Devise uralt ist, schrumpelig wie eine im Getümmel aus Versehen vom Grill gerollte Darmfüllung. Die immer wieder totgesagte Malerei als willfährige Disziplin, als raum- und kostensparende Möglichkeit, viel zu zeigen, zu verkaufen oder zu erwerben und dann erwartungsvoll zu deponieren.

    Apropos Erwartungen, Spekulationen. Wenn nun Mitte Oktober bei Christie’s unter anderem Arbeiten der Chapman-Brüder, von Tracey Emin, Anselm Reyle, Georg Herold oder auch von Martin Honert versteigert werden, dann können die Berliner lernen, wie man nicht nur für Publikumsaufläufe sorgt, sondern wie man auch echte Schlagzeilen macht. Lehrmeister ist Charles Saatchi, und als Werber beherrscht er das Geschäft mit der künstlich erzeugten Aufmerksamkeit bestens. Natürlich weiß er, dass sein öffentlich vorgetragener Ehe-Konflikt in diesem Sommer als Vorspiel für die Auktion am 17. Oktober wirksam wird. Natürlich spielt er mit seiner vermeintlich riskanten Zusage, dass Christie’s für diese Arbeiten aus seiner Sammlung kein Limit berücksichtigen muss. Da wird mithin nichts zurückgezogen, aus dem Saal genommen, wenn der Preis niedrig bleiben sollte. Doch die Galeristen und Sammler der betroffenen Künstler werden schon dafür sorgen, dass keine Abwertung ihrer Schützlinge erfolgt; da wird es keinen Zufall geben, da werden alle betroffenen Händler oder Investoren auf der Hut sein und gerade in dieser Auktion gegebenenfalls auch mehr bieten, als die Arbeiten wert sind. Saatchi bringt den internationalen Kunstbetrieb mit dieser »Thinking Big«-Versteigerung derart unter Druck (ja, vielleicht wird er ihn sogar lächerlich machen), dass sich die Berliner Art-Week-Macher nur beschämt hinter ihren Rostbratwurst-Ständen verstecken und die Zeit bis 2014 nutzen können, um darüber nachzudenken, was Public Relations bedeutet.

  • Informationsdienst KUNST 536 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als ich vor Tagen mit Udo Kittelmann in der Neuen Nationalgalerie stand und er mir überzeugend erläuterte, warum er ausgerechnet Bilder von Eder, Kunze, Reyle und Scheibitz als Bube, Dame, König und Ass im »Painting Forever«-Kontext zeigt (wegen der Gemeinsamkeit, umstritten zu sein), dachte ich natürlich, dass er quasi einen Kartenspieler-Trick einsetzt, um die oft kritisierte Vernachlässigung der hochkarätigen Berliner Künstlerszene zu entkräften. Zugleich drängte sich freilich der Gedanke auf, dass Udos jüngste Aktion, die schwer bespielbare Mies-Halle salonfähig zu machen, in einem Zusammenhang steht, der über die aktuelle Berliner Offensive hinausgeht. Zum Saisonstart wird nämlich nicht nur in der deutschen Hauptstadt so getan, als gelte es, die Malerei wiederzuentdecken. Die konzertiert inszenierte Großausstellung (Berlinische Galerie, Deutsche Bank, KW Institute for Contemporary Art, Neue Nationalgalerie – im Rahmen der Berlin Art Week) findet zeitgleich mit allerlei Aktivitäten in anderen deutschen Städten statt, wo in diesen Wochen ebenfalls ein Loblied auf das unverwüstlich Zweidimensionale gesungen wird. In Düsseldorf ebenso wie in München, in Frankfurt wie in Hamburg.

    Es stellt sich automatisch die Frage, was los ist, wenn rundum die Kollegen in ihren Medien derart ins Schwärmen geraten, von der »Sinnlichkeit einer schichtweise angelegten Malerei als Medium« berichten, das – laut »Handelsblatt« – »Wachen und Träumen in einem einzigen Bild erzählen kann« (hier bezogen auf Karin Kneffels Bilder bei Schönewald Fine Arts, Düsseldorf). All das ist seit Jahrhunderten bekannt, das macht Malerei aus, unter anderem. Doch ist’s nicht irgendwie verdächtig, dass ausgerechnet jetzt, im Kunstherbst 2013, landauf und landab diese Disziplin so promotet wird, als sei sie der neueste Hit oder ein Trend, den man als Sammler nicht ungestraft an sich vorbeiziehen lassen dürfe? Mit Verlaub: Die Malerei war niemals tot, sie wird niemals sterben, weil dieses Handwerk dank einer sich permanent entwickelnden Zeit ewig präsent ist und sich laufend einbringen kann. Ein willfähriges Medium, das jedem Künstler die Chance gibt, sich schnell mitzuteilen oder sich auch akribisch seiner Botschaft zu nähern. Andererseits wissen Galeristen, Museumsleute und private Sammler diese Kunst zu schätzen, weil sie sich so gut auch im Dutzend wegstapeln lässt, nicht raumgreifend ausfällt wie Skulpturen oder Installationen.

    Gleichwohl erklärt das Formale keinesfalls den Dauer-Erfolg der nun so frisch vermarkteten, höchst unterschiedlichen (»Painting Forever«-)Werke, die allenfalls die Vorliebe für Keilrahmen und Leinwand eint. Mir scheint, dass hinter dem vital vorgetragenen Bekenntnis zur Malerei letztlich eine Hilflosigkeit steckt, die Frage, wie es in der Kunst inhaltlich weitergehen könnte. Welche Aufgaben haben die Künstler? Welche Rolle spielt ihre Arbeit in einer Gesellschaft, in der Kunstwerke immer häufiger wie eine Wertanlage diskutiert werden, als Investment, neben den Immobilien, weil man sich von den unberechenbaren Aktien längst verabschiedet hat und kein Mensch mehr ein Sparbuch besitzt? Gibt es noch eine andere, gar eine wirklich existentielle Notwendigkeit für die Kunstproduktion, wenn weltweit versucht wird, Probleme mit menschenvernichtenden Waffen zu lösen? Was können wir da tun? Soll unsere Branche weiterhin auf die Reichweite der Intelligenz und des Gefühls setzen, auf philosophisch infiltrierte Erkenntnisprozesse, die das Tagesgeschehen bestenfalls als Auslöser nehmen, um dann grundsätzlich zu werden? Aber haben wir, ob Künstler oder Vermittler, überhaupt genug Stimme und Rückendeckung, um politisch Einfluss zu nehmen? Ja, können und/oder wollen wir eine solche Aufgabe überhaupt stemmen? Das sind die Frage, die jetzt beantwortet werden sollten, während, leider, allzu viele von uns in diesen Tagen unterwegs sind, um hier oder dort, harmlos, einen Déjà-vu-Effekt in der Malerei auszumachen. Darum geht’s nicht mehr. Es geht um mehr, nämlich um alles.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Generöse Geste von Ingvild Goetz in München (Seite 2). Pressestimmen zum Geschenk des Jahres für den Freistaat (Seite 4). Düsseldorf: Wolfgang Ullrich zieht sich aus der Quadriennale-Leitung zurück (Seite 7). Warum die vorübergehende Totalschließung im Museum Ludwig erforderlich wurde (Seite 9). Was Roger M. Buergel, einst documenta-Leiter, jetzt in Zürich macht (Seite 10). Seitenwechsel: Martin Klosterfelde, der Galerist, fortan für das Auktionshaus Phillips tätig (Seite 11). Tanas-Ende in Berlin: Hätte René Block nicht einen Nachfolger finden können? (Seite 11). Kuehn Malvezzi nun in Saarbrücken im Einsatz (Seite 17). Köln: Das Geschäft mit der Kippenberger-Teilschenkung (Seite 17).
  • Informationsdienst KUNST 535 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, was soll man davon halten, wenn Lady Gaga im Zusammenspiel mit Marina Abramovic (siehe auch Seite 9, Randspalte), eigentlich eine Frau der Wahrheit, nicht des schönen Scheins, nackt durch den Wald rennt und sich im Internet auf Teufel komm raus anklicken lässt? Es geht wohl um den Effekt, um Public Relation; PR-Getrommel der leicht durchschaubaren Art. Freilich passt solches Treiben in eine Zeit, in der jeder Star mit der bildenden Kunst liebäugelt, weil sie ihm eine Klientel beschert, die früher keine Rolle spielte. Es sind die schwerreichen Investoren, die Geld im Überfluss kanalisieren müssen, in Musikproduktionen oder in Rendite versprechende Filme – und die quasi nebenbei Bilder kaufen, Statussymbole, um der eigenen Sippschaft vorzugaukeln, dass man kulturell gebildet sei. Was Wunder also, dass sich Tilda Swinton gelegentlich und angeblich unangekündigt im MoMA in einen Glaskasten legt, um dort öffentlich zu schlafen, um dort die Künstlerin zu geben. Rein zufällig (hier darf geschmunzelt werden) sind just in solchen Momenten etliche Profi-Fotografen im Museum, um die schlummernde Aktrice abzulichten. Kostengünstige Eigen-Promotion, um weiterhin im Schau-Geschäft zu bleiben. Denn diese Aktion ist künstlerisch dürftig, unerheblich, letztlich ein harmloser Mix aus kunsthistorisch bestens dokumentierten Taten von Künstlern wie Timm Ullrichs oder HA Schult, die sich schon vor Jahrzehnten in einen Glaskasten setzten und selbst ausstellten oder, nach anstrengenden, Städte verbindenden Autofahrten, in Kunstvereinen ihr müdes Haupt betteten und sich dabei beobachten ließen.

    So bleibt der Verdacht, dass heutzutage einerseits eine neue Unbekümmertheit in Bezug auf das bildnerisch längst Bewältigte zu attestieren ist, dass aber andererseits zudem immer mehr bislang von guter Reputation begleitete Künstler und Vermittler ihren Ruf aufs Spiel setzen, weil sie sich womöglich im Sog der Glamour-Stars und der Yellow Press wohler fühlen als dort, wo sie wirklich gebraucht werden, wo Kunst noch echte Forschungsarbeit ist. Kurzum: Ich wundere mich über einen Klaus Biesenbach, MoMA, der seiner Freundin Tilda immerwährendes Schlafrecht im Museum einräumt. Ich kapiere nicht, wie eine Hardcore-Artistin vom Kaliber Marina Abramovic zur leichtgewichtigen Komplizin von Lady Gaga mutieren kann. Ja, ich frage mich, ob der (halbe) Kunstbetrieb und schließlich auch die Kunst selbst abdriften – ins Nirwana der Spekulation, wo eigene Gesetze gelten oder auch der Verzicht auf jegliche Spielregeln. Eine Überraschung wäre das nicht. Denn in der Folge einer Verweigerung sämtlicher Kriterien-Arbeit in der Kunst erscheint es, fatal, für viele Marktteilnehmer naheliegend, dass sie sich, ob Künstler, Sammler oder Vermittler, mit extrem auffälligen Posen ins kollektive Gedächtnis einschreiben müssen, wollen sie in einem ständig zunehmenden Kreativ- oder Plagiat-Pool nicht untergehen.

    Die überhand nehmende Verkommenheit im Betrieb dokumentiert sich in etlichen Kunstzeitschriften, die mittlerweile – im Stile von »Bunte« oder »Gala« – mit vielen kleinformatigen Fotos sogenannte People-Seiten ins Blatt hieven, um ihre dort abgebildeten Anzeigenkunden zu erfreuen, um die eigene Bedeutung zu unterstreichen, weil man mit diesem oder jenem Künstler im (Haut-)Kontakt steht oder, nicht selten, sogar den distanzfreien Schmusekurs bevorzugt. Da wird’s dann szenetypisch richtig heiß, so heiß, dass der »Artinvestor« aufs Cover seiner jüngsten Ausgabe gleich drei Portionen Eis am Stiel gesetzt hat. Es wird ja viel geschwitzt in diesen späten August-Tagen, und dabei geht’s weniger um den Angstschweiß (der wenigstens existenzielle Qualitäten freisetzen würde), sondern vor allem um den Auftrieb ums blanke Nichts. Kollegin Anna Prizkau, »FAZ«, berichtet aus Bayreuth, aus Richard-Wagner-City: »So viele feuchte Körper sieht man gewöhnlich nur im Berghain, da nehmen die Leute aber Drogen, um den Irrsinn zu überstehen«. Anderes Beispiel: »Monopol«-Chefredakteur Holger Liebs wollte in seiner August-Ausgabe die Beuys-Titelstory konsequent mit Beuys-Werkfotos visualisieren lassen – und verzichtete letztlich zu Recht darauf, weil die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, die sich mit Eva Beuys abstimmt, tatsächlich vor dem Druck nicht nur das Layout, sondern obendrein auch den kompletten Artikel sehen wollte. Ich sehe hier den Versuch, über die Bildrechte in die Pressefreiheit einzugreifen, und frage mich, warum der Beuys-Nachlass regelmäßig transpiriert, wenn Redaktionen berichten wollen. Ist der Markt-Wert von Gottvater Beuys nicht ohnehin längst hoffnungslos geschrumpft? Selbst Thaddaeus Ropac, der offenbar zu den wenigen Händlern gehört, die dann und wann von Eva Beuys mit Ware versorgt werden, wird da nichts mehr retten können.

    P.S.: Während mein Kollege in der Chefredaktion dieses Branchenbriefes, Jörg Restorff, mit seiner Familie nach Berlin mitzieht (wo Lindinger + Schmid vom 2.9. an tätig sein wird; Schmargendorfer Straße 29, D-12159 Berlin), bleibt Verwaltungsleiterin Alexandra Semmelmann aus privaten Gründen in Bayern – und so will ich es nicht versäumen, ihr vielmals für ihren langjährigen, überaus engagierten Einsatz zu danken. Immerhin hat sie 15 Jahre lang für den Verlag gearbeitet und wesentlich dazu beigetragen, dass der Informationsdienst KUNST in der Branche unverzichtbar ist. Die kommende Ausgabe wird (nach unserem Umzug) am Donnerstag, 12. September, erstmals in Berlin erscheinen – dann bereits unter der Verwaltungsregie von Sabine Kretschmer.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Kulturstaatsminister Bernd Neumann macht sich für Günther Uecker stark (Seite 4). Berlin, Gemäldegalerie: Ist die Machbarkeitsstudie machbar? (Seite 5). Geschenke für Dresden als Warnschuss für Berlin? Die Sammler Ulla und Heiner Pietzsch sind tätig (Seite 6). Hilfe für Suhrkamp: Wie die Kunstsammler Sylvia und Ulrich Ströher dem angeschlagenen Verlag per Zwischenfinanzierung dienen (Seite 8). Neue Freundinnen: Francesca von Habsburg und Susanne Kaufmann? (Seite 9). Was die Hamburger Kunsthalle mit 15 Otto-Millionen anstellen will (Seite 14). Wiesbaden: Wie die hessische Landeshauptstadt auf den jüngsten Kunstfälscher-Skandal reagiert (Seite 17). Stellenangebote (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 534 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, so ist es nun mal, wenn man umzieht. Ständig begibt man sich in Gefahr, beim Aufräumen, Aussortieren und Einpacken irgendwelche Archivalien zu entdecken, die teils seit Jahrzehnten unberührt waren. Als ich vor Tagen in den Unterlagen meines verstorbenen Vaters blätterte, der einst als leitender Postbeamter alles sammelte, was mit seinem Beruf zu tun hatte, fiel mir ein von ihm selbst zusammengestelltes Dossier in die Hände, das sich auf den Sommer 1963 bezog. Damals, also nun vor genau 50 Jahren, schrieb die sogenannte Posträuber-Bande ein Stück britischer Kriminalgeschichte, indem sie am 8. August den Postzug Glasgow/London um rund, umgerechnet, 30 Millionen Mark erleichterte. Das waren für mich als Kind wohl gefühlte 300 Millionen, jedenfalls eine schier unvorstellbare Summe. Was mich im zarten Alter von knapp zehn Jahren (und später dann, als der große Coup als Schwarzweiß-Spielfilm im Fernsehen lief) noch mehr als die hohe Beute bewegte, war die ausgeklügelte Logistik des Überfalls. Beeindruckend, wie jeder der Täter seine Erfahrungen und sein Wissen erbrachte, wie die Mannschaft minutiös organisiert hatte, wann was und wie geschehen musste. Ein Zusammenspiel unterschiedlichster Charaktere zugunsten eines gemeinsamen Ziels. Zugegeben: Verbrecher-Solidarität, da wollen wir nichts beschönigen, gar verklären, obwohl sich ein Hauch sentimentaler Erinnerung über das vergilbte Dossier legt, das mich prompt an E-Mails denken lässt, die ich in diesen Tagen erhalte.

    Natürlich haben sie nichts mit einem Delikt zu tun, mit einer Straftat, aber sie nehmen Bezug auf das Zusammenspiel einer Interessengemeinschaft, einer Branche. Logisch, dass wir dabei an unsere eigene Familie denken, an den Kunstbetrieb, wo bekanntlich vieles im Stillen geplant wird, um dann im passenden Moment als Coup zum Erfolg zu führen. Wenn es dagegen irgendwo kneift, wenn Widerstände auftauchen, dann kehrt sich – ganz im Gegensatz zu den britischen Posträubern – alles schnell ins Gegenteil. Dann wird mit harten Bandagen gekämpft und gerne ein Schuldiger in den eigenen Reihe gesucht. Klartext, liebe Leser: Selten habe ich (Sommerpause hin oder her) so viele Statements in so kurzer Zeit erhalten, die allesamt in eine Richtung führen, nämlich gegen die sogenannten Großgalerien. Von Larry Gagosian bis David Zwirner, von Hauser & Wirth bis Sprüth Magers: Diese Namen purzelten in zahlreichen vertraulichen E-Mails von Freunden und Bekannten laufend in die empörten Zeilen, weil sie es angeblich sind, die Schuld tragen am Tod kleinerer Galerien, die im internationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten können, die Geld oder sogar die Lust verlieren, um weiterhin am globalen Messezirkus teilzunehmen. Auslöser für die kollektive Empörung war die Tatsache, dass Martin Klosterfelde, zweifelsfrei ein Liebling der gesamten Branche, kürzlich ohne Angabe von Gründen das Ende seiner Galerie-Arbeit verkündete (siehe ID 533, Seite 17), und dass er dabei ein erläuterndes Statement verweigerte, führte unzählige langjährige Beobachter und Beweger der Szene zu teils abenteuerlichen Spekulationen.

    Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, dass die Aufregung groß ist, wenn ein Galerist in mühevoller, jahrelanger Arbeit die Karriere eines Künstlers ermöglicht hat und dann sehen muss, wie dieser zu einem der ganz Großen in der Branche wechselt, undankbar wie einige leidenschaftlich um die eigene Karriere kämpfende Künstler nun mal sein können. Selbstverständlich ist es eine Katastrophe, wenn ein kompetenter Programmgalerist wie Klosterfelde (oder andere zuvor, etwa Ben Kaufmann oder Giti Nourbakhsch) plötzlich aussteigt und damit Zweifel nährt, dass die Galerie als Institution der (inhaltlichen) Vermittlung noch sinnvoll ist. Doch können und dürfen wir automatisch und leichtsinnig argumentieren, dass der Betrieb ärmer wird, weil die Großen der Branchen, quasi die Bösen, den Kleinen den Atem nehmen? Ist es nicht vielmehr so, dass selbst Galeristen, die Monat für Monat hart rechnen müssen, um ein paar Quadratmeter Gewerbemiete finanzieren zu können, im Geschäft mit der Kunst spektakulär auftrumpfen wollen, möglichst an jeder internationalen Messe teilnehmen möchten, eben Dinge tun, die das für sie wirklich Machbare weit überschreiten? Logisch: Ohne Investition geht’s nicht, aber ein bisschen wirtschaftliches Kalkül sollte schon im Spiel sein, wenn man für die Künstler und sich selbst etwas tun will. Warum also nicht – wie es von Iwan Wirth bis David Zwirner alle einflussreichen Galeristen praktizieren – nebenbei den Sekundärmarkt bedienen, mithin klassischen Kunsthandel betreiben, um dann auch wieder in den bildnerischen Nachwuchs investieren zu können? Ein Verrat an der Kunst ist das nicht. Und dem eigenen Ansehen als Programmgalerist schadet es auch nicht, wenn dann und wann ohnehin vorhandene Kontakte genutzt werden, um ein paar Klassiker zu verscherbeln. Was mich weitaus mehr stört, ich muss es schreiben, ist jene absurde Behauptung etlicher meiner (E-Mail-)Freunde, dieser oder jener dichtmachende Galerist sei »ein Opfer der Großgalerien«. Völliger Blödsinn, mit Verlaub.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Kritik an den Kritikerinnen, ein Statement von Katharina Fritsch (Seite 4). Erneut in Houston angedockt: Manfred Heiting macht das Museum of Fine Arts zum Zentrum der Fotografie (Seite 5). Kunstgemeinde gespalten – wegen der 13. Istanbul-Biennale (Seite 8). Es rumort an der HBK Braunschweig. Dazu passt der Rückzug des Präsidenten, Hubertus von Amelunxen (Seite 10). Megasammler oder Megabetrüger? Es geht um Steven A. Cohen (Seite 11). Was HA Schult 2015 in Ulm plant (Seite 13). Joseph Beuys auf der Salzburger Festspielbühne (Seite 15). Ein Fall für den Bundesgerichtshof: Auktionshäuser und ihre Haftung (Seite 19). Vier Jahrzehnte Galerie-Arbeit: Max Hetzler plant sein Jubiläumsprogramm (Seite 19). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 533 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, Kulturpolitik ist ein schwieriges Metier, keine Frage. Ich kenne nur wenige Menschen, die kompetent und souverän genug sind, eine solche Aufgabe zu stemmen. Nicht nur auf gesellschaftlichem Parkett zu glänzen, so lautet nämlich die Devise, sondern obendrein in sämtlichen kreativen Bereichen – von Kunst über Literatur bis zur Musik – Wissen und Kontakte einbringen, um letztlich auch in der Verknüpfung mit den beiden anderen wesentlichen Aktionsfeldern, der Politik und der Wirtschaft, das Optimale für die Kulturschaffenden und somit für die Kultur der Zeit zu erreichen. Das ist mehr, als viele der in einzelnen Parteien mit der Kultur betrauten Persönlichkeiten leisten können. Von Manfred Eichel und Gerhard Pfennig über Peter Raue bis zu Klaus Staeck und Olaf Zimmermann gibt es in unserer Branche zwar einige wenige Sachverständige, die man sich in der Rolle des Kulturstaatsministers durchaus gut vorstellen kann, doch letztlich fehlt ihnen der Rückhalt innerhalb einer Partei, die Lust zur Amtsübernahme oder schlichtweg der passende Jahrgang.

    Apropos: Im Umfeld von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Jahrgang 1942, somit 71 Jahre alt, bemühen sich derzeit auffällig viele Bekannte und Mitarbeiter zu versichern, er, Neumann, bleibe nach der Bundestagswahl natürlich im Amt. Der CDU–Mann selbst lässt kurz vor der Bundestagswahl am 22. September in der Öffentlichkeit keinen Zweifel aufkommen, dass er weitermachen will. Beinahe täglich treffen nun BKM-Pressestellen-Meldungen ein, die dokumentieren sollen, wie aktiv der Herr Minister ist. Mögen die Themen stets auch die vertrauten sein, irgendeinen Aspekt filtern die Neumann-Getreuen immer heraus, der sich neu polieren lässt. Wahlk(r)ampf eben. Es scheint: Da klebt einer am Sessel, will partout nicht aus dem Amt scheiden, Alter hin oder her. Ein Helmut Kohl der Kulturpolitik? Dabei haben sie ihm, dem Film-Enthusiasten, dem CDU-Cineasten schlechthin, soeben eine goldene Brücke gebaut, genauer: einen Platz gewidmet. Während andernorts die Leute erst gestorben sein müssen, bis ihnen diese Ehre zukommt, darf sich Bernd Neumann in der Bavaria–Filmstadt jetzt schon über den Bernd-Neumann-Platz freuen. Dass für eine solche Feierstunde (am 11.7.) und die entsprechende Laudatio sogar Veronika Ferres ihren Familienurlaub unterbricht, kommt freilich nicht von ungefähr: Denn Neumann hat gerade dem Film viel Fördergeld zukommen lassen; seine Lieblingsdisziplin wurde seit 2005 und mithin seit Beginn seiner Zeit als Staatsminister für Kultur und Medien bezuschusst, dass mir manchmal ganz schwindelig wurde und ich schon wähnte, der Film sei das Nonplusultra. Ja, Neumann, der Geldbeschaffer, der den Bundesetat stetig wachsen ließ, der sich in der Kulturszene vor allem dank der finanziellen Zuwendungen beliebt machte, wird in die Geschichte der bislang von vier Amtsinhabern geprägten Kulturstaatsminister-Ära als derjenige eingehen, der politisch am besten vernetzt war und sämtliche legalen Tricks kannte, um Mittel zu besorgen. Doch reicht das? Lässt sich eine solche Aufgabe allein mit Bremer Kaufmannsdenken bewältigen? Wünschen wir uns auf diesem Posten nicht jemanden, der auch den Visionär geben kann, der die Kultur gesellschaftlich verankert? Da geht’s nämlich nicht um die Kunst im Deutschen Bundestag oder um andere schmückende Nebentätigkeiten, sondern um fundamentale Fragen, die sich aus der rasanten Geschwindigkeit ergeben, die unsere Mediengesellschaft sich laufend selbst überholen lässt. Vielleicht hätte man in der Vergangenheit einen solchen Minister klonen müssen. Frei nach dem Motto: Man nehme etwas philosophischen Tiefgang von Julian Nida-Rümelin, die Sensibilität und intellektuelle Schärfe einer Christina Weiss, natürlich die diplomatischen Fähigkeiten von Michael Naumann und dann eben Neumanns Finanzierungshändchen. Unmöglich? Ein Schmarren, dieser Gedanke, dieser Wunsch? Vielleicht nicht.

    Ich setze, obgleich sich in Berlin dazu offiziell niemand äußern mag, momentan stark auf die CDU-Frau Monika Grütters. Ob Kunst oder Oper, ob Buchhandel oder Medienpolitik: Die parlamentarisch überaus erfahrene Spitzenpolitikerin, die sich angeblich auch bestens mit Angela Merkel versteht, gehört zu den allseits informierten und stets argumentationsstarken Persönlichkeiten nicht nur auf Berliner Landesebene. Seit 2005 im Deutschen Bundestag vertreten und exakt seit diesem Jahr dort auch als Flankenschützerin für Neumann tätig, hat sie selbst das Zeug zur Kulturstaatsministerin. Vielleicht auch deshalb, weil sie in diesen Wochen ungeheuer behutsam, mit viel Fingerspitzengefühl ihre eigene Arbeit macht – beinahe so, als wolle sie alles tun, um auf gar keinen Fall in den Ruf zu kommen, irgendeine Konkurrenz-Situation zu Bernd Neumann geschaffen zu haben. Dass er seine Verdienste hat, ist schließlich unbestritten, und ein nach ihm benannter Platz in Bayern ist das Wenigste, was man ihm als Dankeschön schenken kann. Indes: Es ist Zeit, lieber Herr Kulturstaatsminister, den Amtsstuhl freizumachen. Wenn die CDU weiterregieren darf – und davon kann man zur Stunde wohl ausgehen –, dann wäre Monika Grütters, Jahrgang 1962, die richtige Nachfolgerin für Sie. Dass die SPD mit Oliver Scheytt einen überaus qualifizierten Kandidaten für die Kultur warmlaufen lässt, muss man natürlich sehen, aber wahrscheinlich ist es nicht, dass im Zuge möglicher großer Koalitionsverhandlungen ausgerechnet dieses im Hause Merkel angesiedelte Amt an die Sozialdemokratie gegeben wird – zumal die SPD mit Neumann, Nida-Rümelin und Weiss immerhin drei andere Kulturstaatsminister brachte, bis sie sich endlich auch mal an Scheytt erinnerte, der noch vor nicht allzu langer Zeit so tat, als würde ihn die Bundespolitik nicht wirklich interessieren, als sei er glücklich in seinem neuen Beruf als Kultur-Headhunter.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Einmal mehr hilft das Sammlerpaar Ulrich und Sylvia Ströher dem Duisburger Museum Küppersmühle aus der Patsche (Seite 6). Jonathan Meese vor Gericht: Pressestimmen zum Prozess (Seite 8). Kunst im Zwei-Stunden-Takt: In Berlin bereiten sich 130 Galerien auf ein Experiment im September vor, auf die abc art berlin contemporary (Seite 11). New York: Eric Fischl rechnet mit der Kunstwelt ab (Seite 13). Alexander Ochs und sein Skulpturenprojekt »Circles« in Bamberg, Vandalismus inklusive (Seite 15). Lehrstück: Wer war Manfred Kuttner? (Seite 16). Aus für den »Art Capital Fund« der Berenberg-Bank. Doch Helge Achenbach, zudem Rheingold-Sammlungsleiter, macht weiter, immer weiter (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 532 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, der Schein trügt – und er trägt. Denn die Headlines wirken nachhaltig, beinahe so, als sei alles abgesprochen, auch im Hinblick auf die kommenden Bundestagswahlen geplant. Sie wissen schon: Pluspunkte dank Kultur. »Berliner Senat lässt Kulturetat wachsen«, so heißt es im »Tagesspiegel« (Ausgabe vom 28.6.). »Bernd Neumanns Etat steigt weiter«, so berichtet die »FAZ« (ebenfalls am 28.6.). Natürlich alles Zufall – und doch nicht. Denn die politische Imagepflege als Aspekt der Etat-Politik überstrahlt das Ansinnen, wirklich wirkungsvoll in die Kultur zu investieren. Hinter den glänzenden Schlagzeilen aus den Pressestuben des Bundes, der Länder und, seltener, der ohnehin kulturell blinden, allemal klammen Kommunen verbirgt sich nichts weiter als das matte Pflichtprogramm.

    In Berlin geht es zum Beispiel im Wesentlichen um die Finanzierung der fälligen Tariferhöhungen in den großen Spielstätten. Wer sich in der sogenannten freien Szene umhört, erntet enttäuschte Reaktionen, denn von den rund 13 Millionen Mehr-Haushalt für 2014 und dann noch einmal für 2015 bleibt nichts, was die Hauptstadt-Kultur befördern würde. Auf Bundesebene – mag man Bernd Neumann noch so sehr als Schatzmeister der Kultur schätzen – sieht es nicht viel besser aus. Obgleich jährlich immerhin 35 Millionen Euro in die Kulturstiftung des Bundes fließen und somit allerlei Projekte und Initiativen ermöglicht werden, versickert ein Großteil der Förderung durch den stetig gewachsenen Haushalt im Administrativen, auch in der infrastrukturellen Bestandserhaltung. Doch mit exzessiven Denkmal-Restaurierungsprogrammen lassen sich weder Gegenwart noch Zukunft gestalten.

    Gegenwart findet dagegen dort statt, wo es zur Zeit im Lindenau-Museum in Altenburg, Thüringen, durchs Dach regnet, wo Fenster nicht schließen, wo sich in der Folge gar niemand traut, angesichts dieser Zustände über museale Aufgaben und zeitgemäße Vermittlungsarbeit nachzudenken. Dieses Debakel ist keinesfalls ein reines provinzielles Dilemma. In den Landeshauptstädten geht’s oftmals ähnlich zu, wie in den vergangenen Monaten in Nordrhein-Westfalen zu beobachten war. Dabei stellt sich dann leicht die Erkenntnis ein, dass Kultur für viele, wohl für die meisten Politiker zur Manövriermasse mutiert ist, die sich beliebig reduzieren lässt. Zumal die Widerstände in den eigenen Reihen, aber auch seitens der Kulturszene selbst so harmlos ausfallen, dass man glaubt, in der Choreografie der Rotstifte immer noch Tanz beziehungsweise kulturelle Leistung erspähen zu können. Das ist so fatal wie katastrophal.

    Und es bedeutet letztlich, dass es in unserer Branche nicht nur ums Geld geht. Freilich: Die pekuniären Aspekte sind kausal, ursächlich; sie entscheiden, ob etwas und was passiert. Obendrein geht es aber auch, leider völlig unterschätzt, um das Verantwortungsgefühl, um das Bewusstsein, dass Investition in die Kultur gesellschaftliche Pflichtaufgabe ist, wollen wir nicht zu einer kulturlosen, nur noch auf Profit und Gewinnmaximierung fixierten Mischpoke verkommen. Dass über Inhalte weniger oder gar nicht gesprochen wird, wenn es durchs Dach tropft, wenn der Wind durch die undichten Fenster pfeift, ist gut nachvollziehbar, weil dann auch längst die guten Sprüche nicht mehr helfen (»aus der Not die Tugend machen«). Nein, was wir als Branche (und als Lobby) in diesen Wochen gerade auch in der Vorschau auf den Bundestagswahl-Monat September immer wieder nachdrücklich kommunizieren müssen, ist eine nach wie vor unterbewertete Binsenweisheit: Ohne materielle Voraussetzungen keine intellektuellen Höhenflüge, keine kulturelle Basisarbeit.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Warum Annette und Rudolf Kicken, Berlin, einen stattlichen Teil ihrer Sammlung ausgerechnet dem Städel Museum in Frankfurt anvertraut haben (Seite 4). Was der neue BVDG-Vorsitzende Kristian Jarmuschek plant (Seite 5). Salzburg: 60 Jahre Sommerakademie und der Versuch einer Neupositionierung (Seite 8). Der Deutsche Künstlerbund fordert schärfere Kontrolle der Abgabepflicht zur Künstlersozialkasse (Seite 11). Was Werke von Tino Sehgal kosten (Seite 13). Wie Walther König bei den Staatlichen Museen Berlin das Rennen macht (Seite 13). Adrienne Goehler und die »WestSideGalerie« in Berlin (Seite 16). Seichte Kunstfälscher-Komödie: »Gambit« (Seite 19). Stellenangebote (Seite 21). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 531 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als wir am Donnerstag, 20. Juni, die zweite Nachricht des Tages mit der erneuten Bitte um Rückruf auf dem Anrufbeantworter hinterlassen wollten, war das nicht mehr möglich. Der Mann, der vor über einem halben Jahr »im Auftrag eines Sammlers« auf der Suche nach einem Kunden war und unsere jahrzehntelang vertrauensvoll aufgebauten Kontakte anzapfen wollte, mochte nicht mehr mit uns sprechen. Dabei hatte er 2012 zunächst keinerlei Skrupel, munter über ein Malewitsch-Bild zu reden, das womöglich gar keines war. Erst auf die beharrlichen Nachfragen meiner Frau, warum er denn nicht den naheliegenden Weg einschlage und ein Auktionshaus aufsuche, ob er nicht schon von jenen vielen Fälschungen auch der Bilder aus der Zeit russischer Avantgarde gehört habe, zog sich der angeblich in Köln wohnende Russe kurzerhand zurück – nicht ohne noch rasch anzukündigen, demnächst mit dem Gemälde bei uns vorbeikommen zu wollen. Freilich hörten und sahen wir nichts mehr von jenem dubiosen Vermittler, der über einen unserer Freunde, einem Chefarzt mit vielen Auslandskontakten vor allem osteuropäischer Herkunft, mit uns das Gespräch aufnahm. Das zurückliegende Telefonat geriet also in Vergessenheit – bis wir vor Tagen von jenem sensationellen Coup des Bundeskriminalamtes hörten, das nun nach knapp 30 Hausdurchsuchungen in etwa zehn deutschen Städten von über 1000 Fälschungen ausgeht, das Verdächtige festgenommen und Bilder sichergestellt hat. Ein Ausmaß, das die Taten der längst verurteilten Beltracchi-Bande weit zu übertreffen scheint.

    Wenn man anhand der wenigen derzeit öffentlich gemachten Ermittlungsergebnisse versucht, sich ein Bild von dieser jüngsten Kapitalvernichtung zu machen, dann merkt man schnell, dass es diesmal, unabhängig von den anstehenden Strafverfahren, mehr oder weniger egal ist, wer wann wo wie und warum Malewitsch, Popova, El Lissitzky, Gontscharowa und/oder Kandinsky gefälscht und/oder in den Umlauf gebracht hat. Es spielt nicht wirklich eine Rolle, ob die Bilder tatsächlich in Israel gemalt wurden, warum polizeiliche Recherchen auch in die Schweiz führen. Klar, wir wunderten uns, als einer unserer Mitarbeiter, Carl Friedrich Schröer, irritiert berichtete, dass die international renommierte Galerie Gmurzynska, Zürich, spezialisiert auf die russische Avantgarde, dem Informationsdienst KUNST keinerlei Statement geben möchte – auch nicht zur Frage, warum sie sich weigert. Aber letztlich hätten wohl weder Krystyna Gmurzynska noch Mathias Rastorfer, die den Markt osteuropäischer Prägung kompetent wie niemand sonst zu beurteilen verstehen, die wichtigste aller Fragen beantworten können: Warum die Branche aus dem Fall Beltracchi nichts, aber auch gar nichts gelernt hat (dazu auch das Schlusszitat dieser Ausgabe, Seite 25). So mag es die Ironie des Schicksals sein, dass nun in etwa fünf Wochen in Köln ein Gerichtsurteil gesprochen wird, das zwar nichts mit dem aktuellen BKA-Russen-Coup zu tun hat, das aber den Finger in die richtige Wunde legt, weil in dieser Branche offenbar nur Bares zählt und dann auch schmerzlich wirkt. Sollte nicht, quasi in letzter Minute, ein außergerichtlicher Vergleich zustande kommen, dann wird sich wohl das Auktionshaus Lempertz mit dem Einlieferer einer bereits 1996 versteigerten Fälschung den Schaden teilen müssen, weil die Klage eines Sammlers (der damals knapp 400 000 Mark zahlte) große Aussicht auf Erfolg zu haben scheint. Es ist absurd, aber letztlich, so denke ich, führt nur die Zivilklage dazu, dass die Branche etwas aufmerksamer reagiert. Das milde Strafrecht beziehungsweise seine extrem laue Umsetzung (Stichwort: Kavaliersdelikt) in den deutschen Gerichtssälen schreckt nämlich weder Fälscher noch Hehler ab. Das lehrten uns schon die Beltracchi-Urteile. Also kann man den Käufern gefälschter Ware (im Interesse der Allgemeinheit und der Kunstgeschichte) wirklich nur raten, sich und ihre Bilder aus Scham nicht zu verstecken, sondern eine Prozessflut auszulösen, die den nachlässigen, unverantwortlich und sorglos agierenden Auktionshandel gnadenlos in die Zange nimmt. Es muss endlich etwas geschehen. Wenn sich die Branche nicht selbst reinigt, muss es das Zivilrecht tun.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Wem David LaChapelle das Startgeld für seine Karriere verdankt (Seite 4). Gerichtssaal als Bühne? Jonathan Meese will am 18. Juli in Kassel für die Freiheit der Kunst kämpfen (Seite 5). Sam Taylor-Johnson verfilmt nun »Shades of Grey« (Seite 7). Kurz vor seinem 80. Geburtstag: Interview mit Rudolf Zwirner, der sich eine Rückkehr zu einem Preisniveau wünscht, »das noch in irgendeinem Verhältnis zu realen Werten steht« (Seite 8). PPP: Preise, Pressestimmen, Polizei – Bilanz der 44. Art Basel (Seite 9). Viennafair auf Zickzack-Kurs (Seite 16). Spreu vom Weizen trennen: Charlotte Zander über den jüngsten Kunst-Boom (Seite 16). Duisburg: Gemeinschaftswerk Genzken/Richter (Seite 18). Stellenangebote (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 529 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, die Stimmung in der Branche ist eigenartig aufgeladen und leicht gereizt – trotz der Biennale-Eröffnungstage in Venedig, die stets mehr Harmonie als Konflikt auslösen. Dieses Hochamt der Szene, an dem jeder teilnehmen will, führt die Familie im Zwei-Jahres-Rhythmus zusammen und wird offiziell der Kunst halber gefeiert. Doch im Grunde, ehrlich gesagt, wollen sich alle vor allem nur treffen und lieb haben. Natürlich hat keiner was dagegen, wenn die Pavillons mit durchaus verkäuflicher Ware dekoriert oder auch mal, Nationen-Ringelreihen, getauscht werden. Im Wesentlichen geht’s aber um den Austausch kommunikativer Art, um diesen oder jenen Deal, um ein Projekt, an dem drei oder vier Museumsleute beteiligt sind, oder um das übliche personelle Geruckel hinter den Kulissen, wo man keine Spuren hinterlassen will. Mitten im Party-Getöse darf man eben so manches sagen, was per Telefon oder gar per E-Mail folgenreich werden könnte. Am nächsten Morgen weiß dann keiner mehr genau, was da war.

    Dabei setzt in diesen Tagen meines Erachtens ein Stimmungsumschwung ein, der insofern bemerkenswert ist, als er exakt in die sonst so einträchtige Biennale-Zeit fällt. Plötzlich trauen sich viele schreibende Kollegen, schweres Geschütz aufzufahren oder allemal Juckpulver zu streuen. Ausgelöst durch die spekulativ anmutende Beuys-Biografie von Hans Peter Riegel (siehe Seite 17), flammen die längst bekannten Vorwürfe gegen den Künstler auf, der – wie viele seiner Generation – einst in der HJ-Uniform unterwegs war. Autor Riegel unterstellte ihm am 18. Mai in einem »Welt«-Interview »völkische Diktion in Reinkultur«.

    Die Reaktionen auf die Reaktion folgten prompt. So auch im Falle Georg Baselitz, der im Verdacht der Steuerhinterziehung steht und sofort spüren durfte, dass seine abfälligen Äußerungen über Kolleginnen, in einem zurückliegenden »Spiegel«-Interview protokolliert, wenig Sympathie auf Seiten der Frauen auslösen. Im Gegenteil. Die doch eigentlich recht sanfte Julia Voss, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, keilte Baselitz im Feuilleton vom 21. Mai ganzseitig so vehement, dass man sich als Leser zwangsläufig an jenen heute legendären, üblen Markus-Lüpertz-Verriss von Peter Winter erinnerte, den einst Eduard Beaucamp, der DDR-Malerei-Promotor, als »FAZ«-Redakteur ins Blatt hievte oder nicht verhindern mochte. Es dauerte genau 48 Stunden, als die ihrerseits wiederum mit Baselitz freundschaftlich verbundene »Welt«-Redaktion zurückschlug, ohne Voss namentlich zu nennen, aber doch so unmissverständlich, dass jeder Ross und Reiter vor sich sah.

    Ulf Poschardt in der »Welt«-Ausgabe vom 23. Mai: »Die Kritikerin versteht sich sonst selbstverständlich als rechtsstaatsliberal und würde das Recht auf Anonymität wahren wollen, nicht aber, wenn es um einen geht, der als Antikommunist die auch vom Feuilleton mitunter liebevoll gewürdigten DDR-Staatskünstler als ‘Arschlöcher’ beschimpft und – für eine genderfixierte, der politischen Korrektheit zur Füßen liegenden Kritik – Unverschämtheiten ausspricht wie die, dass Frauen nicht so gut wie Männer malen«; der »FAZ«-Text versuche »den Denkmalsturz auf dem Platz des Feuilletons« (Poschardt), und Baselitz sei wohl »aus dem Opferschutzprogramm« der Redaktion herausgefallen. Logisch, dass beim Kräftemessen die »Süddeutsche Zeitung« nicht zurückbleiben wollte und ihrerseits Catrin Lorch in Stellung brachte, die am 23. Mai unter der Headline »Tausche Scheck gegen Fettecke« am Beispiel von Baselitz und Beuys über das altbekannte Zusammenspiel von Kunst und Kapital neu sinnierte. Dass auch dieses Statement eigenartig nervös wirkte, als sei Gefahr im Verzug, kommt vielleicht nicht von ungefähr.

    Ein sich derzeit radikal spaltender Kunstmarkt mit Höchstpreisen am laufenden Band, einem atemberaubenden Auktionsklima, etwa in New York, wo eine wahre Dollar-Schwemme in die Kassen von Christie’s und Sotheby’s schwappte, während unzählige Galeristen kaum wissen, wie sie ihre nächste Raummiete bezahlen sollen, erzeugt eine Atmosphäre voller Spannungen und Ängste. Und natürlich wird der in unserer Branche offenbar nicht auszuschaltende Neid ebenso mitschwingen, wenn sich jenes eingangs erwähnte Reiz-Klima weiter ausbreitet, was zu befürchten ist. Die Zeichen mehren sich, dass die zunehmende Zahl der Nebenkriegsschauplätze, ob in Bezug auf Beuys oder Baselitz, ein erster Hinweis auf eine bald anstehende Neuorientierung ist. Der Kunstbetrieb in einer sich blitzschnell wandelnden Gesellschaft kommt einfach nicht mehr umhin, sich selbst, häufiger als früher, auf den Prüfstand zu stellen, bevor er seine Mission fortsetzt. Sonst fehlt ihm die heute so wichtige Glaubwürdigkeit.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Statement von Iwan Wirth, Hauser & Wirth, zur neuen Partnerschaft mit Paul Schimmel, Los Angeles (Seite 4). Berlin: Bernhard Schulz über die Zukunft der Gemäldegalerie (Seite 6). Rasanter Direktorenwechsel in Duisburg, Lehmbruck-Museum: Raimund Stecker geht, Söke Dinkla ist schon da (Seite 8). Aus für die basis wien? (Seite 9). Aufbruch nach Paris: Max Hetzler, Berlin, wagt es (Seite 12). Bad Homburg: Überzeugende »Blickachsen« (Seite 14). Beuys-Aktion, Tischer-Fotos und ein Urteil im Bundesgerichtshof (Seite 15). Warum aus der Verbindung von Karl Otto Götz, dem bald 100-Jährigen, mit Frankfurt am Main nichts mehr wird (Seite 18). Meese, Schiller und Mannheim (Seite 20). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 528 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, wer mit Kunst zu tun hat, muss den Stillstand fürchten, weil er in den seltensten Fällen zu wirklich überzeugenden Resultaten führt, die unsere Gesellschaft und jeden Einzelnen weiterbringen. Ein paar kontemplativ orientierte Positionen im Kunstbetrieb mögen als Ausnahme ihre Berechtigung haben, weil sie die unaufhaltsamen Veränderungen ins dialektische Balance-Spiel setzen, als Korrektiv in einer Szene hilfreich sind, die zur Aufgeregtheit neigt. Dabei will unsere Branche strukturell kaum anders als andere Berufsgruppen wahrgenommen werden. Freilich dürfen wir, die von Haus aus mit Kreativität mehr oder weniger gesegneten Zeitgenossen, mitunter gehörig staunen, wie einfallsreich es andernorts zugeht. Aktuellstes Beispiel: Banken werden heutzutage nicht mehr mit Waffengewalt ausgeraubt; das funktioniert, quasi nebenbei, lautlos, per Internet. 45 Millionen Dollar – innerhalb weniger Stunden waren sie in Amerika verschwunden. Kriminalität zu beschönigen, ist freilich nicht meine Absicht; aber mir imponiert der subversive Aspekt, der in der Kunst der vergangenen Jahre leider keine allzu große Rolle mehr spielt.

    Der Künstler Eberhard Bosslet (zur Zeit mit einer Einzelschau im Saarland Museum in Saarbrücken vertreten), seit 1997 Professor an der HfbK Dresden, gehört zwar zum Jahrgang 1953, doch der Mann denkt jünger und radikaler, als viele seiner Kollegen der nachrückenden Generation imstande sind, grundsätzlich zu werden. Vor Tagen pfefferte mir Bosslet ein polemisches Statement auf den Bildschirm, das es in sich hatte. Nestbeschmutzung der feinsten Art. »Es kotzt mich an«, schrieb der ehemalige documenta-Teilnehmer, »die vielen hinfälligen Werke von Jungkünstlern und nach Wirtschaftserfolg strebenden Artisten zu sehen, die devot und fleißig, unbewusst und opportun, selbstausbeutende galeriemarktkompatible Kunstformate bedienen.« Laut Bosslet werden »meist innovationsunverdächtige Altertümer produziert und in lauschig unterhaltsamer ‘Stehparty-Atmosphäre’ unter Gleichgesinnten in tradierter Ausstellungsroutine zur Schau gestellt«. Natürlich hat einer, der mit einem Professoren-Gehalt lebt und in wenigen Wochen 60 wird, leicht reden; natürlich kann Eberhard Bosslet kurzerhand die (verbale) Sau raus lassen, weil er längst in der zweiten (Lebens-)Halbzeit spielt. Doch die Attacke zählt für mich auf anderer gedanklicher Ebene doppelt: Immerhin nimmt dieser Künstler seine Lehraufgabe ernst, steht permanent in der Auseinandersetzung mit Studierenden und weiß also genau, was er schreibt.

    Wo nun also laufend Formen und Förmchen hergestellt werden, weil Künstler und Galeristen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, stellt sich unverzüglich die Frage nach der Alternative, um an die Bosslet-Kritik andocken zu können. Wenn es ihn seit langem nervt, dass das »wirtschaftliche Ziel der Bildenden Kunst im Verkauf der Produkte« liegt, und er, beinahe ein wenig neidisch, auf die Honorierung der Angebote zur Wahrnehmung in den Bereichen Tanz, Theater, Film und Musik verweist, dann drängt sich der Verdacht auf, dass Bosslet für die inhaltliche Blutarmut der Kunst vor allem die pekuniäre Situation verantwortlich macht. Doch mit Ausstellungshonoraren, diesem überstrapazierten Debatten-Thema, wird die Lösung nicht zu finden sein, weil dann schnell eben jene Plattformen wegbrechen würden, die doch am ehesten dazu beitragen, dass sich in der Entwicklung der Kunst etwas bewegt. Ich denke an die Galerien und Kunstvereine. So ist’s für mich naheliegend, die Bosslet-Kurve zum Werk selbst zu nehmen. Das bedeutet: Den Betrieb zunächst links liegen lassen und knallhart ermitteln, was man als Künstler will, welchen Kontext man sucht, welchen Werkbegriff man wählt.

    Wenn Eberhard Bosslet, der für mich hierzulande zu den klügsten Köpfen der Branche zählt, im Eifer des Wort-Gefechts seine Kollegen auffordert, Lagerware einzumotten, Ateliers zu kündigen und die Produktion von klassischer Warenkunst einzustellen, dann fragt man sich, ob dieser schöpferische Verlust tatsächlich zu einem neuen Aufbruch führen könnte. Und wohin soll’s gehen? Wie sieht eine Kunst aus, die sich dem konventionellen Handel verweigert? Was Bosslet selbst beiträgt, imponiert durchaus, etwa eine temporär machbare Einkaufswagen-Kreisinstallation wie »Closed Circuit Commerce«, doch ich frage mich, ob es in Deutschland genug Lehrstühle an Kunsthochschulen gibt, damit sich Künstler den Luxus unkommerzieller Projekte im öffentlichen oder sonstigen Raum dauerhaft leisten können. Und: Wollen wir Galeristen, die sich in vielen Fällen über Jahrzehnte für ihre Künstler teeren und vierteln lassen, tatsächlich in die Arbeitslosigkeit schicken? Mit Verlaub: Es kneift vielerorts im System, und Bosslet hat durchaus auch Recht, wenn er die fehlende Qualität vieler Kunstmarkt-Kunstwerke anprangert, doch ob die Lösung der Probleme auf verlassenen Supermarkt-Parkplätzen zu finden ist, wage ich zu bezweifeln. Ob uns die kommende Biennale in Venedig eine Antwort spendiert?

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Wer wird Nachfolger von Bernd Neumann als Kulturstaatsminister? Monika Grütters (CDU) oder Olaf Zimmermann (SPD)? (Seite 4). Weniger extrem als erwartet: »Bólero« in Paris mit Marina Abramovic (Seite 5). Berlin: Kein Platz mehr für Walther König in den Staatlichen Museen? (Seite 8). Karlsruhe: Pia Müller-Tamm und die nachvollziehbare Ungeduld (Seite 11). Oliver Scheytt nun als Headhunter tätig (Seite 15). Neue Leitung im Hamburger Kunstverein: Am 1. Januar soll Bettina Steinbrügge starten (Seite 15). Schaulager mit Forschungsanspruch: Dorothea van der Koelen verwirklicht ihren Lebenstraum (Seite 18). Etat gestrichen, Buchreihe beendet: Kunststiftung NRW muss kürzer treten (Seite 21). Stellenangebote (Seite 22). Impressum (Seite 25).
  • Informationsdienst KUNST 527 - Editorial
    Editorial von Karlheinz Schmid

    Liebe Leser, als einst Harry Szeemann in Lyon die Biennale kuratierte, übernachteten meine Frau und ich in jenem Hotel, in dem die meisten Künstler und Journalisten untergebracht waren. Für uns war es selbstverständlich, zur Abreise an die Rezeption zu gehen, um Zimmer und Minibar zu bezahlen. Doch zu unserem Erstaunen steckten wir plötzlich in der Außenseiter-Rolle, weil niemand – auch der Sponsor selbst – verstehen konnte oder wollte, warum wir nicht andere blechen ließen, wie es offenbar rundum abgemacht war. Heutzutage gehören solche Journalisten-Reisen, die erstklassiges Wohnen und Tafeln zum Null-Tarif beinhalten, längst zur Tagesordnung, zum üblichen PR-Programm der großen Unternehmen, die bereitwillige Presseleute kurzerhand zu willfährigen Handlangern machen, um letztlich Anzeigengeld zu sparen. Mit allem Pipapo wird kollektiv verreist, gefuttert und gesoffen, um im Gegenzug wohlwollende Berichterstattung zu erhalten. Was sollten quasi gekaufte Redakteure und Autoren auch anderes tun? Wer würde den großzügigen Gastgeber und seine Aktivitäten öffentlich kritisieren wollen, wenn man zuvor gemeinsam dessen Extra-Spesen-Etat geplündert und sich verbrüdert hat? Unabhängiger Journalismus? Inzwischen eher die Ausnahme, leider.

    Obgleich ich mich gar nicht gemeldet hatte, angemeldet schon gar nicht, erreichte mich vor Tagen scheinbar ganz automatisch die Mitteilung eines renommierten Autokonzerns, dass man sich freue, mich vom 9. bis 12. Mai in New York sehen zu können. Gerne dürfe ich meine speziellen Reisewünsche mitteilen. Persönliche Zugangsdaten wurden mitgeliefert, also Benutzername und Passwort, gewissermaßen die Schlüssel ins Reich luxuriös gepolsterter Konzernkommunikation. Hautkontakt mit allen Wichtigen aus Konzernvorstand und kooperierender Museumsdirektion inklusive. Natürlich Transfer, Welcome Dinner, Museumsspezialführung, Cocktail-Empfang, Fahrzeug-Präsentation und After Party. Mir fiel prompt ein, dass ich kurz zuvor in einer deutschen Tageszeitung (unter der Headline »Champagner bis zum Abwinken«) gelesen hatte, dass ein in Köln vor Gericht stehender ehemaliger Presse-Chef eines anderen Automobil-Unternehmens über die Usancen der Mediensparte ausgesagt hatte, dass die Einflussnahme der Konzerne auf Artikel, Radio- und Fernsehbeiträge massiv zunehme, dass es für Autotester üppige Geschenke, Gratis-Mietwagen bei privaten Urlaubsreisen und Einladungen in Fünf-Sterne-Hotels geben würde, gerne mit den jeweiligen Lebenspartnern. Auch sei es durchaus üblich, dass kritisch orientierte Journalisten eine »Spezialbehandlung« erhalten würden, um sie wieder gefügig zu machen. Der selbst wegen banden- und gewerbsmäßigem Betrug angeklagte Ex-PR-Chef: »Unser Kalkül ging immer auf: Wer hofiert wird, tut sich schwer, anschließend etwas Schlechtes über unser Auto zu schreiben«.

    Nun könnte man die Kölner Offenbarung freilich herunterspielen, weil es in unserer Branche eben um Kunst und nicht um Autos und ihren Markt geht. Doch die seit Jahren auch auf meinem Bildschirm oder Schreibtisch eintreffenden Reise-Einladungen bestätigen aufs Peinlichste, dass es kaum einen Unterschied gibt. Vielleicht geht’s in der Kunstszene nicht ganz so hemdsärmelig zu wie in der Automobil-Branche, aber die Rechnung der Pressereise-Veranstalter ist doch letztlich die gleiche. Die Eventkosten fallen niedrig aus, vergleicht man sie mit den Kosten, die ein TV-Spot macht oder eine Anzeigen-Kampagne in den Printmedien. Und der Personalabbau in vielen Verlagen hat in den letzten Jahren zweifellos dazu geführt, dass viele ehemalige festangestellte Redakteure jetzt wieder als freie Autoren arbeiten müssen, also häufig von den meist bescheidenen Honoraren leben, die ihnen einzelne Veröffentlichungen bringen. Zugegeben: Die Verführung ist zwangsläufig groß, solche fragwürdigen Einladungen anzunehmen. Aber die Verweigerung erscheint mir notwendig, überlebenswichtig, wenn es einen unabhängigen Journalismus weiterhin geben soll.

    Ich habe in unserem Verlag die Losung ausgegeben, dass wir solche Einladungen grundsätzlich nicht annehmen, jedenfalls nicht jeden Teil, der zur kostenfreien Reise und Übernachtung führt. Ich werde jetzt also nicht auf fremde Kosten nach New York fliegen (sollte mir nach Amerika zumute sein, dann zahle ich selbst). Weil die Leser aber nicht auf womöglich bedeutsame Nachrichten und/oder damit verbundene Kommentare verzichten sollen, haben wir weltweit ein hervorragendes Korrespondentennetz ausgebreitet, das meinem Kollegen Jörg Restorff und mir die Möglichkeit gibt, überall kompetente Autoren zum Einsatz zu bringen. So kann Claudia Steinberg, die seit langem in New York lebt und arbeitet, durchaus für uns an den Veranstaltungen teilnehmen und mit der gebührenden Distanz berichten. Denn der kunstsinnige Autokonzern wird für sie weder den Flug noch das Hotel bezahlen können. Das ist mir viel wert.

    Themen dieser Ausgabe (Auszug)

    Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Berlin, bekennt sich im Namen der Bundesregierung zu Bonn und lässt weiterhin Millionen fließen (Seite 5). Linde Rohr-Bongard präsentiert drei Frauen auf den ersten zehn Plätzen »Kunstkompass 2013« (Seite 6). Trotz Wiederaufstieg kämpft die Art Cologne um ihre Stellung. Teils gute Umsätze, teils schleppende Verkäufe (Seite 10). Düsseldorf: Lüpertz-Pavillon als Ladenhüter (Seite 15). Köln: Neue Dezernentin, alte Probleme (Seite 15). Kein geteiltes, sondern verdoppeltes Wissen: Yilmaz Dziewior und Angelika Nollert als Duo im Einsatz für die Triennale Kleinplastik (Seite 17). Ausgeräumt, aufgeräumt: Ellen Blumensteins »Relaunch« in Berlin, Kunst-Werke (Seite 20). Impressum (Seite 25).

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